Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 475 (16.8.1935)
- Date
- 1935-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DU STIMM! Nr. 475 tt 16. August 1635 EINZIG IN WIEN!!! rein seiden ßerren £>emden beste paßform nur g«° sowie alles in Wäsche und Wirkwaren billigst bei EHGMANN, I., Rabensteig 3, U 20-709. Himmelpfortg. 5, R 25-8-84. Köllnerhofg 1, R 26-8-99 Wir bitten, sich bei iedem Einkauf auf unser Blatt zu berufen l nsere nächsten Re'.sen erfolgen am 11.. 18. und 25. August. Rückfahrten am 1, und 15. September D-Züge. Pollmaiiwagee und reservierte Platze ReisebUro „IN DIE WELT" IX., Liechtensteinstraße 2 — Telephon A 14-504 Die Mischehe Ob Streicher ahnt, daß er mit seinem Kriege gegen die „Rassenschande" jüdisch* arischer Eheverbindungen eine alte Forderung der deutschen Rabbiner verwirklicht? In den letzten Jahren der Weimarer Republik schlossen von hundert jüdischen Ehekandidaten nicht weniger als 25 eine .Mischehe. Hatte sich diese Erscheinung anfangs auf die Großstädte, vor allem auf Berlin und Hamburg, beschränkt, so nahm sie schließlich auch auf dem flachen Land und in den kleineren Städten zu. Ja, in Magdeburg kamen sogar eine Zeitlang (1925—1927) auf 100 jüdische Ehen 125 Mischehen. Von den Kindern, die aus Mischehen stammen, wurden bloß 22’3% jüdisch erzogen. Kein Wunder also, daß die um die Zukunft des Judentums besorgten geistlichen und weltlichen Führer in Wort und Schrift immer wieder auf die Gefahren hinwiesen, die dem Fortbestand unseres Volkstums von hier aus drohten. Im Rahmen der Gesamtbevölkerung Deutschlands bildeten aber die jüdisch-arischen Heiraten nur einen unscheinbaren Prozentsatz, so daß ihre Deklarierung als eine Gefahr für das Deutschtum eine arge Übertreibung darstellt. Auch der Ton, in dem «dieses Problem in der nationalsozialistischen Presse behandelt wird, zeigt, wie wenig es den Verfassern um sachliche Argumentik zu tun ist. Das Thema ist ihnen bloß Vorwand für rüdeste Judenhetze. Der Vorwurf der Wiener ..Reichspost“, daß die Hakenkreuzler mit ihrem Feldzug gegen Rassenschänder nur das jüdische Beispiel aus der Urväterzeit nachahmen, ist nicht ganz stichhältig. Wohl wurde den Juden bei der Landnahme verboten, sich mit den Kanaamten zu verschwägern. Targum Jonatan erklärt dies: „Wer sich mit ihnen verschwägert, hat sich gleichsam mit ihren Götzen verschwägert.“ Der Götzendienst war aber den Juden wegen seiner unsittlichen Ausschweifungen ein Greuel. Dagegen hebt sich die Entrüstung der Hakenkreuzler über die jüdischen Rassensehänder sehr grotesk von dem Hintergrund jener sittlichen Entartung im nationalsozialistischen Lager ab, die mit dem Namen Roehm sprichwörtlich verbunden erscheint. Im übrigen ist die Stellung der Bibel zur Mischehe keineswegs einheitlich. Die Frage war wohl von den Zeitverhältnissen und politischen Umständen beeinflußt. Erst E s r a hat die Auflösung aller Mischehen für die Voraussetzung des Wiederaufbaues des neuen jüdischen Reiches gehalten und rigoros durchgeführt. Der Talmud entscheidet das Problem im Sinne der milderen Ansicht des Rabbi Josua gegen den Radikalismus des Rabbi Gamaliel. Später wird aber ein allgemeines Mischeheverbot für Juden unter die 18 Bestimmungen aufgenommen, dte von einer jüdischen Gelehrtenversammlung beschlossen wurden. In der Neuzeit anerkannten verschiedene Rabbinertagungen, so der Sanhcdrin zu