Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 480 (3.9.1935)
- Date
- 1935-09-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite <9 Dü ITIMMI jtt. 4$Ö — 3» Bepfemlief löM Donnerstag abends Nachruf ouf die belgische Königin Nachdem der Kongreß am Mittwoch bis 4 Uhr nachmittags eine Pause gehabt hat, die der Trauer um das Schic ks a 1 der deutschen Juden gewidmet war, und der Mittwochabend und der Donnerstag den Arbeiten der Kommissionen reserviert waren, trat das Plenum des Kongresses am Donnerstag abends zu einer Sitzung zusammen, um die Berichte und Vorschläge der Kommissionen entgegonzunehmen. Zn Beginn der Sitzung sprach der Vorsitzende, während Delegierte und Gäste sich von den Sitzen erhoben, Worte der Trauer und des Gedenkens für die belgische Königin Astrid, die bei einem Autounglück unweit von Luzern den Tod gefunden hat. Das Präsidium des Kongresses sandte der belgischen Regierung telegraphisch eine Beileidskundgebung. Es wurde sodann der Bericht des K u 1turausschusses erstattet, in welchem der ’ Plan der Schaffung eines Netzes hebräischer Kulturanstalten in Palästina und in der ganzen jüdischen Welt entwickelt wird. In dem Bericht des Politischen Ausschusses ist ein Abschnitt dem italienisch-abessinischen Konflikt gewidmet; es wird darin ausgeführt, daß für den Fall des Ausbruchs von Feindseligkeiten in Abessinien eine Auswirkung aufPalästina nicht zu fürchten sei. Dem Bericht des Unterausschusses über das Transferabkommen Deutschland-Palästina ist zu entnehmen, daß in Verfolg dieses Abkommens im Jahre 1934 Waren aus Deutschland' nach Palästina im Werte von 1.400.000 Pfund exportiert wurden und daß für 1935 dieser Export auf 2 Millionen Pfund geschätzt wird. Da Palästina bereits mit deutschen Waren gesättigt ist, müssen Absatzgebiete in Syrien und in anderen Ländern des Nahen Orients gesucht werden, um eine weitere Einwanderung von deutschen Juden nach Palästina ermöglichen. In dem Bericht wird be- Deutschlands Weltkrieg gegen das jüdische Volk ZiU merkt, daß die englische Wareneinfuhr in Palästina im Jahre 1934 etwa 2 Millionen Pfund betraf. Durch das Transfer-Abkommen wurde die Überführung des Vermögens von etwa. 10.000 bis 12.000 Juden nach Palästina ermöglicht.; die Verluste bewegen sich dabei zwischen 10 und 15 Prozent. Außerhalb des Rahmens des Waren- Transfers haben etwa 600 deutsch-jüdische Familien bei ihrer Einwanderung in Palästina je 1000 Pfund in bar mitgebracht. Das Transfer-Abkommen sei auch den zionistischen Fonds zugute gekommen. Da die Ausschüsse noch nicht ganz mit ihren Arbeiten fertig sind und weiter tagen, glaubt man, daß der Kongreß nicht vor Montag, den 2. September, beendet sein wird. Ein Zwischenfall Luzern, 1. September. In der Plenarsitzung des Kongresses Donnerstag nachts, brachte Dr. W e i nstein-von der Judenstaatepartei eine Interpellation in folgender Sache ein: Laut Bericht des „Pariser T a g e - B1 a 1t“ habe Ben G .u r i o n in der Pressekonferenz der Arbeiterfraktion erklärt: ,.Die Jewieh Agency ist die politische Vertretung der Juden und spielt dieselbe Rolle v’.c die diplomatischen Körperschaften anderer Völker. Als Hindenburg starb, hat die Jewish Agency ein Beileidstelegramm an Hitler geschickt, ebenso war es bei Dollfuß’ Tod. Der Ziönistenkongreß ist das Parlament dieser politischen Vertretung. Es ist daher untragbar, daß weiterhin dieser scharfe Ton gegen Deutschland angeschlagen wird. Die Propaganda gegen Deutschland muß abgestellt werden, da man zu diesem Staat gute Beziehungen unterhalten wolle.