Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 480 (3.9.1935)
- Date
- 1935-09-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Sfr. m — S. September 1935 Ml «TIMM« Salt« Punkt eines Ma-ssenaus zuges nach Erez Israel ist . gekommen, und es Ißt Aufgabe des Zionismus, diesen Auszug zu organisieren. Locker über die Organisationsprobleme In einem breit angelegten Referat befaßt sich der Leiter des Organisationsdepartements der Exekutive, Berl Locker, mit den Voten der Oppoeitionsreclner und führt dabei aus; Der Angriff ging in mehreren Richtungen vor sich, vor allem gegen den Schekel, der so alt ist wie die zionistische Organisation. Es wird aber kein Mittel geben, um die wirkliche Kräfteverteilung in der zionistischen Bewegung zu beseitigen, die vorhanden ist und dazu geführt hat, daß eine bestimmte Richtung fast die Majorität dieses Kongresses bildet. Mit künstlichen Mitteln, insbesondere mit der Abschaffung des Einheitsschekels, würde die Rückkehr zu einem Zustand herbeigeführt werden, bei dem der Kongreß unmöglich die wirkliche Kräfteverteilung wiederspiegeln konnte, weil die Parteien die Mandato offiziell nicht für Stimmen, sondern für Schekel bekamen. Oer Austritt der Revisionisten In diesem Zusammenhang wendet sich Locker auch gegen die Angriffe auf den Schekel, die von den Revisionisten ausgehen, die den Schekel unentgeltlich abgeben. Sie führen diesen Angriff im Namen Herzls. Aber völlig zu Unrecht, Herzl hat mit keinem Wort jemals gesagt, daß der Schekel so sein darf, daß, wenn jemand bloß sagt, er sei ein Schekelzahler, er auch »cbon tatsächlich ein Schekelzahler ist. Immer wurde in Herzls Tagen der Schekel als eine wichtige Einnahmequelle für die zionistische Arbeit betrachtet. Ee iet ein Mißbrauch des Namens Herzl, wenn die Revisionisten von einem „Herzl-Schekel“ sprechen. Die Tatsache, daß wir eine Million Schekelzahler haben, beweist, daß die Juden, die an Erez Israel interessiert sind, verstehen, man könne ohne Disziplin nicht au&kommen. Der Austritt der Revisionisten hat auf die Zahl der Schekel, der Wähler und Delegierten nicht den geringsten Einfluß gehabt, die Ziffern sind im Gegenteil außerordentlich gewachsen. Trotzdem ist der Austritt der Revisionisten keineswegs eine gleichgültige Sache, sondern ein Zeichen einer abnormalen Lage im Zionismus. Die Exekutive habe den Revisionisten gegenüber große Geduld bewiesen. Sie hat niemanden ausgeschlossen. Aber jeder Zionist hat gleiche Rechte und Pflichten und muß ein Minimum an Disziplin akzeptieren. Einzig Privilegien bat die Exekutive den Revisionisten, wie jeder anderen Gruppe versagt. Auch nach ihrem Weggang sind die Türen für die Revisionisten nicht verschlossen. Jeder Revisionist konnte den Schekel erwerben, und es gab deren nicht wenige, die ihn heimlich gekauft haben. Wenn aber jemand glaubt, hier und dort sein zu können, so irrt er. Wer der Zionistischen Organisation angehört, kann der Organisation derer, die von hier desertiert sind, nicht angehören. Und auf einen Zwischenruf wie es gegenüber dem Misrachi stehe, erwidert Locker, er habe nicht aus der Luft geredet, als er sagte, man könne nicht gleichzeitig hier und dort sein. Shertok über die palästinensische Situation In der Dienstag-Nachtsitzung des Kongresses antwortete das Mitglied der Palästina-Exekutive Mosche Shertok den Rednern der Generaldebatte. Der Erfolg der Alija, sagte er, war ein Erfolg der Exekutive, die die palästinensische Wirklichkeit 3n ihrem Zusammenhang mit der Not der jüdischen Massen in den Galuth-Ländern richtig zu demonstrieren wußte. Gegen das Einströmen von billigen Arbeitskräften aus den Palästina benachbarten Ländern hat die Exekutive