Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 482 (10.9.1935)
- Date
- 1935-09-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 433 — 10. September 1035 eti ttiMMi $•!»• 3 Feierliche Schlußsitzung des XIX. Zionistenkongresses in Luzern Diese Nachtsitzung von Dienstag, dem 3. September, auf Mittwoch, den 4. September, wird wohl jedem Teilnehmer stets vor Augen bleiben. Es war die denkwürdige Schlußsitzung des XIX. Zionistenkongresses. Vielleicht die denkwürdigste der langen Reihe der Nachkriegskongresse. Sie unterschied sich im selben Maße von ihren letzten Vorgängern, so wie sich der ganze Kongreßverlauf im positiven Sinne von seinen Vorgängern abhob. Es sprachen die führenden Männer, die vom Volke Gewählten, Sokolow, Weizmann, Ussischkin, Ben Gurion, — man hörte die Stimme der Verantwortung. Die historische Bedeutung dieser Stunde trat deutlich hervor. Und diese Stunde, in den letzten zwei bis drei Tagen immer wieder hinausgeschoben, und immer wieder mit größter Spannung herbeigesehnt, war der harmonische Abschluß des vierzehntägigen schweren, harten, aber doch fruchtbaren Arbeitens. Die Stunde besiegelte einen Kongreß, der ein Kongreß des Friedens und der Arbeit war. Der Gedanke des Friedens, der Gedanke der Arbeit, der nüchternen, harten, realen Arbeit, die einzig und allein das Attribut schöpferisch verdient — das waren die Eckpfeiler dieses Kongresses und sie fanden in den Worten der Schlußredner ihren Ausdruck. Die Atmosphäre des vollbesetzten Hauses war von Optimismus erfüllt. Vierzehn Tage nach der feierlichen Eröffnungssitzung im Luzerner Kongreßhaus, in der Spannungsreichen Erwartung der Hoffnung und Bangigkeit dessen, was dieser Kongreß bringen werde, bot an diesem Dienstagabend des 3. September der Kongreßsaal ein Bild voll Schönheit und Glauben. Noch ist die Distanz zu den Resultaten dieses Kongresses eine zu geringe, um sie in ihrer ganzen Bedeutung und Wesenhaftigkeit abschätzen zu können. Jeder aber konnte mit sich das Gefühl nehmen, an diesem Abend, an dieser Schlußsitzung Zeuge eines großen Ereignisses gewesen zu sein. Friede wird nicht durch Resolutionen geschlossen — sagte einer der Schlußredner. Aber hier in dem Saale war die ganze Atmosphäre vom Willen zum Frieden erfüllt. Es war eine Friedenskundgebung, die ihre Lichtstrahlen bis in die kleinsten Siedlungen der Juden schicken wird. Der XIX. Zionistenkongreß in Luzern konnte nicht würdiger und erhebender, als mit der Manifestation des alle Teile der Bewegung umfassenden Schalqm beschlossen werden, mit jenem inhaltsvollen Schalom, den vier zehn Tage vorher der jetzige Ehrenpräsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency, Nahum Sokolow, in seiner Eröffnungsansprache den Nahen und Fernen in Israel entboten hat. Im Zeichen des Schalom begann der XIX. Zionistenkongreß in Luzern, im Zeichen des Schalom wurde er geschlossen. Die SchluAansprachen Voller Rührung und voll abgeklärter Weisheit waren die Worte des Ehrenpräsidenten Nahum Sokolow, der vom Kongreß nicht nur mit dieser hohen Ehrung, die vor ihm nur einem David Wolffsohn und Baron Edmonde Rot.hs c h i 1 d zuteil geworden ist, ausgezeichnet, sondern auch mit der neugeschaffenen Präsidentenstelle des Keren Hajessod und der Leitung der den Namen Bialiks führende^'.'