Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 480 (3.9.1935)
- Date
- 1935-09-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sotto 2 DIS STIMMk Nr. 480 — 3- September 1935 Der 19. Zionist enkongreß in Luzern Weizmanns Kongreßrede Wie schon kurz berichtet, hat der Präsident des Kongresses, Professor W e i zm a n n, in der Naohtsitzung vom 27. August das Schlußwort zur Generaldebatte gehalten. Aus der nun vorliegenden Rede gebeu wir das Folgende wieder: Weizmann wandte sich zunächst gegen diejenigen, die das zionistische Endziel, den J udenstaa t, immerzu betonen. Nach vierjährigem Stillschweigen, sagte Weizmann, will ich, wenigstens mit kurzen Worten, auf einen Gedanken zurückkommen, der systematisch mißverstanden wird. Traditionsgemäß will ich das Endziel nicht berühren. Wenn man all die Reden über das wahrlich zu Tode geredete Endziel hört, so versteht man den Sinn des Wortes: ..Du sollst nicht den Namen des Ewigen unnötig aussprechen!“ Es gibt Dinge, über die man nicht unnötig sprechen soll. Mit großen Reden wird der Judenstaat nicht erbaut und durch eine „Tkio gdaulo“ wird der Satan nicht gebannt. Die Sicherheit des Jischuw ist nicht in Erklärungen über den Judenstaat bedingt, sondern in dem Aufbau einer normalen gesellschaftlichen Struktur in Erez. Heute sind Angriffe auf den Sozialismus, auf die „Diktatur der Arbeiterschaft“ U5W. im Schwange. Als Chemiker, der die wissenschaftliche Entwicklung verfolgt, habe ich erfahren, daß alle wissenschaftlichen und ökonomischen Gesetze der Welt in Gärung und ständig im Wandel sind. Da kann man sich auf keine Gesellschaftsform einigen. Ich bin kein Sozialist, aber mein Nicht -Marxism u s ist anders als der der anderen Kritiker. Wohl ist der historische Materialismus eine geniale Einseitigkeit, aber es liegt in ihm ein Stück prophetischen jüdischen Geistes. Die Histadruth ist teils aus der Haskalah, teils aus dem Marxismus entstanden; sie ist doch die einzig auf dem Boden Palästinas verwirklichte Synthese. Die Welt sehnt sich ja gerade heute nach der neuen Form, die sie aus der heutigen Konfusion herausführen kann. In der palästinensischen Arbeiterschaft ist eine große schöpferische Kraft. Hoffentlich ist die nächste Generation nur so gut wie die jetzige. Objektiv betrachtet, hat die Form der Gemeinschaftssiedlung eine größere Absorptionsfähigkeit an Menschen bewiesen, als die privatwirtschaftliche. Das ist für Palästina wesentlich. Jetzt sind nnclijjojerbljli^unil bequem Abreisen jeden Sonntag. Rückfahrten am 1. und 15. September D-Züge. PoIImwijm md reservierte Plätze Reisebüro „IN DIE WELT" (Dr. S. Tocker) JXV UecMenstelnstraSe 2 — Telephon A 14-504 schon Ansätze auch auf privatem Siedlungsgebiet zu merken, die von dem gleichen nationalen Geist erfüllt sind. Die Angriffe auf die Histadruth sind unberechtigt und durch die Parteibrille gesehen; sie sind vor allem bequem, weil die Aktien der Demokratie in der Welt flau stehen. Aber das Nachäffen physischer Machtäußerung bei Völkern ist, ebenso wie das Nachäffen von Macht, ohne die Macht selbst zu besitzen, billiger Götzendienst. Weizmann wandte sich den außenpolitischen Fragen zu und bezeichnete die englische Palästinapolitik als dualistisch. Während langer Perioden könne man nicht sagen, nach welcher Seite sich dieser Dualismus neige.' Es ist dla Taktik der Engländer, die sie in ihren Kolonien praktizieren, zum Beispiel in Kenya zwischen den eingeborenen und den