bei der Administration Vorstellungen erhoben, die an Schärfe die Kritik der 0 ppo s it i on s r ed n e r an der Exekutive auf diesem Kongreß sogar übertrafen. Denn es handelt sich um eine wirklich ernste Erscheinung. Palästina ist der einzige Winkel des Wohlstandes im gesamten immer mehr verarmenden Nahen Osten, es zieht darum Einwanderer aus allen Seiten an. Der Jischuw darf sich nicht dem Zwang nichtjüdischer Arbeit unterwerfen, sondern müsse seine Wirtechaftspotenz in den Dienst erweiterter jüdischer Einwanderung stellen. Hierin ist die Schaffung einer Einheitsfront jm Jischuw ein Gebot der Stunde. Die Exekutive arbeitet intensiv an der Erhöhung der Zahl der Juden in der Polizei. Zum erstenmal in der Geschichte des Jischuw werden wir bald auf eine Mehrheit Juden in der Jerusalemer Polizei hinweisen können. Wir haben Menschen von. der Arbeit in den Fabriken, in den Kibbuzim und den Kolonien weggenommen und sie auf Posten in der Polizei gestellt. Diese Menschen gingen wie Chaluzim zu ihrem neuen Dienst. Eine ganze Anzahl von Juden werden zur Zeit für den Polizeidienst ausgebildet. Die Exekutive hat sich sehr viel mit der Lage in Osteuropa und insbesondere mit der Situation des Zionismus in der Sowjetunion befaßt. Die Histadruth darf nicht zersplittert werden. Sie ist ein starker Faktor bei der Frage der Vergebung der öffentlichen Regierungsarbeiten. Die Histadruth hat es durchgesetzt, daß die großen Arbeiten bei der Wasserleitung in Jerusalem durch jüdische Arbeiter auegeftihrt werden. Dies konnte sie nur als starke und verantwortliche Organisation vollbringen, die nicht allein für ihre Mitglieder, sondern für die Zukunft de« jüdischen Volkes sorgt. In der Frage des Transfers Deutschland — Palästina warnte Shertok vor gewissen populären Lösungen. Man könne nicht von der einen Seite den Transfer verurteilen und von der anderen Seite eine Lösung der Frage der Überführung der deutschen Juden nach Palästina fordern. Das zweite hängt von dem ersten ab. Zwischen dem Dilemma Protest oder positive Lösung stehend, wählten wir die Lösung. Shertok polemisierte gegen Ausführungen Useischkins auf der Weltkonferenz des Keren Kajemeth und sagte, man dürfe nicht vergessen, daß in Erez Israel noch ein zweites Volk lebt und leben wird, und daß wir uns hüten müssen, der Vorstellung Raum zu geben, als ob zwischen der Entwicklung des einen und der des anderen Volkes ein Gegensatz bestünde. Es ist wahr, daß dieses zweite Volk unser Recht noch nicht anerkennenwill, aber wir müssen eine Politik führen, die es klar werden läßt, daß zwischen unserer und seiner Existenz kein Gegensatz besteht. Die Araber werden einsehen, daß auch bei Einschränkung der ihnen gehörenden Bodenfläche ihr wirtschaftlicher Standard gehoben wird. Die Losung dieses Kongresses müsse lauten: Mehr Einheit, mehr Hingegebenheit, mehr Tatkraft. Ada Fishman (WIZO) \ Nachdem R e g a 1 s k i (Argentinien) dem Kongreß die Grüße von tausenden Zionisten in Argentinien, Brasilien und Chile überbracht hatte, ergriff im Namen der Weltorganisation der jüdischen Frauen (WIZO) Ada Fishman (Palästina) das Wort, um die Forderungen der zionistischen Frauen an den Kongreß darzulegen. Die WIZO, sagte sie, zählt 70.000 Mitglieder, hauptsächlich Schekelzahlerinnen. Das Postulat friedlicher Zusammenarbeit ist in der WIZO in vollem Maß verwirklicht worden: die bürgerliche und die eh alu zische Frau arbeiten eng zusammen. Gruß des Vi In der gleichen Sitzung hielt der Direktor der Mandatskommission des Völkerbundes Dr. C a t a s t i n i die folgende Ansprache an den Kongreß: Ich begrüße den Kongreß im Namen des Sekretariats des Völkerbundes. Ich bin sehr glücklich, hier