Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 487 (27.9.1935)
- Date
- 1935-09-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054140-3054242--5351-3061077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
S«lt« s Ml STIMM! Kr. 487 — 27. September 1985 ^csck"i^as(l(ana)i 5696 Maria Schar lag: HoscU-UascltOMdt. auf dem Hemde Herbst, der rauhe SturmgeseUe, Hastet durch die Pappelreih'n. Welke Winter einzugsboten Kascheln vor dem schlichten Bethaus. Sanft erschauernd t-ref ich ein, Weißgetünchte kahle Wände, Matt die Scheiben, eng der Kaum, Dunkelbärtige Gesichter Blicken ernst aus grauen Hüllen Und sie nicken wie im Traum. Plötzlich fährt ein Sturm durch aUe, Laut ertönt , das Jom haddin, Tag des Gott- und Selbstgerichtes! Sünden-Sühne, Bete' und Hoffnung Läutern klärend Herz und Sinn. Meine Seele hängt am Senge, Zagend zucken Kinn und Mund. Längst verschollene Gefühle, Zitterperlen aus der Kindheit, Regen sich im tiefsten Grund. Will nicht fragen, wie und weshalb — Selig, wen zu rühren mag Seines Volkes ernste Sammlung Und die alte Neujahrsweise — Schweigend segne ich den Tag . . . „Geseroth Kaschoth" Von Oberrabbiner Dr. David Feuchtwang Schwere Heimsuchungen und Verfolgungen sind gewohnt, mit Kraft und Würde zu ertragen. Wenige Völker der Welt haben sich gleich uns darin bewährt. Wer mit höchsten Aufgaben und Zielen durch Geschichte und Vorsehung betraut, seinen Weg als Volk und Glaubensgemeinschaft antritt, muß damit rechnen, verkannt und verlästert zu werden. Und sind von Anfang an durch unsere Religion und Lehre Sittiche Vervollkommung, reine Gläubigkeit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Menschenliebe als Wegweiser mitgegeben worden. Wir haben durch Jahrtausende unser -Teil unmittelbar und mittelbar zur Verbreitung dieser Ideen in der ganzen Welt beigetragen. Nicht so erfolgreich, als wir gewünscht hätten. Wir haben diesen Ideen nicht immer so treu gedient, wie unsere Religion es verlangt; wir haben in menschlicher Schwäche, wie alle Menschen, gefehlt und gesündigt. In unserer Gesamtheit jedoch, als jüdische Gemeinschaft, sind wir unstreitig Träger der Grundideen reinsten Glaubens, reinster Sittlichkeit geblieben. Die allerschwersten Verfolgungen konnten uns von diesem einmal eingeschlagenen Wege nicht abdrängen. Unsere kostbarsten Kräfte stellten wir in den Dienst des Fortschrittes der Menschen, wo immer wir lebten, wie immer es uns erging. Wir taten das bis zur Selbstverleugnung, bis zur Leugnung eigener Volksart, eigener Kultur, eigener Religion; Entartungserscheinungen, aus der Ungerechtigkeit, der Verfolgung, dem Hasse der Völker geboren und genährt. Seit langen Jahren jedoch hat uns kein so furchtbarer Schlag getroffen, wie jetzt, unmittelbar vor der jüdischen Jahreswende. Unsere jüdischen Brüder und Schwestern in Deutschland sind urch die soeben beschlossenen Judengesetze tödlich verwundet. D i e Ehre nicht allein der Judenschaft Deutschlands, sondern der ganzen Welt ist besudelt und beleidigt. Die Diffamierung ist allgemein, so daß die Juden der ganzen Welt ihre Ehre verteidigen müssen. Wir wollen es unerschrocken und machtvoll tun. Kein Volk der Welt, keine Regierung, kein Staatsmann, kein Denker, kein Dichter tritt als Verteidiger der jüdischen Ehre auf. Nach der Ansicht der nationalsozialistischen Weltauffassung, wofern