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Die Stimme · 1935-09-24 · Heft 486 (24.9.1935) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 486 (24.9.1935)
Date
1935-09-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Wr. 386 — §4. SepfemEer 1935 fett» 5 18.062 Taae streik und flussneirrnio L'ia: isz rt;,„s:.v:,. Der Bericht der Exekutive der Zionistischen Organisation an dem 19. Kongreß in Luzern, ein stattlicher Band von 471 Seiten, gibt ausführlich über alle Zweige des Aufbauwerkes Aufschluß. Nur eine, wenn auch unerfreuliche Begleiterscheinung des Palästinaaufbaues wird allzu kurz abgetan. Wir lesen da auf Seite 311 unter der Überschrift: „Streik und Aussperrung“: „Im Jahre 1934 wurden auf dem jüdischen Markt 11.313 Tage Streik und 6749 Tage Aussperrung gezählt, im ganzen 18.062 Tage Arbeitsniederlegung. 50 Prozent dieser Tage waren durch erhöhte Lohnforderungen mit Rücksicht auf gesteigerte Lebenskosten zurückzuführen. Auf die einzelnen Arbeitszweige verteilen sich die 18.062 Tage Arbeitsniederlegung wie folgt.: Bau 6300 Tage, Industrie 8200 Tage, Handwerk 3500 Tage. Die großen Streiks, die Aussperrungen zur Folge hatten, entstanden im Baugewerbe in Haifa und in der Wirkerei in Tel-Aviv. In diesen beiden Fällen und bei mehreren anderen Fällen kam es zur Schlichtung mit Hilfe der Jewish Agency und der Leitung des Waad Leumis. Die Zahl der Streiktage, die durch Schlichtung beendet, wurden, beträgt 9895.“ Dieser Bericht ist mehr als mager. Einmal deswegen, weil ein Beweis für die Behauptung, daß 50 Prozent, das sind 9031 Tage Streik und Aussperrung, die Folge nicht befriedigter gerechtfertigter Lohnforderungen waren, nicht erbracht wird. Dann fehlt auch eine Zergliederung in der Richtung, in welchen Streik- und Aussperrungsfällen Kollektivverträge vorhanden waren und welche Veränderungen der Lohnsätze das Ergebnis der Beendigung der Arbeitsruhe waren. Über die Bedingungen, unter welchen die Aussperrungen beendet wurden, fehlt überhaupt jeder Hinweis. Schließlich erzählt der Bericht, daß von den 11.313 Streiktagen 9895 durch Schlichtung erledigt wurden. Was geschah bezüglich der übrigen 1418 Streiktage? Abgesehen von diesen Mängeln der Berichterstattung, muß aber festgestellt werden, daß der Bericht der Exekutive jeden Hinweis darauf unterläßt, daß die Frage der Arbeitsbeziehungen in Palästina, wohl d e wundeste Punkt in dem sonst s schönen Aufbauwerk, zwar zu den heikelsten, aber auch zu den lebenswichtigsten Fragen des Aufbauwerkes zählt. Man Jude, Familienvater, nach i6jahr. Dienstzeit unschuldig arbeitslos, sucht mit eigenem neuen Krauseco Lastrad, Ladegewicht 500 kg, Dauerposten für Zustelldienst usw. Gefl. Zuschriften unter „Arbeitsam u. strebsam" an die Admin. d. Bi. tut nicht gut daran, dieser Frage aus dem Wege zu gehen. Es ist vielmehr ihre gründliche und sachliche Erörterung dringend notwendig. In einem von Feinden umgebenen Land ist der soziale Friede das Fundament einer gesunden Entwicklung. Über die Faktoren, die an dem derzeitigen unbefriedigenden und gefährlichen Zustande die Schuld tragen, soll hier einiges gesagt werden. Das ist um so notwendiger, als eine geschickte Propaganda darauf aus ist, eine sachliche Klärung, insbesondere in allgemein-zionistischen Kreisen, tunlichst hintanzuhalten oder auf ein Nebengeleise (hie Arbeiterfreunde und Fortschrittler, hie Arheiterfeinde und Reaktionäre) zu verschieben. Zunächst muß einmal loyalerweise zugegeben werden, daß wir an Palästina nicht den Maßstab eines normalen Landes legen dürfen. Wir haben es bei Palästina mit einem Einwandorungsland zu tun, in