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Die Stimme · 1935-09-06 · Heft 481 (6.9.1935) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 481 (6.9.1935)
Date
1935-09-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nt '481 — 6. September 1935 Dli STIMM! Seit« 3 ier [ linniiii Bilsendorferstr. 12 (Musikverefn) Tel. U 46-4-37 I., Hlmmelpfortgasse II Telephon R 28-1-75 26. Schuliaht Direktion i Prof. Josef ReHlor Unterricht ln Gesang, Klavier und allen Orchesterinstruinenten von den ersten Anfängen bla zur ktlnstlerischen Ausbildung. Eigene Kinder« Abteilung. Anmeldungen und Aufnahmeprüfung tflglich vor- und nachmittags ausschlleBUcn Im Musikvereinsgebäude, I., BOsendorfcrstraße 12 Austritte aus dem Judentum Ein Mann, desson Namen in der Austritt slisto veröffentlicht worden iat, hat uns eine Berichtigung geschickt, in der er erkliirt, er sei nicht aus dem Judentum ausgetreten, was er nicht könne, da seine beiden Eltern Juden sind — sondern er sei aus dom Verband der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten. Man könnte einfach erwidern, daß die Kultusgcmoinde vor der jüdischen und nichtjüdisehon Öffentlichkeit als der Vertreter der Judenschaft gilt und daß demnach der Austritt aus der Gemeinde auch der Austritt aus dem Judentum ist. Trotzdem aber soll auf die Angelegenheit näher eingegangen werden, weil uns hier die immerhin neuartige Erscheinung entgegentritt, daß jemand die Hitlersche Rassentheorie für sich adaptiert. Er erklärt, „für mich ist das Judentum eine blut-mäßige be dingte Nation, der ich angehöre, auch wenn ich die Religion verlasse“. Es handelt sich hier aber weder um das eine oder das an dore, sondern einfach um den Bruch der Solidarität, in einer Zeit, in der das Juden tum gerade auf die Zusammengehörigkeit und ihr Bekenntnis Wert legen muß. Gew'iß ist auch daran zu denken, daß die so hart ringende Gemeinde, die ein volles Drittel der Wiener jüdischen Bevölkerung in ihren Für Sorgekatastern zu führen gezwungen ist nicht in ihren Steuereingängen verkürzt .werden darf und daß sie den Austritt auch nur eines Steuerzahlers, der gewöhnlich ein paar andere nach sich zieht, verspürt. In der Mehrzahl handelt es sich ja bei den Austritten-um solche finanzielle Gesichtspunkte Aber es geht nicht an, daraus auch noch eine Tugend zu machen und sich als nationaler Jude auszugeben. Wer aus dem Judentum austritt, ob er nun die Taufe nimmt oder sich bloß konfessionslos erklärt, setzt damit einen Willensakt. Er bekundet, daß er das Band zwischen sich nis heraugezogen wird, um dahinter den Abfall zu verstecken. Wir können nicht gestatten, daß die Hitlersche Theorie in irgend einer Form auf das innere jüdische Leben projiziert wird. Wer die jüdische Religion öffentlich ablegt, legt das Judentum überhaupt ab. Es ist ein rabulistisches Unterfangen, eine Trennungslinie zwischen Nation und Tradition naehweisen zu wollen. Beide gehören untrennbar zu einander. Es ist Sache des einzelnen, welches Moment er stärker betont wissen will, aber er hat kein Recht, das eine oder das andere zu verleugnen. Es sind unzerreißbare Bestandteile des Volkstums und diese Erkenntnis ist so tiof, daß auch der sozialistische Sprecher Kaplansky in der Sabbath - Debatte auf dem Luzerner Kongreß erklärt hat, „die Arbeiterschaft Palästinas wolle ein national-traditionelles Leben führen“. Es ist gewiß eine Zeitlang Mode gewesen, mit den Ergebnissen der modernen Religionsphilosophie, der historischen Forschung und — der Rassentlieorie zu prunken und das oder jenes als groteske Antiquität zu verwerfen. Das mag jeder für sich tun, da man niemandem ins Herz schauen kann. Aber von der privaten Meinung zu einem öffentlichen Akt muß ein