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Die Stimme · 1935-09-27 · Heft 487 (27.9.1935) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 487 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Kr. 385 — 20. September 1935 DIE STIMME Seite 9 i?ie geflüchtet sind, bedeutet, ihn in die JJ ö 11 e verstoßen! Der jüdische Arbeiter Ist im allgemeinen ein endgültiger Auswanderer oder ein Staatenloser. Wenn man ihm noch nominell eine Herkunft beilegen kann, Hann heißt es: er kam aus der Türkei, aus Polen, aus Deutschland oder Rumänien, aber man kann nicht sagen, er gehöre diesen Ländern an. Diese* Männer und diese Frauen sind es leben, die von den Arbeitsverboten und der Aufforderung, wieder das Land, das ihnen 'Asyl bietet, zu verlassen, betroffen werden. Dies klingt sehr unschuldig, aber man kann sie nicht in ihr Land zuriiekströmen lassen. Sie haben keines mehr! Man schiebt sie auch gegen die nächstliegende Grenze ab! Aus Frankreich werden sic nach Belgien gehen, wo man sie einige Tage beherbergen wird. Dann schiebt man sie von neuem ab. Sie werden nach Luxemburg gehen, von ,wo sie ein dringendes Bedürfnis nach „demographischem Gleichgewicht“ wieder an die Grenze zurückführt — und sie stranden neuerdings in Frankreich. Dadurch übertreten sie das dortige Gesetz, man verhaftet sie, weist sie aus, und die höllische Runde wird fortgesetzt. Und wie soll ein Mensch, dem man jede Arbeit gesetzlich untersagt, leben? Ich kenne viele, die sich seit beinahe einem Jahr so „henundrehen“. Das bedeutet aber nicht — und man muß 6s besonders betonen —, daß es in Frankreich einen offiziellen Anti-Judaismus gibt, und man kann derzeit die sporadischen Kundgebungen des selbstsüchtigen Antisemitismus gewisser Gruppen als nebensächlich ansehen. Die Maßnahmen, von welchen die jüdischen Nichtfranzosen betroffen werden, treffen auch jeden anderen Ausländer. Aber es liegt eben in der Situation des.Juden selbst, die mit jener 'der. anderen Menschen unvergleichbar ist. Eugland ist gesperrt, der große Zustrom nach den Vereinigten Staaten ebenfalls. Der Jude wird von allen Seiten gejagt-, ißt allerorts einer Treibjagd usgesetzt, ist wieder einmal der SündenöCk der beunruhigten Menschheit geworden. Und jetzt beginnt der Jude, Sich wieder 'als Jude zu fühlen. Es ist traurig, zu sägen, abergewisse Juden müssen vorerst Leiden und Verfolgung ertragen, damit sie sich ihres Judentums bejv u ß t w o r d e n. Ich würde diese Juden gerne mit jenen vergleichen, die man einmal im Jahre am Jamim-Noraim in der Synagoge sieht: mit den Juden des Jom Kippur. Unter dem Drucke der Wirklichkeit werden sie sich ihrer Zugehörigkeit zu Israel und der Solidarität des Volkes Israel bewußt. Bernard Harare sagte es im Jahre 1897: „Die Juden haben die Bedeutung des ,Leschanah habaa b’Jerouschalaim4 verloren, aber sie können sie vielleicht früher, als sie es glauben, wieder erlangen, wenn das von ihnen bewohnte Land für sie ähnlich dem alten Lande Mizraim geworden ist.“ Und diese immer zahlreicheren Juden wenden heute ihre Blicke gogen Palästina. Und sie verwirklichen endlich dio Wahrheit des Ausspruches: „Das jüdische Land dem jüdischen Volk!“ Aber Palästina ist nicht und darf nicht, wie viele andere Länder, ein Land der Zuflucht, ein neues Argentinien sein, wohin man eine neue Galuth kolonisieren geht. Palästina ist Erez Israel, und dieses Wort enthält viele Pflichten. Der Einwanderer, der nach Erez Israel „aufsteigt“, muß dort mit dem tiefen Gefühl eiritretön, daß er nicht hingeht, um ein Stück Brot, das er anderswo nicht erhalten kann, zu verdienen, sondern um zu helfen, ein Volk — sein Volk — neu zu schaffen. Der nach Erez Israel ziehende Jude muß vom zionistischen Ideal d u r clidrungon hi n k o min o n. Und das zionistische Ideal besteht nicht allein darin, ein Einwanderungszertifikat nach Erez Israel für einen Juden zu erhalten oder um dorthin, mit der Mentalität der Galuth belastet, einzuwandern. Das zionistische