Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 471 (2.8.1935)
- Date
- 1935-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 471 — 2. August 1985 Oll SfIMMI Sette 3 Deutschland martert die Juden Prag, 29. Juli. Aus Deutschland hier eingetroffene nichtjüdische Personen schildern als Augenzeugen die gegenwärtige Juden* tragödie in Deutschland in den düstersten Farben. Die antijtidischen Verfolgungen in Berlin, so erzählen sie, dauerten zwei W o c h e n 1 a n g, bis Ende der vergangenen, da die ominöse Kundgebung des Polizeipräsidenten H e 11 d o r f erschien, in der er seine Anhänger ersucht, das Werk der Judenverfolgung der Regierung selbst zu überlassen, in den verschiedenen Wohnvierteln Berlins ununterbrochen. Überall wurden Auslagenfenster in jüdischen Kaffeehäusern und Geschäftslokalen eingesohlagen, in manchen Stadtteilen wurden fast sämtliche jüdische Geschäftslokale und, irrtümlicherweise, auch mehrere christliche Lokale mit den bekannten „Stürmer“-Zetteln und den Warnungen, diese Lokale nicht zu betreten, beklebt. Jüdische Kaffeeihausbesitzer wurden von der Polizei gezwungen, abgeschlagene Fensterscheiben immer wieder zu erneuern, damit der Eindruck der Verwüstung aus dem Straßenbild verschwinde. Was sich noch in den letzten Tagen in Berlin ereignete, mußte die schlimmsten Befürchtungen erwecken. In verschiedenen Stadtteilen, besonders im bayrischen Viertel, im Berliner Westen, in Steglitz, Moabit und zahlreichen Vororten waren die Auslagen aller jüdischen Geschäfte über und über mit judenfeindlichen Plakaten beklebt worden. Besonders billige Urlaubsreisen «iiPalästtiiaiM COMPASS TOURS IX. Bezirk, Spitalgasse 3, Tel. B 42-5-38 Als diese auf Geheiß der Polizei entfernt wurden, prangte am nächsten Tag vor dem E' gang der gleichen Geschäfte das Wort „J u d e“ in roten Riesenbuchstaben auf dem Pflaster, um die Bevölkerung vom Einkauf abzuhalten. In vielen Geschäften wurden die Fensterscheiben eingeschlagen und Waren beschädigt. Auch bei den Synagogen, vor allem bei der Hauptsynagoge in der Oranienburgerstraße, betätigten sich die Klebekolonnen. Übrigens wurden auch die Portale und Fassaden mehrerer anderer Synagogen in Berlin mit Zetteln beklebt, die gemeinste Beschimpfungen von Juden enthielten. An mehreren Synagogen, besonders auch an der Pracht-Synagoge in der Konstanzerstraße in Berlin-Schöneberg, wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Noch weit tragischer lauten die Meldungen aus der Provinz. Ein Sondervertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur, der eine Reise durch das Mosel-Gebiet gemacht hat, stellte fest, daß unbeschadet der im allgemeinen freundlichen Haltung der Mehrheit der katholischen Bevölkerung gegenüber den Juden die antijüd'ische Hetze der radikalen Elemente im steten Zunehmen begriffen ist. In der Stadt Kirf wurden die Fensterscheiben in allen jüdischen Wohnungen und Geschäftslökalen eingeschlagen. Die Haltung der Streicher-, SA-Leute und ihrer Gefolgschaft wurde so drohend, daß die jüdische Bevölkerung sich Verwöhnt« Strohwitwer speisen vorzüglich Int RESTAURANT HOTEL STEFANIE (vorm. Operer) II.. faboratratte 12 Telephon K 46-5-5? «■■mm Ausgiebige Brateu-Menüs 8 l*BO «mm«, Geflügel .. sa-ao IV4/J sowie & la Carte, Speisen am Rost Schöner staubfreier Garten in den Kellern verstecken mußte. Die Einfahrten zu den Orten des Moselgebiefces sind fast alle mit Transparenten versehen, die Aufschriften tragen wie: „Juden ist der Eintritt verboten“, „Juden besuchen den Ort auf eigenes Risiko“. In vielen Städten werden nicht nur die jüdischen Geschäfte durch Boykottposten ständig