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Die Stimme · 1935-09-27 · Heft 487 (27.9.1935) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 487 (27.9.1935)
Date
1935-09-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 487 — 27. September 1936 DIB STIMM! Seit« 5 DiejüdischeVolksschule Von Staatsrat Dr. Desider Friedman«, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde hat in der Vorwoche die erste Klasse der von ihr mit Beginn dieses Schuljahres ins Leben gerufenen Volksschule in den bisher vom Chajes-Realgymnasium innegehabten Räumlichkeiten in der Castellezgasso eröffnet. Diese Schulgründung ist ein bedeutsamer Schritt nach vorwärts in der Verwirklichung des zionistischen Schul- und Unterrichtsprogramms. Hat sich die Gemeinde bisher vornehmlich darauf beschränkt, für die notwendige E rgänzung des Religionsunterrichtes in den Volks-, Haupt- und Mittelschulen durch die Erhaltung und Subventionierung von Bibel- und hebräischen Sprachschulen zu sorgen und den Bestand der Talmud-Thora-Sohulen und des Ohajes-Realgymnasiums durch ansehnliche Beiträge zu sichern, so erweitert sich nunmehr der Kreis der von ihr übernommenen Aufgaben durch die Begründung einer unter ihrer Verwaltung, Leitung und Aufsicht stehenden .Volksschule. Mit der Errichtung dieser Schule holt die Gemeinde ein langjähriges Versäumnis nach. Gibt es doch kaum irgend eine jüdische Großgemeinde, die nicht ihr eigenes Schulwerk besitzt, dem solche Unterrichtsanstalten eingegliedert sind, wie sie den Typen unserer Volks-, Haupt- und Mittelschulen entsprechen. Der Errichtung der neuen Volksschule sind im Schoße der Gemeinde und in der Öffentlichkeit vielfache Auseinandersetzungen vorangegangen, in denen die dafür, und die angeblich dagegen sprechenden Gründe lebhaft erörtert wurden. Von den einen wurde gegen die Schulgründung vorgebracht, daß sie unzeitgemäß sei und den Bestrebungen, unsere Jugend in den Schulen von den nichtjüdischen Kindern abzusondern, Vorschub leiste. Die anderen operierten ohne jede Kenntnis der in Aussicht genommenen Erziehungs- und Unterrichtsmethoden mit dem Schlagwort „N a t i omale Schule“, womit zum Ausdruck gebracht werden sollte, daß den an die Schule zu stellenden religiösen Anforderungen nicht hinlänglich Rechnung getragen werden würde. Seltsamerweise fand die Errichtung der Schule auch bei einem Teile der Judenschaft nicht volle Zustimmung, der zwar jüdische Schulen für notwendig und unerläßlich hält, dieselben aber durch den Staat als Teil des öffentlichen Sehulwerkes errichtet und erhalten wissen will. Die neue Gemeindeschule wird, wie wir überzeugt sind, in der Praxis erweisen, daß alle gegen sie erhobenen Einwände unbegründet sind. Unserer Schule fehlt jeder Zwangscharakter und sie ist auch nicht als Vorstufe einer etwaigen konfessionellen Pflichtschule gedacht. Sie verfolgt einzig und allein den Zweck, denjenigen Eltern, die auf eine wahrhaft jüdische Erziehung ihrer Kinder Wert legen, hiefür die weitestgehende Möglichkeit zu geben. Das der Schule gesteckte Ziel der jüdischen Erziehung wird vor allem dadurch erreicht werden können, daß zufolge der schulbehördlichen Bewilligung dem U nterricht in Religion und in der hebräischen Sprache eine größere Wochenstundenanzahl als in den öffentlichen Volksschulen zugewiesen ist. Hiedurch ist die notwendige Voraussetzung dafür geschaffen, die Kinder in den Geist unserer jüdischen Lehre einzuführen und ihnen die zur Erlangung jüdischen Wissensgutes und zur Teilnahme am Gottesdienst notwendigen Kenntnisse der hebräischen Sprache zu vermitteln. Die Bedachtnahme auf die religiösen Vorschriften derHeiligungdesSabbaths und der jüdischen Festtage — an welchen der Schulunterricht ausfällt —, die angestrebto harmonische Übereinstimmung des Unterrichtes