Ideal besteht nicht allein darin, den Emigranten in Erez Israel untor- «ubrlngen, Ihm Obdach, Arbeit und die er« for^opljcjien Werkzeuge zu bieten, ®ie. man cs auch in irgend einer ßüdamerikani-sohen Kolonie tun könnte. Das zionistische Ideal bedeutet mehr: Die Neuschaffung des jüdischen Vaterlandes, der jüdischen Nation. Aus der M a$ s e n e i n wa n d e r tt ng, die zehntausende Juden nach Palästina führte, ergibt sich heute die Notwendigkeit, diese Massen zu z i o n i s i e r e n, damit Erez Israel nicht ein T a r g u m sei Galuth werde! Das ist die Aufgabe der Zionisten in Palästina. Aber cs bleibt uns Zionisten in der Galuth eine ebenso dringende, ebenso wichtige und bedeutende Aufgabe. Wir müssen die E i n w a n d e r ü n g unermüdlich vorbereiten, und zwar nicht nur finanziell durch Teilnahme an den Nationalfonds, sondern auch durch moralische und geistige Erziehung, durch Zionisierung des Juden, das heißt, ihn seiner Aufgabe als Jude seinem Volke und seiner Nation gegenüber bewußt zu machen, zu deren Auferstehung er beitragen wird. Ich werde hier nicht in die Details dieser Unermeßlicher Jammer war am Ausgang! des Mittelalters über die Juden Spaniens, des damals wohl wertvollsten Teiles des Judentums, hereingebrochen. Kein Land der Erde wollte die unglücklichen Vertriebenen aufnehmen. All das Jahrhunderte alte Ungemach, das sie eeit der Zerstörung des heiligen Tempels in Jerusalem ertragen hatten, war scheinbar vergeblich gewesen. Der größte Teil der spanischen Juden war tatsächlich dem Untergang geweiht. Unermeßlich und unmenschlich die Demütigungen, die sie hinnehmen mußten. Nur einem ganz geringen Teil war es gelungen, da und dort Unterschlupf und Grundlagen zur Errichtung einer neuen Existenz zu finden. Und so konnte es geschehen, daß doch manches Reis ans altem Stamme wieder grünte, blühte und aufs neue Früchte trug. ' So auch die kleine jüdische Gemeinschaft der alten katholischen Republik Ragusa (Dubrovnik) in Dalmatien. Die Republik, die schon über eine mehr ale halbtausendjährige Vergangenheit verfügte, hatte schon im Jahre 1408 den Juden ein Aufenthaltspatent erteilt, damit verbunden auch die Bewilligung zur Errichtung einer gemeinsamen Andachtsstätte. Schon 30 Jahre früher waren die ersten Siedler mit stillschweigender Duldung durch den HohehRat der Stadt ins Land gekommen. Gar bald sollte die kleine Gemeinde durch die Opfer der spanischen Dominikaner Zuwachs bekommen. Sprechende Dokumente aus dieser traurigen Zeit birgt der uralte kleine Tempel im alten Ghetto von Ragusa. Wahrhaft erschütternd ist es, wenn man von einem Nachfahren dieser Märtyrer, Herrn Emilio Tolentino, dessen Vorfahren, wie der Name zeigt, aus Toledo stammten, mit sparsamen Worten im Gefühle der großen Vergangenheit ungemein interessante Aufschlüsse erhält. Ironie des Schicksals mag man es wohl nennen, wenn uns unser Gewährsmann ein ungemein prächtiges Paroehes vom Ausgang des XV. Jahrhunderts zeigt, das ein Geschenk ihrer katholischen Majestät der Königin Isabella von Kastilien an ihren jüdischen Leibarzt DIdapir war. Der Arzt hatte es bei seiner Ausweisung aus Spanien mitgebracht und der Gemeinde zuim Geschenk gemacht. Der edle Mann hat bald darauf seine Tage in der kleinen Stadt Castelnuovo (Ercegnovi) beschlossen. Schwerste Goldstickerei auf prachtvollem rotem Samt, echoint das Paroehes dem Zahn der Zelt zu widerstehen. Mehr als vier Jahrhunderte sind seitdem vergangen, aber in unverwelktor Schönheit entfaltet sich dieses einzigartige Kunstwerk unserem Auge. Der kleine uralte Tempel in der alten Judengaese dortsölbst, die sich äußerlich in nichts von andern Gassen unterscheidet, bietet etwa den Eindruck des alten portugiesischen Tempels in Venedig in verkleinerter Form. Der Vorbeter steht In der Mitte des Tempels mit dem Blick gegen Osten gezionistischen Erziehung eingehen, die durch Aneignung des Hebräischen, der Geschichte des jüdischen Volkes von dessen Anbeginn bis auf den