Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 466 (16.7.1935)
- Date
- 1935-07-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DI6 STIMM! Nr. 466 — 16. Juli 1935 bekannte ..Verständigung von Volk zu Volk“ aussioht. Von einer Verständigung kann keine Rede sein, solange der Versuch gemacht wird, einen Teil des jüdischen Volkes gegen den anderen Teil aus Zuspielen. Wir anerkennen auch nicht Czermaks Terminologie vom ,.r i e h t. u n ggebenden St a a t s v o 1 k“ und vom ..g 1 e i c h b e r e c h t i g t. e n G a s t v o 1 k“. Wir sind kein G a s t v o 1 k, sondern Staatsbürger, die Steuern zahlen. Übrigens dar! auch ein Gast nicht herabgesetzt und •beleidigt werden. Wir anerkennen das Recht der Mehrheit, lassen uns aber durch keine noch so geschickten Redewendungen zu Bürgern zweiter Klasse degradieren. Gerade weil wir das Recht der Mehrheit respektieren und in ihren kulturellen Dingen nicht mifcreden wollen, verlangen wir als Minderheit das Recht, unsere eigenen jüdischen Angelegenheiten autonom selbst zu ordnen. Wir sind auch nicht so töricht, uns durch Worte, wie ..nur die Zionisten sind brav“, ködern zu laetsen. Niemand hat das Recht im Namen des jüdischen Volkes in Österreich zu sprechen, der sich die Legitimation dazu selbst genommen hat. Wir geben zu. daß wir mißtrauisch sind. W ir haben aber auch allen Grund dazu. Das gilt auch von den Aktionen des Herrn Prof. Czcrmak. Die Saxoborussen in Deutsche National?oziallsten England ..Manchester Guardian“ berichtet, daß die deutschen Nationalsozialisten in England eine starke Aktivität entfalten und sich zuletzt sogar den Leiter des Rassepolitischen Amtes der NSDAP Dr. Groß zu einem Vortrag haben herüberkommen lassen. Ls hatten sich zu demselben etwa 500 Personen, hauptsächlich weibliche Hausangestellte, Kellner, aber auch Ladeninhaber und Handwerker eingefunden. Dr. Groß und der Londoner Naziführer Dr. Bene wurden mit „Heil Hitler” begrüßt. Dr. Bene überbrachte die Grüße des deutschen Botschafters Hoesch und des ersten Botschaftsrates Fürsten Bismarck. Bekanntlich sollte im Jahre 1933 Fürst Bismarck wegen seiner jüdischen Abstammung mütterlicherseits aus seinem Amt entfernt werden, aber das Auswärtige Amt mit Dr. Neurath an der Spitze konnten dies verhindern. Dr. Groß suchte sich in London zu mäßi gen. Rassismus, sagte er, sei nicht identisch mit Antisemitismus; zufällig sei diu rassische Minderheit in Deutschland jüdisch, sie hätte ebenso gut japanisch oder der Negerrasse zugehörig sein können. Die Jndenpolitik des Dritten Reiches habe mi Haß und Verfolgung nichts zu tun. Die Behauptung, das Dritte Reich beraube die Juden ihrer Existenzmöglichkeit, sei Lüge. Zweifellos habe die Rassenpolitik manche Tragödien zur Folge, aber das sei nicht zu vermeiden, wenn man will, daß die kommenden Generationen glücklich seien. Die Saxoborussen haben sich mißliebig gemacht. Sie haben einer Rede Hitlers nicht den gebührenden Respekt erwiesen, haben auf Sekt-Haschen geblasen, und einer hat laut gefragt, ob auch der Führer Spargel essen kann. Das ist, wie amtlich zornbebend mitgeteilt wurde, abgrundtiefe Verworfenheit. Fünf der Missetäter kamen ins Konzentrationslager, das Korps wurde aufgelöst. Man denke, die feinen Saxoborussen! Das Korps, über das einmal die brave „Gartenlaube“ den SamarotTsehen Roman in Fortsetzungen gebracht hat! Den Korporationen geht es überhaupt an den Kragen. Sie wollen nicht die militärische Schulung an der Seite der Proleten mitmachen und werden deshalb hart hergenommen. Und das ist eine große Undankbarkeit des Dritten Reiches. Die Korporationsstudenten mit Kappe und Band und Flaus und Stürmer, mit Koller und Kanonen, dienten nicht nur zur Jungmädchenromantik, nein, sie waren die regierende Schicht. Ihre Alten Herren saßen in den Ämtern, beherrschten die Staatsmaschinu und waren großdeutsch, alldeutsch, pa»germanisch. Sie bildeten die Immer-feste-druff-Garde, die mit der ganzen Welt auf dem Donnerwetterfuß stand. Und sie waren tief antisemitisch. Nach dem Krieg noch mehr als vorher. Die Weimarer Republik war als jüdisch verhaßt. und es gab so hübsche Verse, wie: j „Stresemann, "verwese man!