in den profanen Fächern mit den religiösen und weltanschaulichen Richtlinien des Judentums wird der Schule den Erfolg bringen, daß nach einem Worte Achad Haam’s „unsere Kinder so erzogen werden, daß sie einmal erwacht, uns selbst geistig nahe stehe n“. In unserer Schule sollen die Kinder nicht nur das notwendige Maß an positiven Kenntnissen, wie in jeder Schule gleicher Art erwerben, sondern durch Heranbildung ihres Charakters so erzogen werden, daß sie, wenn sie ins Leben treten, in dem Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft einen festen Halt finden. Daß ein solches Schulziel, das die reliiöse Festigung und die Stärkung des nationalen Gemeinschaftsbewußtseins anstrebt, nur in Schulen mit einem religiös und national homogenen Schülermaterial erreicht werden kann, wird kaum bestritten werden können, und nur grundsätzlich negative Einstellung zu dom von Tag zu Tag aktueller werdenden jüdischen Schulproblem kann zur vollständigen Verkennung des durch unsere Schule angestrebten positiven Zweckes führen. Die Fortschritte der Zeit in der M ethode des Unterrichtes sollen in unserer Gemeindeschule voll zur Ausnützung gelangen und dabei dasjenige, was sich in der traditionellen jüdischen Lehrmethode als nützlich und verwendbar erwiesen hat, beibehalten werden. Die konservative Richtung unserer Gemeinde auch hier zum Ausdruck kommen. sehen Schulwerkes durch unsere Gemeinde schon mit Rücksicht auf die namhaften Kosten der Schulerhaltung nur allmählich erfolgen kann, ist sicherlich zu bedauern. Es soll jedoch, ohne in die Kontroverse über die dem Staate auf dem Gebiete der Schule obliegenden Verpflichtungen näher einzugehen, darauf verwiesen werden, daß mit Forderungen an den Staat — wenn sie auch noch so berechtigt sind — und mit dem Z uw arten auf staatliche Hilfe kostbare Zeit vergeht, die kaum nachgeholt werden kann. Hier gilt wohl der Satz „das Bessere ist der Feind des Guten“, und die daraus von unserer Gemeinde abgeleitete (Erwägung hat es uns für angegeigt erachsoll| ten lassen, nicht länger ein tatsächlich bestehendes Schulbedürfnis un- Daß der Ausbau des selbständigen jtidi-1 befriedigt zu lassen. Garantiert Kunerol ist vollständig reines Fett gus Kokosnüssen, es ist nahrhaft, leicht verdaulich, unbegrenzt haltbar und kann von jedem Strenggläubigen ohne Bedenken zur Zubereitung von Milch- und Fleischspeisen für den Festtagstisch verwendet werden. Das Verschlußsiegel der Packung gibt Ihnen die Gewißheit, daß Kunerol unter 'Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg hergestellt wird. Das 100% rei n e Kokosnußfett Nur echt in Originalpackung! Die Fiirsorseleistungen der Jüdischen Gemeinde Von Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident und Finanzreferent der Wiener Kultusgemeinde (Aus einem Gespräch) Die Leistungen der jüdischen Gemeinde werden von Jahr zu Jahr größer. Der Wirkungskreis wird immer mehr erweitert. Die Tätigkeit erstreckt sich au! alle Gebiete jüdischen Lebens der Stadt. Ein besonders ruhmreiches Kapitel in dem geradezu gigantischen Apparat der Wiener jüdischen Gemeinde bildet das Gebiet der jüdischen Fürsorge. Herr Dr. Josef Löwenherz, dem als Finanzreferenten der Gemeinde die schwere Aufgabe zufällt, die immensen Mittel für die Fürsorgeeinrichtungen der jüdischen Gemeinde herbeizuschaffen, äußert sich in einem Gespräch mit unserem J. R.