heutigen Tag, der Kenntnis des intellektuellen und geistigen jüdischen Stannngutes — immer auf die Einigkeit des Volkes hinzielend —■ bewerkstelligt werden muß. Es muß festgchalten werden, daß in der Galuth die Erziehung, die zionistische Vorbereitung unerläßlich ist, daß sie schwerer als in Erez Israel, wo die Umgebung mithilft, ist, daß wir aber, wenn wir nicht alle unsere Kräfte einsetzen, der Gefahr laufen, daß das Embryo der in Erez Israel neugeborenen Nation zerfällt. Das sind alte Wahrheiten, deren Wiederholung gut ist. Der Zionismus ist eine zentripetale Bewegung der Diaspora gegen Palästina, um Erez Israel zu schaffen. Möge das Blut der für die Wiedergeburt des jüdischen Vaterlandes gefallenen Chaluzim die Juden in der Welt zu einer festen Front verkitten, damit aus dem schweren Leid der Gegenwart eine glückliche Zukunft endlich auch für unser gepeinigtes Volk entstehe. richtet, während die Sitzbänke der Männer gegen die Mitte zu angeordnet sind. Etliche Truhen im Tempel bergen geradezu märchenhafte Schätze an alten Stickereiarbeiten. Wir sahen eine große Anzahl von Thoramänteln, Paroehes usw., durchgehends Kunstwerke allerersten Ranges. Wir sahen orientalische, griechische, türkische und venezianische Arbeiten, darunter kein Stück, das weniger als 200 Jahre alt gewesen wäre. Schäden, die das hohe Alter mit sich gebrächt hat, können nicht mehr behoben werden, da die Kunstfertigkeit unserer Vorfahren leider verlören gegangen ist, wie wir besehämenderweise hören. "' Das hohe Kunstverständnis der Juden Ragusas spiegelt sieh auch in ihrem Charakterbild wieder. Charakteristisch für ihre vornehme Gesinnung war der Brauch, jedes neüvermählte jüdische Paar im Jahre der Eheschließung zu verpflichten, ein Geschenk für den Tempel in Form von kunstvollen Stickereien zu spenden, vornehm insbesondere deswegen, weil die Spender ungenannt bleiben mußten und auch blieben. Die Thorarollen im Tempel, sowie eine in getriebenem Silber gearbeitete Thorakrone, von den Juden bei ihrem traurigen Auszug aus Spanien mitgebracht, stehen heute noch in Verwendung. Die Seforim sind alle großen Formates und stammen durchgehends aus Privatbesitz. Heute existieren von den ursprünglich vorhanden gewesenen 32 Rollen mir mehr 20, darunter selbst eine noch mit den alten aus weißem und schwarzem Elfenbein kunstvoll geformten Handgriffen versehene. In wirtschaftlicher Hinsicht scheint die Lage der Juden recht günstig gewesen zu sein. Unser Führer erzählt sogar von großem Wohlstand. Es spricht jedenfalls dafür, daß die in der Blütezeit der Republik anwesend gewesenen 40 Familien mit einem maximalen Familienstand von 300 Personen eine gemeinsame Steuerlast von 4000 Dukaten pro Jahr tragen mußten und tragen konnten, eine wohl für damalige Zeiten sehr bedeutende Summe, die vierteljährlich im voraus zu bezahlen War. Die Juden Ragusas waren ähnlich denen Venedigs bedeutende Handelsleute, die mit dem ganzen vorderen Orient in Verbindung standen. Ihrem Wohlstand entsprechend war auch ihre gesellschaftliche Stellung eine gehobene. Dies erhellt auch aus manchen historisch beglaubigten Tatsachen. So waren die Juden die einzigen nicht katholischen Bewohner der Stadt, während die Bekenner anderer Religionen, Griechisch-Orthodoxe genau so wie Muselmanen, außerhalb der sicheren Stadtmauern Quartier nehmen mußten. Ein anderes Zeugnis ihres hohen Ansehens kann man aus folgender kleinen Erzählung entnehmen: Der Hohe Rat der Stadt berief in gefahrvollen Zeiten manchmal das geistige Oberhaupt der Juden, um sich von ihm beraten zu hissen. So wurde auch an einem Jom-Kippur Um das Jahr 1600 der greise Rabbiner Pardo zum Hohen Bäte gerufen. Der Rabbiner weigerte sich aber trotz zweimaliger Aufforderung wegen des hohen Feiertages zu erscheinen und ließ die Herren wiesen, daß er erst nach dem Erscheinen des ersten Sterns am Himmel dem Rate zur Verfügung stehen könne. Der Hohe Rat achtete die fromme Gesinnung des alten Mannes