Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1935-08-27 · Heft 478 (27.8.1935) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 478 (27.8.1935)
Date
1935-08-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3054140-3054233--5264-3060981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. '•A* DIB ST1MMI Nr. 478 — 27. Angu*t. 19»» ■52 Die Flüsterpropaganda Der 19. Zionlstenkongreß in Luzern Ein t.'iiii'lisfher Berichtorrtattt*r hat. wie das „Weltblatt“ mitteilt, ein Dokument erhalten. das Richtlinien für die nationalsozialistischen Agenten hu tum VIII — das ist Österreich — vorschreibt. Nach ihrem ganzen Wortlaut ist diese Anweisung nicht im Gau VIII, sondern im Dritten Reich angefertigt worden. Sie verfügt u. a. ..die Jude.nfrage möglichst in der breiten Öffentlichkeit zur Diskussion zu bringen und diese zu erhalten“. Das int nicht deutsch, aber hakenkrouzleriseh, und die Empfänger der Richtlinien stoben sich nicht an der Diktion. Für sie ist der Inhalt wichtig wichtig aber auch für uns. Es wird hier authentisch bestätigt, daß das Gerede um die Juden in den einzelnen Be- Tufszweigen der hochverräterischen Propaganda dient und daß es eines der Mittel ist, mit denen der Anschluß des achten Gaues psychologisch vorbereitet wird. Es sind noch neben der Judenfrage die Versionen über die Habsburger-Restauration, über die Umbildung der Regierung und die Ausstreuungen über finanzielle Schwierigkeiten. Die Staatsführung muß alle Kräfte aufbieten, um diesen vier Angriffsformen entgegenzu- ,wirken und sie muß sieh auch damit beschäftigen. daß antijüdische Agitation eingestandenermaßen ein Teil der antiösterreichischen Agitation ist. «MB Polen Mills und bequem Abreisen jeden Sonntag. Rückfahrten am 1. und 15. September D-ZHge. Piillisamap and imniatt Plit» Reisebüro „IN DIE WELT" (Dr. S. Tocker) IX./ Liechtensteinstraß* 2 — Telephon A 14*504 Die Nationalsozialisten knüpfen hier an altehrwürdige Traditionen an, die noch aus der Monarchie stammen. Die alldeutsche Bewegung Schönerers hat mit der Judenfrage jongliert und zu Zeiten des christlichsozialen Aufschwunges hat es einen Mechaniker Schneider gegeben, der Schußgeld auf Juden hat aussetzen wollen. Auch die Rassenforschung ist für Österreich nichts neues und die an den nationalsozialistischen Hochschulen erzogenen deutschen Intellektuellen haben sich mit der Frage „ob er a Jud is“, manche müßige Stunde vertrieben. Jerzabek hat im Parlament sehr gerne über die Leute au3 dem Ergänzungsbezirk Palästina Reden gehalten. Der Umsturz hat an diesen Gewohnheiten nichts geändert und wenn man jetzt in den Zeitungen die Berichte über den Zionistenkongreß in Luzern liest, so erinnert man sich unwillkürlich an die Szenen, die im Jahre 1024 dem von der Regierung Ramek nach Wien eingeladenen Zionistenkongreß bereitet wurden, als in der Praterstraße ein arischer Alkoholiker einen arischen Turner ermordete. Damals traten die nationalsozialistischen Agitatoren an der Spitze der Demonstranten so rüde und so offenherzig in ihren Bestrebungen hervor, daß die Regierung rasch eingreifon mußte. Der Putsch lag schon damals in der Luft und es erwies «ich, daß das Hepp-Hepp-Geschrei ein sehr verwendbares Instrument im politischen Machtkampf davstellt. Ob ein primäres odgr sekundäres ist irrelevant. Inzwischen ist mit Hilfe des aktiven blutgierigen Antisemitismus in Deutschland ein System etabliert worden, das die Verjagung der Juden aus allen Positionen durchführt. Nicht zum Vorteil des deutschen Volkes, wohl aber zum Anschauungsunterricht für alle, die lernen wollen. Es ist ja vor kurzem in Österreich ein Jubelartikel über die wirtschaftliche Entmachtung der Juden verlaubtbart worden, wobei im Anschluß die Altäre der Creditanstalt die These verfochten wurde, daß die Behauptung von den besonderen wirtschaftlichen Fähigkeiten der Juden lim Wh " •„ Bösendorferstr. 