weißen Siedlern. Diese Taktik ist auf eine gewisse Müdigkeit des britischen Imperiums zurückzuführen. Gewiß hätte die Mandatarmacht mehr tun können, aber auch weniger wäre möglich gewesen. Die Errichtung des Legislative Council gerade in der Zeit des BiUhens der jüdischen Aufbauarbeit ist angetan, den Zwist zu & gern; aber das jüdische Nationalheim steht und fällt nicht mit dem Council, der übrigens, genau wie in Cy per n und in Ceylon, voraussichtlich nicht wird arbeiten können. Die jüdische Zähigkeit wird auch über dieses Übel hinwegkommen. Keinesfalls darf sich die jüdische Ablehnung des Councils zu einer Non-Kooperation mit der Mandatarmacht auf den übrigen Gebieten steigern. Jeder Jude muß doch zugeben, daß in dieser Welt, wo wir sehr wenig Freunde haben, es doch die englische Regierung war, die es überhaupt ermöglicht hat, daß wir Palästina aufbauen. In dieser Beziehung mutet mich der Hinweis Ussischkins auf die gute alte Türkenzeit direkt komisch an. Wir stehen, fuhr Weizmann fort, vor außenpolitischen un<l innenpolitischen Schwierigkeiten. Über die innenpolitischen werden wir vielleicht hinweg'kommen, aber die außenpolitischen: da6 Mittelmeer wird wie in der Antike wieder für viele Völker interessant, und Palästina nimmt hiebei oine Schlüsselstellung ein. Die künftige Exekutive wird alles daransetzen müssen, um in diesen schwierigen Zeiten ruhig Weiterarbeiten zu können. Die so einfache Losung: ,,M ehr Boden — mehr Menschen — mehr bauen“ ist die langwierigste und schwierigste, doch sie ist das sicherste Prinzip für den Aufbau des Nationa.iheims, weil ihre Verwirklichung doch hauptsächlich in unseren Händen liegt. Zu dem Thema Deutschland übergehend, erklärt Weizmann: Es ist menschlich verständlich, wenn der auf uns allen lastende Druck und das Aufbegehren gegen die Diffamierung eines Teiles unseres Volkes sich auch in Worten Luft macht. Aber die einzig würdige Antwort ist doch der verstärkte Aufbau - in Erez. Mit dem Einzug der deutsch-jüdischen Kinder in Erez wird ein Werk vollbracht, das später einmal noch in Liedern und Sagen verherrlicht werden wird. Mitten in dieser Tragödie wenden wir uns unserem Werk zu. Wir sind ein gutes Stück weiter gekommen, auch wenn wir den Maßstab des Aufblühens englischer Kolonien anlegen, wo, zum Beispiel in Kanada, englische Siedler auf englischem Boden mit finanzieller Deckung seitens des englischen Schatzmeisters kolonisieren. Verfügen wir doch über keinerlei staatliche Machtmittel. Wir kolonisieren nicht auf dem Rücken anderer. Kein Schuß ist gefallen. Wir haben nur gegen Sümpfe und Malaria gekämpft. Es ist nicht wahr, daß wir die Araber verdrängen. Wir neigen ihnen nur einen besseren Weg, bis sie einsehen werden, daß unsere Bestrebungen identisch mit ihren Interessen sind. Unbeschadet aller inneren und äußeren Schwierigkeiten, trotz „Wiener Kongressen“ werden wir uns in unserer Arbeit durch nichts stören lassen. Alle diese Hindernisse werden am Felsen der Ewigkeit zerschellen, die Frage des Aufbaus ist eben eine Frage der Ewigkeit. * * * Der Kongreßtrauertag Die Kongreßtrauer wegen der Ereignisse in Deutschland drückte der Stadt Luzern ihren Stempel auf. Das Kongreßgebäude war ech warz drapiert. Die über demselben angebrachten Fahnen der Stadt Luzern, den schweizerischen Bundesstaates und der zionistischen Bewegung waren auf Halbmast gehißt. In der Synagoge von Luzern wurde ein Trauergottesdienst mit Gebeten für die