Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 475 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIB ST1MMI Sette 5 Nr 478 — 16. August 1935 H /rfW » Kein Brot, keine Wohnungen „Pariser Tageblatt“ teilt aus Kowno mit: Ans Tilsit wird gemeldet, daß in dieser Woche seitens der dortigen Stadtverwaltung eine Versammlung der Bäckermeister der Stadt Tilsit einbeuifen wurde. In dieser Versammlung wurde den Tilsiter Bäckern eine Entschließung zur Unterschrift vorgelegt, wonach sich alle Tilsiter Bäcker verpflichten, an keinen Juden Brot zu verkaufen. Alle, bis auf zwei Bäcker, gingen die ihnen vorgelegte Verpflichtung ein. Die zwei übrigen Bäcker erklärten, die Verpflichtung aus rein menschlichen Gründen nicht eingchen zu können. Des weiteren haben sich alle Friseure Jn Tilsit verpflichtet, für die Zukunft keine Juden mehi* in Tilsit zu rasieren. Ebenso gingen die Tilsiter Hausbesitzer eine Verpflichtung ein, an keinen Juden mehr eine Wohnung zu vermieten. In der;Tat haben denn auch alle Hausbesitzer der Stadt den Juden, die in ihren Häusern Wohnungen innehaben, diese Wohnungen gekündigt. Gegen den Strich zeigt sich die Qualität. Elastisch, rasch und sicher gleitet die Sie sind empfindlich Boston, 13. August. Der deutsche Generalkonsul hat beim Präsidenten des Repräsentantenhauses des Staates Massachusetts gegen die von dem Hause gestern angenommene Entschließung Protest eingelegt, die die Rasse- und Religionsvorfolg u ng* durch die Nationalsozialisten verurteilte. Der Präsident des Repräsentantenhauses antwortete, daß der Beschluß keineswegs in die innere Angelegenheiten Deutschlands eingreife, sondern n nr der Aus d r u c k d e r M e inung einer Gruppe von Bürgern über eine Frage sei, die das Weltinteresse erregt habe. Bei Kopf-, Lenden- und Schulterrheuniatismus, Nervenschmerzen, Ilüftweh, Hexenschuß wird das natürliche „Franz-Josefa- Bitterwasser mit großem Nutzen für die tägliche Reinwaschung und Entgiftung des Vordauungskanals angowendefc. Der „HUisvereln deutscher Juden“ muß seinen Namen ändern Berlin, 12. August. (Z. T. A.) Der „Hilfsverein der deutschen Juden“ teilt mit, daß sein Name von nun an Inntot: „Tlilfsverein der Juden in Deutschland“. Der Verein hat die Namensänderung auf behördliche Weisung vollziehen müssen, da d i e P> e z e i e h n u n g „d o u t s c h e r J u d e n“ n u n in e h r v e r b n t e n ist. Die Banziger Petitionen Genf, 12. August, (2. T. A.) Die Tagesordnung der am 4. September d. J. beginnenden Session des V ö 1 k e rh und rat es sieht, neben dem italienischabessinischen Konflikt auch die Behandlung dos Berichte« der Ständigen Mandatkomission über ihre Junitagung, in der auch die Palfistinaborielile und -Petitionen geprüft wurden, Ionier die Behandlung der Petitionen der 1 Einziger Bevölkerung, darunter die der J ud0Uj vor, Maler Wilhelm Wachtel - 60 Jahre alt liiiiiiiiiiiiii Wachtel - der Jüngling* Von Selbstporträt Wilhelm Wachtel — 60 Jahre alt? Man kann es kaum für möglich halten, wenn man sich diese große, stattliche Erscheinung mit den hellen, lachenden Augen im jugendlichen Gesicht Wachteis vergegenwärtigt. Aber nachdem er es selbst bestätigt, muß auch dieses Datum zur Kenntnis genommen werden. Wilhelm Wachtel bleibt dennoch auch mit seinen sechzig der Jüngling, der er mit dreißig