12 (Musikverein) Tel. U 46-4-37 I., Hlmmelpfertgaase II Telephon R 28-1-75 2ß. ßehuljahr Direktion t Prof. Josef Enltlor Unterricht in Gesang, Klavier und allen Orchester instrtmifinten von den ersten Anfängen hie zu künstlerischen Ausbildung. Eigene Klnderubtt’iiung. Anmeldungen und Aufriahmsprüfung täglich vor- und nachmittags auNHulilIeüUch im Musikverelnsgehäude, I., Bdsendorferstraßo 12 . ... Das politische Referat Luzern, 22. August. (2. T. A.) In der Sitzung des Kongresse« am 21. August, abends, erstattete das Mitglied der Exekutive und Leiter des politischen Dezernates der Z. 0.. Prof. Selig B r o J e tsky, das politische Referat, in dem er die Maßnahmen der Exekutive in Verbindung mit deu seit dem letzteu Kongreß aufgetauchten politischen Problemen darlegte, die gegenwärtige Situation und das Verhältnis der Zionistischen Organisation zur Mandatarmacht charakterisierte und die politischen Richtlinien fiir die konmiende Arbeit zeichnete. Prof. Brodetsky befaßte eich mit den in letzter Zeit wieder erwachten territoriale tischen Bestrebungen und stellte fest, daß kein Zionist sich dagegen wenden könne, daß irgendein Ausweg für leidende Juden gefunden wird. Doch solle die Judenheit sich davor in acht nehmen, daß sie von ihrer Aufgabe in Palästina abgeleukt wird. Ungeheure Aufwendungen an Geld und Arbeit seien erforderlich, um ein neues Land für die Einwanderung vorzubereiten, und ee werde noch viel Zeit, vergehen, bis der neue Territorialismus imstande sein wird, eich mit tausenden Juden zu befassen. Die Palästina-Einwanderung Prof. Brodetky glaubt, daß die wiederholten Besprechungen zwischen der Exekutive und den Regierungen in London und in Jerusalem nicht ohne Wirkung geblieben sind. Unmittelbar nach dem letzten Kongreß habe sich in Palästina der gewaltige Arbeitermangel fühlbar gemacht. Die Exekutive mußte eine Arbeiterschedule fordern, für die bei einer Besprechung im Colonial Office der Ausdruck „astronomische Ziffern“ gebraucht wurde. Es bedurfte immer wieder neuer Vorstellungen. Dank der verständnisvollen Haltung des High Commissioners und des neuen Leiters der Regie-.. nmgsabteflnng für Einwanderung konnte diese auf ihr jetziges Ausmaß gebracht werden. Wenn der Koloniemninister vor kurzem im Unterhaus auf die Forderung nach Verstärkung der jüdischen Einwanderung antwortete, er und der High Commissioner seien sieh darin einig, daß es notwendig sei. in Palästina so viele Juden durch die Entwicklung entkräftet worden ist. Wenn man sich so unbefangen die Entwicklung im Dritten Reich besieht, so erkennt man, daß der Umbruch draußen gerade keine zu Respekt auffordernden Fähigkeiten der nordischen Rasse brauner Couleurs an den Tag gebracht hat. Wer also der Flüsterpropaganda lauscht, der muß unbedingt den Zustand des verschuldeten Reiches bedenken, muß berücksichtigen, in wie rasendem Tempo Rechtsgefühl, wissenschaftliche Arbeit und geistige Kultur heruntergegangen ist, obzwar — wir sagen, weil — die Juden entfernt worden sind. Die minderwertigste Schichte des deutschen Volkes ist in die Hübe gewirbelt worden, die da glaubt mit Totschläger und Gummiknüttel aller Probleme Herr zu werden. Aber Haß baut nicht auf. Eß gibt in Österreich Personen genug, die den Kopf in den Sand stecken und krampfhaft den Verfall Deutschlands nicht sehen wollen. Sie sind nun einmal für den Stecbschritt, für Blubo und für das Himmelhorrgottdonnerwetter des Streicher«. Eh ärgert sic, daß daß nationalsozialißtißühe Regime in logischer Durclidenkiuig des antisemitischen Programme« auch zum Krieg gegen die katholische und protestantische Kirche gelangt ist. Mit dem bißchen Judenmorden finden nie sich leicht ab. Denn im Herzen sind eie alle ausmfiimslo« antljüdisch. Ja sie finden sogar wieder zu dem Rezept des Kampfes zurück, der