Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 460 (25.6.1935)
- Date
- 1935-06-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dff STIMMI Saft« 9 CUctyM* Actosocoff zuu* fedeuket* (Anläßlich der 2. Wiederkehr seines Todestages am 23. Siwan.) Wien, 24. Juni 1935. Heute, am 23. Siwan, jährt sich zum zweitenmal der Tag, an dem ein tragisches Geschehen Chajim Arlosoroff in der Blüte seines Lehens von uns gerissen und das jüdische Volk um einen seiner größten Söhne ärmer gemacht hat. In diesen zwei Jahren, da Bialik, Motz k in, Jakobsohn und auch letztens Schmarjahu L e w i n dem Schattental unserer Großen sich genähert haben, empfinden wir doppelt den Verlust jenes jungen, unserer Zukunft zugedachten und allzufrüh erloschenen Lebens und gedenken Chaim Arlosoroffs in Ehrfurcht und Liebe. Und das Gefühl des schmerzlichen Verlustes ist vielleicht nie so stark gewesen, als gerade heute, da unsere Zerrissenheit so groß geworden. Die Zersplitterung unserer zionistischen Kräfte hätte vielleicht nie diesen Grad erreicht, wenn das Auge Arlosoroffs mit seinem über Partei und Klasse geweiteten freien Blick nicht gebrochen wäre. Die Redaktion. 2^ V V ' ■■ ' ' '' ' >' ,y, £üi& fiUautctäic aus cUu* laUce 191& Von Chajim Arlosoroff s. A. Wir veröffentlichen im folgenden eine interessante Skizze von Chajim Arlosoroff, die er als neunzehnjähriger Student in Berlin, in den Tagen des Umsturzes, geschrieben hat und die Arlosoroffs prophetisches Auge zeigt, Dinge in ihrer ganzen Tragweite zu einem. Zeitpunkt gesehen und scharf mit aller Konsequenz beobachtet zu haben, als noch viele reife Männer, nicht zuletzt die, die es später am härtesten getroffen hat. sich, blind, und taub den Vorgängen ihrer Umgebung zeigten. Ist es ein Zufall, daß gerade er fünfzehn Jahre später, da diese' vorausgeahnte, Katastrophe eingetreten, als erster auch den konstruktiven Plan zur Bettung ausgearbeitet hat? Red. * -A- * r Nr. 460 - 25. Juni 1935 [Regierungsral Guido Fuchsgelb gestorben Am Sonntag ist nach mehrwöchiger Krankheit der Amtsdirektor der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Regiernngsrat, Guido F u c h s g e 1 b, an den Folgen eines Herzleidens verschieden. Diese Nachricht hat in der jüdischen Bevölkerung Wiens lebhaftes Bedauern hervorgerufen. Regierungsrat Fuchsgelb hat bei der Kultusgemeinde von der Pike auf gedient. Er trat im Jahre 1897 in die Dienste der Gemeinde und war sohin 38 Jahre im Dienste der Gemeinde tätig. Er war sozusagen die lebende Chronik der Gemeinde und zeichnete sich insbesondere durch sein erstaunliches Wissen auf allen Gebieten, nicht nur der Verwaltung der jüdischen Gemeinde, sondern des österreichischen Verwalt imgsrechtes aus. Seine hervorstechendste Eigenschaft war sein unermüdlicher Pflichteifer und seine unbedingte Objektivität in der Geschäftsführung der jüdischen Gemeinde. Die Judenschaft Wiens ohne Unterschied ihrer Richtung wird dem Venstorbenen ein ehrendes Angedenken bewahren. Die Beerdigung findet in dem von der Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrab Dienstag, den 25. Juni d. J., um 12 Uhr mittags, von der Zeremonienhallc des Neuen Israelitischen Friedhofes, 4. Tor, statt. Der Witwe und den Kindern des Verstorbenen wendet sich die allgemeine Anteilnahme zu. Der Zionistische Landesverband für Österreich hat der Familie sein herzliches; Beileid ansgedriiekt. Regierungsrat Fuchsgelb, der im 59. Lebensjahr stand, hat den Weltkrieg als Offizier mitgemacht und ist vielfach ausgezeichnet worden. König Carol von Rumänien und der jüdische Aufbau in Palästina Bukarest, 23. Juni. (2. T. A.) Der Vorsitzende der Palästinensisch-Rumänischen Handelskammer in Tel-Aviv, Z. A. Shelouche, der jetzt zwecks Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen beiden Ländern in Bukarest weilt, ist von König Carol H. in längerer Audienz [empfangen worden. König Carol interessierte sich sehr für 'den Stand der jüdisch-arabischen Beziehungen und gab seiner Begeisterung für das jüdische Aufbauwerk in Palästina. Ausdruck. Der König gab zum Schluß auch beruhigende Versicherungen in bezug auf die Lage der Juden in Rumänien. Henri Bergson nicht zum Katholizismus übergetreten Der französische Philosoph Henri Bergson dementiert in einer der Jüdischen Telegraphen-Agentur übergebenen Erklärung kategorisch die von der Berliner „Germania“ gebrachte und von vielen deutschen und außerhalb Deutschlands erscheinenden Zeitungen übernommene Mitteilung, daß er vom Judentum zum Katholizismus übergetreten sei. Pension Eckstein - Semmorins Einstein Ehrendoktor der Harvard^Universität New York, 23. Juni. (2.T.A.) Die Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) bei