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Die Stimme · 1935-07-19 · Heft 467 (19.7.1935) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 467 (19.7.1935)
Date
1935-07-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIC STIMME Seite 5 Nr. 467 — 10. Juli 10515 ke-ä, das (Im nicht zu können behauptest.. Und ist es wahr, daß nur die Gedrückten, nicht die Mächtigen am Zionismus hängen, dann soll die versammelte Kraft der Unglücklichen »ufgeboten werden. Wir wollen sehen, wie sich die Dinge gestalten, wenn wir den Boykott auf allen Gebieten gegen Mauschel ausgebcii. Wenn wir alle die förmlich von uils a.bsondern, die sich gegen unsere Volksgeuosscnschaft verwahren, wird man in diesen Ausgeschiedenen eine seltsam gemischte Gesellschaft zu sehen bekommen. Da ist der Financier, der soviel Butter auf dem Kopfe hat, daß er sich vor einem ebenso verdächtigen Mausehel, vor dem journalistischen Erpresser, fürchtet und diesen füttert. Da ist der Advokat mit einer Kundschaft, die sich an den Grenzen der Paragraphe aufhält. Da ist der rotgeschminkte Politiker, der jetzt den Sozialismus betreibt, ausnüt/zt und entwertet.. Da sind die zweifelhaften Geschäftsleute, die falschen Ehrbaren, die heuchlerischen Frommen, die verlogenen Biedermänner, die findigen Ausbeuter... Mauschel nimmt dich in acht! Da ist eine Bewegung, von der selbst die Judenfeinde gestehen, daß sie nicht verächtlich ist. Es soll ein Abfluß unglücklicher, wirtschaftlich und politisch schwer bedrohter Menschen nach einer dauernden Heimstätte, unter rechtlichen Sicherheiten eingeleitet werden. Dagegen sträubst du dich, Mauschel? Das willst du durch Perfidien verhindern, weil du keinen unmittelbaren Vorteil für dich siehst? Was hast denn du jemals für deine „Brüder“ getan? Entehrt hast du sie, geschadet hast du ihnen, und wenn sie sich nun selbst helfen wollen, fällst du ihnen in den Arm. Mauschel, nimm dich in acht! Der Zionismus könnte es halten, wie Teil in der Sage. Wenn sich Teil auschickt, den Apfel vom Haupte seines Sohnes zu schießen, hat er noch einen zweiten Pfeil in Bereitschaft. Mißlänge der erste Schuß, dann soll der andere der Rache dienen. Freunde, der zweite Pfeil des Zionismus ist für Mauscbels Brust bestimmt! 7h meftuk’icun Biatiks „Wenn euch je im Leben, ivle der kommende Sturm, die Gewalt seiner Schöpfung über mannt, wenn eure Tränen fließen in der Mitte eines jetzt noch ungeborenen Geschlechts, so erinnert euch dieser Stunde und denkt: Wir waren dabei, als sie ihn begruben, und als er. slarb, haben wir geweint “ „Beethovens Begräbnis“ (aus einem Grillparzer-Roman). 1/&& # # Von Jakob Rosenthal Der 21. T (t m u s 5004 — der Tug, un dem Biu/i/c vor einem Jahre in Wien slarb, aber noch mehr, der 4. Tag im Truuermonal A w, wird von nun ab in den Trauerannalen des jüdischen Volkes cinyemeißell bleiben. An diesem Tage wurde das, was an Chairn Nachman Bialik irdisch war, der heiligen, von ihm so heiß geliebten Erde Erez Israels übergeben. Betrauert nicht nur von den zehn tausenden jüdischen Männern und, Frauen, Kindern und Erwachsenen, die von zählten, so werden kommende Generationen an diesen 21. Turnus und 4. Aw denken. ln Wien, das einen Herzt, einen Chajes zu Grabe getragen, hat auch der große Prophet Bialik seine Seele ausgehaucht. Kein Wunder, daß wir, vom Geschick ausgezeichnet, diese Großen in Israel unmittelbar erlebt zu haben, schmerzerfüllt auch dies lebt zu haben, schmerzerfüllt auch diesmal an der Bahre BUdiks weinten, a/s sich Wiens Judenschaft zur Trauerfeier um den IHIIIKII. . *■ ■ n miiiiil: "idiHiii ' K 1'HC '/ .*/!