“ „Killt ihn ab,1 den Rathenau, gottverfluchte Judensau!“ Sie wurden auf den Kneipen gesungen und die Alten Herren taten wacker mit. Aber das Dritte Reich will sic nicht. Es sind immerhin Leute mit einer hohen Bildung. mit einer gewissen äußerlichen Kultur, die nicht so ohne weiteres sieh mit den neuen Sitten vereinbaren läßt. Die Alten Herren haben auf Kinderstube, auf gute Formen und auf eine den Anschauungen ihrer Klasse entsprechende Gesetzlichkeit gehalten. Das verträgt der neue Staat nicht. Er drückt das so aus, daß es außer den 1 »raunen Hemden keine Farben geben darf. Tn Wirklichkeit aber ist es der tiefe Haß der Arrivierten gegen ihre besser geschulten Vorgänger, der Abscheu vor dem reinen Anzug. Und deshalb schikaniert der Staat die Korporationen, diejenigen, die die Wegbereiter des Nationalsozialismus waren, die den antisemitischen Gedanken in die Massen getragen haben und die mit Begeisterung hinter dem Trommler marschiert sind. Er steckt sie jetzt, oh ihrer Verworfenheit in die Konzentrationslager, soweit sie nicht zu Kreuz kriechen und sich der Schulung in nationalsozialistischer Weltanschauung unbequemen wollen. Aber sie werden zu Kreuz kriechen. Denn trotz aller Herrenallüren sind sie doch nur subalterne Seelen, deren Lebensziel ein Posten bleibt. Die ..Gartenlaube“ besteht nicht mehr und Saxoborussen auch nicht. Die holländische Prinzessin bleibt einer nationaisoziam listischen Feier fern Die holländische Kronprinzessin Juliane wurde Ende Juni eingeladen, der Taufe eines Sohnes des Fürsten zu Wied, eines Verwandten des holländischen Königshauses, in Dierdorf in Deutschland beizuwohnen. Fürst zu Wied ist als ein leidenschaftlicher Nationalsozialist und Antisemit bekannt, deshalb nahm die Öffentlichkeit in Holland die Einladung an die Kronprinzessin mit gemischten Gefühlen auf. Die holländischen Zeitungen meldeten vor kurzem, daß die Kronprinzessin infolge Indisposition von einer Reise nach Dierdorf absehe. Man versteht aber hier, daß der wahre Grund der Absage in der politischen Richtung des Hauses Wied liege. Der Berichterstatter des „Haagsche Courant“, der Dierdorf besucht hat, lieferte seinem Blatte das folgende Stimmungsbild: über der Straße am Dorfeingang sind Transparente mit Aufschriften „D i e J ud e n sind Meister der Lüg e!“ „Bauern, hütet euch vor den Juden, den Parasiten des deutschen Volkes!“ Der Berichterstatter schließt: „Wir Holländer können froh sein, daß der Kronprinzessin erspart bleibt, diese abscheulichen Transparente zu sehen, deren Aufschriften sicherlich ihre Gefühle verletzt hätten.“ Was in Deutschland ein wertvoller Film ist In einem Berliner Lichtspieltheater wird derzeit der von der Reichsprüflingsstolle zugelassene schwedische Tonfilm „Pete rs o n und Bend e 1“ aufgeführt. Es kam hiebei zu größeren Demonstrationen, über die der ..Völkische Beobachter“ ne-richtei: „Tn einem Berliner Lichtspieltheater wird cLr schwedische Tonfilm „Petcrson und Bendel4 auf’geführt, der den W e s e n s u n te rs c h i e d z w i s c h e n A r i e r t u ui u n d J u d e n t u m darstellt. Als erster ausländ! scher Film wurde er von der Roichspriifungsstcile Berlin mit dem Prädikat ,w e r tv o 11‘ deklariert. Gelegentlich der Aufführung ereigneten sieh, h e r v o r g e r u f e n d u r c h j ii d i s e he Be s u c h e r, große Zwischenfälle., die eine deutliche Sprache sprechen. Wenn sich auch die jüdischen Frechheiten wohlweislich im R a hmen der Dunkelheit während der hielten, beweisen sie doch ganz d a ß d a s J u d e n t u m d i e d e s X o u e n R e i c h e s g td e r Ju den frage nicht zu Mitteln greift, die nicht. Vorstellung besonders, Haltung g e n ii b e r teilt und ohne Folgen bleiben dürfen. Ls ist an der Zeit, einmal m i t N a chdr u e k darauf hinzuweisen, daß wir rückläufige Bewe gungen irgendwelcher Art a u f k eine n Fall dulden werden. Ganz besonders denken wir nicht daran, uns von jüdischen Kreisen in irgend einer Form in Sachen dreinreden zu lassen, die die Angelegenheiten des Deutschen Staates und Volkes sind. Sie mögen sich hüte n.