.. neugegründeten Kulturorganisation betraut wurde. Es konnte keine bessere, glücklichere Wahl getroffen werden. Es ist der einzige und der würdigste an diese Stelle gesetzt worden. Sokolow, dieser weise Führer in Israel, ist nicht der Mann, der eine Ehrenpräsidentenstelle als Ruheposten betrachtet und so versicherte er auch in seiner von seelischer Ergriffenheit erfüllten Ansprache, daß er sich der Reorganisation des Keren Hajessod sofort nach Schluß des Kongresses widmen wolle. Sokolow sprach über seine neue Mission als Leiter der gesamten zionistischen Kulturarbeit und erklärte seinen Willen, sofort nach Schluß des Kongresses mit der Organisierung dieser Kulturarbeit in einer Reihe wichtiger Länder in der Diaspora zu beginnen. Er begrüßte den anwesenden Dichter Schalom Asch als Mitarbeiter und versprach, aktiv auch an der geistigen und seelischen Renaissance des jüdischen Volkes mit derselben Begeisterung mitzuarbeiten, wie er bis jetzt an der politischen und wirtschaftlichen mitgewirkt hat. Vorsitzender des A. C, Ingenieur Ussischkin i[mit lebhaftem Beifall empfangen) führte aus: Wir trennen uns heute und gehen auseinander. Der glücklichere Teil geht nach Erez Israel, der weniger glücklichere wird eich in die Länder der Galuth zerstreuen. Ich fühle die Pflicht, Euch hier, meine Meinung zu sagen, damit Ihr sie denen weiter gebet, die euch entsendet haben, und den Zehntausenden, die hinter den Schekelzahlern stehen. Wir gehen aus diesem Saale mit der klaren Erkenntnis, daß wir die Hauptpflicht erfüllt haben, um derentwillen wir hierhergeschiokt wurden. Zwei Meirim, Mair Jaari und Meir Großmann, haben hier gesprochen, aber sie haben uns den richtigen Weg nicht erleuchtet. Die große jüdische Welt, welche keine Programme, keine Proklamationen kennt, die einen einfachen und gesunden Instinkt hat, wird verstehen, daß wir den Erfolg hatten, die Zerplitterung in unseren Reihen zu überwinden. Vor uns steht jetzt eine neue Exekutive, richtiger eine erneuerte, vor uns ein ueuer Präsident, richtiger Alt-Neuland. Exekutiven kommen und gehen; Präsidenten kommen und gehen, aber die Zionistische Organisation steht ewig. Wenn wir heute hier den Weg gefunden haben, zwar nicht gähzlicb Frieden zu schließen, aber den ersten Versuch dazu zu machen, so ist es ein großer Erfolg, daß Raw Fischmann neben Jizchak Grünbaum sitzt. Wir haben unser Ziel, die Befreiung des Volkes und den Aufbau des Landes, in den Mittelpunkt unserer Arbeit gestellt. Boden, . A 1 i j a h, B i n j a n, Gegnerschaft gegen! den Legislative Council — das sind gemeinsame Ziele, die uns vereinigen. Wenn ich auch der Gruppe B der Allgemeinen Zionisten angehöre, so bedaure ich nicht, daß jener Flügel (Redner deutet nach linke) so groß und stark ist. Ich wünsche euch, Ihr möget zum nächsten Kongreß doppelt so stark kommen. Ich bedaure, daß der andere Flügel schwach ist infolge von Gleichgültigkeit, ich wünsche ihm, daß er zweimal und dreimal so stark in den Kongreß zurückkehre. Wir haben hier eine Einigung zu verzeichnen, die sich in der Wahl der Exekutive ausdrückt. Aber diese Einigung besteht gegenwärtig nur auf dem Papier, aus ihr kann durch die Zusammenarbeit, wenn die Gewählten es nur verstehen, eine seelische, eine faktische Einigung werden. Vor einigen Tagen traf ich Dr. Weizmann und er sagte mir, daß es nach dem Kongreß seine erste Aufgabe in Erez Israel 6ein werde, den ganzen Jischuw zu einet bauenden Körperschaft zu vereinigen, und er bat um meine Hilfe. Er brauchte mich nicht darum zu bitten. Wir müssen wissen, daß Einigung und Friede nicht durch Beschlüsse und Resolutionen, sondern durch Tat, Arbeit, Wahrheit, innere Überzeugung von der Notwendigkeit dieser Einigung herbeigeführt werden. Eure Taten werden euch der Einigung näher bringen die das Volk erhofft. Ich glaube an euch, Ihr Delegierten, möget Ihr auch verschiede nen Parteien angehören. Unser neuer Präsident war jetzt durch vier Jahre in der Golah. Er hat sich aber der Arbeit für den Zionismus nicht ent zogen und hat große und wertvolle Arbeit geleistet. Bei aller Verschiedenheit der Meinungen, die unter uns bestehen, ist jeder von uftB, wo immer er stehen mag, ein er gebener Diener der Organisation und muß sich allen ihren Forderungen unterwerfen. Ich wende , mich jetzt an jene, die uns verlassen haben. Sie haben sich gegen Vater und Mutter versündigt. Ein Haus, an dem man vierzig Jahre gebaut hat, verläßt man nicht. Wir