Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 9 (1935-1936)
- Issue
- Heft 488 (4.10.1935)
- Date
- 1935-10-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seit« 6 Dil 9TIMMI Nr. m — '4. Oktober 1988 der herrschenden Regierungsparteien abzugeben bereit sind. Durch verschiedene Wahlmachinat.ionen neue Kreiseinteilungen, Zusammenziehung von Stadt- und Dorfgemeinden, Einführung eines autoritären Regimes, von Ständever tretungen, wurde den Juden vielfach die Möglichkeit genommen, nationale Vertreter in die gesetzgebenden Körperschaften zu entsenden. Man scheute sogar davor nicht zurück, zehntausenden Juden die Staats bürgersehaft zu entziehen. Und es muß nicht erst besonders betont werden, daß die jüdische Minderheit selbstverständlich auch in wirtschaftlicher Beziehung hart betroffen ist. Konsum, Kooperative, Staatsmonopol beengen den Raum der jüdischen Wirt schaft. Die Strecke zwischen dem Produzenten und Konsumenten wird immer kürzer und damit der Spielraum für den jüdischen Mittler immer kleiner. Die Proletarisierung der jüdischen Massen schreitet unaufhaltsam weiter. So stehn wir 15 Jahre nach der Unterzeichnung der Traktate für den Minderheits schütz als national, kulturell und ökonomisch entrechtete Masse da, die sich in einem engen Raum zusammendrängt, ohne Luft zum Atmen zu haben und ohne irgend welche Möglichkeit, sich national und kulturell auszuleben. Das alte, erprobte Mittel der Emigration kann nicht mehr angewen det werden: die Welt — mit Ausnahme von Palästina — hat ihre Tore geschlossen! Inzwischen erscheinen wieder schwarze Wolken am europäischen Horizont und künden der Menschheit neues Unglück. Für die Juden würde dies aber noch mehr he deuten: die Katastrophe! Trotz dieser Situation dürfen wir aber die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht aufgeben. Das jüdische Volk lebt in Jahrhunderten und Jahrtausenden. Es hat fürchterliche Katastrophen überdauert und wird auch diese schreckliche Zeit überleben. Es gilt aber aufs neue den Kampf um die Bürgerrechte, um die Emanzipation aufzurtehmen. Noch gibt es Oasen, wo die Juden als Menschen, als gleichberechtigte Bürger gewertet werden. Sie werden in dieser Krise das ökonomische Reservoir sein, für das geistige muß Palästina sorgen. Und das ist das einzig Positive an der Zerstreuung der Juden über alle Erdteile. Harte Schicksalsschläge treffen nur Teile des jüdischen Volkes, so daß die Nichtbetroffenen ihnen zu Hilfe kommen können. Wir dürfen nur nicht den Glauben und die Hoffnung auf eine bessere Zeit verlieren. . Die Geschichte der Menschheit bewegt sich wellenförmig. Auf Imperialismus, Rassenhaß werden Demokratie und Liberalismus folgen. Es gilt also durchzuhalten und an der Seite der demokratisch eingestellten Völker und Parteien mitzukämpfen. Im Kampfe werden wir uns enger aneinanderschließen und uns unserer Aufgaben und Pflichten' bewußt werden. Wenn wir auch hoffen, daß Palästina in den nächsten zehn Jahren eine Million Juden aufnehmen wird, die Massen werden ja trotzdem in der Galuth bleiben und müssen den Kampf um ihre Gleichberechtigung weiterführen, ihn heroisch bis zum Siege durcKkämpfen. Wenn die Traktate der Minderheitsverträge heute bloß eine Inschrift auf den Grabsteinen der nationalen Minderheiten darstellen, so werden sie mit dem Siege der Demokratie ihre Auferstehung erleben. Daran müssen wir glauben. Rußland richtet einen Dienst Odessa-Palästina ein Die Sowjetregierung hat beschlossen, eine regelmäßige Dampferlinie zwischen Palästina und Odessa einzurichten. Für Juden, die aus Deutschland, Polen und den baltischen Ländern über Odessa nach Palästina reisen, wird ein verbilligter Eisenbahntarif eingeführt. Amerikanische Staatsfunktionäre