Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 480 (3.9.1935)
- Date
- 1935-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PmI« tfi««er Nummer 2© g -- -I 9 «■jmittim «n«* I Redaktion und Administration: Wien, I., Mere-Aorel-StreBe 5, I /A, I 81 Jflltf£[31|fi Nr. 480 | Wien, 3. Septemoer I93S I Tel. .■ U 22-3.91 Bedektioneeclilea Hantig und Mittwoch wrm. | lW‘ ****** | ___B_” V. b. b, Die großen, vorzligllcheD SaJonschiffe ,<?alllea“, „Pale»tlim“ und „Gcrnsalemme“ der direkten Eillinie TRIEST. JAFFA LLOYD TRIESTINO verkehren jeden Mittwoch und jeden zweiten Freitag < Fahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklasse samt vier Mahlzeiten täglich bloß Lire 555'— > Auskünfte: Lloyd Triestino, Kärntnerring 6 JÜDISCHE ZEITUNG Die jüdische Politik auf dem Luzerner Kongreß jllllllllllllllllil Die den Mythos nicht verstehen Die Vörla/utbarimg der sächsischen Stadt Chemnitz, daß sie zuwandernde Juden ohne Unterstützung ins Obdachlosenasyl stecken und dann abschieben werde, wird in der .„Reichspost“ abgedruokt unter dem Titel . „Sachsen tut antisemitisch“. Dem Wiener katholischen Organ sind die Nationalsozialisten ira Dritten Reich schon seit langem verdächtig. Sie können sich anstrengen, wie sie wollen — die „Reichspost“ bleibt bei ihrem Zweifel an der ehrlichen Pogromgesinnung. Sie hat jüngst nachgewiesen, daß die Nationalsozialisten, was Rassetheorie und Antireligiosität betrifft, sich die geistigen Unterlagen von den Juden geholt haben, wobei nur übersehen wurde, daß auch die Grundlagen der christlichen Religionen von den Juden geliefert wurden, wie denn, überhaupt die gesamte abendländische Kultur auf der jüdischen Lehre vom Schutz der Schwachen und von der Gleichheit der Menschen ruht. In bezug auf die Frage der deutschen Juden bleibt die „Reichßpost“ dabei, daß es sich um eine „rassisch kommerzielle Auseinandersetzung“ handelt und daß die Nationalsozialisten nur so tun. In diesem Verhalten liegt Methode. Da die „Reichspost“ über die Judenpraxis des amtlichen Deutschland nur sehr wenig berichtet, so sind auch ihre Leser uniformiert, und das soll so sein. Ihnen wird nur ein stark verwässerter 'Aufputz vorgesetzt, und selbst über die Verfolgung der katholischen Kirche werden sie mangelhaft orientiert. Dies geschieht nicht etwa aus dem Verantwortlichkeitsgefühl eines der Regierung nahestehenden Organs, sondern ist das Symptom eines ganz bestimm ten Kurses, jenes Kurses, den die Berliner „Germania“ zum Beispiel eingeschlagen hat und den man als die Papen-Riehtung bezeichnet. Sie machen sich selbst vor, daß sie durch Verschweigen und Abtönen den wotanistischen Radikalismus zu besseren Sitten und zu mehr Milde gegenüber der Kirche erziehen können. Die Juden überlassen sie ihm gerne zum Fraß, wobei sie dem Nationalsozialismus hoch ankreiden, daß er «*,dera jüdischen Bolschewismus“ in Deutschland den Garaus gemacht hat. Das Dritte Reich ist vom Bolschewismus gar nicht so weit entfernt. Es ist nur ungeschickter, täppischer und ignoranter als das Moskauer System, und die Gottlosenbewegung Reich ist von der in Rußland nur durch die geschwolleneren Phrasen von Bliibc unterscheiden. Dio Kreise, deren Sprachrohr dio „Reichs- Die Koalitionsverhandlmigen Luzern, 1. September. (Telephon.) Gestern behandelte das Plenum des Kondie Anträge einiger Kommissionen. Nachmittag wurde' die Sitzung zum Zeichen der Trauer über das Ableben des Oerrabbiners von Jerusalem, Kook, unterbrochen. Später fand dann