Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 478 (27.8.1935)
- Date
- 1935-08-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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X'iner gesetzgebenden Körperschaft einig. Kein Jude wird sich zur Wahl stellen oder eine auf Ihn fallende Wahl annehmen, und man kann jetzt schon sicher sagen, daß der neue gesetzgebende Rat keine jüdischen Mitglieder haben wird. Diese Einstellung gründet sich auf die Überzeugung, daß ein gesetzgebender Hat, der proportional der Bevölkerung aus jüdischen und arabischen Mitgliedern zusammengesetzt, ist, (die Juden dürften jetzt etwas weniger als 30 Prozent ausinachen), einen Rückschritt im Aufbau des National heims bedeuten würde. Die Juden sind empört, über die Unz.eitmäßigkeit des Experiments, das gerade in eine Zeit falle, in der die Früchte jüdischer Arbeit und Opfer anfangen zu reifen, in eine Zeit, in der der antijüdische Kampf in Deutschland auf der Höhe sei und auch auf ander Länder überzugreifen drohe, in eine Zeit endlich, in der es klar werde, daß Palästina der einzige Ort in der ganzen Welt sei, der ein annehmbares Refugium für die jüdischen Opfer der Verfolgung bilde. Die Konsequenz eines höchstwahrscheinlich feindlich eingestellten Rates sei ein Zusammenbruch des Vertrauens, das sich langsam nach verschiedenen Rückschlägen wieder eingestellt habe, und damit möglicherweise auch die Zurückziehung großer finanzieller Mittel und Anleihen, die eiben auf Grund dieses Vertrauens gewährt wurden. I m Grunde genommen wäre a 1 s o d i e Einsetzung eines legislativen Rates eine direkte und folgenschwere Verletzung des Mandates, zu dessen Aufgaben es ja gehöre, den Aufbau einer jüdischen Nationalheimstätte zu sichern. { Die Rassenschande Minister a» D. Heini für eine Palästina"Ausstellung in Wien In der Palästina-Beilage des „Neuen Wiener Journal“ schreibt der Präsident der [Wiener M-eeee, Minister a. D. H einl u. a.: „Gerade Wien ist voraus bestimmt, für den Export Palästinas wichtige Werbe- •diemetc zu leisten. Einerseits hat Österreich (selbst einen großen Bedarf an Südfrüchten, aai dem Palästinas Ausfuhr einen verhältnismäßig kleinen Anteil hat, anderseits besuchen dio Wiener Messe Einkäufer aus über siebzig Staaten, die ebenfalls Bedarf an .Südfrüchten haben. Eine entsprechende (Werbearbeit für die Erzeugnisse Palästinas auf diesem Gebiete auf der Wiener Messo •— etwa in der Gestalt einer Son- Herausstellung* — würde daher mit Sicherheit auch für den Ausfuhrhandel Palästinas ausgezeichnete Ergebnisse bringen Wie mir bekannt ist, schweben a u c h bereits Verhandlungen, die eine <1 c r a r t ig e Sonderschau auf einer ider nächsten Wiener Messen k u in Geg'ons t a n de haben. Ee wäre nur wünschenswert, daß diese Vcrhandlun gen zum Ziele führen, und daß auf diese [Weise die Geschäftsverbindungen, dio Österreich mit Palästina verknüpfen, in großzügiger Art ausgebaut und vertieft werden. Beide Länder könnten daraus nur tlie größten Vorteile ziehen.“ Wir würden c& begrüßen, wenn die Ce (schäfts-Verbindungen zwischen Österreich und Palästina ausgebaut werden können. Schwierigkeiten ergeben sieh aber daraus, [daß die Rassentlieorie aus Österreich noch nicht ausgewieeen worden ist. Eine Woche ist seit der Königsbcnger Rode Schachts vergangen. Er hat nicht, umhin können, die Schädigung der Wirtschaft durch die antijüdIschen Exzesse zu schildern und er hat gesagt: „Ich werde jeden zur Verantwortung' ziehen, der disziplinlos handelt.