weilen zu können. Der Völkerbund verfolgt mit größtem Interesse alle auf internationale Einigung Billige Bücher bei der Schwedenbrücke, Buchhandlung Schneider & Co., Wien, I., Franz-Josels-Kal 7, Tel. R 22-0-15, Scholem Alechem: „Die Geschichten Tewjes des Mllchhändlers«, Leinen (8 7*—) .... S 1-70 „Stempenju“, Roman, Leinen (S 7'—) . S 1*70 Nathan Asch: „Der 22. August“, Roman, kart. (S 7*—•) S 1*90 Gustav Meyrink: „Der Golem“, Leinen (S 11-—). nur . . S 3*10 ,Das grün* Gesicht«, „Walpurgisnacht“, „Fledermäuse“, jeder Band Halbleinen, nur .S 2’70 „Des deutschen Spießers Wunderhorn“, 2 Halbleinenbände, zusammen nur . S 630 Kurt Stechert: „Palästina-Bericht eines Nichtjuden“, Ganzleinenband (S 6’—), nur . . , S 1*90 Arnold Zweig: „Herkunft und Zukunft«, zwei-Essays zum Schicksal eines Volkes. Leinen, nur.S 3*— „Lessing, Kleist, Büchner“, Leinen, nur S 3'75 „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, „De Vriendt kehrt heim“, „Junge Frau von 1914“, jeder Leinenband (S 14-80) nur . . ’S 4*80 jeder Band kartoniert nur . . . . S 3'30 Besuchen Sie unsere Buchhandlung, Sie finden die reichste Auswahl an Büchern bester Autoren zu kleinsten Preisen. Katalog gratis und portofrei. E Hauptaufgabe der WIZO ist die Hachscharah der jüdischen Frau für den Aufbau des jüdischen Landes, eie arbeitet hierin mit dem Arbeiterinneinverband und dem Verband zionistischer Frauen Palästinas zusammen. Die WIZO leistet sehr viel für die zionistischen Fonds. Sie fordert eine Vertreterechaft im Aktionskomitee der Zionistischen Organisation und im Administrative Committee der Jewish Agency. Eine solche engere Zusammenarbeit mit der WIZO wird für die Zionistische Organisation von großem Vorteil sein. Die Rednerin kritisierte die Bedingungen, unter denen die Chaluzim in den Hachsoharah-Kibbuzim arbeiten müssen, und sagte, kein Volk würde seine Arbeitsarmee unter solchen Arbeitsbedingungen sein Land bauen lassen. abzielenden Werke, besonders den Verlauf des Kongresses der zionistischen Bewegung, der eine so große Rolle ln der positiven und glücklichen Entwicklung Palästinas spielt. Ich persönlich besitze viele Freunde auf diesem Kongreß und stehe in persönlichem Kontakt mit den Führern der zionistischen Bewegung. Ich wünsche Ihrer Arbeit vollen Erfolg. Der amerikanische Kongreß wird sldi mit den Judenverfolgungen befassen Washington, 30. August. (2. T. A.) Das Mitglied der Außenpolitischen Kommission des amerikanischen Kongresses, G. M. Gilles, erklärte dem ITA-Vertreter, lie Kommission hat in einer eingehenden Diskussion mit „ernstem Nachdenken“ das Problem der Judenverfolgungen in Deutschland behandelt. Die amerikanische Regierung wird alle möglichen Schritte in der Angelegenheit unternehmen. Schwarze Fahnen wehen vom Zionistenkongreß Von unserem Sonderberichterstatter. Luzern, 28. August. Seit heute früh fla/ttern nicht mehr die blau-weißen Fahnen vom Luzerner Kunstmuseum, das den Zionistenkomgreß seit einer Woohe beherbergt. Der Mittwochvormittag ist zum Zeichen der Trauer über das Geschick der jüdischen Brüder in Deutschland als der „Tag des Schweigens“ vom Kongreß verkündet worden, und dieser Beschluß, vom Kongreßpräsidenten Doktor Woizmann nach einer langen Nachtsitzung um 1 Uhr morgens mitgeteilt, wurde vom gesamten Kongreß und einem seit der feierlichen Eröffnungssitzung nicht mehr so bis aufs letzte Plätzchen dicht gefüllten Hause mit einem Schweigen angenommen, das beredter war als jede noch so stürmische Zustimmung, einem Schweigen, das so richtig den tiefen, stummen Schmerz jedes einzelnen Delegierten aus Chile und Australien, aus Rumänien und Spanien, aus Palästina und USA. aus Polen und England