eine Trauersitzung des Kongresses statt, bei welcher Ussischkin und Rabbi Meir Ber 1 in die Gedäcbtnisansprachen hielten. Außerhalb des Plenums haben gestern intensive Verhandlungen der Parteien wegen Bildung einer großen Koalition eingesetzt und bis in die frühen Morgenstunden gedauert. Man beabsichtigt, Ussischkin zum Leiter der Exekutive in Jerusalem zu bestellen. Einstweilen hat sich keine nennenswerte Annäherung der Standpunkte der Parteien bezüglich des teien, insbesondere der Weltverband der Koalitionsprogramms vollzogen, j Allgemeinen Zionisten bindende Zusiche da die Arbeiterpartei mit großer Hartj rungen wegen Alijah und Ansiedlung, ferner näckigkeit den Versuch macht, die Majori-' Förderung des Mittelstandes usw. verlangen, tätsanträge der Kommissionen durchzudrücken. In später Nachtstunde wurde ein p r i n zip teile s übe reinkomm een dahingehend getroffen, daß für den Fal des Zustandekommens der Koalition, die Koalitionsveretn barungen als Beschluss des Kongresses zu gelten haben. In der Frage des Territorialverbandes hat die Exekutive einen Rückzug angetreten. Die Terri torial verbände sollen nicht sofort gebildet werden und es sollen für verschiedene Länder Ausnahmen getroffen werden, insbesondere auch f ü Österreich. Die Schwierigkeiten in den Verhandlungen über die Koalition bestehen darin, daß man keine zu große Exekutive schaffen will und daß die Parpost“ ist, sind den Dingen in Deutschland 1 und dem deutschen Volk zu Hilfe kommt viel näher als die römische Kurie. Sie sehen und wenn die katholische Kirche ihre unw ■■ Für unsere Leser nur: Neudegger Fahrschulen Wien, VIII., Ncudeggerg. 18 Tel. B 4G-5-72 und Inxersdorf (Nieder-Östeireich) _ Prüfungserleichterung durch:.?! Laufendes Auto im Lehrsaal!! denn auch viel schärfer das Ermatten des katholischen Widerstandes im Reich. Während die katholischen Massen sich nicht beirren lassen und auch den verfolgten Juden gegenüber freundlich und menschlich bleiben was wir voll Dank verzeichnen — ist ihre Führung eher auf Opportunismus eingestellt. Sie will es nicht wahr haben, daß der Kampf der Braunen wider die Kirche sich zwangsläufig aus ihrem antijüdischen Grundprogramm ergibt. Bisher hat der Krieg mit dem Sturm auf die jüdischen Posten, auf die jüdischen Kathedergelehrten, Ärzte, Juristen, Techniker begonnen. Aber er hat sich damit nicht begnügt. Er geht jeder Art jüdischen Geistes nach und er mußte eines Tages auch vor den Kirchentoren losbrechen. Wer dies nicht einsieht und sieh damit abfindet, daß man Juden keine Lebensmittel verkauft, daß Judon keine Medikamente erhalten, daß der reine gesellschaftliche Verkehr mit Juden unter Strafe gestellt wird, der stimmt stillschweigend dem Präjudiz zu, das durch die lückenlose Handhabung der Rassengesetzgebung geschaffeu wird und eine der festesten Tragsäulen der katholischen Weltauffassung angreift. Die Rosenbergsche Doktrin, die in dem „Mythos des 20. Jahrhunderts“ sich ihre Theorie geschaffen hat, bleibt in ihrer Praxis konsequent. Das Schicksal der Saar-Katholiken beweist, daß ein Kompromiß unmöglich ist. Der Nationalsozialismus ist eine dumpfe, herdeumäßig organisierte Rebellion gegen 2000 Jahre Gesittung und Kulturarbeit, nicht zuletzt gegen alles, was insbesondere die katholische Kirche geschaffen hat. Dieser Aufstand der Faust gegen Hirn und Herz ist nur zu besiegen, wenn die Wfihfcdefutsohe .Welt sieb ^usammensohließt leugbar vorhandene Macht aufbietet. Sie würde sich zu ihrem Kampf die