welchem es zunächst eine soziale Schutzgesetzgebung überhaupt nicht gab. Dazu kommen noch folgende wesentliche Umstände: Die Arbeiterschaft bildet eine kompakte, gut organisierte Masse, welcher der Mangel an Arbeiterhänden tarifarisch sehr zustatten kommt. Die Arbeitgeber wiederum sind nur teilweise organisiert und durch den Mangel eines entsprechenden Zollschutzes, durch die bisherige Unmöglichkeit von Handelsverträgen, das japanische Dumping und den Mangel der Imperial preference (Reichsbegttnstigung) stark benachteiligt. Alle diese Umstände werden aber durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer oft in den schweren Fehler verfallen, sich nur von ihren Interessen leiten zu lassen und nicht von höheren nationalen Gesichtspunkten. Daraus ergibt sich notwendigerweise die Schaffung von nationalen Instanzen zur möglichsten Verhinderung von Streiks und Aussperrungen. Weder die Jewish Agency noch der Waad Leumis sind hiezu befähigt. Die J ewish Agency nicht, weil die Mitglieder ihrer Exekutive hinlänglich mit anderen Arbeiten beschäftigt sind und weil man nicht gut daran tut, die Regierung als oberste Instanz in derartige Streitigkeiten zu verwickeln. Der Waad Leumis kommt in seiner derzeitigen Zusammensetzung ebenfalls nicht in Betracht. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Notwendigkeit, ein nationales Schiedsgericht zu konstituieren. Das ist bisher an dem Widerstande hauptsächlich der Arbeiterschaft gescheitert. Man hört oft als Argument, daß in Palästina — keine unparteiischen Vorsitzenden zu finden seien, nur Arbeiter könnten unparteiisch sein. Derartig verstiegene Meinungen sind besser zu ignorieren, sie gehören aber bis jetzt zu jenen Requisiten der Arbeiterschaft, die einer Regelung dieser wichtigen Frage als Prügel in den Weg geworfen werden. Anderseits gibt es sicher auch unter den Arbeitgebern Elemente, deren Gesichtskreis in ArbeitsangeJogenheiten nicht über die eigene Brieftasche hinausreicht, insbesondere in den Fragen der jüdischen Arbeit. All das spricht aber dafür, daß der jetzige Zustand des „latenten Bürgerwichtiger Teil der Kampf um die Histadruth haowdim, dem allgewaltigen Faktor in Palästina, worauf wir schon oft hingewiesen haben. Dem Übermaß von Druck und wirtschaftlichen Bindungen steht die zum großen Teil desorganisierte Arbeitgeberschaft gegenüber. Trotzdem besteht die Möglichkeit der nationalen Arbitrage auch auf Seite der Arbeitgeber, soweit sie organisiert sind und darüber hinaus für alle nicht organisierten Arbeitgeber, die bereit sind, sich der nationalen Arbitrage zu unterwerfen. Die Versuche zur Lösung des ganzen Fragenkomplexes wurden bisher von zwei politischen Faktoren versucht. Einmal von den Revisionisten, ohne jeden Erfolg. Man kann eben nicht den Klassenkampf seitigen, wenn man selbst den Klassenkampf, noch dazu unter den unrühmlichst bekannten Methoden, verschärft. Der zweite Versuch stammt vom Weltverband der Allgemeinen Zionisten, der in seinem Krakauer Programm folgende Kardinalforderung aufgestellt hatte: Ohne die vorherige Anrufung nationaler Schlicht ungs- und Arbitragekomitees, deren Errichtung gefordert wird, darf kein Streik und keine Aussperrung erfolgen. Die Antwort auf diese Forderung war das ■Geschrei über Arbeiterfeinde und Reaktionäre und die Sezession im Weltverband. Der Weltverband aber hat in dieser Frage nicht locker gelassen und wird in dieser Frage konsequent bleiben. Sein erster Erfolg ist beim 19. Kongreß eingetreten. Die Arbeiterschaft sah sich alsbald einer geschlossenen Phalanx gegenüber, in der sie zu ihrem Erstaunen i Jischuws getan sein. Die