blockiert, sondern oftmals weigern sich arische Geschäftsleute, durch die Streicher-Banden terrorisiert, jOdisfita Runden xu bedienen. Die Lage der Juden im Mosel-Gebiet ist so verzweifelt, daß zahlreiche jüdische Familien das Gebiet fluchtartig verlassen. In Mannheim, Dresden, Altenberg, Bochum und Karlsruhe sind nicht nur alle öffentlichen Einrichtungen den Juden unzugänglich, sondern die Juden geraten gesellschaftlich und geschäftlich in einen so isolierten Zustand, daß sie früher oder später zur Abwanderung gezwungen sein werden. Die Stadt München ist überflutet von antisemitischen Plakaten und Flugzetteln, die unflätigste Beleidigungen gegen die Juden enthalten. Sämtliche zwölf Badeanstalten und fast alle privaten Badeanstalten tragen Schilder: „Juden ist der Eintritt verboten“. Ein Beschluß des Münchner Stadtrates weist die Polizei an, „Zusammenstöße zwischen provozierenden Juden und ruhigen Ariern“ nicht zuzulassen. Sehr schwer trifft es die deutschen Juden, daß ihnen nicht allein in den Städten, sondern auch auf dem Lande Luft und Sonne a b gesperrt werden. Die antijüdische Hetze breitet sich wie eine Seuche in den Sommer- Die Berliner Juden Die jetzige Gefährdung der Berliner jüdischen Gemeinde durch das Regime des Österreichers Adolf Hitler ruft die Tatsache in Erinnerung, daß auch die.G r tt n d u n g der Berliner jüdischen Gemeinde auf einen österreichischen Judeoverfolger zurückgeht: Ein Privileg des Großen Kurfürsten vom 10. September 1671 gewährte 50 von Kaiser Leopold I. vertriebenen wohlhabenden jüdischen Familien die Ansiedlung in Brandenburg und eine ausgedehnte Handelsfreiheit. Charakteristisch ist, daß der Herrscher den Juden diese Gastfreundschaft erst bewilligen konnte, nachdem er die märkischen Stände unterdrückt hatte. Waren doch an dem Widerstand dieser Stände alle früheren jüdischen Niederlassuings versuche in Brandenburg gescheitert. Gleich das erste Dokument, das von Juden in der Mark spricht, erzählt deren tragischen Untergang: Es ist ein Bericht von einer Juden Verbrennung bei Beelitz im Jahre 1247. Hundert Jahre später führte das damals in ganz Deutschland angesichts der hereingebrochenen Seuche grassierende Märchen von der Brunnenvergiftung durch die Juden zu schweren Pogromen auch iD Berlin. Die dortigen Juden wurden teils ge-, tötet, teils vertrieben. Diese Tragödie hat sich noch öfter wiederholt. Am 19. Juli 1510 wurden 38 Juden wegen „Hostienschändung“ in Berlin verbrannt. Immer wieder versuchten Juden in der Mark festen Fuß zu fassen und immer wieder mußten sie der aus religiösen Gründen, aber auch aus wirtschaftlichem Konkurrenzneid gewaltsam gegen sie aufgestachelten Volkswut weichen. Bezeichenderweise waren es damals stets die Landesfürsteu, die wegen der mannigfachen Vorteile, die die Betriebsamkeit und geistige Regsamkeit der Juden ihnen und dem Lande bringen konnten, deren Ansiedlung begünstigten, während die bürgerlichen Handwerker, eingesponnen in die primitiven Wirtschaftsformen des Zunftwesens, die Juden als Störenfriede ihres trägen Beharrungsvermögens in bequem ausgefahrenen Geleisen längst veralteten Geschäftsverkehrs haßten. So hat Kurfürst Joachim II. zum größten Ärger Martin Luthers die Neugründung einer Berliner Judengemeinde veranlaßt. Als er aber im Jahre 1573 plötzlich starb, wurde sein jüdischer Münzmeister L i p p o 1 d fälschlich des Fürstenmordes angeklagt und öffentlich hingerichfcet. Gleichzeitig wurden alle Juden aus Berlin wieder vertrieben. Ganz Brandenburg blieb ein volles Jahrhundert judenrein. Erst der großo Kurfürst machte diesem Zustand ein Ende und zwar