und ließ ihn feierlich nach Erscheinen des ersten Sterns in der goldenen Staatskarosse, flankiert von vier Trabanten, vom Tempel abholen und zum Hohen Rate geleiten. Ganz ohne Schatten war aber das Leben unserer Ragusaer Juden auch nicht. So finden wir auch hier — und zwar im Jahre 1622 — die obligate Ritualmordbeschuldigung. Der angeklagte Jude Jesrun (Jesclnirun), dessen Nachkommen heute noch in Venedig leben, mußte die üblichen peinlichen Verhöre über eich ergehen lassen. Der daran anschließende Ritualmordprozeß endete schließlich mit cler völligen Rehabilitierung der Juden, da eine christliche Magd am Totenbett gestand, den Mord vollführt zu haben. Eine Beschreibung des Prozesses in hebräischer Sprache ist heute im Besitze der Familie Tolentino, außerdem existiert noch eine Schilderung in italienischer Sprache, von der bloß zwei Exemplare vorhanden sind. Ein anderes Unheil traf die Juden durch das große Erdbeben im Jahre 1667, in welchem der Wohlstand der Stadt derartig zerstört wurde, daß der Schäden nie mehr wieder gutgemacht werdeft konnte. Wunderbarerweise war die ganze Stadt, mit alleiniger Ausnahme der Judengasse zerstört worden. Aber auch viele Juden waren unter den Opfern der Katastrophe. Eine Liste der damals umgekommenen Personen findet man in der Gemeindekanzlei. Mit der Auflösung der selbständigen Republik Ragusa durch Napoleon im Jahre 1808 verloren auch die Juden die Grundlagen ihrer Existenz und waren, wie so oft in der Geschichte, gezwungen, zum Wanderstab zu greifen. Ein Großteil von ihnen wandte sich nach Alexandrien und nach' Kairo; es ist bemerkenswert, daß viele von ihnen nöch heute in ihrer alten Heimatgemeinde immatrikuliert Sind. Herr Tolentino erzählt, daß in alten Zelten oft großer Frauenihängel unter den Juden Ragusas geherrscht habe. Noch seih Vater, der ehrenhalber Kantor und Schöchet der Gemeinde war (alle Gemeindeämter wurden ehrenhalber versehen), mußte sich unter großen Gefahren eine Frau aus Sarajevo holen, wobei er eine gefährvollo Reise von zwölf Tagen durch das wilde Bosnien mit seiner jungen Frau mitmachen müßte. Die Folgen des Frauenmaiigels waren, daß selbst noch in der vorigen Generation manche Männer unverheiratet blieben, da sie keine Mischehen eingehen wollten, die bei den guten Verhältnissen zur Einwohnerschaft und der vollständig gleichberechtigten Stellung der Juden ohneweiters möglich gewesen wären. Die Gemeinde muß noch im Jahre 1840 große Bedeutung gehabt haben. In der Gemeindekanzlei sahen wir neben Bildern von Herzl und Sokoloff auch ein Bild Sir Moses Montefiores nebst einem von ihm gefertigten Dankschreiben in hebräischer Sprache, das Montefiore den Juden Ragusas als Antwort auf ein Glückwunschschreiben der Gemeinde zum glücklichen Ausgang der Damaszener Ritualmondaffäre gesandt hatte. Heute zählt die Gemeinde bloß 18 jüdische Familien, fast lauter deutsche und polnische Zuwanderer. Die Familie Tolentino ist die einzige, die von den alten Mitgliedern der Gemeinde übrig geblieben ist. Die zahlreichen Geschwister leben teils in Jugoslawien, teils in Italien, während das ehrwürdige Oberhaupt der Familie, die alte Mutter, noch heute an jüdischen Feiertagen den Gottesdienst als einzige von der alten, dicht vergitterten Frauenschul aus verfolgt. Der älteste Sohn lebt in Sarajevo und war im heurigen Frühjahr als Gast der spanischen Regierung in Vertretung der Juden Bosniens und der Herzegowina beim Kongreß der Spaniolen in Cordoba. Wie wir schon aus dem Wenigen entnetn men können, war das Los der Juden in der alten Republik Ragusa im allgemeinen um vieles besser als das in anderen Städtern Auch im heutigen Dubrovnik, wie überhaupt iu Jugoslawien, genießen die Juden theoretisch und praktisch völlige Gleichberechtigung. Freilich wird auch hier, vom Norden her kommend, nichts unversucht gelassen das gute Verhältnis der Juden zu t/6$* deu DuwM/U’iks Von Ernst Winkler (Wien)

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