zu Rosdi-Hasdianah 5696 New York, 27. September. Präsident Franklin D. Roosevelt, Mitglieder der amerikanischen Regierung und fast alle Gouverneure der achtundvierzig Staaten der nordamerikanischen Union stehen an der Spitze der langen Reihe führender Persönlichkeiten Amerikas, die an läßlich des jüdischen Neujahrs 5696 durch die Jüdische Telegraphen-Agentur an die jüdischen Bürger Amerikas und darüber hinaus an die gesamte Judenheit Botschaften und Glückwünsche gerichtet haben, in denen aufrichtige Freundschaft und echte Anteilnahme an dem Geschick der jüdischen Gemeinschaft zum Ausdruck kom men. Die Botschaft Roosevelts lautet: „Anläßlich des Rosch - Haschanah - Festes möchte ich allen unseren Bürgern jüdischen Glaubens meine aufrichtigen Grüße und! besten Wünsche zum Neuen Jahr entbieten.“ Der Außenminister der Vereinigten Staa ten, Staatssekretär Cordoll Hüll, schreibt ,Die Feier de« Rosch-Haschanah am 28. September bietet mir einen willkommenen Anlaß, meinen Mitbürgern jüdischen Glaubens im ganzen Land einen Gruß zu senden. Es ist meine aufrichtige Hoffnung, daß das jüdische Neue Jahr 5696 ein glück liches und zufriedenstellendes Jahr sein wird und daß der Geist gegensetiger Achtung, des Verständnisses und der Freundschaft, den die Amerikaner jüdischen und christlichen Glaubens in ihren Beziehungen zueinander pflegen, wie in der Vergangenheit so auch in der Zukunft erhalten und weiterhin verstärken werde.“ Der Gouverneur von Georgia, Eugene T a 1 m a d g e, richtet folgende Botschaft an die Judenheit der Welt: „Am 28. September werden die Juden in der ganzen Welt ihr Neujahr feiern. Ich möchte ihnen die Grüße des Staates Georgia und meine persönlichen Grüße entbieten und ihnen ein glückliches und gedeihliches Neues Jahr wünschen. Auf die Juden ist ein großer Teil der Weltkultur zurückzuführen. Sie haben uns die heilige Bibel gegeben und uns gelehrt, an Gott zu glau ben. Wir erkennen die große Leistung an, die sie als Mitarbeiter an der Entwicklung unseres Landes und unseres Staates, als treue und ausgezeichnete Bürger, vollbracht haben.“ Der Gouverneur des Staates New York, Oberst Herbert H. Lehman, der selber Jude ist, führt in seiner Neujahrsbotschaft aus: „Die Zeit des Neujahrsfestes sollte eine Zeit des Glückes und der Freude sein; aber angesichts der tragischen Situation unserer Brüder in Deutschland sind wir heute tief betrübt. Sechshunderttausend Menschen unseres Glaubens sind dort ausgesonderfc und zum Untergang verurteilt worden. Fanatismus, Intoleanz und Haß haben in Deutschland einen treuen und patriotisch fühlenden Volksteil in die Tiefen von Verzweiflung und Not geführt. Tyrannei ist an die Stelle der Demokratie getreten, Undulda m k e i t hat das Zepter ergriffen.“ Gouverneur Lehman appelliert an die amerikanischen Juden zu brüderlicher Hilfe an die dieser Hilfe mehr denn je bedürftigen Juden in Deutschland. Ihnen ermutigend die Hand entgegenzustrecken und ihnen geistig und materiell jegliche Stütze zu gewähren, sei nicht nur eine Pflicht, sondern gleichzeitig auch ein Vorzug. Das Privileg religiöser und politischer Gleichberechtigung schließe hohe Verantwortung in sich. A1 s Amerikaner und als Jude müsse man es als Privileg und Ehrensache ansehen, dieser Verantwortung zu entsprechen. Die Jüdlschnatlonale akademisch-technische Verbindung „Uorleel*“ zu Prag teilt in tiefer Trauer das Ableben 'tares Alten Herren Dr. Louis Kareis Arxtes In Karlsbad mit, der am 30. September ln Wien ln seinem 80. Lebensjahr verschieden iet. Die Zionistische Organisation verliert in ihm einen braven opferfreudigen Zionisten« unsere Verbindung beklagt den Verlust eines treuen, zuverlässigen und erprobten Freunde#, dessen sie eteta ln Ehren