Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 465 (12.7.1935)
- Date
- 1935-07-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 165 — 12. Juli 1035 DIB BTIMMB Sette 5 tag Aus dem Dritten Reich Bedeutung zu, weil damit erstmals eine besondere Bestimmung der Partei durch ministerielle Verfügung auch außerhalb der NSDAP, eingeführt wurde*. Daraus könnte man schließen, daß in Zukunft auch auf anderen Gebieten interne Bestimmungen der Partei allgemeine Anwendung finden werden. Gefährliche Auswirkungen der Judenhetze in Danzig Die Danziger nationalsozialistische Presse, voran das offizielle Organ der Regierung „Danziger Vorposten“, strengt sieh ununterbrochen an, die Schuld an der Danziger Wirtschaftskatastrophe den „jüdischen Kapitalisten und Wucherern“ in die Schuhe zu schieben. Diese Hetze hat zum Erfolg, daß in der letzten Zeit mehrfach in Danzig und in anderen Orten des Freistaates wiederholt Juden in den Straßen überfallen und schwer mißhandelt wurden. In der Regel geschieht das in der Weise, daß während der Märsche der Sturmabteilungen wie auf Befehl einige Marschierende das Kader verlassen, über jüdische Passanten herfallen, sie niederschlagen und sich gleich wieder einreihen. In keinem dieser Fälle war die Polizei eingeschritten. Die gleiche Presse führt eine ununterbrochene Hetze gegen die jüdischen Kurgäste in den Danziger Seebädern. Der „Danziger Vorposten“ schrieb, daß die am Strand herumliegenden Juden bei der Bevölkerung „Ekel erregen“. Die Zeitung fordert die zuständigen Stellen auf, für die Entfernung der jüdischen Besucher vorn Strande zu sorgen, wobei sie sich auf die „sanitären Vorschriften“ stützen können. Diese Iletzo hat bereits zu mannigfachen Belästigungen der jüdischen Badenden geführt. Vor einigen Tagen kam ein Trupp von 120 uniformierten SA.-Leuten zum Strand H e u b u d e, nahm Aufstellung und sang das Lied „W cnn’s J u d e n b I u t vom Messer spritz t“. Dann nahm der Trupp vor der Strandhalle Aufstellung und rief wiederholt im Sprechchor: „Wer ist unser Unglück? Die Juden!“ Zwei Polizeibeamte, die an der Strandhalle Dienst taten, nahmen von dem Vorfall keine Notiz. Am gleichen Tage erschien ein Trupp nicht uniformierter junger Männer am Strande zwischen Heubude und Krakau, ließ sich in der Nähe jüdischer Badegäste nieder und sang das Lied „Wenn’s Judenblut vom Messer spritzt“. Einige Mitglieder des Trupps zogen den „Stürmer“ hervor und riefen, es sei erwiesen, daß Juden deutsche Mädchen schändeten. Das ging so lange, bis die jüdischen Badegäste sich vom Strande entfernten. Der Vorstand der Danziger Synagogen- Gemeinde hat im Zusammenhang mit diesen Vorfällen ein Protestschreiben an den Senat gerichtet. Geistige Wegbereiter des Nationalsozialismus Von Alfred Werner iii. Eine Erklärung der Jüdischen Gemeinde Berlin Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin veröffentlicht im Gemeindcbkitt folgende Erklärung: „Wir legen Wert darauf, an alle unsere Gemeindemitglieder das dringende Ersuchen zu richten, .uch in der Öffentlichkeit, insbesondere auch in Gaststätten und Lokalen, stet s de r g e b o t e n e n Zurück Ii a 1tung zu befleißigen.