war. Ja, vielleicht ist dieser Maler der jüdischen Jugend Palästinas heute, im Zenith des Könnens, noch jünger als er vor Jahrzehnten ivar. * Im Tempel der Palettekunst hatte Wilhelm Wachtel scho nlängst seine Visitenkarte abgegeben, als sich die große Wandlung vollzog, die den Künstler vom Maler dunkler jüdischer Melancholie zum Expressionisten strahlenden, starken Lebensgeistes und -willens werden ließ. Denn Wachtel gehört zu jenen Meistern der Malerei, die man immer wieder neu entdecken muß. Ungeachtet des von der Kunstkritik und Fachwelt über seine Kunst bereits feststehenden Urteils ist, Wilhelm Wachtel stets ein Werdender, ein sich Erneuernder. Bei der Analyse der Wachtelschen Kunst muß man eine Teilung zwischen dem „alten<e Wachtel und dem jungen von heute machen. Da, ist vor allem das in, Ausführung und Thema gleich erschütternde Bild „ Chr istus in der P o g r omgass e“. Es war im Jahre 1920. Nach den fürchterlichen Judenmassakers in der Ukraine. Wachtel kam in jenen Tagen wieder einmal nach dem Osten. Petljuras Banden zogen sengend und mordend durch Ukrainas Judenstädte und Dörfer. Dreihunderttausend zählen die Opfer. Im Hintergrund die tausend Türme der unerforschUchen Weite Rußlands, starrt uns von, diesem Bild die ganze Gequültheit pogromgehetzter Juden, der verwundeten menschlichen Kreatur entgegen. Nein, Christus hat es wahrlich nicht gewollt, daß seine Lehre s o verstanden werde. Dieses Bild bedeutet einen Markstein in seinem künstlerischen Schaffen sowie in seiner ganzen seelischen Entwicklung. In der Ukraine, in Lemberg, in Bialistok fallen die Juden wie die Lämmer. Immer klarer wird cs Wachtel, wo der neue Weg für ihn, sein Judentum und seine Kunst liegt. Wachtel wird Zionist, Als Jude and als Künstler. Und mit einem wahren Fanatismus beginnt er für diese seine neue Idee zu werben, ihr seine ganze Kunst zu widmen. Diese Bewegung und ihr energie-volles Tun und Schaffen, ihre Freuden und Leiden, ihre Erfolge und ihre Niederlagen finden in Wachtel einen künstlerischen. Interpreten. Die Wachtclschn Malerei wird zur Apotheose des Zionismus. Dreimal besucht, Wilhelm Wachtel das Land Israel. Eine wundervolle. Auslese von Bildern ist das Resultat dieser lyrischen, der Landschaft Palästinas abgelauschtcn Im- *) Wir wir erfahrne, ilbersieclelt. Maler Wachtel im Herbist nach Palästina. Vorher, etwa im September, wird sich der Künstler im llahmon einer Ausstellung, unter der Devise ,.Abschied vom dolus“, von seinen zahlreichen Anhängern in .Wien vorabeohiedon. Rosenthal pressmnen. Aber Wachtel bleibt nicht im Lyrischen, bloß Landehaftlichen und St'rnmungshaften stecken, zu sehr ist er mit dem psychologischen und soziologischen Geschehen in diesem Lande seelisch und geistig verknüpft. Nicht die visuellen Entdeckungen, das visionelle Neuland ist es, das seelisch-geistige Erlebnis vom jüdischen Menschen, der sich nach so langem Dunkel und Zwange in Freiheit und Stolz wieder bewegen darf, fesselt ihn. Auch Griechenlands oder Ägyptens Landschaften wären gewiß auf Wilhelm Wachtel nicht ohne befruchtende Wirkung geblieben, doch kaum hätten andere Länder der Sonne und Farben dem Maler jüdischer Melancholie so von Grund auf gewandelt, wie Palästinas Land es getan. Denn es ist eine vollkommene Wandlung, die da mit Wilhelm Wachtel, dem schon