Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 467 (19.7.1935)
- Date
- 1935-07-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7 * Nr. 467 — 19. Juli m fr—... DI8 STIMM! Herrn Ignatz Müller und Frau gratuliert herzlidist und wiinsdit □ 110 Stö anläßlidi der Geburt einer loditer Das ^Personal volles Rannen und Stürme», das gewaltige, ewig wahrende unergründliche Walten der Allmacht Natur. Kaum dem unmittelbaren Eindruck eines Solchen schicksalhaft anmutenden Sterbens entzogen, drängt sich dem erfahrenen Arzt, der unzählige andere Todesarten kennt, der Gedanke auf, daß ein solcher Sekundentod ohne schworen Kampf, ohne tage lange-' tiefes Röcheln und Verfallen wohl als eitle besondere Begünstigung des Fatums gölten darf. Mir wurde die Kunde vom Tode des Dichterfürsten Nachts telephonisch durch, einen hohen Funktionär der Kultuegenieindo übermittelt: Der Vorstand der Kultusgemeinde habe in einer eilig cinberufcuen Sitzung beschlossen, dem Verblichenen die höchsten Ehren zu erweisen und für eine würdige Totenfeier zu sorgen. Man habe ferner an mich dar; Ansuchen zu stellen, den Eoichnam möglichst bald cinzubalsainieren. um seine Überführung nach Palästina zu bewerkstelligen. Auch mich traf diese Schmer* zorisnachrioht völlig unerwartet, umsomehr, als mir nur wenige Stunden vorher der persönliche Wunsch Bialiks bestellt worden war, er wolle sein Präparat, das ich nach vollzogener Untersuchung auf museale Art konserviert batte, gerne sehen; ich möge es ihm überbringen. So vernahm ich die Botschaft mit großer Trauer. Die Erregung, die eich meiner bemächtigt hatte, ließ mich lange keinen Schlaf finden. loh suchte mir durch das intensive Lesen einiger weniger Bialikscher Lieder, die mir zufällig zur Hand waren, den Dichter, sein Schaffen und seine letzten Stunden / zu vergegenwärtigen; da spielte mir der Zufall sein sicher vor mehr als 20 Jahren verfaßtes Gedicht: „Nach meinem Tode'" in die Hände. Ein rührendes Bekenntnis, das uns seine grenzenlose Liebe zum Judentum, zur Judenbefreiung, und zum idealen Zionismus wie kaum ein anderes beleuchtet. Früh begab ich mich mit allen Apparaten und dom erforderlichen Zubehör zur jüdischen Leichenhalle des Wiener Zentralfriedhofes, wohin der Leichnam noch nachts gebracht worden war. Als ich dort eintraf, hatten bereits mehrere Studenten der farbentragenden jüdischen Verbindungen mit trauerumflorten Schlägern die Totenwache übernommen. Der Sarg stand auf einem Katafalk, brennende dicke Kerzen zu beiden Seiten, die rituellen Beter im Hintergrund. Der Anblick wirkto grandios und hauptsächlich trug zu diesem Eindruck das herrliche Gebäude des neuen jüdischen Friedhofes bei, welches wohl zu den schönsten und gelungensten architektonischen Leistungen dieser Art gehört. Während ich mich zur bevorstehenden 'Aufgabe umkleidete, hatten die Träger der Leichenhalle den Leichnam sorgfältig in blütenweißem Linnen in den geräumigen, nach Art eines Operationseaalee eingerichteten und Konservierungszwecken gewidmeten Arbeitsraum geschafft, und hier Wales mir bestimmt, letzte Hand an die sterblichen Resto dos großen Mannes zu legen. Nach dem jüdischen Ritus dürfen die Leicheu nicht e i n balsn m i e r t werden. Bei Überführungen jedoch verlangen die Behörden, um die Einschleppung von Infektionskrankheiten und andere Unzukömmlichkeiten zu verhindern, daß die Leichen im Beisein eines Amtsarztes konserviert werden. So wäre wohl auch Bialik in Wien im einem Ebremgrubo ohne EHE Sie in den URLAUB gclien, versorgen Sie sieh mit prima Dauerwurst und Selchwaren. Wien, II., Haidgasse 5 Telephon A 46-4-69 Auch Sonntag von 7 Uhr früh, bis 10 Uhr abends offen. Versand nach allen Sommerfrischen. HönSRsber Einbalsamierung boigeßetzt worden, da aber die Abrdcht bestand, den Leichnam nach Jerusalem zu bringen, um ihn dort seinem Volke zu übergeben, mußte vorschriftsmäßig vorgegangen werden. Am schwierigsten gestaltet «ich die Ein- } führung sogenannter Spcrrkanülcn in die I größeren Pulsadern des Halses und der Extremitäten, durch welche rund acht Liter des chemischen Gemisches dom Körpef zugeführt werden. Wenn auch in diesem Falle die einfache behördliche Konservierung genügt hätte, so lag mir persönlich viel daran, den irdischen Rest des berühmten Mannes für alle Zeiten zu