und allen anderen Teilen der Welt, deren jüdische Bevölkerung ihre Vertreter zum jüdischen Weltparlament nach Luzern entsendet hatten, lebendig aum Ausdruck brachte. Aber nicht allein den Schmerz dieser Vertreter. In dieser Stunde stiller Empörung über das furchtbare Geschehen, das einem Teile des Volkes im Herzen Europas zugefügfc wird, stand das gesamte Volk hinter seinen gewählten Männern. Der Kongreß der Zionistischen Weltorganisation, der Kongreß des jüdischen Selbstbewußtseins, der Ausdruck des jüdischen Einheitsgedankens, dos jüdischen Selbstgestaltungswillens, hat aus dem Herzen des ganzen Volkes gesprochen — in diesem stillen, sohmerzerfüliteu Schweigen. Die blau-weißen Fahnen des jüdischen Weltparlaments flatterten seit heute früh nicht mehr durch die trüben, kalten Regenschauer, die über Luzern seit gestern dahinziehen. Schwarze Fahnen, die Symbole der Trauer, sind auf Halbmast gesetzt, und die großen, blau-weißen Transparente, die von der Stirnwand des Riesengebäudes in hebräischen Lettern weit über die Ufer des Vierwaldstädtersees künden, daß hier das Parlament des jüdischen Volkes, der XIX. Zionistenkongreß, tagt, sind schwarz umflort. Da# Gebäude selbst ist geschlossen. Nur einen Vormittag lang sollte diese stumme Trauerkundgebung währen. Es sollte bloß im Wirbel der heißen Arbeiten des Kongresses innegehalten, symbolhalt zum Ausdruck gebracht werden, daß das gesamte Volk mit seinem heimgesuchten Teil fühlt und leidet, es sollte verkündet werden, daß diese Brüder in ihrem schweren Schicksal nicht allein stehen, daß man an sie denkt, daß ihre Leiden die Leiden des ganzen Volkes sind, es sollte symbolhaft die Solidarität, die Gemeinsamkeit, mit den zu Parias erklärten deutschen Juden, von der Stelle aus verkündet werden, die schon einst vor 40 Jahren die Parole und Proklamation erlassen, die den Weg aus dem Zustand der Parias ins Freie zu weisen anfingen, Und dieser Weg wird auch heute gegangen. „Wenn jenes Land juclenfrei sein wolle, so möge es werden, es möge den Weg der Geschichte gehen, den einst Spanien nach 1492 gehon mußte, den Weg des Abgrundes — aber die Juden, die verfolgten und verunglimpften Juden, die dort zu Parias, zu Menschen zweiten und minderen Grades gestempelt werden, werden im neuen Lande, das von jüdischer Kraft, von jüdischer Ethik, von jüdischem Heroismus gebaut wird, zu freien Juden, zu freien Mensche n.“ Diese Worte Stephau W i s e s sagten in jener Minute das, was dieses Haus der jüdischen Erncuerungsarbeit, das jüdische Parlament, seit vierzig Jahren bewegt und seine Arbeiten leitet. Der Zionismus verfügt über keine physische Macht; was diese Bewegung groß und erhaben macht, das ist die Reinheit ihres Wollens, ihrer Gesinnung, ihres Strebens, die auch in einer Welt, die an solchen Mächten nicht viel Gefallen findet-, Echo und Achtung hervorruft. Was das Judentum in der Kette seines Diasporaschioksals auch au Schwerem erdulden mochte — es sind Glieder dieser langeu Kette, es sind Episoden, furchtbare, schmerzvolle Episoden, aber Episoden, die an den Felsen der Ewigkeit zerschellen werden, an der Ewigkeit, deren Werte und Werko in Erez Israel gelegt werden, der Ewigkeit, an der die jüdischen Pioniere arbeiten. In diesem Sinne hat in der gleichen Sitzung Professor W e i z in a u n zum Schluß seiner Rede gesprochen. Seine Worte haben den ewigen Sinn unserer Arbeit verkündet. Die Trauer ist nur eine Episode. Die Arbeit, die heilige, schwere, steinige Arbeit zur Erlösung des Volkes geht weiter. Das war, ist und wird immer die ewige, alle Stürme überdauernde, alleu Erschütterungen trotzende Antwort des schöpferischen ewigen Volkes auf alle Verfolgungen sein.