deutschen Juden abgeha.lten. Die Misrachi-Fraktion ihrerseits proklamierte einen Fasttag und verharrte den ganzen Tag über im Gebet für dio deutsche Judenheit. Sicherung des Arbeitsfriedens in Luzern, 31. August, (Privattelegramm.) Die gestern abends wegen der Sabbatruhe unterbrochenen Arbeiten des Zionistenkongresses würden erst heute abends wieder aufgenommen. Aus den gestrigen, nichtöffentlichen Kommissionssitzungen macht die offiziöse „Palästina-Korrespondenz" eine Reihe beachtenswerter Mitteilungen. In der Kommission für Arbeiterangelegen heiten schlug der linke Flügel der bürgerlichen „Allgemeinen Zionisten“ (Weltvereinlgung) vor, den Frieden unter den einzelnen Gruppen dadurch herzustellen, daß innerhalb einer einheitlichen Gewerkschaft die einzelnen politischen Fraktionen Autonomie erhalten sollten. Die Judenstaatspartei wünscht eine stärkere Selbständigkeit, indem mehrere Gewerkschaften gebildet und bloß zu einer „Förderation“ vereinigt werden. Zum Zwecke der Ausschließung und Überwindung des Klassenkampfes sollen obligatorische Schiedsgerichte gebildet, ein Streikverbot erlassen und neutrale Arbeitsvermittlungsämter eingesetzt werden. Ähnlich lauten die Die Situation in Luzern Von unserem Sonderberichterstatter. Luzern, 30. August. Alle Vorhersagen, daß der Kongreß innerhalb weniger Tage beendet sein werde, haben sich als haltlos erwiesen. Der Grund hiefür ist einerseits in der verfehlten Bestimmung' des Statuts zu suchen, nach welcher zwischen dem Wahltag und dem Beginn des Kongresses nur wenige Wochen liegen sollen, so daß es kaum möglich ist, zwischen den Parteiführern Vereinbarungen über die Zusammensetzung der nächsten Exekutive, notwendige Reformen usw. noch vor Kongreßbeginn zu treffen. Anderseits erschwerte die Opposition des M i s r a c h i, der sich lange Zeit hindurch an den Beratungen nicht beteiligte, den Fortgang des Kongresses. Dazu kam noch die ablehnende Haltung des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten, der darauf ausgeht, Sicherungen dafür zu schaffen, daß auch die AUgemein-zionistisohe Jugend in Palästina die Gleichberechtigung erhält und das derzeitige System der Benachteiligung der Allgemeinen Zionisten bei der Zuteilung von Zertifikaten bei der Ansiedlung und der Arbeitszuteilung reformiert wird. Hiebei kommt naturgemäß der Regelung der Arbeitobeziehungen durch Schliohtungs- und Arbitrageämter große Bedeutung zu. Die Verhandlungen des Weltverba/ndes mit der Arbeiterpartei, an denen auch Dr. Oskar Grünbaum teilnimmt, nehmen einen sehr schleppenden Verlauf, da Ben G u r i 0 n bisher allen wesentlichen Forderungen ein starres Nein entgegensetzt. Die Arbeiterpartei wurde nicht im Zweifel darüber gelassen, daß der Weltvorband nicht gesonnen ist, in die Exekutive einzutreten, wenn er nicht iri seinen en Forderungen _ entsprechende Zugeständnisse erhält. Auch wenn der Weltverband der Allgemeinen Zionisten in eine Koalition eintreten sollte, wird er seine Selbständigkeit niclhfc aufgeben und für die Durchsetzung des Krakauer Programms kämpfen. Wenn dor Woltverband heute unter Umständen bereit ist, in eine Koalition eanzutreten, so geschieht dies nur mit Rücksicht auf die kritische jüdische Situation, die eine Konzentration aller Aufbauwilligen erforderlich macht. Sonntag wird die Entscheidung darüber fallen, ob die Arbeiterpartei ernstlich bereit ist, eine Koalition zu schaffen, die auf einem Vergleich und einem fest umrisseneu