sehr weiter Weg .sein. Das Volk weiß dies sehr genau und man kennt seine Aussprüche über die Weggehenden. Aber alles dies beiseite gestellt — wie kaim jemand, der behauptet, nationaler Jude zu sein, in diesen Tagen »sich abseits stellen? Ein Pazifist im Schützengraben ist an sich ein Unding; wenn er seine Pflicht nicht tiut, so bringt er seine Kameraden in Gefahr. Wer heute das Judentum unter diesem oder jenem Vorwand, verläßt, läuft von der Fahne wog. Er schaltet sieh aus der Kette aus, die aus einer grauen Vergangen heit durch eine harte, aber stolze und ehrenvolle Geschiohto in die Zukunft läuft. Das mag für ihn wertlos sein. Dann vollziehe er wenigstens den Abfall vollständig und berufe sich nicht auf die Wutmäßige Verbindung mit den Eltern, die Juden geblieben sind und in ihrem Stolz mit dem Zeitgeist kein Kompromiß schließen. Juden in staatliche Ämter berufen Ministerpräsident Mussolini hat Doktor Guido Segre, ein bekanntes Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Turin, zum Vorsitzenden des Rates für Kohloneinfuhr ernannt. Zum Vorsitzenden deg ncugebildeten Nationalen Amtes für Arbeitslosigkeit in Belgien ist Max Gottschalk, ein bekannter jüdischer Wirtschaftler aus Brüssel, ernannt worden. Billige Bücher bei der Schwedenbrücke, Buchhandlung Schneider & Co., Wien, I., Franz-Josefs-Kai 7, Tel. R 22-0-15« Scholem Alechem: des Milcfi- 1*70 1*70 S 1-90 S 310 270 6-30 „Die Geschichten Tewjes hfintllers“, Leinen (S 7*—) .... „Stempelt ju“, Roman, Leinen (S T—) . Nathan Asch: „Der 22. August“, Roman kart. (8 7*—) Gustav Meyrink: „Der Golem“, Leinen (S 11-—). nur . j ,Das grüne Gesicht“, „Walpurgisnacht“, „Fledermäuse“, jeder Band Halbleinen, nur . „Des deutschen Spießers Wunderhorn“, 2 Halbleinenbände, zusammen nur . Kurt Stechert: „Palästina-Bericht eines Nichtjuden“, Ganzleinenband (S <?•-—), nur , , % Arnold Zweig: „Herkunft und Zukunft“, zwei Essays zum Schicksal eines Volkes. Leinen, nur ..S „Lessing, Kleist, Büchner“, Leinen, nur S „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, „De Vriendt kehrt heim“, „Junge Frau von 1914“, jeder Leinenband (S 14-80) nur . « S jeder Band kartoniert nur . . . . S Besuch&i Sie unsere Buchhandlung. Sie finden die reichste Auswahl an Büchern bester Autoren zu kleinsten Preisen. Katalog gratis und portofrei. E S 1*90 3’— 3-75 4-80 3-50 Anspruchsvolle. Starkbärtige, Empfindliche, Eilige, nehmen nur die sanft-scharfe und dem Judentum zerschneidet. Das Juden tuin ist noch nicht als nationale Einheit an erkannt, nicht einmal in Deutschland, wo doch Jude einfach mit Verbrecher gleichgesetzt ist. Das Judentum wird nur als konfessionelle Gemeinschaft betrachtet und wer sie verläßt, ist nicht mehr Jude. Kann wenigstens bei uns nicht mehr als Jude gelten. Denn er entzieht sich seiner Pflicht als Angehöriger der Gemeinschaft vor denen, die diese Gemeinschaft als Roligions Genossenschaft sehen und seine Abmeldung oben als Austritt zur Kenntnis nehmen. Es mag sein, daß ein rassebewußtor Magistratssekretär sich bei der Lektüre des Formulars denkt, daß ein Jude doch ein Jude bleibt, aber auch für ihn ist vom Standpunkt des Beamten der Austritt ein Austritt. Er wird auch weiter darüber naehidonken, in welcher Religion die Kinder dieses Mannes aufwach.sen und ob sic nicht doch auch Juden bleiben, in einem odiosen, ans Deutschland überkommenem Sinn natürlich. Unser Mann freilich behauptet, sich weiter als Jude zu fühlen, macht aber keinen Gebrauch davon. Wenn er nicht einmal der Kultusgemeinde die paar Schillinge Steuer zahlen wird, wie dokumentiert er sein Judentum? Es ist doch heute die Zeit, wo jeder, der Jude ist, dies zu bekennen und zu beweisen hat. Mit Entschiedenheit aber lehnen wir es ab, daß etwa unser stolzes nationales Bekennt- Maturasdiul^Universum1 Wien# IX., Garnisong. 