diese Geieteeverirrung diesen Namen verdient, gibt es keine jüdische Ehre. Ist las auch die Ansicht der Amerikaner, Engländer, Franzosen, Italiener? Warum dulden sie diese Beschimpfung, Entehrung ihrer jüdischen Staatsbürger; warum schweigen die Führer dieser Völker? Nein, Ihr stimmt nicht überein mit den Führern im Reiche?! Warum schweigt Ihr!? Und ist nicht die ganze christliche Welt beschimpft und beleidigt durch die Entrechtung der Judenbeit und des Judentums. Auch sie kann, darf und wird nicht schweigen. Die heuchlerisch-verlogene Berufung des Nationalsozialismus auf den jüdischen Nationalismus und Zionismus ist Betrug, Verzerrung. Der betonte jüdische Nationalismus und Zionismus, deren Übersteigerung und chauvinistische Erhitzung ich absolut v e r u r t e il e, haben mit den entarteten, entsittlichten Judengesetzen de« nationalsozialistischen Staates nichts zu tun. Wenn mir jüdisches, selbständiges Volkstum aus solcher Hand gereicht wird, dann stoße ich es zurück; wennmir dieblau-weiße Fahne von solcher Hand gehißt wird, dannreißeichsieinStücke. Nein; damit haben wir nichts zu tun; das sind Giftgewächse auf versumpftem Boden, welche die Reinheit und Hoheit jüdischer Weltanschauung beflecken. Unbegreiflich, daß man die reinen, geschichtlich und religiös begründeten und von einander untrennbaren Begriffe und Erscheinungen jüdischer Völker und jüdischen Glaubens durch Hinweis auf nationalsozialistische Entstellungen und Fälschungen gewissermaßen als mitschuldig an diesen Verbrechenerklärt - Das kann nicht ernst gemeint sein und beruht auf Irrtümern und Unkenntnis. Vergeblich ist es und kraftverzehrend, den systematischen, hochorganisierten Vernichtungskrieg, der gegen die Judenheit Deutschlands geführt wird, mit geistigen Mitteln bekämpfen zu wollen; vergeblich, wenn wir Juden allein die Verteidigung führen. Es ist die Pflicht der Völker, welche den An-, Spruch darauf erheben, Kulturvölker zu sein, mit mächtiger Hand einzugreifen, damit sie nicht selbst von dieser Pestilenz und Seelenerkrankung ergriffen werden, die in der ganzen Welt Herde hat. Wir Juden sind ein altes, schwer geprüftes Volk der Geschichte, das sein Schicksal, gehärtet und gestählt durch unerschütterlichen Glauben an Gott und an sich selbst trägt und mit unerhörter Seelenkraft und innerer Würde seinen Leidensweg bis heute gegangen ist und weiter gehen wird, solange es der Vorsehung gefällt. Hunderttausende Märtyrer legen dafür Zeugnis ab. Wir werden auch die Prüfungen der Gegenwart überdauern. Seien wir nur untereinander einig und stark und zerfleischen wir uns nicht selbst durch Bruderzwist und Parteienkampf in der Gemeinde und in der Welt. Es wohntuns unsagbare Kraftinne, welche uns durch die Erhabenheit und Größe unserer Lehre verliehen ist, die unser Schwert und Schild durch Jahrtausende gewesen ist. Das Unglück der Gegenwart verleiht uns erhöhten Mut und trägt nicht wenig zur Selbstbesinnung bei. Nicht uns allein wollen wir erhalten und retten, sondern mit uns in messianischem Sinne allen Menschen dienen. Wie in Palästina trotz Gefahr und Mühsal, trotz auch dort verderblich wirkenden Kräften unser Heim und Haus gebaut wird und ersteht; nicht als Trutzburg für die Welt, sondern als Schutzburg für die erlösenden Gedanken sozialer Gerechtigkeit, reinen Glaubens und beglückenden