Paris von 1807 und eine deutsche Rabbinerversammlung in Braunschweig im Jahre 1844 die staatsgesetzliche Gültigkeit von Mischehen, verweigerten aber solchen den priesterlichen Segen. Im Jahre 1869 sprachen sich auf der Leipziger Synode sogar reformistische Kreise gegen die Mischehe aus. Die Aversion gegen die Mischehe blieb keineswegs auf die Juden beschränkt. Der erste christliche Kaiser auf dem römischen Cäsarenthron, Konstantin, verbot im Jahre 339 die Mischehe bei Todesstrafe und dieses Verbot wurde von späteren Konzilen der Kirche erneuert. Während aber diese Vorbote durch die Taufe zu umgehen waren und so den Abfall vom Judentum förderten, bedeutet die nationalsozialistische Ablehnung der Judentaufen eine Stärkung des Judentums, ja geradezu seine gewaltsame Erhaltung als religiöse und nationale Gemeinschaft. Pikantorweise sind Mischehen zwischen Juden und Ariern gerade in den n o r d isehen Ländern am häufigsten. In Kopenhagen entfiel gegen Endo des vorigen Jahrhunderts auf jede rein jüdische Ehe eine Mischehe. Langsamer, aber doch nachweisbar war das Steigen der Mischehen in Amsterdam. Ähnlich liegen die Verhältnisse in Westeuropa, Amerika und Australien. Nur in Osteuropa ist die Mischehe selten. In Österreich sind die Mischehen statistisch schwer erfaßbar, da jüdische Männer und Frauen, die einen christlichen Partner Berlin, 12. August. (2. T. A.) „Der S. A.-Mann“. das Organ der obersten S. A.-Führung, nimmt zu dem Zuzugsverbot von Nichtariern nach Berlin Stellung und erklärt, das sei endlich ein Anfang auf dem Wege zur „völligen Entjudung Berlins“. Die nationalsozialistische Bewegung in Berlin habe nicht acht Jahre laug um diese Stadt gerungen, um den Sinn des Kampfes und Opfers in den Dreck ziehen zu lassen. Der „Angriff“ des Dr. G o e b b e 1 s fordert die „Volksgenossen“ zur Aufdeckung der „Tarnung der Juden in der Wirtschaft“ auf. Streichers „Stürmer“ meldet eine weitere Reihe von Verhaftungen wegen „R a s s e n s c h a n d e“ und berichtet, daß ein Jude wegen Rassenschande zu einem Jahr und sieben Monaten Gefängnis verurteilt, worden sei. Dass Blatt Streichers schließt mit folgendem Satze: „Wann kommt endlich das Gesetz, das für jedes jüdische Sittlichkeitsverbrechen und Rassenschande nur eine Strafe ausepricht, die Todesstrafe.“ Vertreibung der gesamten jüdi* schen Bevölkerung aus Biedersdorf Berlin, 12. August. (2. T. A.) Die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt Riedersdorf bei Berlin wurde durch Verordnung gezwungen, innerhalb 24 Stunden die Stadt zu verlassen. Dieser Verordnung ging eine beispiellose Terroraktion voraus. Etwa 100 S. A.-Leute griffen zu nächtlicher Stunde die von Juden bewohnten Häuser an und riefen im Sprechchor ununterbrochen: „Hinaus mit den Jude n!“ Die S. A.-Leute waren aus Berlin und aus benachbarten Orten gekommen. Die Ortsbevölkerung mit dem Bürgermeister an deT Spitze versuchte, bei den Eindringlingen zugunsten der Juden zu intervenieren, aber ohne Erfolg. Nicht einmal eine angemessene Frist zur Ordnung der dringendsten Angelegenheiten wurde der jüdischen Bevölkerung gelassen. Fünfzehn der vertriebenen jüdischen Familien sind in Berlin eingetroffen. Über ihr weitere« Schicksal herrscht Ungewißheit. Aus mehreren anderen Provinzorten ferne von Berlin werden Vertreibungen der jüdischen Bevölkerung gemeldet. Wo dies nicht offiziell ausgesprochen