/ I'f b Üü ' L ■*! mm §f#i® :V/* Mltti' iOwpiyl Wmai ■ •. >- Eine der letzten Auf nahmen des Dichters Nun, wir waren gabei. Als vor einem Jahr an einem strahlend hellen Julitag — eine düstere Nachricht die Gemüter gefangen nahm. Zutiefst erschüttert und fassungslos ging es damals von Mund zu Mund: Wir haben Ch. N. Bialik verloren. Und Tränen sind verflossen! Wir alle haben geweint! Heute fährt sich der Tag der schmerzlichen Erinnerung. Ein Tag der aufrichtigen Selbstprüfung, der Rückschau und des Besinnens. Noch hält uns die Gewalt seiner Schöpfung im Banne. Dieser Mann, aus ärmsten Verhältnissen des russisch-jüdischen Ghettos hervorgegangen, ist im Reiche des Geistes zum Fürsten emporgestiegen. Er war Dichter, Denker, Lehrer, Redner, Prophet. Und Schöpfer der neuhebräischen Sprache! Aus dem tiefen Schacht der antiken Scholastik hob er die heilige Sprache der Väter, lieh ihr neuzeitlich-vollendete Form, Glanz und Reichttum und schenkte seinem zur Wiedergeburt erwachten Vollie ein blendend-schimmerndes Kronjuwel: die hebrä ische Mu ttersprach e. Hauchzart, rein uml „morgen!risch11 wie der junge Frühling ist auch seine Poesie. Seine hebräischen Volkslieder rühren an die tief-unerschöpfliche Quelle der jüdischen Gefühlswelt♦ ln ihnen hat er sich zum nationalen Dichter erhoben, wie er auch durch Hoheit und Reinheit der geheiligten Kilnstlerschaft alle Volksschichten und Sonderpunkte eroberte. Gerade in dieser Zeit 'wollen wir sein unvergängliches Wirken würdigen. Bialik ist, uns mehr als ein kostbarer Besitz, denn er wird uns zum Trost ln einer Zeit des Haders und innerer Zerrissenheit. Sein Geist möge uns zum Quell neu erblühender Hoffnungen werden und den einigenden Frieden bringen. Qtttfio Grübln allen Teilen des Landes seit Tagen nach Tel-Aviv herbeigeströmt waren, sondern von allen jenen Juden, für deren dunkles Galuth-Dasein Bialik Licht- und Trostspender war. An diesem Tage, fast zur gleichen Stunde, weinten sie alle an seiner Bahre. ln der Carnegie Hall zu New York und in der Town Hall in London, in Johannisburg und in Lodz, in Paris und in Wien, in den vornehmen Synagogen der westlichen Städte und in den von tiefer Inbrunst erfüllten Gotteshäusern der ostjiktischen Kleinstädte, um dieselbe Stunde, da die weiße Tel- Aviver Erde Bialiks irdische Iliille umfing und für immer bedeckte, fanden sich in Ost und West, in Süd uml Nord, überall, wo kleinere und größere jüdische Zentren bestehen und das jüdische Wort noch Schall und Klang hat, tausende jüdische Männer, Frauen und Kinder, Alt und Jung, um in stummem Gedenken oder in träuenerfüllten Reden symbolisch an dem letzten Gang Bialiks teilzunehmen und so das wahrhaft Große dieses Nationalheros zu bekunden: nationale Solidarität. Über Meere und Berge, über Länder und Städte, über alle Grenzen hinweg verband ein einziger Gedanke, ein einziger Begriff divergierende und zerstreute Kräfte und schweißte sie zu einer einzigen Einheit, die man „Volk" nennt, zusammen. * So muß es auch vor 31 Jahren gewesen sein, als Wiens Judenschaft den großen Erwecker des jüdischen Volkes zu Grabe trug. Und so wie wir, die wir diesen Schmerz und diese Trauer um Herzl nur aus der Überlieferung erlebten und oft uns ärmer fühlten um das unmittelbare Erleben dieses Großen, und mit wcitaufyerissencn Augen an den Lippen jener Männer hingen, die uns von den Stunden des Kaw-TImmus er- Nationalheros Bialik versammelte. Lange vor Beginn mußte der große Saal des Hotels Kontinental polizeilich gesperrt werden. Im Festsaal selbst saßen und standen Kopf an Kopf jüdische Männer und Frauen aus alten Schichten. Tiefe Trauer lagerte über den ganzen Raum. An der Wand der Rednerestrade hing, schwarz umrahmt, das Bild Bialiks, umgeben von einem riesengroßen blauweißen, schwarzdrapierten Fahnentuch. Auf dem Rednertische brannten zwei Kerzen: symbolisches Zeichen für die geweihte Trauerstunde. Nach den Reden erhob sich die tausendköpfige Trauergemeinde und hielt eine Minute lang in weihevollem Schweigen inne. Erst die kraftvolle, lichtspendende, den ganzen Bialik offenbarende „T ec hes a k n a h“ löste die Spannung. So fand vor einem Jahre die erste Wiener Trauerfeier für Chaim Nachman Bialik ihr Ende. tfaixL cLccas J&fc&Cfo »ft Der Wiener Aufenthalt Chaim Nachman Bialiks im Winter 1932 wurde für alle, die damals mit dem Dichter in Berührung gekommen waren, zum unvergeßlichen Erlebnis. ln Vorträgen und Gesprächen offenbarten sich der starke Zauber, die geistige Klarheit, die hohe Ethik dieses Dichterfürsten in Israel, Ein halbes Jahr lang halle Bialik als Mandatar einer Volksmission alle großen jüdischen Zentren Ost- und Westeuropas bereist, ln Warschau, dem größten Judenzentrum Osteuropas, hatte seine Reise ihren Anfang genommen, ln Wien, der größten Judengemeinde des Westens fand sie ihren Abschluß. Empfänge und