“ Was in Deutschland angeordnet wird An die Betriebszellen und Betriebswalter in jüdischen Betrieben in ganz Bayern i.st eine Anordnung de« Gauleiters Wcttechurek erlassen worden, in der gesagt wird: „Menschen gegenüber, die liielit. der deutschen Volksgemeinschaft angeboren können, hat der deutsche Volksgenosse und die deutsche Volksgeuossin mit Ausnahme der vom Staat verordiieten gesetzlichen Bestimmungen kcinerloiVerpflichtungen. Es ist deshalb auch abwegig, wenn ein deutscher Volksgenosse einem Juden eine besondere Ehre erweist. Ich mußte an Hand verschiedener Fälle feststellen, daß deuteche Volksgenossen und Volksgenossinnen beim Ableben ihres jüdischen Ohefs in aller Öffentlichkeit durch dio Presse dem Verstorbenen einen ehrenden Nachruf gebracht haben. Dieses Verhalten ist für Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront unwürdig, weshalb folgende Anordnung ergeht: Sämtlichen Mitgliedern der Deutschen Arbeitsfront ist es u n t e r3 ag t, bei Anlässen jeglicher Art, die eine jüdische Person in den Mittelpunkt besonderen Interesses stellen, weder durch Wort noch durch Schrift des Betreffenden ehrend oder lobend zu gedenken. Jeder Volksgenosse, der das Bedürfnis hat, einem Juden eine Ehre zu erweisen, hat seinen Namen zu nennen und selbstverständlich auch damit zu rechnen, daß er doinentsprechend behandelt wird.“ Mildes Klima, sandiger Strand, besonders für Kinder geeignet. Auskunft erteilt: Leopold Schfscha, Wien, II.» Krumiubaumgasse 1, Siegmund Stern, Wien, II., Ta" borstraße B2n, Emnnuel Hoffmnnn, Wien, VI., Linien* Rasse 34, Direktor Ruxbautn, Bratislava, Zochowa 4» Max Lövy, Bratislava, Uhorsku 44, Sändor Paskusz» Lucenec. PENSION VILMOS KOHN BALATONSZEMES Wollen Sie für wenig Geld Herrliches genießen? Dann kommen Sie an den wunderschönen PLATTENSEE Das Ende der jüdischen Siedlung Groß-Gaglow f Karlsruhe, 8. Juli. (Z. T. A.) „Der Führer“ in Karlsruhe teilt mit, daß ’cler Landesbauernschaft Baden als Siedlungsobjekt 15 Gärtuerstellen in Gruß- Gaglow zur Verfügung gestellt worden sind. Dpr Preis für die Stelle im Umfange von 10 Morgen beträgt etwa 17.G00 Reichsmark. Die Siedlung Groß-Gaglow im Kreiße Kottbus war -bekanntlich in jüdischem Besitz und ist vor einiger Zeit behördlich aufgelöst worden. D i e II a b e der jüdischen Sie d- I e r wurde vor Steiger t. Arische Abstammung ist bis 1800 nachzuweisen Reichserziehungsininirtter Dr. R u s t hat bestimmt, daß dio Studenten und Studentinnen an deutschen Hoch- und Fachschulen in die Deutsche Studentenschaft aufgenommou werden dürfen, wenn sie ihre arische A b s t a m in u n g nach den Aufnahmebestimmungen der NSDAP, nachweisen können. Diese Bestimmungen sind insofern schärfer als die des Arierparagraphen, als sie eine Nachprüfung bis 3.800 vorsehen. Dem Erlaß kommt besondere Auskünfte Uber Reisen nach BJalästina Hl ertoilt Dr. 8. Tocker, welcher Boino DH BürorüiunUchkeiton nach IX., Ueohten- Dm steinstraße 2, Tel. A 14-504, verlegt hat I Es liegt eine gewisse Tragik darin, daß die Million Juden, die im geschlossenen deutschen Siedlungsbereich Mitteleuropas lebt, bis 1933 nicht viel weniger als eine Million von innerlichen Versuchen gemacht hat, den latenten oder offenen Konflikt zwischen Judentum und Deutschtum zu beseitigen, indem fast jeder sein eigenes, originelles Verhältnis zur Deutsehheit gehabt hat und die Zahl derer, die eich zum Spraohvolk bekannten, weitaus größer war als die der bewußten Juden. Deutschtum und Judentum — wieviel Nützliches und Unnützes ist über dieses Problem schon geschrieben worden, von Juden, von Judenfreunden und von Judengegnern! Heute, zwei Jahrzehnte nach dem Erscheinen der gleichnamigen Schrift des berühmten Begründers der neukantianischen Schule, Professor Hermann Cohen, der in seinem damals vielbeachteten Buche die starke, bis ins Kleinste gehende Verwandtschaft, ja die Identität von beiden Völkern im seelisch-geistigen Bereiche beweisen zu können glaubte — heute, nach den erschütternden Ereignissen der letzten drei Jahre sehen auch die hartnäckigsten Liberalen unter den Juden die gezogenen Grenzen, die sie früher einmal nicht wahrhaben wollten. So daß es an der Zeit ist, die Geschichte des nationaldeutschen Juden zu