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Die Stimme · 1935-09-24 · Heft 486 (24.9.1935) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 486 (24.9.1935)
Date
1935-09-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite Z DIB STIMMB Nr. 486 — 24. September 198S > ■fc jh für die Feiertage: DAI1DT PUTZT, FÄRBT, BÜGELT Telephon U 38*0-82, B 37-4-81. Abholen und Zustellen gratis. Eine Welt von Feinden ■nananBnnMBBnsias Stephen Wise an Minister Benesdi Genf, 20. September. Der Präsident des ComitS des DM£gatlon3 Juives Dr. Stephen S. Wise hat an den Präsidenten der XVI. Völkerbundsversammlung Dr. Eduard B e n e s c h die folgende Kundgebung gerichtet: Im Namen des Comitd des D616gatlons ttuives, welches große jüdische Gemeinschaften und Organisationen in fast allen europäischen und außereuropäischen Ländern repräsentiert, wende ich mich an Sie, verehrter Herr Präsident der XVI. Völkerbundsversammlung, als den berufenen Wahrer des Prinzips der Gleichberechtigung aller Menschen, um im Namen des Judentums die Stimme des Protestes zu erheben gegen die grausame Unterdrückung und Diffamierung der deutschen Juden, die in den in Nürnberg verkündeten Gesetzen ihren Höhepunkt gefunden haben. Die Judengesetzgebung des Dritten Reiches bedeutet einen Rückfall in Zeiten mittelalterlicher Judenpolitik und schafft im 20. Jahrhundert mitten in Europa ein neues Ghetto der Unterdrückung und Entehrung für die jüdische Gemeinschaft. Mit Entrüstung weisen wir die Diffamierung der jüdischen Rasse zurück, einer Rasse, die als Schöpfer großer Kulturwerke es nicht nötig hat, ihre Gleichberechtigung in der Völkergemeinschaft zu beweisen oder zu rechtfertigen. Durch die Entrechtung der deutschen Juden, durch die systematische Propaganda gegen die Juden in der ganzen Welt, durch die Verkündung von absurden Rassentheorien, die die Vernichtung des Prinzips der Gleichberechtigung aller Völker und Rassen impliziert, zerstört die Politik des Dritten Reiches die Grundlagen, auf denen die moderne Kultur und insbesondere der Völkerbund als der Träger der Hoffnungen und Ideale der Besten in allen Völkern basieren. Wir appellieren an Sie, Herr Präsident, und durch Sie an den Völkerbund, in dem unerschütterlichen Glauben, den wir in allen Jahrhunderten unserer tragischen Geschichte nicht verloren haben, daß die Kräfte des Guten sich durchsetzen werden und das Gewissen der Menschheit es auf die Dauer nicht zulassen wird, daß die Juden Im 20. Jahrhundert zu Parias degradiert werden sollen. Der Kampf gegen die Judenpolitik des Dritten Reiches ist Aufgabe der gesamten Menschheit, deren Zukunft bedroht ist durch die Tendenzen, die in dieser Politik sich in immer drohenderer Weise durchsetzen. Wir Juden werden den uns aufgezwungenen Kampf mit aller Entschlossenheit führen in der Erwartung, daß alle freiheitlichen und gerechtdenkenden Teile der nichtjüdischen Welt und insbesondere die im Völkerbund vereinigten Nationen uns zur Seite stehen werden in der Verteidigung der Grundprinzipien der Menschlichkeit. Cafe Continental an der SdiwedenbrQcfce vollständig renoviert Dr. Nabum Goldmann bei Dr. Benesch Genf, 20. September. Der neue Vertreter der Jewish Agency in Genf, Dr. Nahum G o 1 d m a n n, hat seine Tätigkeit aufgenoramen. Er wurde vom Vorsitzenden der . Völkerbunds Versammlung, Außenminister der Tschechoslowakischen Republik Dr. Eduard Benesch, zu einer längeren Unterredung empfangen und hat auch mit einer Reihe von Völkerbundsdelegierten verschiedener Länder B esprechungen über Palästina- Fragen abgehalten. Jules Cnmbon gestorben Am 19. September morgens ist Julos Cambon, der seinerzeitige Botschafter Frankreichs in Berlin vor dem Kriege, in "Vevey im Alter von 90 Jahren gestorb e n. Jules Cambon war einer der begeistertsten Förderer der zionistischen Aspirationen während des Krieges Uöd hei der Friedenskonferenz. Unmittelbar nach Hitlers Verbot aller Einzelaktionen hat eine neue Welle von solchen Akten eingesetzt. Der Terror ist womöglich noch stärker geworden. Die Amtswalter der Partei sind aus Nürnberg heimgekehrt und sie zeigen, daß sie nicht gewillt sind, die von dem Führer und Reichskanzler in Aussicht gestellte neue „Überprüfung“ abzuwarten.. Der Vernich.