nächste Nummer der „Stimme" gelangt als „F osch-Haschanah“”Festnummer ln verstärktem Umfange im Laufe des Freitags zur Ausgabe die „Progressiven“ bemerkte. D i e Kidmah und die Spaltung in Krakau waren schlecht angelegtes politisches Kapital. Wohl ist es der Arbeiterpartei in Luzern gelungen, die Entscheidung über die Regelung der, Arbeitsbeziehungen hinauszuschie-i b e n, sie ist aber nicht mehr aufzuhalten. Ohne bestimmte Zusagen der Arbeiterpartei wäre die große Koalition nicht möglich gewesen, und man kann nur hoffen, daß die Arbeiterpartei die Verhandlungen loyal führen und ohne nötigen Aufschub beendigen wird. Sie wird das im eigenen Interesse tun müssen. Sie weiß am besten, daß der Allgemeine Zionismus aufgehört hat, ein Galuth-Zionismus zu sein, daß er beginnt, ein Erez-Israel-Zionismus zu sein, und daß die Periode der schrankenlosen Hegemonie der Histadruth auf dem Arbeitsraarkte Palästinas zu Ende ist. Je eher das die Arbeiterschaft einsieht und je eher es gelingt, auch die Arbeitgeber zu organi- 3ren und die Interessen beider Partner am Arbeitsmarkt der Autorität nationaler Instanzen in der Frage der Arbeitsbeziehungen unterzuordnen, desto früher werden der Hydra des Klassenkampfes die Giftzähne ausgebrochen werden. Damit wird auch der wichtigste Schritt zur Befriedung des Parteilebens und des Wieder die Parallelklassen? Am ersten Schultage des vorigen Jahres I Erlass es in Aussicht gestellt. Wie die erlebten die jüdischen Eltern Wiens eine I Erfahrung jseigt, blieb alles beim peinliche Überraschung. Auf Grund eines Erlasses des Ministeriums für Kultus und Unterricht hatte der Wiener Stadtschulrat die Absonderung der jüdischen von den katholischen Schülern und ihre Zusammenfassung in sogenannten Parallelklassen verfügt. Mit einer seltenen Einmütigkeit und Geschlossenheit wurde diese Maßnahme von der gesamten jüdischen Öffentlichkeit, die in dieser Absonderung ihrer Kinder den Versuch einer Diffamierung erblickte, abgelehnt. Es setzte eine heftige Protestbewegung der jüdischen Elternschaft ein, die noch an Bedeutung gewann, als das Präsidium und der gesamte Vorstand der Wiener Kultusgemeinde in einer e i n m ü t i- Kundgebung gegen diesen Erlaß Stellung nahmen und dann auch bei den zuständigen Unterrichtsbehörden eine Aktion zur Aufhebung dieses Erlasses einleiteten. Die Unterrichtsbehörden schienen über die heftige Reaktion der jüdischen Öffentlichkeit im ersten Augenblick selbst überrascht, erklärten, daß die eingetretenen Folgen nicht beabsichtigt waren und daß „der Erlaß nicht den Zweck verfolgt habe, eine Trennung der Schüler nach konfessionellen Gesichtspunkten vorzunehmen, sondern daß er ausschließlich von schultechnisehen und finanziellen Erwägunge n“ ausgegangen sei. Bei aller Ablehnung der Parallelklassen wurde aber gleichzeitig von dem überwiegenden Teil der jüdischen Öffentlichkeit der Gesichtspunkt von der fakultativen jüdischen Schule geltend gemacht. Wenn Absonderung, dann sollte eine solche nicht ausschließlich nach negativen Gesichtspunkten erfolgen, sondern es sollte der jüdischen Bevölkerung die jüdische Schule mit jüdischem Lehrkörer und verstärktem jttdichem Lehrplan eingeräumt werden. Die Abwehraktion der Kultusgemeinde, unterstützt von der gesamten jüdischen Bevölkerung, führte zunächst dazu, daß die Unterrichtsbehörden das Versprechen gaben, der Sache auf den Grund zu gehen und alle Härten zu vermeiden, rospektive abzustellen. Für den Beginn des Wintersemesters (1935) Alten. Was zu Beginn des Schuljahres 1934/35 verfügt wurde und was praktisch zur Durchführung kam, das blieb das. ganze Schuljahr über