3. Tel. A 20-4-48 Beginn neuer Tages* und Abendkurse am 15. September Die Judenverfolgungen in Deutschland Eino nicht jüdische journalistische Persönlichkeit. üio als Sonderberichterstatter der .Jüdischen Telegraphen-Agentur in der allerletzten Zeit Deutschland bereist hat, gibt auf Grund unmittelbarer persönlicher Beobachtungen das folgende Bild von der wirtschaftlichen, juridischen und seelischen Situation der deutschen Juden und der Auswirkung dieser Situation auf das gesamte deutsche Leben. Trotz aller Einzelheiten, die über die neue antisemitische Welle in Deutschland bekannt geworden sind, kann doch keine Rede davon sein, daß die Verfolgungen, denen die jüdische Gemeinschaft dort ausgesetzt ißt, andere als nur in den allergröbsten Umrissen bekannt geworden wäre. Die großen Zentren unterliegen noch einigermaßen der Kontrolle der internationalen Öffentlichkeit. Aber die Tragödien, die sich in den abgelegenen Städtchen und Dörfern, zum Beispiel Pojumernß und Ostpreußens abspielen, bleiben schon um derentwillen unbekannt, weil infolge der kleinen in Betracht kommenden Zahl der jüdischen Bevölkerung bei jeder Mitteilung der Gewährsmann unter Umständen ermittelt werden kann und damit den schlimmsten Repressalien preisgegeben ist. Trotzdem gelangen von oppositionellen nicht-jüdischen Personen, die über die Geschehnisse empört sind, Dinge zur Kenntnis cler Öffentlichkeit, die die unter dem schärfsten Terror stehenden Juden nicht mitzuteilen wagen. So wird jetzt folgender geradezu grotesker Vorgang bekanuit: mehr bleiben könnten. Darauf erklärte der eine Jude, daß er Pole sei und sich an seinen Konsul wenden werde. Der andere erklärte, daß er sich schon lange mit der Absicht trage, nach Palästina auszuwandern. Er wurde daraufhin aufgefordert, hiefür Beweise vorzulegen. Nachdem dies geschehen, wiederholte der Bürgermeister nochmals sein Bedauern und wies darauf hin, daß die beiden ihre Geschäfte in aller Ruhe abwickeln könnten, aber sie müßten BaTth verlassen. Verwöhnt« Strohwitwer speisen vorxügllch Im RESTAURANT HOTEL STEFANIE (vorm. Operer) H„ TaborstraBe 12 Telephon H 46-5-57 ■m« Ausgiebige Braten-Menlle S 1*60 ~ V J *„ “ Geflügel- 6 2*80 WW sowie & la Carte, Speisen am Rost Schöner staubfreier Garten In Barth, einer kleinen Stadt in Pommern, gibt es nur zwei jüdischo Familien, die, seit langem ansässig, bei der Bevölkerung immer in gutem Ansehen standen. Vor kurzer Zeit wurde der übliche E u tü s t u n g s s t u r m inszeniert, durch den gefordert wurde, daß der Ort judenrein werde, Das Volk wurdo „versammelt“, die beiden unglücklichen Familienoberhäupter wurden zum Bürgermeister zitiert, Dieser, dem seine Mission selber offenbar nicht gefiel, hielt nun eine schöne Ante p r a c li e, in der er hervorhob, daß den beiden Familien nichts vorzuwerfen Rüi, daß ßio sich iuiniür anständig auf g e führt hätte n, daß sie abor angesichts des v e rt ä r k t o n Boykotts gegen Deutschland und insbesondere mit Rücksicht auf die Vorfälle h ei der Abf ah r t der „B r e m e n“ xea York in Barth nicht Zum Schluß der feierlichen Handlung begab sich alsdann das Stadtoberhaupt an das Fenster und sprach zu der wartenden Menge, die inzwischen „murrendes Volk“ markierte: „Es ist alles in Ordnung, der eine ist Pole und wird sich an seinen Konsul wenden, der andere wird nach Palästina auswandern.