reifen Künstler, vor sich gegangen ist. Ein völliges Sichlossagen oder Loskommen vom Schaffen früherer Tage zeigt sich sogar in der Wahl der rein technischen AusdrucIiSmittel. Dreimal war Wachtel in Palästina, Aber immer wieder zieht es ihn hin zu dem Landstrich am Mittelländischen Meer. Dorthin, wo die schlanke Zeder steht und der Jordan fließt. Zu dieser Landschaft und zu ihren Menschen, zur alten Erde und zu den neuen Söhnen. Zu den biblischen Stätten aus vergangenen Tagen und den blühenden, modernen Gartenstädten von heute, zu den blitzblanken Kolonien und Siedlungen und den pittoresken arabischen Dörfern mit ihren Moscheen. Und schließlich immer wieder zur Jugend dieses Landes. Diese hat es Wachtel eigentlich angetan. Sie hat der Künstler in sein liebendes Herz geschlossen. Und in seine Augen tritt ein Leuchten, ähnlich wie es seinen unzähligen Bildern, Zeichnungen, Skizzen aus jener Landschaft eigen, in der Ideen geboren, die den gewaltigsten und nachhaltigsten Einfluß auf die Völker dieser Erde und ihre ‘wechselvollen Geschicke ausüben. Wie magisch muß diese Erde sein, die so lange wüst und steinig gelegen und nach der so lange Millionen sich inbrünstig gesehnt, bis die Jugend, die opfergemute Jugend mit heißem Herzen und unerbittlichem Sinn kam und sie erlöste. Etwas von diesem Zauber dieser Landschaft entströmt mancher seiner Farbstiftzeichnungen, Etwas von dieser rätselhaften starken Macht und Magie teilt sich dem Augen des Beschauers mit. Der 60jährige Wachtel wird gleich einem 20jährigen Jüngling, wenn er von dieser schaffenden Pionierjugend zu erzählen beginnt. Und so icird bald Wilhelm Wachtel der Maler der Jugend Palästinas. Er malt sie, wie sie arbeitet oder nach getaner Arbeit durch die weißen Landstraßen Palästinas singend marschiert. In einem fast hörbaren Rhythmus zeichnet er sie, die jungen Chaluzim und Chaluzoth, wie sie Hora tanzen. Von besonderem Reiz sind Wachtels Landschaftsbilder. Durchivegs Farbstiftzeichnungen, die das Antlitz Palästinas vermitteln. Da ist ein Motiv vom neuen Jerusalem. Das ganze dem Kenner des Landes vertraute reizvolle, terrassenartige Geländ0 um die Heilige Stadt, dazwischen ein arabisches Dorf, vom ölberg aus gesehen, mit der ganzen Romantik des Orients, dann 'Wieder ein Motiv aus Nazareth und das arabische Scheichdorf vor Jerusalem, Lifta. Dann die Haifa-Bucht und der für das Tel-Aviver Gelände charakteristische rote Sand. Das Karmel-Gebiet mit dem modernen jüdischen Viertel „Radar HakarmeV\ das arabische Haifa in seiner ganzen orientalischen Buntheit- und die reizenden Aquarellzeichnungen aus dem Strandleben Tel-Avivs beschließen den Reigen dieser in hellen, farbenfrohen Bildern festgehaltenen Impressionen. Sonne, Meer, Erde und Menschen, mit gleicher Hingabe malt er sie. Immer wieder ist es Palästinas Antlitz, in das sich Wachtel versenkt. * Zu der Gratulation mm Geburtstag Wilhelm Wachtels gesellt sich heute der herzliche Wunsch, daß er auch auf Palästinas Boden noch lange Jahre in ungebrochener Schaffenskraft und -freude wirken möge. Richard Lanyi, Buchhandlung, Wien, I., verlängerte Kärntnerstraße 44 (Telephon 1125-0-70). gibt bekannt: B. Traven: „Die weiße Rose.“ Orig.-Le.inen (S 11*55) S 4*85 „Karren.“ Orig.-Lcinen (S 11*55) . . . S 4*85 „Regierung/4 Orig.