seinerzeit zwischen Chrißtlichsozialen und Sozialdemokraten gerführt wurde und in dem dio beiden einander — ihro Juden vorwarfen. Redete die „Reichßpost“ von Bauer und Deutsch, «o schrie die „Arbeiter-Zeitung“: Jesaias Aberbach! Und so hat — wir haben davon «schon gesprochen — die „Reichspost“ kürzlich Prof. Selig. Brodetskys I als wirtschaftlich möglich „willkommen zu heißen“, so eollte dies ein Anzeichen einer neuen freundlicheren Einstellung gegenüber jüdischer Einwanderung sein, die das Recht geben sollte* Anderungenen in der Handhabung der Einwanderttngsvorfcchriften und überhaupt, andere Vorschriften zu verlangen. Im Anschluß daran befaßte sich Prof. Brodetsky mit dem Kampf um das Prinzip der jüdischen Arbeit und verlangte, daß die Regierung mit Hilfe dpr ihr zur Verfügung stehenden großen Überschüsse, umfangreiche öffentliche Arbeiten, den Bau von Straßen, Eisenbahnen, Häfen, Flugplätzen, den Ausbau des Post-, Telegraphen- und Telephonwcsens, unter Verwendung jüdischer Arbeiter durchführe. Sie müßte durch eine Arbeiters c h u t z g e s e t z g e b u n g verhindern, daß infolge der Ausbeutung billiger Arbeitskraft der jüdische Arbeiter, dem in so hohem Maße die günstige Lage Palästinas zu verdanken ist, aus wichtigen Gebieten de« Wirtschaftslebens verdrängt wird. Die Juden wollen in Paläßtina nicht eine jüdische Oberschicht und eine arabische Unterschicht. Das zur Begründung der Einwanderungseinschränkuiig gebrauchte Argument, daß man für schlechte Zeiten Vorsorgen müsse, sei nicht stichhaltig. Die Bodenfrage Prof. Brodetsky besprach eodann die Erschwerung des Bodenerwerbes durch Notverordnungen, die noch während de« Prager Kongresses angekündigt wurden. Alle Bemühungen, diese neuen Einschränkungen rückgängig zu machen oder wenigstens hinaußzuschieben, blieben erfolglos. Obwohl der Popanz des „dislozierten Arabers“ durch die von der Regierung selbst durchgeführto Untersuchung beseitigt wurde, hat man immer wieder neue Schwierigkeiten dem Bodenerwerb durch .Juden in den Weg gelegt. Die Juden s «61 b s t h ä 11 e n z it yv e n 5-g f ti r d e n N a t i o n a 1 f o n d e geleistet Prof. Brodetsky brandmarkte das Treiben der Bodenspekulation und stellte fest, daß der jüdische Bodenbesitz viermal kleiner ißt als es dem jüdischen Bevölkerungsanteil entsprechen würde. Brodetky wies sodann auf die Erwerbung der H ule-Kon Zession hin. Man den Hitler-Leuten nachgewieaen, daß eie komischerweise ihre Raesentheorio sich von den Juden haben liefern lassen. Das „Weltblatt“ wieder findet es interessant, feetzußtellen, daß die Durchführung des Itaseenprinzips im Dritten Reich keineswegs so reßtlos vor sich geht. Eh sind bei Goering Lento mit einer jüdischen Großmutter, es gibt jüdische Geldgeber des Nationalsozialismus, die vor Behelligung immunisiert sind, ja nuirt flüstert sich den Namen des Großaktionäre eines der bedeutendfiten cb cm isoliert Trusts der Welt zu. Es ist uns unbekannt, ob das alles richtig ist, aber oy ist auch nebensächlich. Wichtiger ißt, daß dies für das „Weltblatt“ der Bowois ist, „daß es dem Nationalsozialismus auch bei seinem Rassen kämpf in erster Linie nur um die Erhaltung der eigenen Machtpositionen zu tun ist, und daß auch er, um ein tiltes Wort zu variieren, souverän mit einem ,Arierbrief1 festsotzen kann, wer eiu Jude ist und wer nicht.