“ Au.s dieser Mitteilung Ist zu ersehen, was eigentlich vorgega-tigen ist. Die jüdischen Zuschauer haben gegen Beleidigungen protestiert und der „Völkische Beobachter“ droht ihnen mit „der Haltung des neuen Reiches“. Zu bemerken ist, daß der Film kein schwedisches Produkt ist, sondern von gleichgeschalteten Schauspielern hergostelit worden ist. Massenausbürgerungen von Juden in Deutschland Dio letzte Nummer des „Reichsanzeiger“ bringt weitere Listen von Widerrufung e n erfolgter Einbürgerungen, so u. a. eine Liste des Regierungspräsidenten von Wiesbaden mit 61 Namen, eino Liste des Polizeipräsidenten von Berlin mit 27 Namen, eine Liste des Regierungspräsidenten von Arnsberg mit 236 Namen und eine Liste des Regierungspräsidenten \on Magdeburg mit 35 Namen. Auch »ler Regierungspräsident von Kassel gibt Jen Widerruf von Einbürgerungen bekannt. Es handelt sieh fast nur um Personen nichtarischer Herkunft, die erst nach dem November 1918 Reichsangehörigo gowordon sind. Unter den letzten Ausgebürgerten betiiulet sich auch der frühere IJ '"ssor der Universität in Halle Otto Hertz. Die Ausgebürgerten sind ausschließlich Personen, die Deutschland verlassen haben und denen die Verständigung über die Ausbürgerung nicht direkt zugestellt werden kann. Von den Ausgebürgerten werden viele Tausende Juden in Deutschland, zumeist gar nicht Ostjuden, sondern solche, die bereits in Deutschland geboren und im Kriege a n der deutsche n F r n n t g e k ä m p f t haben, betroffen. Professor Martin Wolff entlassen Professor Martin Wolff, Ordinarius für Zivil- und Handelsrecht an der Universität Berlin, ist durch eine Verfügung ues Reichskultusministers von seinem Lehramt entlassen worden. Der Weggang dieses Gelehrten, der zu den hervorragendsten Kräften der deutschen Rechtswissenschaft gehörte und dem mehrbändigen Lehrbuch des bürgerlichen Rechts von Enececrus-Kipp Wolff seine Mitarbeit geliehen hatte, bedeu tet für die Universität Berlin einen scliwe ren Verlust. Wolff galt als das größte pä dagogische Talent der ganzen Fakultät. Bi zuletzt hielt der Zustrom der Studenten zu seinen Vorlesungen an. Der einzige Grund der Entlassung besteht darin, daß Woli'f Jude i s t. Die Pensionierung V- ,rrs wird nicht veröffentlicht, ebenso wenig wie du Entlassung zahlreicher anderer Hochschul lehrer in letzter Zeit. Der einzige Jude der an der juristischen Fakultät in Berlin noch übrigbleibt, ist der Zivilrechtslehrer R a b e 1. wesensfremde Elemente ablehnon müssen. Das Parteiprogramm lehnt die Juden auf das entschiedenste ab und das Hakenkreuz auf den Fahnen des neuen Deutschland ist das Z e i e h c n f ii r d e n K a mpf g eg e n d a s J u d e n t u m. Die deutscheu Geschäfte, die sieh zur Volks- und Leistungsgemeinse-haft bekennen, sind bereits Einzelmitglieder der D. A. F. geworden. Um die deutschen Handels- und "Handwerksbetriebe, die bereits Mitglieder der D. A. F. sind, herauszustellen, erhalten dieses das Arbeitsfrontabzeichen mit. der Aufschrift „Einzelmitglied der D. A. F.“. Da nur Arier Linzelinitglieder der D. A. F. sein können und somit jüdische Geschäfte das Arbeitsfrontabzeichen nicht führen dürfen, geht an die Nichtmitglieder die Aufforderung, sofort der deutschen Arbeitsfront beizutreten, namit sie als vollwertige und verantwortungsbewußte Volksgenossen gewertet werden.