- tungswille ist offenkundig und in ganz Deutschland ist man zur Gewaltanwendung übergegangen und verläßt sogar den Schein der Legalität. Nach einer bisher noch unbestätigten Nachricht sind in der Umgebung von Hannover zehn Juden ermordet worden. Nach Mitteilungen aus der nationalsozialistischen Presse, die man als authentisch ansehen darf, dauern die Exzesse, Verbote, Ausschlüsse ungestört fort und dazu gesellt sich noch der völlig ungeklärte Rechtszustand. Es sind Gesetze ohne Durchführungsbestimmungen erlassen worden, so daß niemand angeben kann, wie weit sich die Rechtloserklärung der Juden erstreckt. Die Reichs Vertretung der deutschen Juden kündigt eine gemeinsame Erklärung an die Reichsregierung an, in der sie die Schaffung eines Modus vivendi und Erleichterung der Auswanderung fordert. Es ist die Pflicht der Reichsvertretung so zu handeln, aber über einen Erfolg ihrer Anstrengungen kann wohl nirgends ein Zweifel rege werden. Denn sie steht nicht einem loyalen Gegner gegenüber, sondern e i n e m T o d f e i n d, der zum letzten entschlossen ist und seine Machtmittel rücksichtslos gegen die halbe Million Juden an wenden will. Das Berliner Auswärtige Amt hatte ic1 einem für das Ausland bestimmten Kommentar betont, es handle' sich bei den Nürnberger Gesetzen um die Anerkennung der Juden als nationale Minderheit, die sogar der zionistischen Theorie entspreche. Damit hatte das Berliner Amt wenig Glück, Die große Londoner und Pariser Presse erkannte die Verhöhnung der wehrlosen Juden, die in einer solchen Interpretation liege, und die jüdische öffentliche Meinung der ganzen Welt verwahrte sich energisch gegen eine solche Umfälschung von Ghetto auf nationale Minderheit. Nur das Organ der Wiener Union fing voll Freude den Brokken aus Berlin und jubelte auf: Das haben wir ja immer gesagt, nationale Minderheit ist Rechtsminderung. Man muß sich damit nicht weiter befassen. Die Assimilation, deren Traumwelt von Hitler in Trümmer geschlagen wird, ist immer gerne bereit, den Kopf in den Sand zu stecken, noch lieber ist es ihr, wenn sie irgend etwas gegen den Zionismus zugesteckt bekommt. Sie hat selbst keine inneren Probleme, es geht bei ihr nichts vor, und so mengt sie sich das einemal in zionistische Fragen, das anderemal singt sie mit deutlicher Betonung Heimatlieder und lehnt die nationale Minderheit ab, ohne je den Minderheitenvertrag gelesen ziu haben. Das ist aber völlig bedeutungslos und wir erwähnen die Sache nur als Kuriosum. Die Auslegung des Berliner Ministeriums des Äußern hat aber in weiterer Folge eine parteiamtliche Erklärung provoziert, die in der Nationalsozialistischen Korrespondenz veröffentlicht wird. Das Verhalten des Deutschtums zum Judentum, so heißt es da, verlangt eine Sonderregelung, weil die Juden unter den Völkern eine Sonderstellung einnehmen. Der Jude sei zwar Gast in Deutschland, wie der nichtjüdische Fremde, aber er sei Gast in einem andern Sinne, weil er kein anderes Territorium als Vaterland habe. Er gehöre zwar zu einer Minderheit, aber diese Minderheit sei n i c h t eine Minderheit in völkerrechtlichem Sinne. Denn während den Minderheiten Gleichberechtigung zugebilligt werde, werden die Juden von dieser Gleichberechtigung a u s g cschlossen. Während filso *gll 0t bemüht zeigte, die Nürnberger