schreiben, ohne Haß, ohne Erbitterung — zur Warnung für spätere Geschlechter! Unter diesen sich als nationale Deutsche empfindenden Juden gab es, das soll nicht bestritten werden, manche große Talente. Aber die meisten von ihnen haben beiden Völkern geschadet: dem jüdischen, dem sie fluchend und schimpfend davongelaufen waren, und de.m deutschen, das ihre Liebedienerei nicht selten mit heimlichem Spott belohnte. Sie haben, willkürlich oder unwillkürlich, beides gefördert: A n t is o m 11 i s m u s und Antiger manism u s, indem sie ein radikaleres Deutschtum betrieben als viele der nordischen Deutschen, wobei sie unglücklicherweise gewöhnlich die schlechte n deutschen Nationaleigenschaften wie Chauvinismus, Rachsucht, Rauf- und Händelsucht, Maskulinismus stärker in sich ausbildeten als die guten Eigenschaften. Sie waren meist konservativer als dio deutschen Konservativ o n, monarchistischer als die K ö n i g s t r o u o n, und, soweit sie sich auch taufen ließen, päpstlicher als der Paps t. Von Julius Friedrich Stahl, dem Haupt der preußischen Konservativen im vofbismnrckischen Deutschland, und seinem gleichfalls christlichdeutschen Schüler Frünkel ist schon die Rede gewesen — aber diese haben bereits Vorläufor gehabt, die sich allerdings von ihnen änsoferne unterschieden, als eie mehr das deutschnationale Moment betonten und wenigstens äußerlich in der israelitischen Kultgemeinsehaft verblieben. Denn kaum wurden die Ghettos geöffnet und die Salontüren aufgetan, so begann schon mit dem Aufruf des Breslauer Studenten Karl Siegfried Günsburg an die „israelitischen Jünglinge deutscher Nation“ zum Treuschwur für die schwarzweiße Fahne (zur Zeit der Befreiungskriege, an denen bereits zahlreiche Juden teilnahmen) die Tradition nationaldeutscher Juden. Und vier Jahre später (1817) erschien das für diese Geistesrichtung bedeutsame Buch „Juda oder über Religion und B ü r g e r g 1 ü c k“ von Naumann Simonssohn, das in ein für große Teile der preußischen Judemheit repräsentatives Bekenntnis ausklang: „Ich schwöre Treue und Gehorsam dem König von Preußen, denn der König will nicht als König anerkannt werden, weil er Friedrich oder August heißt, sondern weil an ihm die Würde eines Königs von Preußen ist.“ In den letzten Jahrzehnten hatten sich in Deutschland zwei Vereinigungen deutschfühlender Juden gebildet: die Vereinigung national deutsch er Juden, von Rechtsanwalt N a umann gegründet, und der weitaus größere und gemäßigtere Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dessen bedeutendstes Mitglied Walter Rathenau gewesen ist. Von diesen Parteien soll hier nicht weiter die Rede sein —■ sie haben in der letzten Zeit mit Recht stark an Bedeutung eingebüßt. Es soll hier vielmehr die eigenartige Persönlichkeit eines noch lebenden deutschen Dichters jüdischer Herkunft beleuchtet werden, dessen Talent wissentlich den Ausbruch des militanten deutschen Nationalismus mit allen seinen Blutrünstigkeiten und Übertreibungen gefördert hat — Rudolf Borchardt. Borchardt, der 1878 in Königsberg gebaren wurde, ist jüdischer Abstammung. Aber in seinen Schriften zeigt sich das vor allem in gewissen unschönen Sticheleien gegen das Judentum, dem er abtrünnig geworden. Nur in seinem Buch J'oram, das ganz im Bibelstil geschrieben ist, und in seinem Hinweis auf die gigantische Schönheit des Triumphliedes der Deborah spürt man einen unterirdischen, dem Dichter vielleicht unbewußten Zusammenhang mit dem Judentum. Im Übrigen muß man scharf den reinen Dichter vom politischen Schriftsteller Borchardt unterscheiden. Der Dichter ist nicht typisch deutsch . lm Gegenteil, dieser wunderbare Sprach- J Höhenluft und Höhensonne im Montessori-Sommerheim