wird, leiden die Juden unter einem solchen Terror, daß sie Zuflucht in anderen Orten suchen müssen. In einer außerordentlich schweren Lage befinden «ich die Juden in einer Anzahl kleinerer Gemeinden in Bayern, da »Dr. Krüger-Heim« Zentralanstalt für Madchenemehung und Fortbildung Telephon A 48-0-77 Wien, II., Malzgasse 7 Volks- und Hauptschule für Mädchen / Dreijährige Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Frauenberufe / Zweijährige Fachschule für Kleidermaohen und Wäßcbewarenerzeugung Betb Jacob Religions Lehrerinnen Seminar Zweijährige Kindorgärtnerinnen-Hildungsanstalt Einjähriger praktischer Fortbildungskurs für Maturantinnon / Prospekt auf Wunsch / Internat Streng religiöser Haushalt ehelichen, aus dem Judentum austreten müssen, während viele Christen, hauptsächlich Frauen, um Juden zu heiraten, zum Judentum übertreten. Aus dem Jahre 1926 liegen folgende Zahlen vor, die einen ungefähren Überblick gestatten: Rein jüdische Ehen gab es 1360, Ehen jüdischer Männer mit christlichen Frauen 191, Heiraten christlicher Männer mit Jüdinnen 166. ihnen die Zuflucht in die Großstädte abgeschnitten ist. Der Bürgermeister von München hat eine Kundgebung erlassen, wonach keinerlei Zuzug von Juden aus auswärtigen Gemeinden nach München geduldet werden darf. Wird ein neu zugezogener Jude in München angetroffen, so hat er eine erhebliche Geldsumme zu zahlen und wird sofort abgeechoben. Aus P a r c h i m in Mecklenburg, wo, wie jüngst gemeldet, die gesamte 34 Seelen zählende jüdische Bevölkerung in Haft genommen worden war, wird gemeldet, daß die jüdischen Häftlinge freigelassen wurden; die Kaufleute unter ihnen mußten sich aber verpflichten, ihre Geschäfte nicht wieder zu eröffnen. Wie erst jetzt bekannt wird, erfolgte die Verhaftung der gesamten jüdischen Bevölkerung im Anschluß an einen Konflikt zweier S. A.-Leute mit einem in einem jüdischen Unternehmen ai beitenden arischen Mädchen, welches einen, intimen Annäherungsversuch der S. A.-Leute zurückwies. In Berlin wurden nunmehr s ä m tliehe, Juden gehörenden Eisdielen behördlich geschlossen. Eine Ausnahme wurde bei denjenigen Eisdielen gemacht, deren Inhaber jüdische Ausländer sind. Der „Reichsanzeiger“ veröffentlicht die Namen von 61 jüdischen Familienoberhäuptern, dio allein in Chemnitz der Bürgerschaft beraubt wurden. Der bayerische Innenminister be* glückwünscht Bad Tölz Wie der „Völkische Beobachter“ (Münchener Ausgabe) Nr. 221 meldet, hat Innenminister Gauleiter Adolf Wagner an dio Stadt Bad Tölz folgendes T c 1 o g r am m gerichtet: „Ich beglückwünsche die Stadt Bad Tölz zu dem Entschluß, an Juden keine Kurkarten mehr auszugoben. Ich freue mich, daß die Stadt Bad Tölz durch diese Tat künftig sich von Juden rein hält und wünsche, daß das ganze bayerische Oberland diesem Beispiel folgen möge.“ Nach Meldung dos „Völkischen Beobachters“ (Münchener Ausgabe) hat der Ge- Radioaktlvste Therme der Welt 1000 Meter Ober dem Meer ^05 Aller Komfort Thermalbäder Mäßige Preise Restaurant meinderat Freilassing den Juden das Baden verboten. Wie der „Mitteldeutsche“ meldet, teilt da«? Städtische Presseamt in Magdeburg mit, daß Juden in Zukunft das Baden in den städtischen Schwimmbädern verboten ist. Aus dem Ostseebad Neuendorf, Provinz Pommern, wird berichtet, daß auch dort, wie im benachbarten Misdroy, sämtliche nichtariechen Badegäste innerhalb 24 Stunden den Ort