Sympathien aller Menschen guten Willens holen, wenn sie auch gegen die Niederstrampelung der wehrlosen halben Million Juden öffentlich Stellung nehmen würde. Und dies nicht in unserem Interesse — obzwar die Rettunj von 500.000 Menschen immerhin auch ein Gebot für die Kirche der Liebe sein müßte — sondern im eigenen Interesse des Katholizismus, dessen von Juden geschaffenes Erbgut bedroht ist. Wir wissen wohl, daß in der politischen und sozialen Führung der österreichischen Christlichsozialen, die noch weiter bestehen, der Rassengedanke ä la Berlin tief eingedrungen ist. und nicht mit Unrecht spricht man draußen von dem iu Österreich bestehenden Antisemitismus auf Gummisohlen. Aber wenn in diesen Kreisen auch nur eine Spur von Logik lebt, dann müßten sie sich verwahren, sich mit dem deutschen Nationalsozialismus auch nur auf einem einzigen Punkt zu begegnen. Sie dürften ihn nicht unter den Linden grüßen. Wenn er antisemitisch tut, so schießt er auch auf die Kirche. Bimse Reisen nach Palästina Kostenlose Beratung in allen Relseangelegenheiten, welche Palästina betreffen, mündlich und telephonisch: Reisebüro „ln die Welt" (Dr. S. Tockcr) IX* Uftehte&etoiQtfr* 3, Tel A 14*504 Weizmann zur Annahme der Präsidentschaft bereit Luzern, 1. September (Privat). Professor Weizmann hat sich bereit erklärt, die Wahl zum Präsidenten der Organisation anzunehmen. Seine Personalvorschläge sind noch nicht bekannt. Einige Mitglieder der Exekutive sollen ausgewechselt werden. Weizmann will fünf Monate in Rechowoth und fünf Monate in London leben. Das Plenum des Kongresses hat mit der Beratung der Kommissionsanträge begonnen. Zuerst gelangten die Anträge des Sanitäts¬ und des Kolonisationsausschusses (Kampf gegen die Bodenspekulation) .zur Annahme. Das TransfevAbkommen mit Deutschland- In der Arbeiterfraktion haben sich tiefgehende Meinungsverschiedenheiten in bezug auf die Abmachungen mit Deutschland bezüglich der V e rmögenstibertragung der nach Palästina auswaude rüden Juden ergeben. Die Mehrheit der Fraktion hat beschlossen, an dem Abkommen festzuhalten, es aber der Kon* trolle der Exekutive zu unter* stellen. Dagegen forderte die Minderheit in einer leidenschaftlich geführten Aussprache die vollkommene Annullierung des Abkommens. In dem von der Politischen Kommission eingesetzten Unterausschuß für diese Frage zeigte sich gestern die Wirkung dieser Unstimmigkeiten. Da die Mehrheitsresolution, die Ausführung des Abkommens der Kontrolle der Exekutive zu unter? stellen, angenommen wurde, verließ der Vertreter der Arbeiterfraktion, der selbst der Minderheit in dieser Frage angehört, die Sitzung. Die Ansicht des Kolonial* amtes> London, 1. September. Das Organ des Kolonialamtes „Near East“ nimmt Bezug auf die auf dem Kongreß erhobenen Forderungen der verstärkten Einwanderung nach Palästina und die Öffnung Transjordaniens und erklärt, daß für die Mandatarmacht nicht die Gruppenbildungen im Zionismus und ihre Forderungen maßgebend sind, sondern nur die wirtschaftliche Aufnahmsfähigkeit des Landes. Die jüdische Einwanderung nach Palästina ist in den letzten zwei Jahren ungeheuer gestiegen und wird voraussichtlich in diesem Jahr eine noch nie dagewesene Ziffer erreichen. Die Mandatsmacht müsse alle Seiten des wirtschaftlichen Problems berücksichtigen und könne von den vou ihr festegten Grundsätzen nicht weit abgehen. Die Einwanderung nach Trqnsjordanien . stößt auf den formellen Ausschluß dieses Landes aus den Mandatsbestimmungen.