gedenven wird. Die Beist tzung hat am 2. Oktober anf dem Wiener Zentralfriedhof stattgefunden. Prag, am 3. Oktober 1086. Die Aktlvltas der „Barlssla". Das Präsidium des Alte Herren-Verbandes der „Barlssla”. Der ehemalige New-Yorker Gouverneur Alfred E. Smith, eine der populärsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Amerikas, fordert seine jüdischen Freunde auf, auch weiterhin Kraft aus dem Glauben der Väter zu schöpfen. Nur mit Hilfe dieses Glaubens, der in der Vergangenheit dem jüdischen Volk Lebensmut in einer Welt der Verfolgung und des Hasses gab, werde es seinen Fortbestand auch in der Zukunft sichern. Das jüdische Volk werde leben, wenn „die Hitlers längst ihr schimpfliches Ende gefunden haben werden“. Senator Millard Tydings sandte folgende Botschaft: „Die um ihres Glaubens willen Verfolgten dürfen veM sichert sein, daß ein tiefer Quell des Mitge* fühls in den Herzen aller zivilisierten Men« sehen für sie quillt. } Senator Wagner, New York, übergab] die folgende Botschaft: „Wie so oft in der Geschichte sind die Juden auch heute in einigen Ländern ungerechten und, bitteren Verfolgungen auBgesetzfc. Zweifeln wir aber nicht daran, daß sie auch diesmal kraft ihres Mutes, ihrer Intelligenz und ihrer Rechtschaffenheit, die sie in ihrer Geschichte stets betätigt haben, über ihre Unterdrücker triumphieren werden. Indem sie sich des Wohlwollens aller Rechtdenkenden ohne Unterschied des Glaubens und der Gesinnung wie nie zuvor erfreuen, dürfen die Juden auf eine Ära hoffen, in der die Verbrüderung der Menschen allumfassend und ewig sein wird.“ Der Kopyczvnczer Rebbe Israel Meir Hesdiel gestorben Nach kurzer Krankheit ist hier im 74. Lebensjahre am 1. Rosob-Haschanah-Tage der in der chassidischen Welt berühmte Kopyczynczer Rebbe Israel M. Heschel verschieden. Der Verstorbene, der als Kabbalist. und Talmudgelehrter einen großen Ruf genoß, war ein Nachkomme des berühmten Ryziners, des Rabbi Israels von Ryzin, des Begründers der Sadagoraer Wunderrabbidynastie, und begründete vor vielen Jahrzehnten in Kopyczyncze seinen „Hof“. Dieser Hof stand nur wenig den Höfen von Sadagora, Husyatin, mit dessen Oberhaupt der Verstorbene eng verwandt war, und Czortkow nach. Bed Ausbruch des Weltkrieges kam gleich den anderen Wunderrabbis von Sadagora, Czortkow und Husyatin auch Rabbi Israel Meir Heschel aus Kopyczyncze nach Wien, wo sich stets um ihn ein alter Kreis von Chassidim und Anhängern scharte. Rabbi Israel Meir Heschel war nicht nur eine wirkliche Leuchte als rabbinischer Gelehrter, batte nicht nur einen Gelehrtenruf, der weit über die chassidisohe Welt hinausragte, er zeichnete sich auch durch die besonderen menschlichen Qualitäten und die Lauterkeit seines Charakters aus. Er war die Güte selbst. Er, der streng orthodoxe, im konservativen Leben stehende Mann hatte für alle Kreise und Schichten des Volkes ein warmes, verstehendes Herz. Sein Blick war stets auf das Ganze und auf das Große, auf das Einigende im Judentum gerichtet. Er war im vollsten Sinne des Wortes ein Z a d d i k. Rabbi Israel Heschel hat auch stets Verständnis und Interesse für die zionistische Arbeit in Palästina an den Tag gelegt und er war auch als Förderer zionistischer Institutionen bekannt. Seine Tochter, Frau Resale Friedmann, die Gattin des Sadagoraer Rebbe Jakob Friedmann, ist in der Wiener zionistischen Bewegung mit größter Anhänglichkeit und Aktivität tätig. Der Tod des berühmten Chassiddm-Rabbi hat über die obassidischen Kreise hinaus in der gesamten Wiener jüdischen Bevölkerung große Anteilnahme ausgelöst. Die Popularität des großen Rabbi kam bei der am Dienstag stattgefundenen Lewaja zum Ausdruck. Etwa 15.000 Menschen, zum großen Teil aus der orthodoxen jüdischen