Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 467 (19.7.1935)
- Date
- 1935-07-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 107 — 10. Juli 1035 ' 20. Tamus: 31. Todestag Theodor Merzt t. — 21. Tamuss 1. Todestag Chaim Nachm an Bialihs Mauschel Von Theodor Herzl Der nachfolgende Aufsatz ist am 15. Oktober 1897 geschrieben worden. Er ist aber heute noch immer so zeitentsprechend, wie am Tage seines ersten Erscheinens. Mauschel lebt noch immer, macht sogar gerne mit der Hitlerei ein Kompromiß und setzt gegen den Zionismus die antijüdische Presse in Bewegung. Man lese Herzh Worte und beherzige sie! Einen Trennungsstrich zwischen uns und Mauschel! Mauschel ist Antizionist. Wir kennen ihn schon lange, und es hat uns auch immer der Ekel gehoben, wenn wir ihn ansahen, wenn uns das Leben in seine Nähe oder gar in Berührung mit ihm brachte. Aber zu dem Ekel, den wir vor ihm empfanden, gesellte sich bisher immer Mitleid: wir suchten nach milden, historischen Erklärungen dafür, daß er ein so verkrümmter, verdrückter und schäbiger Geselle sei. Und dann: er ist doch unser Volksgenosse, — wenn auch nicht die mindeste Veranlassung vorliegt, uns etwas auf seine Genossenschaft einzubilden. Wir sagten uns, daß wir ihn ertragen müßten, ja daß es unsere hohe Aufgabe sei, ihn zu veredeln, daß wir alle an dieser Aufgabe wachsen würden, und mit einer Act von romantischer Zärtlichkeit oder Schwäche nahmen wir uns seiner an, weil er ein Dump war. Wenn Mauschel eine Gemeinheit beging, trachteten wir sie zu vertuschen. Wenn Mauschel recht niedrig war, erinnerten wir die Welt an die Großen unseres Volkes. Wenn Mauschel uns alle kompromittierte, schämten wir uns oder schäumten insgeheim « jedoch wir schwiegen0. . Da hat Mauschel endlich! etwas getan, was Lob verdient, was uns zur Ehre gereicht und wodurch er uns für manches entschädigt, das wir seinetwegen erdulden mußten. Er hat sich von uns losgesagt. Mauschel, das ist ein schöner Zugi Aber wir sprechen von Mauschel, ohne ihn noch gebührend vorgeötellt zu haben. Wer ist denn dieser Mauschel? Ein Typus, meine lieben Freunde, eine Gestalt, die in den Zeiten immer wiederkehrt, der fürchterliche Begleiter des Juden, und vom Juden so unzertrennlich, daß mau beide miteinander stets verwechselt hat. Der Jude ist ein Mensch, wie andere, nicht besser, nicht schlechter, höchstens verschüchtert und verbittert durch die Verfolgungen, und von einer großen Standhaftigkeit im Leiden. Mauschel hingegen ist die Verzerrung des menschlichen Charakters, etwas unsagbar Niedriges und Widerwärtiges. Wo der Jude Schmerz oder Stolz empfindet, hat Mauschel nur elende Angst oder höhnisches Grinsen im Gesicht. In den harten Zeiten richtet sich der Jude auf, Mauschel dagegen verkrümmt sich nur noch schmählicher. Werden die Zeiten besser, so ist es für den Juden eine Mahnung zur Milde, zur Duldung anderer, zum Wirken für die allgemeine Wohlfahrt; Mauschel aber wird frech und hochmütig. Der Jude trägt in seinem vielgequälten Herzen eine unauslöschliche Sehnsucht nach der Erreichung höherer Stufen der Kultur; Mauschel betreibt hinter dem Fortschritt wie hinter der Reaktion nur seine eigenen schmutzigen Geschäfte. Der Jude erträgt die Armut mit Würdo und Gottvertrauen, im Reichtum öffnet sich sein Herz weit für dio Mühseligen und Beladenen, und er besteuert freiwillig sein Wohlergehen durch großo Gaben. Mauschel ist in der Armut ein erbärmlicher Schorrer, im Reichtum ein noch erbärmlicherer Protz, Der Jude liebt die Kunst und gelehrte, Übungen; diese waren oft und lange sein ganzer Trost in der Abgeschlossenheit, die ihm eine feindselige Gesellschaft aufzwanig. Von Mauschel werden selbst Kunst und Wissenschaft um des gemeinen Vorteils willen betrieben. $0 konnte man in unserem Volke zu allen Zeiten sogar Kaufleuto und Handwerker von tiefer, schamhaft verschwiegener Bildung sehen — in solchen Gestalten trat der Judo auf. Einmal hieß. er Baruch Spinoza, schliff Brillen und betrachtete die Welt sub speeie aeterni. Und so konnte und kann man hinwieder Rabbiner, Schriftsteller. Advokaten. Ärzte sehen, die nur verschmitzte Gewinnsuch er sind — in solchen Gestalten tritt Mauschel auf. Der