“ Nachrichten des Kongreßbüros Offizielle Judenboykottsparolen Berlin, 11. Juli. Die Gauleitung Schlesiens der NSDAP, Amt der NS-Hago, veröffentlicht im „Völkischen Beobachter“ die folgende Mitteilung: „Die Mittel, mit welchen die Juden arbeiten, um zum Ziele zu gelangen, sind zur Genüge bekannt. Immer wieder versuchen sie in neuen Färbungen ihr Tarnungskiinsto. Die Erziehung und Schulung durch die NSDAP und ihre Gliederungen haben bereits dazu geführt, daß ein großer Teil des deutschen Volkes sich zu der Überzeugung durchgerungen hat; daß die deutschen Volksgenossen ihre Blutsbrüder und -Schwestern zu unterstützen haben und art- und Billige Sonderfahrten nach Polen und Czernowit? Abfahrten: Sonntag, den 2t. Juli, und die fo gende Sonntage. RUckfc hrten r 1 August. 1. und 15. September »935. Nach Zagabane zu den rgfes fe erc on 4. bis 11 Hugus? 70" „ G,ienbar n ermäßigung Polnisches Visum gratis. „Kraucupol“, Wien. III.» Keuuwea 1. Telephon U 10-4-»o Pässe und Visa für den XIX. Zionistenkongreß Das Büro des XIX. Zionistenkongresses in 1, u z e r n teilt mit: Das eidgenössische Justiz- und Polizeib••partement als die zuständige Stelle der hweizerischen Bundesregierung in Bern lat dem Kongreßbüro in Bezug auf die Einreise der Kongreßteilnehmer folgende Bes ti in in u ngen beka nntgegeben: a) Inhaber gültiger Pässe aller 3 t a at e u. mit Ausnahme der unter b) genannten Länder, benötigen kein Schweizervisnm, sondern nur gegebenenfalls ein Durchreisevisum durch zwischenliegende Länder. b) Inhaber von Pässen der Staaten Polen, Rumänien, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Rußland und der Türkei erhalten das Schweizer Visum von den zuständigen Schweizer Konsulaten unter Vorweisung der Kongreßlegitimation g e b ii h r e u f r e i. c) Audi „Schriftenlose“, das heißt solche, die keine gültigen, von der Schweiz anerkannten Ausweispapiere haben (staatenlose Inhaber von Naiisenpässen, von Laiss'i’ Passers usw.l, ausgenommen Sowjetnissen, erhalten gleichfalls gegen Vorweisung der Kongreßlegitimation das Schweizer Vi-uin von der zuständigen Schweizer Behörde ohne w e i t e res und gebühre nf r e i, wenn ihre Rückreise in den Ilerkunftsstaat oder die Weiterreise in einen dritten der Schweiz angrenzenden Staat gesichert ist. Kongreßteilnehmer der Kategorie b) und c) haben also nichts weiter zu tun, als beim zionistische ii Verband des L a n d es, in d e m sie wohne n, eine K o n g r e ß 1 e g i t i m a t i o n z u b e h eb e n und unter Vorlage dieser Legitimation das zuständige Schweizer Konsulat um die unentgeltliche Ausstellung eines Visums zu ersuchen. d) Kongreßteilnehmer, die S o w j e t r u ss o n sind, müssen zur rechtzeitigen Erlangung des Einreisevisums spätestens bis zum 31. August ein Einreisegesuch an den Zionistischen Verband ihres Landes, in welchem sie wohnen, richten unter Angabe folgender Einzelheiten: Familienname; Vorname; Geburtsdatum; Wohnort und genaue Adresse; Art der Legitimation (Pass); deren Aussteller, Ausstellungsdatum und Nummer; Eigenschaft, in welcher der Gesuchsteller am Kongreß teilnimmt (Delegierter, Journalist, Beamter, Gast); Land, für welches das RUckreisovisum des Gesuchstellers gilt, und Gültigkeitsdauer des Rückreisevisums. Die zionistischen Landesverbände werden diese Einreisegesuche an das Kongreßbüro weiterleiten, das dio Einreisebewilligung beschaffen wird. Kongreßlegitimationen sind zum Proiso von 50 Cts. oder deren Gegenwert bei den zionistischen Zentralstellen des Wohnlandes der Kongreßteilnehmer, in außerordentlichen und dringenden Fällen direkt durch das Kongreßbüro zu beziehen. Die Kongreßlegitimation dient außer für die Visahesorgung auch für die weiter angeführten Fälle und es liegt daher im Interesse aller Kongreßteilnehmer, sich in den Besitz einer solchen Legitimation zu setzen. Gegen Vorweisung der Kongreßlegifiniation genießen alle Teilnehmer dos Kongresses gewisse V e r g ti n s t i g u n g e n in den Luzerner Hotels in Bezug auf 7immerpreisii usw. Dio s c h w e i z e rischen T r a n sp ortunterno hm ungen, einschließlich