“ ln dieser Woche, die seither vergangen ist, haben wieder einige hundert Städte und Dörfer den Juden den Zutritt verholen. Von den Märkten werden die jüdischen Kaufleute verjagt, ein jüdisches Waisonlieim mußte unter Polizeisebutz geräumt werden; Rollkommandos j säubern die Seen bei.Berlin von jüdischen Badegästen; in Dachau sind welm jüdische- Schutzhäftlinge ermordet worden; in Kaiserslautern wurde ein Jude von. Gestapo- Leuten aus dem Fenster geworfen; einige tausend Juden sind wegen Rassenschandc in die Konzentrationslager gebracht worden; andere werden mit Tafeln um den Hals herumgeführt. Was hinter all dem an seelischer Tortur und physischer Not steckt, ist kaum vorstellbar und die düsteren Ankündigungen der englischen Berichterstatter zeigen, wohin der Kurs laufe]] soll, den Schacht als Reinerbaltung der deutschen Kultur und Eigenart liinetellt. Das Hitler-System ist im Judenpunkt unnaoligiebig und alle seine Träger sind darin einig. Daß alle zwei Tage mit Genehmigung der Goebbels-Zensur ins Ausland berichtet wird, Schacht habe sich den Exzessen widersetzt-, ist nur ein kleines Detail in diesem übergroßen Drama. Ein zweites Detail ist die Erklärung des Justizministers an den Juristenkongreß in Berlin, daß Rassenschandc -heute ein strafrechtlicher Tatbestand in Deutschland ist. Rassenschamde ist z. B., wenn ein, Jude ein« Arierin nach dem Weg zum Bahnhof fragt oder wenn ein jüdischer Kaufmann einer Kundschaft ein freundliches Wort sagt. ln di es er.». Rede hat der Minister Frank auchdie neue Staatstheorie erläutert und eine Lehre verkündet, die, wenn auf der Welt noch etiwia« Menschlichkeit und Barmherzigkeit bestünde, auf Deutschland anznwenden wäre. Der Mildster erklärte: „Die scharfe konzeasionslose Lehre von der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten fremder Staaten bindet jede Regierung von vornherein daran, alles zu vormeiden, w’a s einer fremden Regierung Anlaß geben könnte, den Grundsatz der Nichteinmischung als verletzt erscheinen zu lassen.“ Er hat damit zu einem Krieg gegen Rußland aufreizen wollen. Aber sein Auditorium hat nicht übersehen, daß die Tagung in Berlin stattfand, und es Ist dies auch in verschie denen Reden deutlich zum Ausdruck gekommen. Aber hiuteif diesen Aktien steht nicht der Wille zur Tat. Die internationalen Reehtsgelehrten sehen die Gefährlichkeit des Nationalsozialismus nur in dem Vernichjtnngskrieg gegen die Juden. Daß dann [Franzosen, Tschechen, Polen, wohl auch! Engländer drankommen, daß dann alles, I alles, was nicht nordisch ist, zerstrampolt weiden wird, wollen sie nicht verstehen Aber es wird doch die bittere Lehre kom men und man wird es bedauern, daß Franks These nicht aufgegriffen und durch eine internationale Polizeiaktion gegen das Dritte Reich in die Tat umgesetzt wurde. Denn der Nationalsozialismus ist eine Schande für die menschliche Rasse. Oie jüdische Volksschule in Wien Der Jüdisch - Kiilturcllo Elternbund wondet sich mit folgendem Aufruf an die jüdische Öffentlichkeit: Die Israelitische Kultusgemeiudc Wien erläßt eine Kundmachung des Inhaltes, daß mit beginn des Schuljahres 1935/36 die I. Klasse einer Jüdischen Volksschule für Kn abeu, in die auch eine Anzahl Mädchen aufgenommen werden, mit dem Standort H., Castellezgasse 35, eröffnet werden wird. Der Lehrplan und das Stundenausmaß für alle weltlichen Gegenstände sind gleich denen der allgemeinen Volksschulen, doch wird an dieser Anstalt ein größeres Maß jüdischen Wissens vermittelt werden. Der Vormittagsunter r i c b t wird erst um 9 Uhr beginnen. Die Einschreibung kann unter Beibringung des Geburts-, Ileimats- und Impfzeugnisses itri Schulamt der Israelitischen Kultusgemeinde, Wien, I., Seitenstettengasse 2, I. Stock, bis längstens 10. September 1.9 3 5 von 9—12 Uhr vormittags, erfolgen, woselbst nähere Auskünfte erteilt werden. Nach der von