Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 482 (10.9.1935)
- Date
- 1935-09-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nt^482 — 10. September 1035 sh DK IflMM Seite 5 VORSTStLUNOEN: ^•yib*1/a3-)!i10 ft KO Gegen die Hakenkreuzflagge Der;New-Yorker Polizeiriohter B r q il s k y hat die vier wegen der Demonstrationen bei der Abfahrt der „Bremen“ verhafteten Kommunisten freigesproah en. Er hat sein Urteil damit begründet, daß die Hakenkreuz, flagge bei den Angeklagten die Vorstellung von einem Piratenschiff hervorgerufen bat. Die Hakenkreuzilagge versinnbildlicht alles dae, was den amerikanischen Idealen von dem gottgegebenen unverrückbaren Rechten aller Völker, wie von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück, zuwiderläuft. Nach Ansicht der bei den Kundgebungen Versammelten bedeutete dieses Zeichen der Naziregiorung Krieg der Religion, Vernichtung von Mitbürgern, lediglich aus religiösen oder ethnologischen Gründen, Entwürdigung der gelernten Berufe, kurz gefaßt, wenn man einen biologischen Begriff gebrauchen darf, einen atavistischen Rückschritt in mittelalterliche, wenn nicht gar barbarische soziale und politische Verhält* nisse. Das Urteil, das in Amerika großes Aufsehen macht, hat die Berliner Machthaber in besinnungslose Wut versetzt. Der deutsche Justizminister Dr. Frank {Jener Minister, der auf österreichischem Boden gegen die österreichische Regierung gehetzt hat) hat eine Sitzung der Jurißtenführung nach Berlin einberufen, und dort, wie der „Völkische Beobachter« meldet, folgende Rede gehalten: „Der Richter Brodsky ist Jude. Juden l können weder unsere Flagge, noch unser \ nationalsozialistisches Deutschland irgend- V wie beleidigen. Daß ein Jude das Ehren-! kleid eines Richters in den kulturell so 1 Überaus hochstehenden Vereinigten Staa- I ten von Nordamerika mißbrauchen kann, i um den ganzen ohnmächtigen Haß j seiner Rasse gegenüber dem wieder- I erstehenden nationalsozialistischen deuti sehen Volk auszulassen, ist allerdings ein J ernster und höchst bedauerlicher Vorgang, Aber weder das ehrenvolle Volk der | Vereinigten Staaten von Nordamerika noch p auch die mit Recht so angesehene Justiz } der Vereinigten Staaten haben etwas mit [ diesem Exzeß %vl tun. Es ist außerordent- | Jich bedauerlich, daß diese bodenlose, | niederträchtige Gemeinheit r eines Juden unter dem Schutze eines f amerikanischen Staatsamtes geschehen f konnte. Im Namen des gesamten deutschen Rechtslehens, im Namen der deutschen Justiz upd aller deutschen Reohtsf wahrer erhebe ich gegen diese unerhörte t Verunglimpfung Protest, indem ich an das p Gerechtigkeitsempfinden des edlen amerb 1* kantschen Volkes appelliere, das es nicht [ als angemessen empfinden kann, daß f Irgend ein dem Ghetto entlau- | lener Burs che unter dem Mißbrauch f der liberalen Gesetzgebung der Verr einigten Staaten sich als Richter aufffih-! ren und Schänder der deutschen Flagge j freispreeben darf. Die geeigneten Schritte I werden durch die Reichs- und Parteistellen i unternommen werden.* ' Der Richter Brodsky hat das ausgesprochen, wae sich die ganze Welt *onkt. Daa Berliner System iet aber sehr empfindlich und protestiert, wenn man eine Katze eine Katze nennt. Unsere gesohätzeu Leser worden auf dl« uchhandlung Herrn. Tüohner (»lohe Inserat) ssondera aufmerksam gemacht, wo all« Schulllcher für Volks-, Haupt-, Mittel- und Fach-;hulen, auch antiquarisch, zu sehr mäßigeu reisen erhältlich sind. Leihbücherei eröffnet, ebtthr 10 Groschen täglich, Eü®-Ae#kfiaftoJ &4UJräjjb £ 1 "" Der Gründungskongreß der N. Z. O. Wenn man sich Samstag abend« dem Wiener Großen Ronzerthaussaal näherte, um der Eröffnungssitzung des Gründungskongresses der N. Z. 0. beizuwohnen, mußte man