Welt, dürften dem toten Rabbi das letzte Geleite gegeben haben. In der Rueppgiasse, vor dem Hause des Verstorbenen, sammelten sich schon in aller Frühe Tausende von Menschen an, um an der Mizwah teilzunehmen. Alle Nebengassen waren voll von Menschen, als der einfache Holzsarg, der auß dem Bettisch des Verstorbenen gezimmert war, von Chassidims getragen wurde. Alles drängte sich, um dem Sarg nahezukommen. Auch auf dem Friedhof selbst gab 6s tausende Trauergäste, die alle Zugänge füllten. Tausende von Wunschzetteln (Quitl-ech) wurden von orthodoxen Juden in den 8arg und mit ihm ins Grab mitgegeben. Die ganze Lewaja gestaltete sich zu einer großen, pietätvollen Kundgebung der orthodoxen und chassidisohen Judenschaft Wiens. Die Nachfolge im Hause des Kopyczynozer Rabbi tritt sein ältester Sohn an, der ebenfalls als Gelehrter von Ruf gilt. Dr. Louis Kareis gestorben. Dieser Tage ist hier der Karlsbader Arzt Dr. Louis Kareis im 50. Lebensjahre gestorben. Er hatte ein Wiener Krankenhaus aufgesucht, um hier Heilung von einem schweren Leiden zu finden, das ihn seilt Jahren quälte. Aber die Kunst der Ärzte konnte ihm keine Rettung bringen. Dr. Kareis, ein Neffe des seinerzeit sehr bekannten Wiener Technikers, Geologen und Politikers Ingenieur Kareis, war in Karlsbad geboren, schloß eich in jungen Jahren der zionistischen Bewegung an. Er trat in die akademische Verbindung „Barissia“ in Prag ein und wiar während seiner, Studienzeit in Wien der „Unitas“ beige treten. Er hat der zionistischen Idee mit voller Hingabe gedient, und nahm an allen positiv, jüdischen Werken lebhaften Anteil. In ärztlichen Kreisen war sein Name sehr geschätzt. Als Oberarzt bei den Stookerauer Ulanen hat sich Dr. Kareis im Krieg ais Arzt und Mensch bewährt Für eine wahre Heldentat, die er in der Schlacht von Luck vollbrachte — er hat entgegen dem Befehl im ärgsten Feuer das ihm anvertraute Spital evakuiert und einige hundert Schwerverwundete ins Hinterland gerettet — erhielt er den Franz- Josef-Orden mit den Schwertern. Alle, die diesen prächtigen Menschen gekannt, die ihn Freund genannt haben, werden mit Wehmut die Nachricht von seinem Ableben vernehmen. Das Leichenbegängnis hat unter zahlreicher Beteiligung am 2. Oktober auf dem Zentralfriedhof in Wien stattgefunden. Die herzlichste Teilnahme aller seiner Bekannten und Studienfreunde und aller, denen seine ärztliche Gewissenhaftigkeit und Kenntnis Heilung brachte, wendet sich seiner Witwe zu, die in der allgemeinen Teilnahme Trost finden möge. Schmarja’Levin'Lehrkanzel für Pädagogik Die Geselschaft der Freunde der Hebräischen Universität hat eine Aktion mit dem Ziele der Errichtung zweier neuer Lehrkanzeln an der Universität unternommen. Eine der beiden Lehrkanzeln, die die Vereinigung stiften will, soll für die geplante landwirtschaftliche Fakultät, die andere für die pädagogische Abteilung der Universität bestimmt sein. Der neue Lehrstuhl für Pädagogik soll den Namen Dr. Schmarja Levin s, der ein führendes Mitglied der Gesellschaft war, tragen. Die Verbindung „Unitas“ ln Wien albt blemlt allen Angehörigen und Freunden die aohmera* liehe Mittellang, daß Ihr a. H. a. H. Dr. Louis Kareis Badearzt io Karlsbad, Besitzer des Franz Josefs-Ordeos mit den Schwertern am 80. September früh ln Wien nach langem. schmerzlichem Leiden gestorben lat. Wir beklagen gemeinsam mit der Zionistischen Organisation den Heimgang eines bewährten Zionisten, eines treuen Kameraden und stolzen Juden. Wir haben ihn am 2. Oktober auf dem Zentralfriedhof in Wien zur letzten Ruhe geleitet und werden ihm stete ein treues ehrenvolles Gedenken bewahren. Die Aktlvltas der Verbindung „Unitas“. Das Präsidium des Alte Herren-Verbandes der Verbindung „Unitas“.