Friedens; so wollen wir Juden weiter leben und, wenn es sein muß, leiden für unseren Glauben, bis eine geblendete, entartete Welt uns erkennt und würdigt. Möge ein besseres, glücklicheres Jahr für uns beginnen, als das vergangene Jahr gewesen ist. Altes Leid und neue Hoffnung | Alfred Werner: Jüngcc Haute, in twz, l&cael Wie stehst du stolz auf solcher Eide, stark, die scharfe Sense schärfend vor der Mahd, mag auch dein Land noch störrisch sein und karg, bringt es doch vielfach wieder deine Saat. denn dies Geschlecht ist unversehrt im Mark, uralte Sehnsucht fand den rechten Pfad zu Gott — die andern sind sich selbst ihr Sarg, dem Unkraut gleichend, das dein Fuß zertrat. Des Boas Tage kehren wieder, Ruth, die Ährenleserin, wird Mutter sein des neuen David, der die Feinde schlägt,. Dies Erdreich aber, das so edles Blut getrunken, bleibt nicht länger Staub und Stein, wird Acker, der des Glaubens Weizen trägt. Sei es in Rumänien, wo der antisemitische Druck täglich stärker wird, in U. R. S. S., wo die Zionisten nach Sibirien verbannt, in Afghanistan, in Persien, wo die Juden in ein neues Ghetto verstoßen werden, oder im Irak und in der Türkei, welche den Juden das Auswanderungsrecht verweigern. Wenn wir uns nach dem Westen wenden, so ist in Frankreich trotz gewissen Scheines die Lage mindestens eines Teiles der Judenschaft keine glänzende. Es gibt Juden französischer Nationalität, und diese sind Staatsbürger und genießen alle Rechte anderer Franzosen, es gibt aber die viel zahlreicheren Auslandsjuden, polnische, rumänische, türkische, griechische, deutsche und staatenlose. Wie ist ihre Lage? Warum sind sie nicht Franzosen geworden, wird man sagen, war doch Frankreich gastfreundschaftlich ihnen gegenüber?, Aber man wird nicht Franzose, wie wenn man in eine Mühle gerät. Es ist ein ziemlich langer Aufenthalt vorgesehen, kostspielige Formalitäten und die Zustimmung seitens der Regierung für jeden Fall notwendig. Außerdem hat man infolge der Anhäufung von Ansuchen in letzter Zeit jede Naturalisation suspendiert. Diese jüdischen Nichtfranzosen haben kein anderes Verlangen, als dem ihnen Gastfreundschaft gewährenden Lande loyal und ohne Hintergedanken zu dienen. Aber für den Augenblick sind sie Ausländer und allen Schwierigkeiten ausgesetzt, unter welchen auch die anderen in Frankreich befindlichen Ausländer zu leiden haben. Von Maxime An der Schwelle dieses Jahres 5696 lasten in Europa am Horizont des Judentums schwere Wolken. Die Lage der Juden in Deutschland ist hoffnungslos, zumindest für einen großen Teil von ihnen, und zwar zumindest für jene, die infolge ihres Alters oder zu tiefen Einwurzelung die Hitler-Hölle nicht verlassen können. Eine täglich glühende Hölle, an deren Grenzen das Wort Dantes: „Lasciate ogni speranza“ eine tragische Lebendigkeit annimmt. „Zurück ins Ghett o!“ rufen manche aus; nein, aber in die „ägyptische Sklaverei!