unwillkürlich an zwei Bilder denken: Für den am XIX. Kongreß der Zionistischen Weltorganisation in Luzern Teilnehmenden mußte zunächst das gewaltige Bild dieses Kongresses vor Augen stehen, das Bild der Vereinigung aller schöpferischen und konstruktiven Kräfte der jüdischen Renaissancebewegung, das einen noch lange nach Beendigung dieser historischen Luzern er Tagung in Bann hielt. Von den Giebeln des ln klaren Linien geharnten Luzerner Kongreßhauses flattern mächtige blau-weiße Fahnen. An der Stirnwand prangte ein riesengroßes Transparent, welches weit über die Ufer des wunderschönen Vierwaldstättersees in hebräischen Lettern kündete, daß hier der XIX. Kongreß der Zionistischen Weltorganisation, idais Parlament des jüdischen Volkes, seine Tagung abhält. Und im Saale selbst ist im Rahmen von 500 Delegierten, legitimen Vertretern von über 1 Million organisierter Zionisten aus allen Teilen der Welt, die Führerelite des schöpferischen Judentums versammelt, anerkannt, begrüßt und beglückwünscht von den Vertretern der mächtigsten Regierungen und Instanzen der Erde. Es war das wirkliche Parlament des jüdischen Volkes. Und an ein zweites mußte man an diesem Samstagabend vor den Toren des Großen Konzerthausaaaleß denken: In demselben Saale tagte vor zehn Jahren der XIV. Kongreß der Zionistischen Weltorganisation. In diesem Saale erschien Wladimir Jabotinsky, derselbe Mann, der beute den Weg , der Losreißung von der Mutterorganisation betritt, vor dem ver stammelten jüdischen Weltiparlamente. Unvergeßlich bleibt die Szene, , da Wladimir Jabotinsky, nachdem er im Jahre 1928 nach dem Karlsbader Kongreß die Zionlatiaoho Exekutive verlassen, zwei Jahre später, im August 1925, im Wiener Kouzerfchaussaal die Worte sprach: „Als Baal Teschuwah stehe ich hier vor euch.“ Die Rückkehr Jabotinskys. in die Reihen der Herzlßchen Organisation war vollzogen. Nach den ernten Minuten, die man als vorurteilsloser Beobachter der Zeremonie der Eröffnungssitzung des Gründungskongresses der N. Z. 0. beiwohnte, wird mau das Gefühl nicht Jos: Es wird auch diesmal einen Tag der Rückkehr geben. Die ganze Versammlung an diesem Samstagabend im Wiener Großen Konzerthaussaale bot, bei allen krampfhaften Versuchen, die Tradition des so umkämpften und verlassenen alten Herzischen Kongresses nachzuahmen, ein etwas deprimierendes Bild. Nicht ein bißchen Glanz war dieser Sitzung verliehen, nicht einmal die äußere Aufmachung, die man bei den Revisionisten in einem gewissen Maße doch voraussetzen durfte, boten irgend welche changierende Momente. Weder die Begrüßungen noch die Ansprachen der Delegat Ions Vertreter, noch das stundenlange große Referat Wladimir Jabotin&kys, konnten selbst einem wohlwollenden Beobachter etwas Neues oder Interessantes sagen. Übrig blieb ein Gefühl des Bedauerns, daß so viel Energien in Nichts zerrinnen. Der Gründungskongreß der N. Z. 0. hat in seinem ernten Schritt vor die jüdische Weltöffentlichkeit nicht jene Resonanz gefunden, die von den Kreisen der N. Z. 0. erwartet wunde. An diesem Eindruck können weder die Beratungen der nächsten Tage, noch die organisatorischen Arbeiten dieser neuen Körperschaft etwas ändern. Auch Jabotinsky® großangelegte Rede, die in Anlehnung an das berühmte, auf den ersten Zioniistenkongressen traditionelle „Nordausehe Referat« eine Analyse der Situation des jüdischen Volkes, eine rekonstruktive Betrachtung der jüdischen Situation von gestern, geben sollte, war, von wenigen Stellen abgesehen, wenig mehr als —- eine Wiederholung seines einige Monate vorher in demselben Konzerthauficaale gehaltenen Vortrages. „Die Neue Zionistische Organisation“ erklärte Jabotinsky — „trete nicht zusammen, um mit jemandem zu konkurrieren oder non etwa mit anderen, für Palästina wirkenden Körperschaften Kampf zu führen, sondern im Gegenteil, Der Gründungskongreß der N. Z. 0. entbiete den eben jetzt ln Luzern tagenden Körperschaften die besten Wünsche zum Erfolg ihrer Arbeiten. Was die N. Z. 0. wolle, ist ganz was anderes, viel Höheres, viel Größeres, viel Erhabenderes.