verlassen mußten. Der braunschweigische Ministerpräsident Klagges hat sämtlichen Fremdenverkehrsbüros im Harz jede Reklame für jüdische Pensionen verboten. Gleichzeitig wurde diesen Büros mitgetcilt, daß den Juden der Zutritt zu den Dör-: fern des Harzes nunmehr verboten ist. ERSTKLASSIGES Mädchenpensionat MINA RUND, ft Jfrfe.ll In Verbindung mit sämtlichen Schultypen. Sport / Sprachen / Musik im Hause. Zeitgemäße Preise, Prospekte Die Berliner Olympiade und die jüdischen Sportler lillllllllllllllllllH Der Präsident des Liternationalen Olympischen Komitees, Graf B a i 11 e t - L atour, ist auf der Reise nach Budapest in Wien eingetroffe-n. In einem Gespräch mit Wiener Journalisten kam die Rede auf das Interview des Grafen P o 1 i g n a c, das in der französischen Zeitschrift „Auto“ veröffentlicht war. Darin hieß es bekanntlich, Frankreich würde sich, falls Deutschland die eingegangenen Verpflichtungen über die Teilnahme niohtarischer Athleten an den olympischen Spielen nicht einhielte, der Teilnahme enthalten. Graf Baillet-Latour wußte von diesem Interview nichts, er hat davon erst in Wien erfahren. Aber eines weiß er: daß die deutschen Delegierten des Internationalen Olympischen Komitees auf der diesjährigen Sitzung in Oslo Verpflichtungsscheine jüdischer Athleten deutscher Staatsbürgerschaft vorgewiosen haben. Auf diq Frage, was geschehen würde, wenn die Evidenz eines Bruches der olympischen Verpflichtungen durch Deutschland gegeben wäre, erwiderte Graf Baillot- Latour: „Darüber ist nichts vorgesehen, aber bisher ist der Fall auch nicht eingetreten. Die Namen jüdischer Olympiateilnehmer aus Deutschland sind dem Internationalen Olympischen Komitee bekannt.“ Die Frage, ob ein Staat bisher eeino Beteiligung an der Olympiade zurückgezogen habe, beantwortete Graf Baillot-Latour wio folgt: „Nein. Dio Olympiade steht über den Nationen, über aller Politik, über allen Kämpfen, Meinungen, Wesens- und Wollensverschiodenheiten. Dio Präsenz der Nationen ist ihr Ziel, nicht deren Siege. Und das kommt sogar in der Zusammensetzung des Internationalen Olympischen Komitees zum Ausdruck: denn nicht die einzelnen Nationen sind in ihm vertreten, sondern es selbst ernennt gewissermaßen seine Delegierten, seine Gesandten, bei den einzelnen Völkern.“ „Im übrigen“, fuhr Graf Baillot-Latour fort, „läßt sich über dio Zukunft nichts sagen, denn sie geht ihre eigenen Wege. Ln Wesen der olympischen Spiele liegt es, eine ilberpolitiseho, im wahrsten Sinn des Wortes internationale, eine Friedensmisßion zu orfüllon. Das Internationalo Olympische Komitee hat jedoch keine aaulere Möglichkeit, als die, die Erfüllung der olympischen Bedingungen zu kontrollieren.“ Absagen Prag. In Sportler eisen verlautet, daß oino ganzo Reiho internationaler Sportgrößen auf ihro Teilnahme an der Berliner Olympiade verzichtet haben. Man weiß bereits, daß dio amerikanischen und kanadischen Schlittscihuhschtielläufer, von denen oinige Juden sind, nicht erscheinen werden, ebensowenig wie der erste Viortolmcilonläufor der Welt, der Judo Ben Eastman, und dio Weltrokordschwimmorin den Ouden, gleichfalls Jüdin, dio wohl früher dio Absicht hatte, an den Spiolon teilzunchmen, aber ihren Vorsatz nicht verwirklichen wird. Auch der beste schwedische Hmdornisroiter, Leutnant Sachs, wird sich an der Olymp iado nicht beteiligen. Goebbels und Streicher an der Arbeit ■HMii mzzm