Gesetze dem europäischen Empfinden irgend wie verständlich zu machen, fährt ihm die Staatspartei unwirsch in die Parade, räumt alles weg und stellt den Sachverhalt klar: Die Juden sind von der Gleichberechtigung ausgeschlossen, weil sie Gast in einem anderen Sinne sind. In dem Sinne der deutschen Doktrin . nämlich, daß ein Gast derjenige ist, den man ungestraft quälen und ausrauben darf, wie das der heldischen Auffassung entspricht. Das ist allerdings nicht die Art, zu einem erträglichen Verhältnis zu den Juden zu gelangen. Aber diese Äußerung Hitlers, die schon an sich nach allen Antezedenzien, nach den Angriffen auf „den bolschewistischen Juden“ aus dem Rahmen fiel, hat niemand ernst genommen, zumal sie mit einer Drohung verbunden war. Die Juden Deutschlands haben jetzt nur die Stellung von Geiseln, die auf eine neuerliche Überprüfung der Lage zu warten haben. Bis dahin sind sie als Gäste von der Gleichberechtigung ausgeschlossen. „Während bisher überall — läßt Goering in seiner „Essener Nationalzeitung“ schreiben — „sowohl die Gesetzgebung als auch die Ausführung der Gesetze und die Überwachung dieser Ausführung in den Händen der Staatsorgane liegt, würde, falls eine neue Überprüfung der Lage statt finden müßte, der Fall eintreten, daß die Fortsetzung des deutschen Kampfes gegen die jüdische Vormachtstellung von der Organisation übernommen wird, die dem Staat, ihren politischen Willen aufzwingt. In einem solchen Falle müßte allerdings das jüdische Volk gewärtig sein, daß die Partei der N. S. D. A.P., über deren Aktivismus in dieser Frage wohl bei niemand ein Zweifel besteht, die Dinge im Rahme-n ihrer parteimäßigen Organisation in ihre Hand nehmen würde. Auf dem Wege über die Gau- und Kreisleitungen und die Ortsgruppen würde dann also der Kampf gegen die Judenschaft aufgenommen und durchgeführt werden. Die Maßnahmen, die die Partei als solche ergreifen würde, wären Maßnahmen gesetzlicher Art, udJ der Staat hätte ihr durch seine n-mteten Organe dabei Hilfe zu . n.“ Das ist eine erschreckend deutliche Sprache, vielleicht schon eine Vorwegnahme der Antwort der Regierung an die Reichs Vertretung der Judenschaft. Diese ganze Prozedur aber ist nur möglich dank derPassivität der Mächte, die sich der deutschen Minderheit in Litauen erbarmt, aber für die Juden Deutschlands überhaupt nichts übrig hat denn eisige Kühle. Selbst im Völkerbund zeigt sich dieses Desinteressement und seine Motive sind in einer zornigen Erklärung des norwegischen Außenministers festgehalten worden. Es handelt sich um die Frage der Flüchlinge, um eine Frage also, die scheinbar in keinem direkten Zusammenhang mit den Vorgängen in Deutschland steht. Im Völkerbund ist der humane und absolut unpolitische Antrag Norwegens, unter der Aufsicht des Völkerbundes ein Zentralamt zur Regelung der geplanten Frage zu schaffen, ist mit einem nur schlecht verhehlten Mißbehagen aufgenommen worden. Die „Stimme“ hat in ihrer Ausgabe vom 20. September ausführlich über die Diskussion in der politischen Kommission berichtet. Für Norwegen setzten sich nur Herriot, ferner die Vertreter von China und Haiti ein. Am Samstag referierte der Schweizer Bundesrat M o 11 a, der ausdrücklich feststellte, daß sich der Völkerbund schrittweise von dem Problem zurückziehen wolle. In dem amtlichen Bericht wird dann mitgeteilt: Der norwegische Außenminister K o h t gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß der Widerstand gegen diese rein liumanitäro Idee so groß sei und daß man gewillt sei, die Flüchtlinge zu unterscheiden-nach Rasse Religion und politischer Einstellung. Man werde im Hinblick auf die ganze Schwere des Problems gezwungen sein, «ni dte Entgg siuifiksutapm Hier wird also genau konstatiert, um was es sich handelt: um die jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland, Die Einwirkung der deute dien Brutalität und ihrer Drohungen und Intrigen ist stärker als das Empfinden für Menschlichkeit. Es gibt kein Weitgewissen und keine internationale Solidarität in Bezug auf die Juden und die bittere Lehre, daß den Juden nur durch die Juden geholfen werden kann, wird wieder einmal durch die Tatsachen bestätigt. Diese Hilfe kann in zweierlei Form geschehen; indem man den Bezug deutscher Waren weiter und konsequent ablehnt, indem man sich gegen jode finanzielle Unterstützung des Dritten Reiche« wendet, und positiv: indem alle Zionisten mit fanatischem Eifer an der Verwirklichung der nationalen Heimstätte in Palästina fortarbeiten und dasgesamte Judentum für diese Aufgabemobil machen, Das Judentum ist einsam und verlassen. Aber es kann in sich selbst die Kraft finden, den Sturm zu überstehen und sich eine Machtposition zu schaffen und auszubauen, deren Wirkung sich eines Tages doch stärker fühlbar machen muß. Professor Jösef Zimbler übernimmt noch einige Schüler für Violinunterricht und Kammermusik, IX., Hahngasse 31. Tel. A 12-8-28. Rassenhetze der russischen Emigranten Der Wiener Slawist Fürst N. S. Trubetzkoy nimmt in den „Evrazijskije tetradi“ (1935, Nr. 5) in seinem eigenen und in seiner Gesirumngßgeaioeeen Namen zu den neuerdings auch in Kreisen der russischen Emigration Anklang findenden Rassentheorien Stellung. In letzter Zeit, schreibt Fürst Trubetzkoy, wird der russische Antisemitismus von reichsdeutscher Seite eifrig genährt. Ein bedeutender Teil der russischen Emigration in Deutschland und in den Ländern des deutschen Kulturkreises schwärmt von der Einführung des Hitler- Regimes in Rußland. Die Mehrzahl der Russen und Ukrainer, die in dieses politische Spiel hineingezogen werden, ahnen gar nicht, daß sie ein bloßes Werkzeug des Imperialismus sind, der nur das eine braucht? die ukrainische Schwarzerde. Fürst Trubetzkoy erklärt, die jüdischen Rassenzüge seien lediglich Züge ihrer physischen Erlebnisse. Vererbte Charakterzüge sind an und für sich moralisch neutral. Verderbt werden kann zum Beispiel geistige Ak+ tivität oder Passivität, Begabtheit oder Unbegabtheit. Wenn die Juden auch Oharak-' terzüge besitzen, die „zersetzend“ auf die „autoohthone Bevölkerung“ wirken, so hat das mit der Rasse nichts gemein, vielmehr sind diese Züge durch das Milieu bedingt, das heißt durch die Sonderstellung der Juden innerhalb des einen oder anderen Gastvolkes. Sobald diese Sonder-- Stellung aufhört, nehmen auch die jüdischen Charakterzüge eine andere Richtung und hören auf, „zersetzend“ zu wirken. Wir Russen wissen ja aus Erfahrung, daß die Einschränkungen, unter denen die Juden bei uns bis zur Revolution von 1917 lebten, unserem Vaterlande keinen Segen ge-- bracht haben. Fürst Trubetzkoy schließt: Die deutsche Rassentheorie beruht auf einem anthropologischen Materialismus, auf der Überzeugung, daß der menschliche Wille unfrei ist. Zu diesen Ausführungen sei bemerkt, daß in der SA.- und SS.-Bewegung russische Emigranten von allem Anfang an eine führende Rolle gespielt haben. Auch Rosenberg ist ein solcher. Im nationalsozialistischen Judenprogramm finden sich sehr viele Annexionen aus den Forderungen der, Schwarzen Hundert. Neues Im Reiseverkehr nach Polen! Wollen Sie billig in Ihre Heimat kommen, Ihre Verwandten besuchen, dann verbinden Sie sich raschestens mit dem Reisebüro „In die Welt“ (Dr. S. Tooker), IX., Liechtenstemstraße 2, Tel. A 14-504, wo man Ihnen alle Auskünfte und Erleichterungen gewähren wird. Es worden Ihnen auch Ihr Visum, Ihre Fahrkarten nach Polen dort besorgt. Prospekte stehen gratis zur Verfügung. Besonder© Verbj^g^füg ^nze|»

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