“ Was die N. Z. 0. wirklich wolle, mit welchen Methoden die N. Z. 0. all ihre Ziele durchführen wolle, hat man an diesem Abend allerdings nicht erfahren. Von romantischer Schwärmerei muten eeine Worte an, die von den 700.000 staats-ziontetischen Votanten erzählen, die beschlossen hätten, die Gliederung und Zusammenfassung des zion-treuen Judentums auf® neue und auf neuer Grundlage durchzuführen. Von einiger Überheblichkeit war die nächste Feststellung, daß der Kongreß „i m Aufträge d e r g r ö fiten Wählerzahl in der Geschichte der jüdischen Parlamente z us am mentret e.“ „Der Kongreß der N. Z. 0.“ — sagte Jabotinsky — „versammle eich in einer Zelt, die drei verschiedene Perioden beschließt: das Jahrhundert bürgerlicher Emanzipation, fünfundfünfzig Jahre jüdische Nationalbewegung, davon zwei Drittel im Zeichen des politischen Zionismus, und schließlich fünfzehn Jahre Kooperation mit Großbritannien als Mandatar Palästinas.“ Aus den drei Erfahrungen dieser Perioden will Jabotinsky die Konsequenzen ziehen. Nachdem er die Emanzipation, den Versuch, die Frage des jüdischen Schicksals durch gesetzliche Gleichberechtigung und kulturelle Assimilation zu lösen, analysiert, die Hoffnungslosigkeit des gegenwärtigen Zustandes aufwies und das Auslöschen der letzten Illusion als besiegelt bezeichnet, fuhr er fort: „Das Leben der Diaspora, vor allem die Wirtschaft der Diaspora, scheint in der ganz konkret absehbaren Perspektive für die Juden keinen Platz mehr zu haben. Das sei der Sinn eines Jahrhunderts, welches mit zwei verschiedenen Namen beginnt, die aber beide von hochsyrobolischer Bedeutung sind: Am Anfang dieser Entwicklung stehe der Tod Moses Mendelssohns und am Ende « gimraHyami.-a«ianinimmini UMiiiiiimiiiiimiiuiiiiiiutiitiinmmitiiumiitimiiiiiiiiitttiiiimimimtimtiuiiiiiiiimiitmiiim Kauft Schulbttcher Für Eure Kinder Im Antiquariat Hermann Tuchner Wien, II., Ecke Taboritraße 32 Volksschulen, Lehrbücher in den richtigen Auflagen fUr: Hauptschulen, Mittelschulen und alle Fachschulen Auoh ANTIQUARISCH in größter Auswahl zu sehr mäßigen Preisen. Verzeichnisse kostenlos, spesenfreie Zusendung überallhin. FÜR AUSKÜNFTE: TEL. R 41-4-20 der Tod Alfred Dreyfus’. Zwischen diesen zwei Namen lebte die Philosophie der Golusgescbichte. Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis sei der Vollexodus clor Juden. Nicht korrektiv zur Diaspora in dev Form einer Musterenklave in Palästina, sondern Liquidation der Diaspora: Exodus aller Helnmtbedürfti gen, was letzten Endes vermutlich nicht weniger bedeute, als die Liquidation der Galnth. Vielleicht sei dies sogar ein sehr bescheidenes Ziel: das jüdische Volk nur — zu normalisieren. So normal, wie etwa die große französische oder die kleine dänische Nation es sind. Alle im eigenen Staate; alle frei; und keinn Diaspora. Das sei die Aufgabe, durch den Zwang der Wirklichkeit bestimmt. Auch der Judensfcaat sei nicht Endziel. Der Judenstaat ist nur der ersto Schritt im Prozeß der Verwirklichung eines von Jabotinsky an diesem Abend neuge-'' prägten Wortes „H o c b z i on i s m u s“. Dann erst werde der zweite Schritt folgen: Die Heimkehr des Volke«, „Schiwath Zion“, der Exodus, die Lösung der Judenfrage. Und da das Endziel bekanntlich bei den Revisionisten seit jeher eine große Rollospielt, so werde das letzte, endgültige Endziel des Hochzionismus, ak wirkliches Endziel, wie Jabotinsky sagt, wahrscheinlich, ■erst in der dritten