“ Die« in erster Linie. In zweiter Linio finden wir die im Dritten Reich ermordeten Juden, die Juden in den Konzentrationslagern, die Juden, die von llauß und TTof vertrieben wurden, die jüdischen Waisenkinder, die aus den Heimen vertrieben worden, finden wir 400.000 hungernde, verzweifelnde Menschen. Sie alle zusammen bilden eine T a t s a c h c. Sio ist beweiskräftig genung für uns und für eine immer größer wert lende Menge anständiger Arier, um das Wesen dieser neuen »Sekte zu erkennen. Sie hat. Deutschland ruiniert und eie will Österreich ruinieren, flir erstes und letztes Wort ist. Mord. Österreich mag «ich dio Flüßtorpropaganda und dio Propagandisten näher beßchcu. müsse die hierbei von der Regierung und besondere vom High Commissioner geleistete Hilfe anerkennen. Aber es müsse auch festgestellt werdeu, daß die Konzeeeion acht oder zehn Jahre früher vermute lieh z u m halben P r o i s hätte erwor-i ben werden können. Trotz dieses großen Fortschrittes auf kolonisatorischem Gebiete bleibe d a e Boden prob lem ungelöst. Die wichtigste Frage sei: Wie kann unser Landhunger gestillt werden, eo daß die jüdische Kolonisation nicht aufgehalten wird. Der Jüdische Nationalfonds leiste gute Arbeit. Aber andere und radikale Lösungen scieti notwendig. In Palästina, westlich des Jordan, und in Transjordanien sind große Bodenflächen vorhanden, die der Erschließung durch Juden harren. Der Kongreß werde sich ernsthaft mit der Bodenfrage und praktischen Plänen zu befassen haben, die auf Grundlage nationalen oder privaten Kapitals und unter Mitwirkung der Regierung durchzuführen wären. Es sei zu hoffen, daß die beiden nächsten Jahre einen radikalen Umschwung auf diesem Gebiete bringen werden. Radioaktivste Therme der Welt 9.®\«SR 1000 Meter Ober dem Meer Aller Komfort Thermalbäder Mäßige Preise Restaurant Das Prinzip der „Offenen Tür“ und die Palästina-Wirt* schaff Eingehende Betrachtungen widmete Brodetßky der Auswirkung des Prinzips der ,;0f fenen TlCr“ auf die Wirtschaft Palästinas, Der Absatz der für die nächsten Jahre zu erwartenden wesentlich vermehrten Zitmsproduktion bilde ein Problem von grundlegender Wichtigkeit für die Prosperität Palästinas und die Sicherung seines Wirtßchaftsaufbaues. Ee gelte den Schutz des inneren Marktes und die Gewinnung auswärtiger Märkte, wobei zu unterscheiden eei zwischen den Nachbarländern Palästina«, den Gebieten des britischen Imperiums und anderen Ländern. Da Palästina ein Mandatsgebiet der Kategorie A ist, kann ihm England keine Einfuhrbegünstigungen für seine Produkte einräumen, ohne dies gleichzeitig auf Grund der in den Halte delsverträgen enthaltenen Meistbegünstigiingsklansel den Staaten gegenüber zu tun, mit denen solche Handelsverträge abgeschlossen wurden. Anderseits sind infolge das § 18 des Mandats und der Verträge, dio England auch mit nicht dem Völkerbund angchürendem Staaten abgeschlossen hat, sämtliche Länder in bezug auf ihro Einfuhr nach Palästina gleichberechtigt. Allerdings werde in dem fünften voll Wilsons berühmten 14 Punkten, der das Prinzip der wirtschaftlichen Gleichberechtigung in bezug auf Kolonialgebieto fest!egt, auch betont, daß dio Interessen dor Bevölkerung dieser Gebiete ebenso in Betracht zu ziehen seien, wie diejenigen der Länder, denen freier Zugang garantiert wird. Eß hänge nun alles davon ab, wie das Prinzip der wirtschaftlichen Gleichberechtigung interpretiert wird; ob hierbei jenes ändert) Prinzip betreffend den .Schutz der Interessen der Eiuwuhner von Mandatsgebieten boriickßichtigt wird oder nicht, lui Falle Palästinas wurde die wirtschaftliche Gleichberechtigung nur im Sinne dos Prinzips der „Offenen Tür“ Interpretiert, ohne Palästina als Gegenleißtnng dieselbe Freiheit für die Ausfuhr nach jenen Ländern zu gewähren, die nach Palästina frei entführen. Es sei Pflicht der Mandatarmacht und des Völkerbundes, diese Angelegenheit zu ordnen und es nicht zuziilasson, daß Paläßtina dadurch, daß es, sowohl die Nachteile des Kolonialstatus tragen muß, dein wirtschaftlichen Ruin entgegongüluhrt wird, Gowiß würde 000200020202020023232353020053484823534848480001000248534853485348532353485348535323235353530200015353485348534853020248232323000253232348484848485348534853000048530253532323482348484853235348485302000100482348010253484853 28944231

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.