uns an zuständiger Stelle eingezogenen Erkundigung e ii bildet die bereits e r f o ) g ( o Anmeldung i u einer öffentlichen Schule kein Hindernis für die Einschreibung Ihres Kindes in dio Jüdische Volksschule der Kultusgemeinde. Wir glauben nicht erst auseinaiulersetzen zu müssen, welche außerordentliche große Bedeutung einer j ü d i s c h-r e 1 i g i ö h e n Jugewlerziehung gerade bei den gegenwärtigen, für das Judentum so überaus schweren Zeiten, zukommt. Es ist deshalb zuversichtlich zu er* warten, daß eine große Anzahl jüdischer Eltern von der neuen Gemeindeeinrichtung Gebrauch machen wird. Zehn jüdische Schutzhäftlinge in Dachau ermordet! . Die Danziger Juden an den Völkerbund Danzig, 23. Augucst. (2.T.A.) Wie schon mit geteilt, haben sieh die Danziger Juden entschlossen, außer den bereits beim Völkerbundtsekretariat in Genf liegenden Petitionen eine weitere Petition dem Hoclikomniiesar Leßter zur Weiterleitung an den Völkerbund zu übergeben, in welcher dio antisemitischen AiusSohireiUmgen und die Bedrückungen der Juden auf dem Gebiet des Freistaates dairgostel.lt werden. Die bereits früher überreichten Petitionen wurden bekanntlich von einer Kommission berühmten, Juristen bereits geprüft und werden von der Völkerbundversammlung w ä h r e n d ihrer September-Session behandelt werden. Es stellt noch nicht fest, ob auch die neuere Petition mit Gegenstand der yerliandhiaag.sfin wird, Unter der Überschrift „Vergeßt es nie“‘| veröffentlicht der „Sozialdemokrat“' einen Bericht über (las Konzentrationslager Dachau in Bayern von gut informierter Seite, der folgenden Abschnitt über die Lage der Juden in diesem Lager enthält: „Am meisten drangsaliert werden in der Regel die jüdischen Gefangenen. Hier tobt sieb der von Hitler und der Partei seit Jahren geschürte, stark sexuell gefärbte A n ti s e in i 11 s m u s der SS.- Lente hemmungslos aus. Juden werden nicht nur in der erniedrigendsten Weise behandelt, zu den mühseligsten Arbeiten lrerangezogen und dabei besonders gequält (bekannt ist die von menschlich e n Z u gt i e r e n gezogene St r a ßniwalz e), sondern sie sind auch bei der Entlassung besonders benachteiligt-, und hier wiederum vor allem die J u d en aus N ü r n b erg und Frank e n, wo Julius Streicherj herrscht. So sind von den 17 Nürnberg-! Für Hier Juden, die nach Dachau kamen, bisher nur drei entlassen worden. Fünf befinden sich noch in Dachau und alle übrigen — in zeitlicher Reihenfolge: Benario, Goldmann, Lehrburger, Schloß, Schmitz, Dr. Katz, Dr. Rosenfelder, Gans und Itohn — wurden ermordet, oft in der bestialischesten Weise. Den Angehörigen wurde in der Regel verwehrt, den Sarg zu öffnen. Der vorletzte bekannt gewordene Mord in dieser Reihe, der an dem Angestellten Erich Ga ns, hat sich folgendermaßen zugetragen: Gans befand eich seit April 1934 im Arrest. Am 1. Juli kam eine Abteilung der SS.-Lagenvache von ihrer Mordarbeit in München, Stadelheim und Wieseee zurück und tobte ihre noch unbefriedigte Wut an den wehrlosen Insassen der Arrestzellen aus, wobei sie n. a. einen ehemaligen kommunistischen Funktionär, Walter H äni s c h, und den genannten Erich Gans ermordeten. Dessen Angehörige, seit April ohne Nachricht von ihrem Sohn, erhielten erst im Oktober auf vielfaches Drängen die Todesnachricht mit der Asche zugesandt!