Stufe In den Vordergrund kommen. Dange noch nach Mitternacht aetat Jabo* tinsky seine Rede fort, Die Eröffnungssitzung Samstag den 7, September wurde im Großen Konzerthaueeaal der Gründungskongreß der Neuen Zionistischen Organisation eröffnet. Etwa. 150Q Menschen dürften den Konzerthaussaal gefüllt haben, als der Vorsitzende, Wladimir Jabotinsky, das Wort zur Eröffnung ergriff. Jabotinsky begrüßte die österreichischen Behörden, die Vertreter der polnischen, bulgarischen, jugoslawischen, rumänischen, Gesandtschaften, sowie die Delegierten. Hierauf übernahm als Alterspräsident der amerikanische Zionist Jakob de Haas den Vorsitz, der eine längere Ansprache hielt. Namens des österreichischen Bundeskanzlers begrüßte der Vorsitzende des Österreichischen Wanderungsamtes den Kongreß, namens der Wiener Israelitischen Rultusgemeinde Kultusvorsteher Dr. Graubart. Es. folgte hierauf eine Reihe von Begrüßungsansprachen der Vertreter der einzelnen Länderdelegationen. Hi seinem mehrstündigen Hauptreferat stellte Jabotinsky fest, daß der Versuch, die Tragik des jüdischen Daseins durch gesetzliche Gleichberechtigung und kulturelle. Assimilation zu beseitigen, auf allen Gebieten mißlungeu m. Die letzte Illusion der Assimilation sei ausgelöscht.. Der heute drohenden Weltlawine stehe das Judentum in jedem Sinne ungerüstet gegenüber. Eine hemmende Verwaltung In Palästina, eine zwerghafte Organisation, kleine Ziele —■- das seien die Motive, die ihn und seine Leute nach Wien gebracht haben. CHULBOCHER fm tfolk$<( Haupt« und Mittelschulen, neu und antiquarisch m den vorgeschrfebenen Auflagen in der Buchhandlung M. Rath, Wien, II., TaborstraOe SOA. Telephon R 45-303 Ankauf und Umtausch antlquarl« adiar Büoher zu höchsten Preisen Nur „Ho eh Zionismus#, das Ziel Neuen Zionistischen Organisation, zeige dei\ Weg zur Lösung. Die Neue Zionistische Organisation soll keine vereinsartige Organisa-t tion bilden. Was wir hier begründen — sagt Jabotinsky —■ ist der Keim eines fconsti-r tuierenden jüdischen Volkes. Nicht Mitgliei der, sondern Bürger will diese Organisation, Jeder Jude sei ein Bürger, so lange er selbst, nicht auf seine Bürgerrechte verzichte. Es!’ müsse binnen einigen Jahren eine neue Na«"1 tionalversammlung stattfinden, die dann di<& „Weltgemeinde des Zionjudentume“ prokla/ mieren werde. Im folgenden entwickelte Jabotinsky daA Arbeitsprogramm der Neuen Zionistischen» Organisation, das im wesentlichen nichts anderes als die alten zionistischen Postulato enthält, wie: Änderung de/ Verwaituiigsmethoden des Mandatare, Boden-- refonn in Palästina, eigener Schutzzoll füll, palästinensische Industrie, Öffnung des Ost*' jordanlandes; schließlich empfiehlt er dia Aufnahme eines Zehnjahrplanes, des) durch die Mobilisation des Weltgewiesens —* Petitionsbewegung —«• vorbereitet werde»! soll. Der Arbeitsplan, den Jabotinsky vor« legt, muß natürlich eine ganze Reibe von» Tätigkeitsgebieten umfassen, wie die Verteil lung der Jmmigrationszertiflkate und älm< liehe mehr. Jabotinsky warnt aber schon! heute davor, daß diese Alltagssorgen allein den Sinn und die Berechtigung ihrer Exif stonz abgeben sollen. Ihre Mission hejßtj „Hochzionlsmue“ und aus ihrer Auffassung wird sich auch die Stellung zum Mandatar, ergeben, eine Stellung, die turmhoch über den üblichen banalen Formen, wie Loyalität oder Opposition, stehe. Die deutsche Judenfrage. Zu der Frage der deutschen Juden verlas Jabotinsky eine Erklärung, wonach die neue! Bewegung das Dritte Reich nicht mi! Deutschland identifiziert. Die neue Rewe-» gang wird alle Anstrengungen machen, um alle Kräfte des jüdischen Volkes, in den Kampf gegen das Dritte Reich führen, zusammenzufassen, zusammen auch mit allen jenen nichtjüdieohen Bewegungen, die