-Redakteur über diese Frage wie folgt: Obwohl das Budget für das Jahr 1935 eine Steigerung der Fürsorgeausgaben Vorsicht, weist das Ergebnis-der ersten acht Monate dieses Jahres im Verhältnis zur budgetären Deckung eine Mehrausgabe von 72.000 Schilling auf, wobei die Ausgaben aus dem Kapitel „Fürsorge“ in diesen ersten acht Monaten allein den Betrag von 1,700.000 Schilling übersteigern Die Steigerung der Ausgaben sind hauptsächlich auf die sehr großzügige Aktion der Winterhilfe, die 106.000 Schilling erforderte, sowie auf die Erweiterung der unter der Devise „Kinder aufs Land“ durohgeführten Aktion zurückzuführen, die im heurigen Sommer an die 8000 Kinder und Jugendliche umfaßte. Die Errichtung und Erweiterung des Jugendheimes in Payerbach ermöglichte schon ira heurigen Sommer die Unterbringung von 300 Kindern in drei Serien, überdies führte die Gemeinde auch heuer die Kinderaktion im aufgelassenen Gebäude des Waisenhauses in der Ruthgasse, wo 400 Kinder untergebracht wurden. Selbstverständlich sind auch die Tagesheimstätten im Augarten sowie dev dort befindliche Kindergarten hi uneingeschränktem Maße weitergeführt worden. Eine bedeutende Erweiterung der Ausgaben verursacht die immer mehr zunehmende Wanderfürsorge, durch welche Österreich schon infolge seiner geographischen Lage in einem bedeutend höheren Maße in Anspruch genommen wird, als die übrigen Nachfolgestaaten. Die Steigerung der Auswanderung nach Palästina brachte es mit sich, daß in den ersten neun Monaten des Jahres 1935 an Zuschüssen für Zertifikatbesitzer von der Wiener Kultusgemeinde 15.000 Schilling verausgabt wurden. Im Zusammenhang damit stehen auch die erhöhten.Ausgaben für Haehscharah der jüdischen Jugend auf landwirtschaftlicher^ und handwerklichem Gebiete. Die Erweiterung des Versorgungshauses brachte ebenfalls eine bedeutsame Erhöhung der Ausgaben, ebenso die Unterbringung mittelloser Patienten im Spital der Kultusgemeinde, die allem 200.000 Schilling jährliche Kosten erfordern. Die steigende Not des Mittelstandes, der intellektuellen Kreise, die Delogierungsgefahr, von welcher tauj sende jüdische Bürgin- * fündig bedroht sind, erfordert überaus grüße Mittel, so daß die 'sogenanute offene Fürsorge der Wiener jüdischen Gemeinde mit dem Betrag von 800.000 Schilling kaum ihr Auslangen findet. Diesen immensen Ausgaben gegenüber muß man die stets sinkenden Einnahmen auf fast allen Gebieten der Gemeindefmanziverwaltung verzeichnen, insbesondere aus der. Ko* soherfleisch-Versorgung infolge verringerten Fleischkonsums durch die jüdische Bevölkerung, dem rituellen Bad, dem Erlös für Betsitze usw. Nichtsdestoweniger, mußte die Gemeinde für die bevorstehenden Feiertage umfassende Maßnahmen treffen, so daß in den Gemeinde-, Vereins- und temporären Bethäusern Betmöglichkeiten für 45.000 Besucher geschaffen wurden. Die Verarmung des Mittelstandes brachte es mit sich, daß die Zahl ier Steuerzahler seit Beginn des Jahres 1929 bis zum heutigen Tag von 60.000 auf 48.000 gesunken ist. Allein in der Gruppe der Bankbeamten verlor die Gemeinde zirka 4000 Steuerzahler. Das vereinfachte Verfahren wird im Jahre 1935 die Erfassung von neuen 2500 Steuerzahlern ermöglichen. Der größte Prozentsatz der Steuerzahler entfällt auf die Angehörii gen des Handels, der Industrie und des Ge*, werbes (24.788 Steuerzahler). Hingegen ist die Zahl der Steuerzahler in der Gruppe der Banken und der Börse auf 325 gesunken- Die freien Berufe stellen 4293 Steuerzahlerl wogegen die Steuerstatistik den Beweis erbringt, daß unter 160.696 Angestellten dea Buudes inklusive der Bundesbahnen lediglich zirka 700 Juden in gam Österreich und kaum 595 Juden in Wie% zu verzeichnen sind. Dies entspricht eineiri Prozentsatz von 0.29. Unter den 42.112 Angestellten der Gemeinde Wien sind bloß 154 Juden '0.84 Prozent), obwohl die Zahl der Juden in Wien 176.034 beträgt, was im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung von 1,874.130 9.4 Prozent ausmacht. Aus diesen nackten Ziffern allein sieht 1 man, wie ungerecht die Verteilung ist, und -laß der große Zustrom der Juden gerade zu deu freien Berufen letzten Endes nur darauf

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