endgültig. Es beginnt mm ein zäher Kampf dieser jungen Gemeinde um die Grundlagen einer menschenwürdigen Existenz. Äußerlich wuchs die Gemeinde rasch, da nicht nur der Zuzug aus Österreich andauerte, sondern auch aus Böhmen, Polen, Litauen und deutschen Ländern Juden herbeiströmten. Aber nur die wenigsten waren im Besitz des landesfürstlioben Schutzbriefes. Die anderen — die „Unvergleiteten“ — machten ein Martyrium durch, das einigermaßen an das Schicksal der heutigen Palästina-Einwanderer ohne Zertifikat erinnert. Die erste Kultuseinrichtung war der Friedhof, der im Jahre 1672 eröffnet wurde. Am jüdischen Neujahrstage 1714 wurde in Gegenwart des Königs die erste Gemeindesynagoge eingeweiht. Im Jahre 1730 erschien unter dem Namen „Genoraljudenreglenient“ eine Zusammenfassung aller auf die Juden bezüglichen Gesetze. Die Tendenz dieser Gesetze war einerseits die Einschränkung der jüdischen Handelsfreiheit, anderseits die größtmögliche Heranziehung der Juden zu Steuerleistungen. In Ausübung ihres Kultus genossen die Juden Autonomie, doch schuf sich der Staat in den lebenslänglich bestellten Oberältesten ein Kontrollorgan für dlie noch ganz patriarchalische Verwaltung, Die politischen Verhältnisse waren der Entwicklung des jüdischen Wohlstands günstig. Die Not der Staatsfinanzen nach dem Siebenjährigen Krieg zwang Friedrich den Großen, trotz seiner persönlichen Aversion gegen die Juden, ihre Fähigkeiten, ihre Kapitalskraft und ihre internationalen Verbindungen auszunützen. Vom zünftigen Handwerk blieben sie ausgeschlossen, dagegen konnten sie als Fabrikanten und „Münzjuden“ für Deutschland arbeiten. Parallel mit dem Wachsen ihres materiellen Wohlstands stieg ihr Streben nach kultureller und bürgerlicher Eingliederung in die deutsche Gesellschaft. Jene gelang rascher als diese. Die Namen Moses Medelssokn, Rahel Varnhagen, Henriette Herz u. v. a. bezeugen die Bedeutung des Berliner Judentums für die geistige Entwicklung der Stadt. Die rapide Aneignung der fremden Kultur hatte aber vielfach den Abfall vom Väterglauben zur Folge. David Friedländer empfahl, um die Einbürgerung der Juden zu erleichtern, eine Taufe der Juden ohne Bekenntnis zu Christus. Viele ließen sich aber ohne jede Einschränkung taufen. Die Enttäuschung blieb jedoch nicht aus, und Börne, einer der bedeutendsten Täuflinge, prägte das Wort., daß die Taufe eine „Verschwendung“ der Juden sei! Ursache dieser Enttäuschung war der unerwartete Widerstand, den die Juden bei ihrem Streben nach politischer Gleichberechtigung fanden. Nur sehr langsam, in großen Etappen, deren spärliche Lichtpunkte die Judengesetze von 1812 und 1847 waren, wurden die jüdischen Staatsbürgerrechte anerkannt, waren aber unter Bismarck, ja sogar noch in der Weimarer „Judenrepublik“ zu einem großen Teil eine rein theoretische Errungenschaft auf dem Papier. Trotz Ernennung einzelner jüdischer Ministerialräte blieb die preußische Bürokratie eine Domäne der judenfeindlichen Konservativen. Das berüchtigte Hitler- Gesetz „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ hait den schüchternen Ansätzen zu einem Bruch mit dieser Monopolisierung der Staatsverwaltung radikal wieder vernichtet und strebt darüber weit hinaus die Vernichtung aller jüdischen Wirbsdiaftspositionen an. Die Berliner Judensohaf't hält wieder dort, wo sie vor zweieinhalb Jahrhunderten angefangen hat. Ein Unterschied springt allerdings in die Augen. Damals waren die Kurfürsten, also die Souveräne, die Protektoren der Juden gegen den Widerstand des Volkes. Heute ist die Entrechtung der Juden das Work der souveränen Staatsführer. Die Ablehnungeines