Bankette, pädagogische Konferenzen und Vortrüge vor einem inchrt ausend köpfigen Publikum, Propaganda- Versammlungen für das hebräische Buch und Meetings für die jüdische Jugend, in deren Mittelpunkt Chaim Nachman Bialik stand, lösten einander in bunter Reihenfolge in jenen acht Tagen ab. Das größte Ereignis während des damaligen Wiener Aufenthaltes Bialiks war wohl der Vortrag des berühmten hebräischen Dichters im Großen Konzert hanssaale, der vor einem vieltausendköpfigen Publikum unter allen Zeichen eines besonderen gesellschaftlichen und künstlerischen Ereignisses vor sich gegangen war. Vas Auditorium, das der von dichterischem Schwung und messerscharfer Logik erfüllten zweistündigen Rede des großen Dichters mit atemloser Spannung lauschte, feierte damals Bialik als die bedeutendste Gcistespersön- Uchkeil des Judentums seit den Propheten mit stürmischen Ovationen. Die Prophetie Bialiks, sein Seherlum, sprachen aus allen Worten dieses berühmt gewordenen Vortrages im Wiener Konzerthaussaale. Es lohnt sich wahrlich, diese Worte Bialiks, ivie sie vom Autor dieser Zeilen damals in einem kurzen Referat festgehalten wurden, heute, nach dreieinhalb Jahren, unseren Lesern wieder in Erinnerung zu bringen. Die geistige Krise des modernen Judentums (Aus dem Wiener Vortrag des Dichters) ... So verschiedenartig das Leben und die Situation der Juden heute in den einzelnen Ländern ist — führte Bialik einleitend aus —, ein einziges ist es, das allen gemeinsam bleibt, den Juden des Ostens ebenso wie den Westjuden, die sich seit der Emanzipation bereits so sicher und gefeit fühlten: die Tatsache des Exils. Ein Gefühl der Rat- und Mutlosigkeit beherrscht heute die jüdischen Massen in Berlin nicht weniger als in Warschau, in Wien nicht weniger als in Krakau. Und Bialik analysiert im folgenden in tiefschürfender und gedankenreicher Rede die geistigen Wurzeln dieses Nicht-mehr-weiter-Könnens. Mit der Proklamierung der allgemeinen Menschenrechte durch die große französische Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts fielen auch die mittelalterlichen Schranken für die Juden. Aber die aufstrebende Emanzipation forderte ihren Tribut. Sie leitete den für das ganze Judentum so verhängnisvollen Assimilations- und* Abbröckelungsprozeß der westlichen Judenheii ein. Das, was zweitausendjährige Verfolgungen nicht zu zerstören vermochte, was durch zweitausendjähriges Märtyrertum bewahrt und geschützt werden konnte, die hebräische Sprache, das einzige nationale Instrument seit Verlust der jüdischen Staatlichkeit, das national Schöpferische, in dem sich der Genius des Volkes offenbart, das hebräische Buch, das „Sefer“, wurde unter den hochtönenden Phrasen von Bürgerrechten und allgemeiner Weltkultur in dem Zeitraum der letzten 150 Jahre zu Grabe getragen. Die Entwicklung des deutschen Judentums zeigt so deutlich diesen Niedergang. Sie glaubten ihrer jüdischen Kultur damit genügend zu dienen, wenn sie allgemeine Themen im Zusammenhang mit dem Judentum zum Gegenstände von Abhandlungen machten. Nicht die unmittelbare schöpferische Arbeit stand im Mittelpunkte dieser Emanzipationsepoche. Man schrieb über geistige Werte, Wissenschaft, Kunst und Literatur. Man nahm teil an allen Gütern der fremden Kultur, aber man schuf sie nicht. Kulturgenießen ist aber noch lange nicht Kulturschaffen, ja, es ist bisweilen nichts anderes als ein — Parasitentum. Es zeugt mehr von Kultur, ein Hemd mit einer kleinen Nadel zu schaffen, als ein auf einer modernen Nähmaschine angefertigtes Hemd — zu tragen. Durch die Preisgabe der hebräischen Sprache haben sie auch ihre Kultur eingebüßt. Denn die hebräische Sprache ist das geistige Lebenselement des Judentums. Wie der Geist des Volkes seine Sprache formt, so wirddiese wieder durch den Genius geschaffen, Das ganze geistige Erbe des Judentums ist das hebräische Schrifttum. Erst nach der Emanzipation geschah das Unglück, daß man nur in fremden Sprachen schrieb und so eine eiserne Wand zwischen seinem Volk und seinem Genius errichtete. Von einem Gelehrten stammt der Ausspruch, daß die Juden seit ihrer Zerstreuung keinen klaren Himmel gesehen haben. Das kommt daher,

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