Jude ist fähig, der Regierung seines Landes aus Überzeugung starr und ehrlich Widerstand zu leisten, oder sich offen als ihr Anhänger zu bekennen. Mauschel verkriecht sich hinter den staatsfeindlichsten Oppositionen und hetzt diese heimlich, wenn ihm die herrschende Autorität nicht bc-hagt, oder er flüchtet sich unter den Polizeischut.z und tut Angeberdieuste. wenn ihm vor dean Umsturz bange wird. Darum hat der Judo den Mauschel immer verachtet — und dieser schilt ihn wieder einen Narren. Und diese beiden, die durch eine tiefste Feindschaft ihres Wesens allezeit geschieden waren, wurden stets miteinander verwechselt. Ist das nicht ein schauerliches Mißverständnis? Als wäre in irgend einem dunklen Augenblick unserer Geschichte eine niedrige Volksmasse in unser© unglückliche Nation hineingeraten und wäre mit ihr vermischt worden, so nehmen eich diese unvereinbaren, unerklärlichen Gegensätze aus. Da wir nun, seit die Völker sich besinnen, immer die Schwächsten der Schwachen waren, hat man als den Vertreter unseres Volkscharakters nicht den Juden, sondern Mauschel genommen. Starke Völker werden nach ihren besten Söhnen beurteilt, schwache nach ihren schlechtesten. Die Deutschen sind ein Volk von Dichtern und Denkern, weil sie Goethe, Schüler, Kant hervorgebraoht haben. Die Franzosen sind die Tapferen und Geibtreiche 11, weil sie Bayard und Dugueselin. Montaigne, Voltaire und Rousseau aufstehon ließen. Wir sind ein Volk von Schacherern und Gaunern, weil Mauschel wuchert, und Börsenstreiche macht. Mauschel hat immer die Vorwände geliefert, unter de non man uns anfiel. Mauschel ist, der Fluch der Juden. Instinktiv hat das der Jude immer gefühlt, tmd es mag oft vorgokommen sein, daß gute Juden vom Volk und vom Glauben der Viiter sich entfernten, weil sie diese Gemeinschaft nicht länger zu ertragen vermochten. So hat Mauschel das Judentum nach Innen und Außen geschwächt. Aber es kam dio Zeit, unsere Zeit, wo auch die Flucht aus der Religion den Juden nicht mehr von der Solidarität mit Mauschel befreien kann. Die Rasse! Als ob Jude und Mauschel von derselben Rasse wären. Der Gegenbeweis war freilich schwer zu erbringen, und vor dem Antisemitismus schienen Jude und Mauschel für immer, unauflöslich, rettungslos verbunden, ln solchen Zeiten pflegt wohl mancher Mauschel vom Judentum abzufallen, ein Jude sicher nicht. Da trat der Zionismus auf — Jude und Mauschel mußten zu dieser Frage Stellung nehmen. Und jetzt, jetzt zum erstenmal hat Mauschel dem Juden einen moralischen Dienst von unverhoffter Größe erwiesen. Mauschel sagt sich von der Gemeinschaft los, Mauschel ist Antizionist! Man möge uns nicht mißverstehen. Wir sind nicht so verbohrt und verrückt, wie man uns gerne darstellen möchte. Wir erklären nicht jeden Gegner unserer Ansichten und unserer Bewegung für einen schlechten Kerl. Es gibt Behr hohe, sehr respektable Gründe, aus denen ein Jude an dieser Volksbewegung für seine Pe-reon nicht teilnehmen kann oder will; aber darum braucht. er sie noch nicht zu verdächtigen und zu bekämpfen. Die Haltung eines Juden, der ndcht mit der zionistischen Bewegung gehen will, ergibt, sich eigentlich von selbst: er stellt, sich abseits. Er ist seiner andersgläubigen Umgebung so vollkommen assimiliert, daß ihn die Geschicke der Juden nichts mehr angohen. Kr hat vielleicht nur aus Anständigkeit, aus Stolz das äußere Baud nicht zerrissen. Kr kümmert sich nicht um die ehemaligen Volksgenossen, so kann er sicher sein, daß auch sie nichts mehr von ihm wissen wollen. Doch je weiter er vom Judentum schon abgekonwien ist, um so achtungsvoller wird er die Legungen dieses ihm fremden Volkebewußtseins betrachten müssen. Vielleicht versteht er auch, daß seine Lage durch diese Bewegung nicht schlechter, sondern besser wird. Sie ermöglicht ihm die Lossagung vom alten Volke, den Anschluß an ein anderes, dem er sich verwandter fühlt, ohne beschämende Konzession. Er ist einfach kein Zionist, er ist aber auch kein Antiziouist. Er bleibt neutral, kühl, fremd. Und wenn er innerlich ganz im Gleichgewicht ist, wird er ah Fremder .die menschenfreundlichen Absichten der Zionisten billigen und unterstützen. wie es unsere christlichen