antisemitischen Filmes, der vom Propagandaministerium als politisch wertvoll qualifiziert worden war, vom Publikum aber ausgepfiffen wurde, bei gleichzeitiger Überwachung der jüdischen Autoren zur Verhütung ihrer neuerlichen Einflußnahme auf das arische Lese- und Theaterpublikum, zeigt deutlich genug den Gegensatz zwischen der Geschmacksrichtung der Geführten und dem Willen der Führer. Wer in diesem Konflikt Sieger bleiben wird, das ist die große Frage, die in diesem Moment noch lange nicht eindeutig entschieden ist. ■■■ Schon Kinder Ml sollen die Zähne mit ODOL-Zahnpaeta pflegen. ODOL-Zahn* 0 pasta erhält die Zähne i schön und gesund Kleine Tube S —SO Große Tube S 1.40 frischen und Badeorten aus. Oft werden die jüdischen Erholungsbedürftigen und Badegäste von heute auf morgen durch lärmende Banden aufgefordert, den Ort zu verlassen. Dabei fehlt es nicht an schweren körperlichen Attacken. In dem Ort Wandlitzsee bei Berlin zum Beispiel, von wo eines Tages die jüdischen Gäste vertrieben wurden, wurden einige von ihnen, darunter Frauen, von den Exzedenten in den See geworfen, so daß sie in Ertrinkungsgefahr waren. Eine holländische Schwimmeisterin, die mit einem deutschen Juden verheiratet ist, rettete die mit den Wellen Ringenden, wurde aber zum Lohne von den Exzedenten selbst mehrmals ins Wasser geworfen. Sie verließ am gleichen Tage empört Deutschland. Bei der Judenaustreibung aus dem Ostseebad Misdroy sind auch etwa 100 in einem von jüdischen Institutionen erhaltenen Kinderheim untergebrachte pflegebedürftige Kinder vertrieben worden. Die Kinder mußten IEs kühlt und erfrischt den ganzen Körper, wenn Sie za Abreibungen vor oder nach dem Waschen (Baden) als Zusatz zum Waschwasser und ala Badezusatz, auch zu Fußbädern DIANA- Franzbranntwein mit Menthol verwenden. Sie werden erfreut sein Uber die wohltuende, kühlende Wirkung, welche Schlaffheit, Mattigkeit, Übelkeiten und andere Folgen der Hitze verhütet und mildert, ebenso das Schwitzen und den lästigen Schweißgeruch In |edcm besseren Geschäft erhältlich. Verlangen Sie ausdrücklich „Diana“ und nehmen ble nur „Diana“. Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurllckzuweisen. Hals über Kopf den Badeort verlassen. Aus verschiedenen anderen Sommerfrischen und Badeorten treffen in Berlin und in anderen Städten gehetzte und verschüchtert aussehende Kinder ein, die ihre Ferien auf dem Lande infolge der Austreibungen vorzeitig abbrechen mußten. Wie das Tschechoslowakische Preßbiiro mitteilt, haben in Kolberg, Pommern, Vertreter des Gaststätten- und Beherbergung^* gewerbes, des Haus- und Grundbesitzes, des Handels, Handwerks und Gewerbes dem Oberbürgermeister einen einstimmig gefaßten Beschluß überreicht, keine jüdischen Kurgäste mehr aufzunehmen. Die „Frankfurter Zeitung“ berichtet, daß in Bautzen ein Badeverbot für Nichtarier erlassen worden sei. Daneben sei auch der Einkauf in jüdischen Geschäften für städtische Beamte, Angestellte und Arbeiter verboten worden. Das „Berliner Tageblatt“ meldet aus Breslau, daß der Kurdirektor des Bades Charlottenbrunn die Tanz- und Kurkapellen von Charlottenbrunn angewiesen habe, ab sofort Musikstücke jüdischer Komponisten nicht mehr zu spielen. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ meldet, daß die Kurverwaltung von A h 1 b e c k und die Kurverwaltung von Heringsdorf in der Nähe des Bahnhofs quer über die Landstraße ein breites Transparent haben spannen lassen, dessen Aufdruck lautet: „Juden halt! Der Weg nach Palästina f ti h v t nicht durch A h Ib e c k!“ Nach Meldung der „Westpreußischeu Zeitung“ in Elbing haben die Gemeinde-