unverändert, mehr noch: e s wurde in das neue Schuljahr übernommen. Der ominöse Erlaß über die Errichtung der Parallelklassen ist weder formell zurückgezogen, noch praktisch außer Kraft gesetzt worden und wir stehen heiute au Beginn des neuen Schuljahres vor einer vollendeten Tatsache. Wieder erhalten wir aus Eltemkreisen Mitteilungen, die von einer Zurücksetzung ihrer Kinder in den öffentlichen Mittelschulen berichten. Nach all dem, was uns aus allen Schichten der jüdischen Bevölkerung mitgefcedlt wird, lassen die Maßnahmen dias Vorhandensein eines einheitlichen Planes erkennen. Selbst in Schulen, in denen noch vor kurzem die jüdische Schülerschaft die Mehrheit darstellte, wurde durch Verschiebung und Versetzung der jüdischen Schüler in andere Klassen das Zahlenverhältnis der jüdischen und nichtjüdischen Schüler zu ungunsten der ereteren beeinflußt. Der Riickjang der jüdischen Schttierfrequenz ist, soweit man schon jetzt zu Beginn des Schuljahres feststellen kann, ein bedeut- Die Aufnahme der jüdischen Schüler wird überall erschwert. ist eine häufige Erscheinung, daß zu Beginn des Schuljahres Schüler von der einen Anstalt in die andere abwandern. Hier scheint die Tendenz zu herrschen, den jüdischen Schülern die Möglichkeit, von einer Anstalt in die andere zu kommen, zu nehmen. So wollte nach unseren Informationen eine Mutter ihren Jungen in einer anderen Lehranstalt außerhalb ihres Wohnbezirkes unterbringen. Die erste Frage der Schuldirektäon lautete, welcher Konfession der Junge angehöre. Auf die Antwort der Mutter, daß sie mosaischer Konfession seien, erfolgte prompt die Antwort, daß leider kein Platz in der gewünschten Anstalt für eine Neuaufnahme vorhanden sei, nicht ohne die gleichzeitige Entschuldigung, daß selbstverständlich nicht die Konfessionszugehörigkeit der Grund für die Ablehnung sei. Daß es sich um ein planmäßiges Vorgehen handelt, beweist nicht zuletzt das Kuriosum, daß selbst in einer rein jüdische n P ara 11 e lklass e, die mit Beginn des Schuljahres eingeführten, den Lesebüchern angefügten Ergänzungsbücher, die außer einigen vaterländischen Geschichten, gegen die sicher niemand etwas einzuwenden hat, ausschließlich katholische Erzählungen enthalten, den Schülern s obligatorischer Lehrgegenstand zugewiesen sind. Das ist nicht nur ein untragbarer Gewissenszwang, sondern steht auch miit der Verfassung im Widerspruch. Es wird notwendig seiin, daß die Jüdische Gemeinde das Ministerium auf alle diese Übelstände aufmerksam macht und Ein besonderes Kapitel bildet d i e s oj genannte SohüleTwanderung. Esj endliche Abhilfe verlangt. Heldenfeier def jüdischen Frontsoldaten Sonntag vormittags fand auf dem Zentral« friedhof in Wien die Heldengedenkfeier des Bundes Jüdischer Frontsoldaten statt. Im Rahmen dieser Feier wurden die neuerriohteten Gedenksteine für die hier begrabenen jüdischen Soldaten des Weltkrieges geweiht. Eine große Anzahl offizieller Persönlichkeiten hatte sich auf dem Friedhof eingefunden. Der Staatssekretär für Landesverteidigung, General Zehner, war durch den Generalmajor Hickm a n n vertreten, Bundeskanzler Doktor Schuschnigg durch seinen Personalwaren ferner sehr viele Generale und Oberoffiziere der alten Armee und Vertreter der Wehrformationen. Nach einem Chor vor trag rezitierte J. Feldhammer den Prolog „Den gefallenen Brüdern“ von Alfred Winzer, worauf der Bundesführer des Bundes Jüdischer Frontsoldaten, Hauptmann a. D. Siegmund Edler v. Friedmann daß Wort zu einer Ansprache ergriff. Er sagte unter anderem: „Daß Tote, die ihr Leben für ihr Vater-

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