haben heute einen neuen Präsidenten gewählt. Er kann sicher sein, daß die Zioni steil, die verstehen, was Verantwortlichkeit heißt und was der Staat unterwegs bedeutet den Befehlen gehorchen werden, die er uns im Namen des Kongresses erteilen wird. Seine Pflicht ist es, auf alle Teile der Orga nisation zu achten, nicht nur Lehrer und Führer, sondern auch Schüler der ganzen Organisation zu sein, das lebendige Empfinden und Fühlen zu verstehen, das in allen Teilen der Organisation und in allen Teilen des Volkes existiert. Bei deinem gesunden Gefühl wirst du es verstehen, den richtigen Weg zu finden, und dann wird deine Präsidentenschaft für dich das größte Aktivum sein. Politische Erfolge sind Sache des Glücks, nicht des Talentes. In unserem Lager war dieser Mann (blickt auf das Herzl- Bild) ein großer Mann, aber er hat nichts erreicht. Nicht er war daran Schuld, sondern die Konjunktur. Was man vom Führer verlangen kann, ist, daß er im Innern Glück habe, daß die ganze Organisation an ihn gebunden sei, daß er das wahre Symbol des Strebens des Volkes darstelle. Wir hatten eine Exekutive der Linken und sie hat große moralische, Kraft bewiesen, nicht nur weil sie eine geeinte Körperschaft ist. Der gesunde Instirikt dieser Menschen, ihre Liebe und. Hingabe, ihr Gefühl für die ewige Wahrheit des Zionismus forderten von ihuen manchen Verzicht auf die Äußerungen ihrer Macht. Es ist ihnen gelungen, d i e Kräfte des ganzen Volkes zu gemeinsamer Arbeit zu vereinigen, und wir haben ihnen zu danken. Sie haben mich geehrt, indem Sie mich zum Präsidenten des Aktionskomitees und zura. Nachfolger unseres Motzkin machten. Ich habe dieses Amt angenommen, nicht angenommen habe ich die Berufung in die Exekutive. Es sind zwölf Jahre her, daß ich Die letzten Arbeitstage des Kongresses Die letzten drei Tage des Kongresses waren der Erstattung der Berichte der einzelnen Kommissionen gewidmet, deren Resolutionen wir bereits veröffentlicht haben. In der Frage der Organisation behalten wir uns noch unsere Sfcellungsnahrae für die nächste Nummer vor. Wie immer wurden die Kommissionsberichte in fieberhafter Arbeit durchberaten und zur Beschlußfassung dem Plenum zugeführt. Nur die Wahl der Exekutive mußte immer wieder durch Parteienverhandlungen hinausgeschoben werden. Noch Montag nachts gegen zwei Uhr war das Luzerner Kongreßhaus hell beleuchtet. Eine Kommission jagte die andere. Allgemein würde erwartet, daß diese Nachtsitzung bis m die frühon Morgenstunden andauern und traditionellerweise die Schlußsitzung in der Wahl der Exekutive beim Morgengrauen stattflnden werde. Allein der Kongreßpräsident, Prof. Weizmann, hatte im stillen eine kleine Revolution durchgoführt, indem er keine Nachtsitzung anberaumte. Die Moptagnachtsitzung war die einzige, die bis zwei Uhr früh dauerte — und so wurde die Schlußsitzung auf den Dienstag verschoben. Aber auch während dieses Tages gab es immer wieder anberaumte Plenarsitzungen und ebensoviele Verschiebungen. Für halb vier Uhr nachmittags war die Schlußsitzung festgesetzt. Dem versammelten Plenum teilte der Vorsitzende Dr. Mossimsobn mit, daß das Plenum um sechs Uhr abends endgültig zur Schlußsitzung zusammentrete, um halb sieben Uhr das versammelte Plenum bis neun Uhr abends zu vertagen, bis schließlich um 10 Uhr abends die Schlußsitzung des 19. Kongresses mit der Wahl der Exekutive ihren Anfang nehmen konnte. Sie dauerte bis ein Uhr morgens. Die Tradition der Nachtsitzung wurde vom Kongreßpräsidenten wohl durchbrochen, aber von den Kongreßdelegierten und Gästen auch nach Schluß des Kongresses hochgehalten. Denn noch lange, lange nachher, bis in die frühen Morgenstunden, drängten sich in den Couloirs und in den weiten Räumen des Kongreßrestaurants das Volk, das in freudigster Stimmung das Ereignis besprach und feierte. Es war ein Abschluß eines Kongresses, wie man ihn bei