“ Weinstein fragte, was die Exekutive hierzu zu sagen habe. Ben Gurion erwiderte: Das „Pariser Tageblatt“ hat meine Äußerung e n tstellt wiedergegeben. lob habe riebt« weiter gesagt, als daß die zionistische Bewegung eine Staatsbewegung sei und als solche eine Staatsverantwrtung trage; sie könne sich daher nicht solche jtafievaogea erlauben, wie irgend eine Be« Soeben erschien in den Editions du Carrefour (83, Boulevard du Montparnasse, Paris IV) ein Buch, „D a s braune Net z“, welches auf Grund von Originaldokumenten die erste zusammenfassende Darstellung Uber die Tä tigkeit des Nationalsozialismus und der Gestapo im Auslande gibt. Es ist ein dokumentarischer B er i c h t, der auf gebaut ist auf Akten, Tatsachenberichten, Rundschreiben und Erklärungen der nationalsozialistischen Regierung und der Partei, die in zweijähriger Arbeit gesammelt wurden. Das Buch gibt eine Darstellung aller Organisationen, die im Dritten Reich sich mit Auslands: arbeit beschäftigen. Eis kommt zu dem Schluß, daß das Dritte Reich jährlich 262 Mi il i o n e n Reichsmark für Auslandsarbeit der Gestapo und des Nationalsozialismus verwendet. Eine Liste von rund 600 Propagandisten, Agenten, Spitzeln und Spionen irn Auslände ist beigefügt. Das Buch ist 375 Seiten stark und enthält über 100 Bilder und Dokumente. Es nennt 307 deutsche Zeitungen im Auslande, die unter der Kontrolle von Goebbels stehen. In einem „J u d e n h e t z e a Is Mittel Hitlerscher Außenpolitik“ überschriebenen Kapitel heißt es: Die antisemitische Weltpropaganda hat Rosenberg dem Gauleiter von Franken, Julius Streicher, übertragen. Unter dem Protektorat Rotenbergs hat Streicher die ..A n t i j ü d i ß c h e W e 111 i g a“ gegründet, die am 9. Mai 1935 ihre erste deutsche Veranstaltung in Nürnberg abhielt und in der der Franzose Jean B o i s s e 1 Adolf Hitler als „Titanen“ ira Kampfe gegen daß Weltjudentum bezeichnete. Von Erfurt aus wird eine dreisprachige antisemitische Korrespondenz versandt, der „Welt-Dienst“ — „Service Mondial“ — „World Service“. Sie erscheint 14tä.gjg im Bodung-Verlag und wird von Streichers „wissenschaftlichem“ Beirat, dem Oberstleutnant a. D. Ullrich Fleischhauer (dein bekannten Experten i.m Berner Prozeß) geleitet. Im Titelkopf der Korrespondenz wird gesagt: „Diese Blätter sind bestimmt, unter Nichtjuden von Hand zu Hand zu gehen. Der „Welt-Dienst“ ist nicht auf Gelderwerb eingestellt. Er beabsichtigt vielmehr, die schlecht orientierten Nichtjuden aufzuklären — welchen Staat auch immer ßie ihr Vaterland nennen mögen. Diese Informationen über das Treiben der jüdischen Untenveit gehören zum geistigen Rüstzeug eines jeden Nichtjuden. Sehr erwünscht ist die 'Weitergabe an die gesinnte Presse.“ Der „Welt-Dienst“ wird besonders stark verbreitet in den französischen Kolonien in Nordafrika, in Algier, in Tunis und in Marokko. Diese antisemitische Propaganda geht Hand in Hand mit der Agentenarbeit, die den Marokkanern, den Tunesiern, den Algeriern die materielle Unterstützung Hitler-Deutschlands bei einem Aufstand gegen Frankreich versprechen. Neben dem „Welt-Dienst“ besteht ein Institut zum Studium der Judenfrage, dessen Direktor ein Freiherr von Engelhard ist. gut- 1 Alle die internationalen Organisationen, die Rosemberg ins Leben gerufen hat, mögen sie völkischer, antisemitischer oder antibolschewikischer Natur sein, haben die eine Aufgabe, im Ausland Masohinengewehrnester des Hitlerechen Imperialismus einzubauen. Eine große Rolle epielt hiebei der Volksbund für das Deutschtum im Auslande (VDA.), dem 141 Vereine angeschlossen sind. Besonders intensiv wird die Judenhetze im Elsaß betrieben, der „Welt-Dienst“ geht in Tausenden von Exemplaren ins Land. Bei einer Umfrage ergab sich, daß nicht ein einziger Empfänger das Abonnement bezahlt. An den Kiosken in Straßburg und in anderen elsässiscben und lothringischen Städten sind antisemitische, in Deutschland hergestellte Broschüren in großen Mengen zu sehen. Eine dieser Broschüren trägt den Titel „Das Recht der überlegenen Rass e“, als Autor ist Isaac Blümchen, als Verleger Isidor Nathan Goldlust in Krakau angegeben. Auf der Umsohlagbinde steht die Schlagzeile: „W ir Juden regieren Frankreich!