“ Damit war allgemeine Zufriedenheit erzielt; die Zeche dieser Komödie wird von den Juden gezahltl Das Auffallende ist dabei, daß es in den meisten Fällen zahlenmäßig ganz unbedeutende Minderheiten sind, die der Bevölkerung von selbst größeren Orion ihren Willen im judenfeindlichen Sinne aufzwingen. Alle Beobachter aus dein verschiedensten Teilen des Reiches stimmen darin überein, daß die antisemitische Propaganda, insbesondere der Stürmer-Leute, sieh übernommen hat und vielfach auf Abneigung, gelegentlich sogar auf Widerstand stößt. Wie einer großen Mehrheit solche Beschlüsse aufgezwimgen werden, zeigt das bisher nicht bekanntge wordene Beispiel der Kurstadt Harzburg. In diesem Orte haben die guten Hotels in weitem Umfange eine jüdische Kundschaft gehabt, die dort gern gesehen war. Sie be obachteten darum mit großer Sorge.die Bestrebungen mancher Orte, sich judenfrei zu machen, und es wurde von jüdischer und nichtjüdischcr Seite alles vermieden, was der antisemitischen Agitation hätte Nahrung geben können. Eines Tages erschienen bei den Inhabern der größeren Hotels vier wenig gut beleumundete Personen und verlangten, daß die Hotels Juden nicht mehr aufuehmen sollten. Der Ort müsse judenrein werden. Auf die lebhaften Proteste der Ho telierg, die auf ihre schwierige Lage hinwieseu und erklärten, daß sie zu mindestens teilweiseu Entlassungen ihrer A ngestellten gezwungen sein würden, wurde kurzerhand erwidert, daß die Naziorganisation auf Ihrem Willen bestehe. Der ganze Ort mußte sich den vier Individuen fügen. Die wirtschaftlichen Schäden werden in solchen Fällen immer erst nachträglich erkannt, und es ist bemerkenswert, daß neben der Vernichtung der jüdischen Existenzen zahlreiche nichtjüdische in den Strudel dieses wirtschaftlichen Unsinns gezogen werden. Erst verhältnismäßig spät ist bekannt geworden, daß als Folge der Unruhen am Berliner Kurfürstendamm, die den dortigen Cafes und besonders auch dem bekannten Caf6 Dohrin schwere wirtschaftliche Einbuße gebracht haben, die nichtjüdische Belegschaft von Dobrin einen geharnischten Protest an die Gauleitung erlassen hat, in dem sie darauf hinweist, wie schwer durch solche Dinge gerade die arbeitende, auf täglichen Erwerb angewiesene Klasse leide. Genützt hat es nichts. Abreisen jeden Sonntag. Rückfahrten am 15. September u. Sl.Okloh« D-Züge. Ptillrawagra und reservierte Plätze Reisebüro „IN DIE WELT» (Dr. S. Tocker) IX./ Liediiensteinstraße 2 — Telephon A 14-504 Thea Kissmann E. Ben-Chaviv Verlobt« Wien, im September 1935 Die Veränderung der seelischen Haltung der Berliner jüdischen Bevölkerung ist in letzter Zeit besondere auffällig. Sie zeigt eich auf wirtschaftlichem Gebiet besonders' etark, da die Unternehmungslust immer geringer wird. Die Auswirkung dieser Einstellung zeigt sich infolge der immer noch engen Verflechtung mit der gesamten Wirtschaft natürlich auch in einem gewissen Nachlassen der allgemeinen Bereitschaft am Aufbau anders als zögernd und widerwillig teilzunehinen. Nur der Umstand, daß es eine Möglichkeit zu legaler. Kapitalabwanderung so gut wiei Bei Appetitlosigkeit, saurein Auf stoßen* schlechtem Magen, Darmverstopfung, Auf-t geblätheit, Stoffwechselstörungen, Nessels ausschlag, Hautjucken befreit das natürliche „Franz-Josef“-Bitter\vasser den Körper rasch von den angesammelten Fäulnisgiften und, regelt sicher die Verdauung. g a r nie h t m e h r g i b t, und daß in ganz Deutschland geradezu krampfhaft nach Möglichkeiten der Geldanlage in S u bs t a n z w e r t e. n gesucht wird, daß es aber nicht möglich ist, sie zu finden und daher alle ersparten Gelder in die Richtung gei drängt werden, dio ihnen dio w i r ts c h af ti liehe Diktatur zuweist, hat bisher den Zusammenbruch der gesamten staatlichen Anlagen, des Geldwesens und der festverzinslichen Werte verhindert. Auf die Dauer erscheint er unausbleiblich und er wird zur Vernichtung; eine« sehr eikubli&hva 44

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