Arbeitsprogramm der Koalitionspartner beruht und eine friedlichere inner zionistische Atmosphäre und Zusammen arbeit ermöglicht. Der Gang des Kongresses wird auch dadurch erschwert, daß Berl Locker mit großer Zähigkeit an seinem Plan von Zwangs - Ter ritorial verbänden festhält. Die Rede Dr. Grünbauras im Plenum des Kongresses gegen Lockers Plan hat ihren Eindruck nicht vorfehlt. Ein Teil der Arbeiterpartei, ungefähr 50 Prozent der Gruppe A, Misrachi und der Weltverband, haben sich bisher gegen die Judenstaatspartei für den Territorialverband ausgesprochen. Das Schicksal dies Planes ist daher sehr ungewiß. Donnerstag wurde von den „Königsmachern“ der Plan ventiliert, daß Weizmann das politische Referat in London übernimmt und daß Sokolow Präsident bleibt. Weizmann hat aber bisher den Eintritt in die Exekutive, auch als Präsident, überhaupt abgolehnt. Inzwischen hat er seine Entscheidung gesoffen. (Aura, d. Red.) Forderungen der Rechtsgruppe der Allgemeinen Zionisten (Weltverband). Die Arbeitervertreter erklärten sich einverstanden mit der Autonomie der politischen Fraktionen i m Rahmen der einheitlichen Gewerkschaft, gemeinsamen Arbeitsämtern, Abschluß von Kollektivverträgen und obligatorischen Schiedsgerichten. Diese Ordnung würde eine außerordentliche Annäherung 4 - länderfahrt in bequemen Autocars Graz—Laibach—Adelsberg (Besuch der Grolle) —Abbazia—Cirkvenica— Zagreb- Plattensee—Budapest 8 Tage Wien bis Wien S 18®*— Im Preibe inbegriffen : Allo Vi agebtihren, Fahrt Wien—Wien, Unterkunft und Verpflegung in sehr guten Hoteis, Stadtrundfahrten, Besuch der Adelsberger Grotte, und alle Abgaben. Keine Extraspesen vorgesehen. Abfahrten: 5. und 14. September Reisebüro ..in die Welt' Wien, IX., Liechtensteins^. 2 Telephon A 13-504 aller Parteien bedeuten und besonders die Ausschaltung jener Beschwerden, wegen derer die Revisionisten die Partei verlassen haben. Ansiedlung von 3000 Familien In der Budgetkommission berichtete Dr. Herzfeld (Palästina) über die Ansiedlung von 3000 Familien, für welche der Boden durch die nationalen Fonds sichergestellt wurde. Er verlangt den Bau von neuen Arbeiterhäusern und zu diesem Zwecke die Ergänzung der Fondsgelder durch eine besondere Anleihe, da deren Verzinsung gesichert ist In derselben Kommission berichtete gestern der Londoner Großindustrielle J. S. Si e f f über die von ihm beantragte Aufnahme einer Anleihe von 5 Millionen Pfund, hauptsächlich zum Zwecke landwirtschaftlicher Siedlungen. Er legte die kaufmännischen Grundlagen der Verzinsung und der Amortisation dar. Die Aussichten der Anleihe hält er für durchaus sicher. Der Gesetzgebende Rat Die Kommission für aktuelle politische Fragen beschäftigte sich in mehrstündigen Sitzungen mit der Frage des „Gesetzgebenden Rates“, der neuerlich in die Nähe gerückt ist. Referent war der Führer der Gewerkschaften Ben Gurion, der sich auf eine Erklärung des Organs des Kolonialamtes, des „Ncar East“, bezog, welches ln den letzten Tagen für das palästinensische Par- 'ament eintrat. Die Debatte war außerordentlich lebhaft, der Widerstand allgemein. Der politische Referent Dr. Shertok besprach dabei insbesondere das Verhältnis zu den Arahern, das gegenwärtig erträglich ist, sich aber durch das „Council“ verschlechtern müsse. Hinge- Htefisa sawde fernem auf ein Gutachtern des 099717^75737^11367^3032687373323476742355690243863001171434660^616071354446^139047^57787^1680867777731166373701^31303^^^^^6885