“ Die physische Sklaverei und die noch abscheulichere morar lische Erniedrigung sind dazu bestimmt, um die Kraft der Tatkräftigsten zu brechen und aus den in dieser Atmosphäre heranwachsenden Kindern Abnormale und Entartete zu machen. Die Jugend ist es, die zuerst gerettet und aus der Hölle befreit werden muß, so hart und unbarmherzig es anderen erscheinen mag. Sie zuerst, weil sie die Zukunft und Hoffnung des gemarterten Israels ist. Es ist gewiß sehr nützlich, Kapitalien und Kapitalisten nach Erez Israel zu bringen, doch von höchster Wichtigkeit für Israel ist es, dort junge Triebe Wurzel fassen zu lassen, dort eine würdige, befreite jüdische Seele heranzuziehen, frei von den Schlacken des Ghetto oder der Assimilation. Ich werde mich bei Deutschland nicht aufhalten; dieses Problem beschäftigt die Gedanken aller Juden. Ich will nur denjenigen, Pi ha (Paris) die sich irgend welchen Illusionen hingeben, sagen, daß selbst dann, wenn das durch Hitler, Streicher, Goebbels, von H e 11 d o r f et tutti quanti verkörperte Regime heute zusarnmenbrechen würde — und nichts läßt leider eine solche Eventualität voraussehen —, für die Juden sich auch in diesem Falle nichts oder beinahe nichts ändern würde, denn das ganze Land ist mit Anti-Judaismus geimpft und die junge deutsche Generation davon angesteckt, so daß es Jahrhunderte brauchen wird, bis sich Deutschland davon befreien wird. Doch der Hitlerismus darf uns nicht andere Wunden vergessen lassen, und eine der schwersten, die bereits chronisch geworden ist, ist jene von Osteuropa, insbesondere des Judentums in Polen, welches sich in gewisser Hinsicht in ebenso tragischer Lage befindet wie das Judentum Deutschlands. Die gesetzgeberischen Maßnahmen lösten die freiwillige Bewegung eines wahren kalten Pogroms aus. Das ist eine Entwurzelung, eine langsame, aber unerbittliche Vertreibung von Millionen von Juden. Außerdem sind die wirtschaftlichen Bedingungen der jüdischen Bevölkerung durch die von der Regierung verfolgte Politik unhaltbar geworden. Die große Masse der Juden ist In höchste Armut und äußerstes Elend geraten. Auch hier ist die Zukunft des jüdischon Volkes gefährdet. Wenn wir unsere Blicke diesem oder jenem jüdischen Zentrum des Galuth zuwenden, ist das Bild nur wenig tröstlicher. Dies ist die Folge der Wirtschaftskrise; das drohende Gespenst der Arbeitslosigkeit richtet sich vor den Toren der Stadt auf, und es ist verständlich, wenn jedes Land daran denkt, zuerst den Einheimischen Arbeit zu geben. Aber was wird man mit den anderen aus anderen Ländern gekommenen Arbeitern machen, die den Arbeifcsmarkt überfüllen? Man drängt sie zurück! Das heißt, man schickt sie in die Länder zurück, aus welchen sie gekommen. Administrativ scheint es normal und in Ordnung zu sein — allerdings für die Arbeiter, die einem Staat angebören; diese kehren in das Land, aus welchem sie kamen, wieder zurück, selbst auf die Gefahr hin, daß sie die Unterstützungskassen der Arbeitslosen dieses Staates, sei es Italien, Belgien oder Polen, belasten. Aber in welches Land wird der jüdische Arbeitergehen? Welchem Staate gehört er an? Welches Konsulat wird sich seiner annehmen? Derjenige, der aus dor Türkei kam, kehrt er wieder in die Türkei zurück? Und derjenige, der aus Polen gekommen, kehrt er wieder dorthin zurück? Und derjenige, der aus Deutschland oder aus dem Saargebiet kam, kehrt er wieder zu Hitler zurück? Unmöglich! Der ausländische jüdische Arbeiter, der sich in Frankreich befindet, gilt als Flüchtling, der aus einem Land flüchtete, aus welchem man ihn durch ein ungerechtes Gesetz oder durch Schikanen verjagt hat. We*m die italienischen Arbeiter nach Italien zurüokkehren, dann ist eine Rückkehr in ihr Vaterland. Den Juden aus einem Lande binauszudrängen, in welches