erhalten. Nachdem die Kanülen entfernt und die kleinen Hautschnitte mit Seidoufäden genäht waren, lag der Leichnam friedlich da, wie schlafend, einen sanft lächelnden Ausdruck im entseelten Antlitz. Ich wohnte noch der rituellen Waschung bei. um auch dio Ehisargung überwachen zu können. Jeder Anwesende war »sich in taktvollem Stillschweigen in diesem Augenblicke tiefster Erregung dessen bewußt, daß wir hier einen Großen zu einer weiten Reise rüsten, die noch viel, viel weiter führt als ins Gelabte Land... Zwei Briefe BiaiiUs Wir bringen im folgenden zwei Briefe CJiaim Nac hinan Bialiks, die uns freundlicherweise Herr J)r. Dtnvid Jloihblum zur Verfügung stellt, um erstmaligen Abdruck. B n d g a s t e l n, den 15. August 1033. Villa Viktoria. Lieber Freund Dr. Rothblum! Wie Sie sehen, befinde ich mich mit meiner Frau in Gastein und nicht in Karlsbad. Hier verweilen wir und trinken unsere Quelle und nehmen unsere Bäder... am Ende ist auch das gut. Was die Vorsehung tut, ist gut getan. Nach Prag, scheint es, werde ich nicht mehr gehen. Man hindert von oben. Ich ärgere mich darüber aufrichtig. Wenn nicht eine gründliche Änderung in den Beziehungen des offiziellen Zionismus zur hebräischen Kultur einireten sollte, muß eine große Tat geschehen: Man muß auf den Knopf schlagengen, daß die Pfosten dröhnen... Es ist ausgeschlossen, daß die Dinge so weiter gehen. Die kulturelle Tätigkeit in allen Belangen — Erziehung, Literatur, hebräische und allgemeine Wissenschaft und Kunst — muß notgedrungen ein integrierender organischer Bestandteil der ganzen zionistischen Arbeit werden. Das zionistische Budget miß auch die Kulturarbeit alimentieren. ■ Der Kulturfonds muß auf diesem. Kongreß, akti- ‘viert werden. Man muß die Zionisten unter- Zwang stellen und einen ausführlichen Plan für Aktionen■ ausarbeiten, darunter auch solche von monumentaler Größe und bedeutendem nationalen Wert, an deren Verwirklichung sofort nach dem Kongreß geschritten werden muß. Der Zionismus in seiner gegenwärtigen Gestalt ist ein toter Golem ohne Seele und ohne jeden Lebensgeist... Seine treibende Kraft ist der Hitlerismus in allen seinen Formen und die tierische Angst. Die Präsidenten und Führer sind verstockten Herzens und verlegten Ohres, kein Funken heiligen nationalen Geistes glimmt in ihnen. Ihr Werk wird ohne Bestand sein, weil ihm jede geistige Grundlage fehlt. Ich kenne keine nationale Renaissance-Bewegung in der ganzen Welt, die so bar jeden kulturellen Inhalt und jede praktische geistige Grundlage entbehrt, wie die zionistische Bewegung. Die einzige Gruppe im Zionismus, die dem Geiste nicht fre-md gegenüber steht, ist die Arbeiter gruppe, was kann die aber schon leisten. Denn schließlich ist sie doch nur eine einzelne Gruppe und ihr Mittelpunkt liegt doch in einer ganz anderen Welt. Sollte der Kongreß auch diesmal kein Ohr für den kulturellen Notschrei haben, dann müssen scharfe Mittel ergriffen werden. Keine Scheu vor Drohungen mit Separationen! Es ist zu proklamieren, daß alle, die für kulturelle Arbeit im Judentum sind, einen besonderen Block bilden, dessen Mitglieder ausschließlich ihre zionistischen Beiträge dem Kulturfonds zuführen. Hiezu haben wir auch als Zionisten die volle moralische Berechtigung, weil wir die Kultur als Hauptgrundlage des Zionismus ansehen. Wenn die Leitung sich von der Kultur ab wendet und ihr den ihr am Budget gebühremlen Anteil vorenthält, so ist dies als Raub unzusehen, den wir gutzumachen haben. Es ist ferner zu proklamieren und eine energische Propaganda dafür einzusetzen, daß in jedem jüdischen Haus, insbesondere in allen hebräischen Schufen in Palästina und der Galuth eine Kulhirfomlshiiehse angebracht werde. Die natürlichen Spender für den Kulturfonds sind die Lehrer und die Schüler. Außer dem Sela soll der Kultur tg r u s che n eingeführt werden, der von jedem Mitglied vor dem Anzünden der Kerzen in die Büchse gegeben werde. Alljährlich soll eine Kulturwoche eingeführt werden, und zwar die Woche vor Schwuot, .dem Feste des Thoniempfangcs. ln dieser Woche soll eine Propaganda für die Kulturaktion auf breitester Basis abgeführt werden. Kurz, es muß eine Scheidung vorgenommen werden zwischen denjenigen, die kulturelle Arbeit leisten und den Zionisten, die ohne Kultur sind, und es muß eine