“ Ein Mord in Kaiserslautern Kaiserslautern, 23. August. (2. T. A.) Der 26 Jahre alte jüdische Viehhändler Forst aus Niederkirchen wurde von einem Gendarmeriebcainten nach Kaiserslautern ge bracht. In einem imbewachten Augenblick stürzte Forst aus einem Fenster im zweiten Stock auf die Straße, wo er bewußtlos liegen blieb. Er wurde ins Krankenhaus überführt. Gegenüber dieser amtlichen Darstellung des Vorfalles erhält sich in Kaiserslautern hartnäckig das Gerücht, Forst, sei nicht freiwillig aus dein Fenster gesprungen, sondern von G estap o-L euten hinaus ge stürzt worden. Dankesvotum für Dr• Oskar Grünbaum Bei dem letzten Vortragsabend im Allgemein » Zionistischen Hand* werkeiverband „BaaleMikzoah4* wurde nach dem Referat des Herrn Bad* ler beantragt, dem Präsidenten des Zionistischen Landesverbandes, Dr. Oskar Grün* bäum, den Dank für seine Arbeit zu* guneten des Verbandes ausz-ueprechen und ihm weitere treue Gefolgschaft im Sinn ei des Krakauer Programmcs zu ge* loben. Dieser Antrag wurde mit großer Ge* nugtiiung aufgenommen und beschlossen, in diesem Sinne an Herrn Dr. Grünbauih nach Luzern zu telegraphieren. Aus dem Saarland Ein Sonderberichterstatter des „Pariser Tageblatt“, der jetzt das Saarland bereist, schildert diie Stimmung der dortigen Bevölkerung heute, sechs Monate nach dem Plebiszit, als „schwarz“. Über die Lage der Juden in diesem Gebiet führt er aus: ..Die ■jüdische Bevölkerung hört die I> r o h u n g mit dem 2!). F eiruar nächsten Jahre« und beherzigt, sie, soweit ihr das möglich ist. Zahlreiche Vorfälle der jüngsten Zeit beweisen, daß die Judenverfolgung auch an der Saar hundertprozentig Einsetzen wird, Aushängckästen für den StreicherßcbeB ^Stürmer" werden von weißgekleideten Jungfrauen durch die Straßen getragen, bevor sie an hervorragender Stelle des' Ortes angebracht werden. Und dann dauert es nicht mehr lange, bis so ein armer Teufel von den uniformierten Verbrechern des Dritten Reiches gefaßt-, mißhandelt und wegen «Rassen- Schändung“ durch die Stadt gef ii h r t wird. In der vergangenen W oche wurden die jüdischen Händler vom Freitagsmarkt i« Saarlouis vertrieben und in B egleitung von SA.-M u s i k weggebracht. Von den 28 jüdischen Geschäften, die sich in Völkerbundzeiteii in der Bahnhofs traße in Saarbrücken befanden, sind nur noch vier vorhanden. Drei davon sind zu verkaufen Die Juden wagen sich kaum noch in die Öffentüdikeifc, Adolf Böhm: „Die zionistische Be* wegutig“ Neuausgabe in zwei Bänden. Dieses seit vielen Jahren vergriffene Standardwerk erscheint jetzt in einer vom Verfasser völlig u m g e a r b e i t e t cn und weitergefiihrteu Neuausgabo im Jüdischen Verlag, Berlin W 50. Es gelangen zwei Bände zur Ausgabe. Der erste Band, der im September dieses Jahres erscheint, behandelt die präzionistische Zeit und die Geschichte des Zionismus bis zum Ende des Weltkrieges. Auf fast 750 Seiten, Lexikonfomiat, gibt der Verfasser ein umfassendes Bild nicht nur des politischen Zionismus, sondern auch der zionitichen V o rgecbichte, der zionistischen Geistes geschickte, der Kolonisations* arbeifc in Palästina usw. Bereits die erste Auflage ist als d i e 'Geschichte des Zionismus gewürdigt ivorden. Lebendigkeit der Darstellung und übersichtliche Gliederung des riesigen Stoffes und eine bei aller Objektivität persönliche Betrachtungsweise vermittelten schon in der ersten Auflage ein einzigartiges Bild der zionistischen Bewegung. . Nunmehr ist der Umfang bereit«; des ersten Bandes auf das Doppelte gestiegen, so daß eigentlich ein vollkommen neues Werk entstanden ist. In seiner heutigen Gestalt ist das Werk nicht nur ein Lehr- und Inforinationsbueh für Kurse und Selbstunterricht, «sondern auch eine Lektüre, die geradezu als s p a nn e n d bezeichnet worden ist. Der Preis des ersten Bandes beträgt RM 6*50 fiir die kartonierte und RM 9'50 für die Ganzleineuausgabe. Der zweite Band erscheint im Jahre 1936. Er führt die Darstellung bis zur Gegenwart fort. Jeder Band ist einzeln käuflich, 02344085^39^^7226110424023^25327457979846^960972067