Freunde tun, die den verschiedensten Völkern angehören. Mauschel hingegen ist Antizionist, und zwar in lärmender, belästigender Weise. Mauschel höhnt, schimpft, verleumdet und denunziert. Denn Mauschel spürt, claß es ihm jetzt endlich an den Kragen geht. Er hat das sofort, noch bevor der Zionismus alle Batterien demaskierte, auf eine beinah0 geniale Weise erraten. Mauschel hat auch eiligst ein tückisches Schlagwort gegen die Zionisten ausgegeben: sie seien jüdische Antisemiten. Wir? Wir, die uns ohne Rücksicht auf unsere erworbene Stellung und unser Vorwärtskommen vor aller Welt, als Semiten bekennen, die Pflege unseres alten Volkstums hochihalten, au unseren armen Brüdern stehen. Aber er hatte blitzschnell heraus, was wir sind. Maußdielfeinde sind wir. Mauschel hatte sich mit dem Antisemitismus schon so gut wie abgefunden. In den Kulturländern geht es ja den Juden nur an die Ehre. Mauschel zuckt die Achseln: .."Was heißt Ehre? Wenn die Geschäfte gehen und man gesund ist, läßt sich das übrige ertragen.“ Für den schlimmsten Fall richtet Mauschel seine Blick ins Weite, aber nicht nach Zion, sondern nach irgend einem Lande, wo er allenfalls bei einer anderen Nation untersclilüpfen könnte. Dort augelangt, spielt er sich nach kurzer Zeit auf den Chauvinisten hinaus, erteilt Unterricht im neuen Patriotismus und verdächtigt alle, dio nicht sind, wie er. Dabei begeht er die wunderliche Inkonsequenz, sich von dou Juden loszusagen und zugleich in ihrem Namen zu sprechen. So kommt es, daß wir manchmal von ernsten Freunden unserer Sache die Bemerkung hören müssen: „Dio Juden selbst wollen ja vom Zionismus nichts wissen.“ Die Juden? Nicht doch. Nur Mauschel nicht 1 Kein wahrer Jude kann Antizionist sein, nur Mauschel ist es. Wohlan, er sei es. Das macht uns von ihm frei. Das ist eine der ersten, eine der wohltätigsten Folgen unserer Bewegung. Wir werden erleichtert autätmon, wenn wir diese Leute, dio wir mit heimlicher Scham als Volksgenossen behandeln mußten, ganz und gar los sind. Sie gehören nicht zu uns — aber wir auch nicht zu ihnen! Sieht man nun schon allmählich, welch eine gesundo Volksbewegung unser Zionismus ist; wie wir dahin gelangen werden, uns von den schmachvollen Elementen zu säubern? Weg mit der faulen Duldung! Wir brauchen über Mauschel« Streiche nicht mehr zu erröten, wir brauchen sie nicht zu verschweigen, nicht empfindsam zu verteidigen. Ah, wir sind Narren? Nun, so verrückt sind wir nicht, noch länger für Mauschel die Verantwortung zu tragen. Mehr noch: der Foiml soll wie ein Feind behandelt werden. Herunter von der Kanzel, Mauschel, die du als Protestrabbiner mißbrauchst! Wir wollen erst wieder in die gereinigten Synagogen gehen, in denen gute Juden als Rabbiner auch für die Armen beten. Hinaus, Mauschel, aus allen Vertretungon des jüdischen VoK Aus dem soeben im Löwlt-Verlag erschienenen Gedichtband ausgewählter Bialikscher Gedichte in deutscher Übersetzung von Ernst M üller, bringen v>ir mit freundlicher Genehmigung des Verlages das folgende Gedicht (Gedenkblatt) zum Abdruck. (Die Red.) Chaim Nachman Bialik: Hock tudueu* Tode ... (Gedenkblatt.) Nach meinem Tode sollt ihr also Magen: War ein Mann — der starb vor seiner Zeit. Sein Lebenssang ward mitten unterbrochen Und ach und weh! ein Lied noch hatte er. So starb das Lied für ewig —« Starb für ewigt Und schatp und weh! er hatte eine Harfe, Die wie ein Wesen lebt* und tönt\ Der Sänger könnt’ in ihrer Spache Ein jedes Rätsel seines Herzens künden — Auf allen Saiten spielte seine Hand. Nur ein Geheimnis barg er ganz im Innern, Die Finger hüpften nur an Ihm vorbei. Und so war eine Saite stumm geblieben, Bis heute stumm. — —1 Und weh! ach weh! Ein ganzes Leben bebte diese Saite, Sie bebte stumm, sie bangte stumm Wie nach dem Liebsten: dem ErlöscrUed — Wie sich sein Herz zur Angetrauten sehnt, Und zaudert er, so harrt es dennoch seiner — Und hofft in stummen Seufzer sein, Er aber zaudert, ja er kommt nicht meto —* Kommt nicht mehr« Und groß Ist, groß der Schmerz —- War ein Mann — der starb vor seiner Zeit, Sein Lebenssang ward mitten unterbrochen. Und ach! ein Lied noch hatte er, So starb das Lied für ewig, Starb für ewig — — —,