große und starke Organisation geschaffen werden, eine selbständige Organisation, die den Kampf mit dem offiziellen Zionismus aufnimmt und in solange in oppositioneller Stellung verbleibt, bis die Leitung ihren Kurs ändert und gründlich zugunsten der hebräischen Kultur einlenkt. Das ist in aller Kürze meine Ansicht über diese Angelegenheit. Ich weiß nicht, ob in eurer Mitte (gemeint ist die hebräische Kon- 'ferenz, die gleichzeitig mit dem Kongreß in Prag tagte — Amu. d. Red.) Männer von solcher Tatkraft sich befinden, die auf sich eine eo große Arbeitslast hingebungsvoll -laden, um diese Ideen zu verwirklichen. Ich glaube aber, daß durch eine ständige und, geordnete Arbeit vieles zu erreichen ist. Diese Stunde halte ich hie für als geeignet. Ich danke Ihnen nochmals im eigenen Nomen und. im Namen meiner Frau für all die Freundlichkeiten, die Sie mir erwiesen haben, und für alle Mühen, die Sie sich unser et wegen auf erlegt haben. Gott segne Sie dafür.., .. Mit herzlichen Grüßen an Sie und Ihre liebe Gattin von mir und meiner Frau in aufrichtiger Freundschaft Ch. N. Bialik. Badgastei n, am 22. August 1933. Villa Viktoria. Herrn Dr. David Rothblum, derzeit Trag. Lieber Freund! In Beantwortung ihres gestrigen Telegrammes und im Nachhange zu unserem telephonischen Gespräch will ich Ihnen erklären, daß ich gar keine Notwendigkeit und auch keinen Nutzen darin erblicke, dem Aktionskomitee die Abhaltung eines Vortrages über hebräische Kultur durch Herrn Sokolow auf dein Kongreß zu empfehlen. Ich habe von Anbeginn an die Verpflichtung ein solches Referat zu halten auf mich nicht genommen und habe seinerzeit die Gründe hiefilr angegeben. Ich sehe ein Referat, welches mit sich und nach sich keine praktische Tat im Gefolge hat, als ein inhaltsloses, leeres Ding an und als eine Herabsetzung der Würde der hebräischen Kultur. Die Exekutive hat in den siebzehn vorangehenden Kongressen während der ganzen Zeit ihrer Existenz in allen ihren ■wechselvoll.en Zusammensetzungen bewiesen, daß sie keine Seele und kein Herz für die hebräische Kultur und für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse hat. insolanye die Exekutive durch Taten nicht beweist, daß sie ernstlichen Willen hat, einzulenken, sehe ich in Referaten vor dem Kongreß gar keinen Nutzen. Wenn aber der IS. Kongreß unbedingt ein Referat wünscht, sehe ich keinen besseren hiefilr als Rabbi Nachum Sokolow. Wer wie er kennt, die Leiden der hebräischen Kultur und. ihre Bedürfnisse in dieser Stunde? Er kann referieren, auf dem Kongreß die Welt aufrütteln und vielleicht wird ihm diesmal ge- Anspruchsvolle, Starkbärtige, Empfind liehe, Eilige, nehmen nur die sanft-schar aller Strohwitwer früher im Hotel National. dann Holel Stefanie, Jetzt tm “ W. Spritzer Restaurant ■ II., Hammer-PurgitalIgM' e Kr» 7 (Nähe Dlannbad) bringt Vorzügliche, abwechslungsreiche Mittag- und Abend-Menüs, schon ab 8 1-eo und alle orientalischen Spezlalltäten am Rost und Spieß lingen, was seinen Vorgängern bis heule nicht gelungen ist. Es soll sein Verdienstwerden! ln diesem Sinne ist meine telephonische Bemerkung, das Referat Herrn Sokolow zit übergeben, zu verstehen. Ich finde aber gar keine Logik darin, daß ich diesen Antrag dem Aktionskomitee stellen soll. Wer biit ich denn, um solche Anträge zu stellen? Das ist die Angelegenheit des Aktionskomitees — das machen kann, was es will. Mit herzlichen Grüßen an Sie und unsere Freunde und einem besonders herzlichen. Gruß für meinen feuern Freund, dem Präsi deuten der Organisation, Herrn Nachum Sokolow, bin ich in Freundschaft Ch. N. Bialik. Billige Sonderfahrten nach Polen und Czernowitz Abfahrten: Sonntag, den 21. Juli, und die folgenden Sonntage. Rückfahrten: 1. August, 1. und 15. September 1935, Nach Zakopane zu den Bcrgfestfeiern vom 4. bis 11. August 70% Eisenbahn« ermäßigung Polnisches Visum gratis. „Francopol“, Wien, IH., Renmveff 1. Telephon II lti-4-90 Englischer Preis an eine italie* nisch-jüdische Bildhauerin Der erste Preis für Bildhauerei der Könkjl. Englischen Kunstakademie in R o nt wurde der jungen j ii dischen Bildhauenit Valentina Algranati, Enkelin des her-** vorragenden Gelehrten und langjährigemt>. Rabbiners von Ancona Prof. RaffaeUd Moscato verliehen. 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