keinem der letzten Jahre erlebt hat. aus der Exekutive ausgetreten bin, und während dieser zwölf Jahre habe ich} wie ich glaube, ein Beispiel gegeben, wie man für die Bewegung arbeiten kann. Eine Aufgabe sehe ich für mich in der Exekutive, der richtige „Schadchen“ zu sein für gemeinsame Arbeit. Wenn es mir gelingen wird, die Menschen dahin zu führen, daß sie sich vereinigen, dann werden alle meine Wünsche erfüllt sein. Ich wünsche der neuen Exekutive, daß sie Glück habe zum Wohle des jüdischen Volkes! (Lebhafter Beifall.) Ben»Gurlon umriß die Rolle der Arbeiterschaft beim Aufbau Palästinas und wies auf die Opfer hin, die die Arbeiter im Interesse der Geschlossenheit der zionistischen Bewegung gebracht hätten. Präsident Dr* Weizmann, stürmisch begrüßt, dankte zunächst den Behörden der Schweiz für die Gastfreundschaft und der Beamtenschaft für ihfe schwere Arbeit und fuhr dann fort: Und nun, geehrter Kongreß, habe ioh Ihnen persönlich zu danken für das Vertrauen, das Sie mir erwiesen, indem Sie mir das etwas schwierige Amt der Zionistischen Organisation übertragen haben. Ich erinnere mich noch daran, was dieses Amt bedeutet, und deswegen erlaube ich mir, zu sagen, daß es etwas schwierig ist. Aber bevor ich weiter auf einige Bemerkungen eiugehe, möchte ich dem scheidenden Präsidenten, dem jetzigen Ehrenpräsidenten der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, der auch wichtige Funktionen für die Arbeit übernommen hat, Glück wünschen zu seiner neuen Arbeit. Mögen ihm noch viele JahrO fruchtbarer Arbeit gegönnt werden, und ich hoffe, daß er uns, der neugewählten Este- ’<utive und dem neugewählten Präsidenten den Vorteil ßeiner Erfahrung und seiner Weisheit nicht versagen wird. (Lebhafter Beifall.) Meinem Freunde L o kk e r, der diese Exekutive verläßt, wünsche ich Glück, für seine Arbeit, jetzt, wo er wieder in den Reihen steht. Ich hatte die Möglichkeit und die Gelegenheit, ihn an der Arbeit zu sehen, und ich kann nur sagen: Locker ist jung, er wird zu uns bald wiederkommen. (Lebhafter Beifall.) Ich danke den M a j o r i t ä ts- und den M i n o r i t ä t s- Parteien, die durch ihre mustergültige Haltung während des Kongresses — manchmal, wie ich gehört habe, zu mustergültig — es dem Präsidenten erlaubt haben, den Kongreß mit einer verhältnismäßig kleinen Anspannung der Kräfte zu Ende zu führen. Für mich war die Haltung gerade der Oppositionspartei ein Zeichen unserer politischen Reife und des bedeutenden Fortschrittes. Ich wünsche der Oppositionspartei, daß sie einmal zur Regierungspartei wird. Vielleicht wird sie dann sehen, daß diese Unterschiede, welche nur daraus fließen, daß bei einem die Geduld länger dauert und beim anderen kürzer, nur Unterschiede in der Geduldintensität, nicht im Wesen der Sache sind. Und so hoffe ich, daß die Oppositionsparteien die Rolle f re u n d li c h e'r-Kritik e r der Arbeit spielen werden. Geehrter Kongreß! Es ist üblich, in dieser letzten Ansprache däs zu summieren, auch zu resümieren, was der Kongreß geleistet hat. Ich werde dieser Tradition nicht folgen, erstens weil schon einige Redner es zum Teil getan haben, und zweitens, weil ich nicht wieder der Tradition folgen will, den Kongreß 2 oder 3 Uhr morgens zu beenden. Ich möchte ihn noch in einer halbwegs frühen Stunde zu Ende führen. Aber eine Tatsache vielleicht kann diesen Kongreß als einen bedeutenden bezeichnen, und das ist die Einigung, die Brücke, die zwisch e n zwei Welten auf diesem Kongreß geschlagen wurde, mit einer Toleranz und einem Entgegenkommen, fürdae-beide Seiten zu beglückwünschen sind. Und ich hoffe, daß das seinen Stempel dem Leben im Jischuw aufdrücken wird. Es gibt im Judentum einen großen Teil — ich will ihn nicht messen —, der so eingestellt ist wie unsere Freunde im Misrachi. Sie haben ihren Beitrag zum Aufbau zu geben und sie geben ihn und sie sollen ihn