-Lcinen (S 11*55) . . S 4*85 „Der Schatz der Sierra Madre.“ Leinen, S 4*85 Arnold Zweig: „Streit um den Sergeanten Grischa“ Orig.-Lcinen (S 10*85) ..... i, S 4*85 (Kart. >S 3*45; „De Vriendt kehrt heim“ Leinen (S 13*50).. . S 4*85 (Kart. S 3*45) „Junge Frau von 1914“, Leinen (S 16*85) S 4*85 (Kart. S 3*45) Joseph Roth: „Radetzky-Marsch.“ Kart. S 3*15, Leinen S 4*85 Emil Ludwig: „Napoleon.“ Mit 21 Bildern. Leinen . S 3*85 „Goethe.“ Mit 21 Bildern. Orig.-Leinen S 3*85 „Bismarck.“ Mit 20 Bildern. Leinen . S 3*85 „Genie und Charakter.“ Mit 19 Bildern. S 3*85 „Juli 14.“ Mit 4 Bildern. Kart. . . . S 1*90 „Lincoln.“ Mit 12 Bildern. Orig.-Leinen S 4*85 „Geschenke des Lebens.“ Mit 13 Bildern S 4*85 Besichtigen Sie meine neuen Schaufenster, Karlsplatz Nr. 1. — Der neue Nachtrag zum 8. Katalog gratis und franko. E Die Juden im Saarland Saarbrücken, 14. August. (2. T. A.) Der Reichskommissar für die Rückgliederung des Saarlandes, B ü r c k e 1, erläßt folgende Kundgebung: „Bringe allen wiederholt zur Kenntnis, daß alle im römischen Abkommen enthaltenen Verpflichtungen seitens der deutschen Regierung auf das loyalste einzuhalten eind. Die Aufklärung der Judenfrage wird in verschiedenen Fällen bewußt als eine Verletzung des römischen Abkommens bezeichnet und entsprechende Maßnahmen durch das Abstimmungsgericht erstrebt. Damit auch hier alle Vorwände einer Verletzung des römischen Abkommens beseitigt sind, wird die Partei in ihren gesamten Gliederungen angewiesen, Wien, IXV Garnisong. 3. Tel. A 20-4-48 Beginn neuer Tages- und Abendkurse am 15. September ————W————————————————C—| die Behandlung der Judenfrage einzig und allein mir persönlich zu überlassen.“ Der „Pfälzische Kurier“ bringt die folgende, von Gauleiter Bürekel gezeichnete Bekanntmachung: „Wer beim Juden kauft, macht immer ein schlechtes Geschäft. Dies beweisen die Gesuche, die bei uns eingeheu und in denen über das unsaubere Geschäftsgebaren der Juden — meistens Viehhändler — sehr geklagt wird. Die Gcsuchsteller beanspruchen dann gleichzeitig den Rechtsschutz der Partei gegen ihre Lieferanten. Hier und da wurde seither in Fällen größter Not geholfen. Heute aber, wo alle Volksgenossen durch Zeitungen, Vorträge und'nicht zuletzt durch eigene Erfahrungen die Geschäftsmethoden der Juden kennen und trotzdem zu ihnen laufen und sich anschmieren lassen, lehnen wir jede Hilfe aus Sauberkeitsgründen ab.“ Verwöhnte Strohwitwer speisen vorzüglich im RESTAURANT HOTEL STEFANIE (vorm. Opcrer) 11., Taborstraße 12 Telephon 11 4G-5-5? •VM«* Ausgiebige Braten-Menüs S 1*60 „ Geflügel- „ S 3*20 IWJ sowie ft la Carte, Speisen am Rost Schöner staubfreier Garten Massenausweisung polnischer Juden aus Sachsen Aus Dresden wird mitgeteilt, daß neuerdingts eino scharfe Verfolgungsaktion gegen Juden, die polnische Staatsbürger sind, eingesetzt hat. Etwa 70 solcher Juden haben Ausweisungsbefehle erhalten, unter ihnen solche, die bereite seit 30 Jahren in Deutschland leben. Jede kleinste Übertretung — wie zum Beispiel eine Bestrafung von 3 Mark für Schnellfahren im Auto — wird als Vorwand zur Ausweisung genommen. Die Ausgewiesenen dürfen von ihrem Vermögen nicht mehr als zehn Mar k m i t n e h m e n. Mehrero der Angewiesenen aber befinden sich in Schutzhaft und haben keino Möglichkeit, mit dem polnischen K o ns u 1 a t in Verbindung zu treten.