“ Die Broschüre beginnt mit den Worten: „Endlich ist das jüdische Volk Gebieter über Frankreich.“ A1-- Druckerei ist die „Imprhnerie Speciale de Le Combat“ angegeben. Es ist eine Spezialdruckerei in H i tl e r-Deutschland nahe der elsässischen Grenze. Die Pogrome in Nordafrika sind von Hitler-Agenten arrangiert worden. Der Propaganda-Attache Hans Günther von Dinklage bat sich als Sonderbeauftragter der Hitler-Regierung in den französischen Gebieten Nordafrikas aufgehalten, als dort systematisch Judenpogrome vorbereitet wurden. Von den Anslandsstellen der NSDAP, sind bis Ende 1934 mehr als 60 antisemitische Hetzschriften in orientalischen Sprachen, vor allem in arabisch, hergestellt und größtenteils in Französisch- Nordafrika verbreitet worden. Durch eine Indiskretion aus dem Propagandaministerium ist bekannt geworden, daß Dr. Göbbels im Jahre 1934 allein in Französisch-Nordafrika, in Ägypten und Palästina nicht weniger als 3,360.000 Mark durch seine Agenten ausgegeben und verteilt hat. Im Herbst 1934 hat dieses Geld seine Früchte getragen. Es kam in der algerischen Stadt Konstantine zu einem Judenpogrom. Die Hitler-Zeitungen jubelten. Die Zeitung „La voix fran^aise“ berichtete, daß das Blatt der arabischen Nationalsozialisten von Fez „La volonte du peuple“ vom deutschen Propaganda m inist erium unterstützt werde. Als Verbindungsmann wurde ein Hauptmann Liegend genannt, der zur Zeit des Pogroms im Hause des deutschen Konsuls von Tanger, Herrn von Wangenheim, wohnte. Als nationalsozialistischer Agent mit besonderen Aufträgen wurde ein deutscher Prozessor Bertelomen bezeichnet. In England existiert eine C e c i 1 Rhod e 8 - S t. i f t u n g, die Studenten aus Eng* landj USA., und Deutschland unterstützt. Dio deutschen Stipendisten bilden eineu Klub, der eine Hitlersche Propagandastelle ist. Sie haben in ihrem Klub eine Liste von Hitler- Gegnern angeschlagen und darunter den Satz geschrieben: „Trefft ihr einen von diesen, so schlagt ihn tot. Ißt es aber ein Jude, so zerbrecht ihm jeden Knochen einzeln!“ Ein Hauptzentrum der Propaganda im englischen Weltreich liegt im Nahen Orient. Die arabischen Agitatoren, die im Nahen Orient arbeiten, sind zum Teil in besonderer Schule vom Braunen Haus in MUnchen ausgebildet worden. 1934 haben die Nazis in Palästina eine arabische nationalsozialistische Partei gebildet, die von Deutschland aus materiell unterstützt wird. Arabische Broschüren und Flugblätter, die in Palästina zur Verteilung kommen, sind i n Berlin und in Hamburg gedruckt. Die deutschen Schiffe bringen Riesenladungen antisemitischer Broschüren ins Land. Ein besonderes Kapitel in dem Buch ist auch der antisemitischen Wühlarbeit in Holland und Belgien gewidmet. Die „Antijüdische Liga“ in Antwerpen hat 600.000 belgische Francs zur Besoldung von etwa 100 Agenten ausgegeben. In der S c h w e i z arbeitet der Antisemitismus mit den gleichen Argumenten wie in Hitler-Deutschland. Die Nazis haben ihr antisemitisches Literaturzentrum in Basel bei der Buchhandlung B u s e r am Spalenberg. Die Propaganda des Nationalsozialismus in der Tschechoslowakei wird von Dresdenaus geleitet, wo auch die Zentrale der österreichischen Nationalsozialisten sitzt. Der Antisemitismus ist ein Hauptpropagamlainittel dieser Zentrale. In A m e r i k a wird der Antisemitismus von den Nazis mit besonderer Schärfe propagiert. Eine ganze Reihe von nationalsozialistischen Agenten beeinflussen und unterstützen die antisemitischen Organisationen in Amerika. Da sind die „Silver Shirts“ und die Geheimbünde „Order of 76“ und „Erwachende Amerikaner“ mit dem Losungswort „Kill the nearest Jew“ (Tötet den nächstbesten Juden). Als Mittelsmann zum Dritten Reich und als Überbringer von Propagandamaterial dient Günther Orgoll mit seinen Mitarbeitern Frank M u t s c h i n s k y, Karl Brunkhorst, und Paul Bande. Da ist die „American Vigilant Intelligence Federation (A. V. I. F.), die ihre Mitglieder nicht mit Namen, sondern als echtor terroristischer Verschwörerkhib mit Nummern führt. Ihr Leiter ist Harry A. Jung. Der Untersuchungsausschuß des amerikanischen Parlaments hat festgestellt, d a ß „J u n g e i n b ewußtor Agent des Dritten Reiches“ i s t. Das Buch gibt auch Aufschlüsse über die Arbeit in allen übrigen Ländern dor Welt und schließt mit einer Darstellung der Entführung von Berthold Jacob aus cler Schweiz nach Deutschland mit Hilfe des Agenten Dr. Hans W e s e m a n n. wegung, die eine solche Verantwortung nicht zu tragen habe. Er möchte fast glauben, daß zwischen dem Interpellanten und dem Verfasser der Mitteilung im „Pariser Tageblatt“ gewisse Beziehungen bestehen, wenn nicht der ganze Artikel aus dem Kreise des Interpellanten inspiriert ist. Dr. Weinstein erklärte, er müsse Ben Gurion in seinem und im Naanen der wegen dieser Unter- Kongreß ge rieht Judenstaatsfraktion Stellung vor das zitieren. Kulturreferat Berl Katznelson hielt danach das Kulburreferat und stellte fest, daß dio hebräische Sprache im Aufblühen ist. Das zeigt sich nicht allein in der Zahl der Hebräisch Sprechenden, sondern in der Qualität ihrer Sprache. Die Furcht, daß die Sprache im Lande ein Jargon-Hebräisch wird, besteht nicht mehr. Wir haben ein großes Buch- und Zeifrungswesen, wir haben hebräische Kindergärten, Elementar- und Hochschulen, Hebräisch ist die Sprache der Büros und der Gerichte. Dennoch sind nicht alle Hoffnungen verwirklicht. Angesichte der Massen-Alijah fehlen die Kräfte zur Verwurzelung der hebräischen Sprache. Die Höffnung, daß die kompakten jüdischen Massen in Rußland, RnuBalea, Polen und in anderen Galufch- Ländern von der Assimilation nicht erfaßt werden, hat sich a-ls trügerisch erwiesen. Der große blühende Zweig des russischen Judentums ist vom Gesamtjudentum abgeschnit* ten. In Polen und Karpathorußland besuchen Tausende jüdische Kinder nichtjüdische Schulen. Es droht nicht mehr Emanzipation, sondern Entnationalisierung. Die Zionistische Organisation muß das hebräische Kultur werk in die Hände uelimen. Aus Rücksicht auf KH und KKL kann man heute noch keinen dritten Fonds für Kultur errichten. Es müssen daher KH und KKL zusammen mit der Zionistischen Organisation, der Hadasßah und der WIZO das Kulturbudget decken. Dae Bialik-Institut muß geschaffen werden, das Vermächtnis Bialiks muß erfüllt werden. Das ist unser aller Pflicht. Nach Katznelson sprach dor Misraehifilhrer Rabbi M e i r Berlin, der betonte, man solle nicht allein die Sprache lehren, sondern auch deren tausendjährigen traditionellen und literarischen Unterbau den jüdischen Menschen nahebringen. Auch bei anderen Völkern ist Kultur nicht nur Angelegenheit der Sprache. Unsere Kultur wird erst dann gefestigt sein, wenn wir dio Brücke zwischen unserer großen Vergangenheit, unserer tragischen Gegenwart und unserer lichten Zukunft geschlagen haben. Jizchak Grünbaum betonte, daß dio heutige Erziehung den Schillern alles gebe: von don alten Rabbi neu bis Moses Hoß und Theodor Herzl. Dio Massen-Alijah des letzten Jahres setzte sich zu einem Drittel aus Hebräischspre *hendon zusammen, in den kommenden Jahren sollen es zwei ^ritte! sein. Deshalb müsse die Galuth-Arbeit verstärkt werden. Prof. S. Brodetsky berichtete, daß die Exekutive dem Kongreß die Schaffung eine« Kulturdepartements mit eigenem Budget vorzuschlagen beabsichtige.