für 3—15 jährige Kirchberg am Wechsel herrliche Villa; Bad, fließendes V’asset, elcktr. Licht, W C. Erstklassige Kinrlenliät (rituell). Eigener Nadelwald, Spielwiesen. Ausgezeichnete pädagogische Leitung, Gymnastik, Schwimmunterricht, Schulnachhilfe (Vorbereitung für Aufnahmsprüfungen). Fremdsprachen, Arzt, Apotheke. Anmeldung täglich von 10—12 und 4—G Uhr Alice Freistadt-Lederer Wien, II., Kleine Plarrgasse 1, Tel. A 41*3-56 kiinstler Ist imstande, deutsch zu schreiben und dabei doch in aller Herren Länder heimisch zu sein — ein Vorzug, der im Falle Borchardt wegen seiner allzu großen Geschicklichkeit, fremde Kostüme sich anzulegen, fast wieder zum Nachteil wird. „Es ist wahr“, schreibt der katholische Literarhistoriker Salzer, „Rudolf Borchardts Dichtungen üben einen berückenden Zauber aus, aber es ist in ihnen doch mehr Wortkunst und Sprachgelehrsamkeit als Poesie, mehr erkünsteltes als wirkliches, im Herzen wurzelndes Pathos. Überall hat er es auf Wirkung abgesehen und es ist staunenswert, welche Schmiegsamkeit, des Geistes und Mannigfaltigkeit der Ansdrucksweisen ihm zu Gebote stehen.“ Nahezu nirgends ist Borchardt er selbst! Aber diese Mimikry, die schon Goethe anläßlich seiner Rezension der Gedichte des polnischen Juden Tssachar Be.hr Falkensohn (1771) als eine Ermangelung volklicher Originalität rügte, steht bei dem Schriftsteller Borchardt eine um so krassere Betonung seiner konservativ-völkischen Deutsehheit gegenüber. Theodor L e s 8 i n g schrieb einst über Borchardt: „Das wuchtigste Beispiel des aus Selbsthaß schöpferischen Juden bringt uns die wahrhaft große Gestalt Rudolf Borchardts vor Augen. Eine tragisch umwitterte Gestalt! Ins Wollen verkrampft und kindlich einfach. Denn dieser Mann hat die allerunzweifelhafteste Genialität seiner natürlichen Gaben in den Dienst der verwunderlichsten Unnatur gestellt: Nicht nur als Jude am deutschen Volksleib zu dienen (denn darin läge^ kein Widerspruch), nein! Mit der eigenen einmaligen Persönlichkeit diie leibliche Wirklichkeit des besten und reinsten Deutschland als sein Maß und seine Mitte zu verkörpern! Ein Wagnis, vergleichbar dem Unterfangen, ein schönes Naturgebilde im fremden Stoff auf künstlerischem Wege zu übertrumpfen.“ Ist es wirklich das „b e s t e u n d r e i n s t e“ Deutschland, das Borchardt verkörpert? Als Lessing dieses Urteil abgab, war Borchardts Schrift „F Ii li r u n g“ noch nicht erschienen, in der sich dieser sprachgewaltige Künstler und feinsinnige Ästhet als einer der wütendsten Bekämpfer der Demokratie erwies. Aber auch die hetzerischen Schriften Borchardts aus der Kriegszeit dürften kaum den Gefallen des pazifistischen Philosophen gefunden haben, dessen Urteil uns befremden muß. Es seien daher Stellen aus Borchardts Kriegsschriften und aus seiner „Führung“ hier wiedergegeben, zur Wahrung vor Schwarmgeistern ähnlicher Art, mögen sie sich auch nicht deutschnatiouai, sondern jüdisch gebärden. Man glaubt die Stimme eines nationalsozial iti»sehen Propagandaredners zu hören (bloß das Deutsch Borchardts ist edler) und ist erstaunt, da es sich herausstellt, daß der Schreiende ein abgefallener Jude ist! Die politische Haupttätigkeit der Annexionisten Borchardts fällt in dio Weltkriegsjahro („Der Krieg und dio deutsche Verantwortung“ usw.). liu dritten Kriegsjahre, als die Not in Deutschland furchtbar gestiegen war, plädierte Borchardt immer noch fürs „Durchhalteu“. Ekelhaft ist dabei seine zynische, Napoleons Massenverachtung noch übertrumpfende Art, wie er die Nöte des deutschen Volkes abtut. Er Sznbndstg-Pension Budapest» Auüc^-utca 8 Solide Familienpens en Tagerpreis: Von 6 bis 8 Pc gö bei bester Verpflegung Zentral galagen