Boston, das größte amerikanische Wissenschaftszentrum, hat Professor Albert Einstein zum Ehrendoktor der Wissenschaften ernannt. Wie erinnerlich, hat die gleiche Universität im vergangenen Jahre ein Stiftungsangebot von Hanfs taengel, Hitlers privatem Sekretär, zur Ermöglichung des Studiums von Amerikanern in Deutschland zurückgewiesen. Die Sonnabend - Abende der Tikwath- Zion *) waren in ihrem Kreise berühmt geicorden. Wenn es auch kaum zwei Jahre her waren, seit sich dieser Kreis gleichgesinnter junger Juden zu Freundschaft und Arbeit zusammengefunden hatte, so war es den verschiedensten und weittragendsten Gründen zuzuschreiben, daß er iveit über seine Grenzen hinaus Berühmtheit und Bedeutung erlangt hatte, ln der ersten Zeit, noch während der große Krieg tobte, hatte sich diese lose Vereinigung älterer Gymnasiasten damit beschäftigt, sich selbst zu bilden, ihr Judentum und dessen Wesen zu vertiefen. Hebräische Kurse wurden eingerichtet, jüdische Literatur jeder Sprache und Richtung wurde gepßegi und lieben gelernt, die einzelnen Gruppengenossen wurden reifer und reifer. Dazu kamen die Sonnabend-Abende, die der Debatte über aktuelle und theoretische Fragen dienten und die in hohem Maße befähigt waren, die Redner- und Führereigenschaften der Freunde zu entwickeln. Kaum war der Weltkrieg aber zu Ende gegangen, als innen und außen die Verhältnisse einen jähen Umschwung erlitten. Die Hoffnung derer, die vom Krieg eine Umwertung aller Werte, das Herannahen des prophetischen Zeitalters, in dessen Dauer Lamm und Wolf, Henne und Fuchs friedlich nebeneinander wohnen sollten, erwarteten, war gänzlich fehlgeschlagen. Das war im *) Tikwath-Zion war ein Kreis von Schulkameraden, die Chajim Arlosoroff organisiert und geführt hat und von denen die Mehrzahl später zu Zionisten sich entwickelt hat. Laufe der Jahre überall und allen klar geworden. Das Ideal der Menschlichkeit blieb Ideal und es schien ferner entrückt zu sein als je. Auch was man in der Ekstase des Völkerkrieges vom Schwinden des Antisemitismus gesagt hatte, schien eher ins Gegenteil verwirklicht zu werden. Nicht nur, daß er die höchsten Gesellschaftsklassen Deutschlands vollkommen noch in seinem Banne hielt, nicht nur, daß mit Chamberlain und Fritsch ein neues Zeitalter des langsam wühlenden, leisen, darum aber um so empfindlicher treffenden Judenhasses der Gebildeten herankam und in Wort und Schrift bei Adel und Regierung hetzte und verleumdete. Nicht nur, daß der ehrenwerte Bürgerstand nach wie vor in seiner Reserve den jüdischen Landesgenossen gegenüber blieb, ja, sie eher verstärkte, als aus ihr herausging. Nicht nur, daß Offizierskorps Bürgerresourcen, Wohltätigkeitskomitees im allgemeinen der verhaßten Rasse verschlossen blieben. Nein, nicht nur dies alles. Es war gerade durch den Krieg etwas Großes, Schreckliches Wirklichkeit geworden, was niemand für möglich gehalten hätte und was nun doch da war — der brennende, tatwerdende Haß des kleinen Mannes, des Arbeiters, des Händlers, des Handwerkers, gegen die Juden. Wie zu erwarten, hatte der Krieg, im Gegensatz zu der Verarmung der Allgemeinheit, ein rasches, über rasches Emporschnellen der Verhältnisse einiger vermögender Kriegslieferanten zur Folge gehabt, und es war bei der sozialen Schichtung des deutschen Judentums klar, daß ein überaust großer Pro- » zentsatz dieser Emporkömmlinge, oft nuf, noch dem Namen nach, dem Judentum ajt* gehörte. Und so kam es, daß sich der Haß[ des zugrundegerichteten „kleinen Mannes** gegen die reichen „kapitalistischen Juden** richtete, und, daß dieser Haß von der mächtigen sozialdemokratischen Partei ebenso gern und willig als Werkzeug benützt wurde, wie er seinerzeit, um die Schuld für, den unglücklichen Ausgang des Krieges, von sich abzuwälzen, von der Regierung benützt worden war. Und das Schlimme, den westlichen Antisemitismus von Grund, auß Ändernde, war das, daß dieser Haß der Massen, der bis dahin, Funke unter der, Asche, geglüht hatte, unbewußt und, ungewollt sich Bahn brach in einer ungeheuerlichen, teuflischen Wut,, die nach Tat und Zerstörung rang und von gewissenlosen Führern zu Tat und Zerstörung organisiert wurde. Jetzt hatten die Juden des europäischen Westens nichts mehr vor ihren östlichen Brüdern voraus, über ihnen hing, wie über jenen, Wolke, furchtbares Gespenst, Furcht Peitsche, Tod. Und ihnen, wie längst den Ostjuden, wurde eines zum Erlebnis: Gemeinschaft und, Zusammenhang . . . * Aclesoccfäs Scheißen in He&eäUcU*) Chajim Arlosoroff war nicht nur der her-* vorragende Politiker und Diplomat, als den wir ihn kannten, Arlosoroff war auch, was vielleicht wenige wissen, ein Schöngeist, ein Künstler. Arlosoroffs außergewöhnliche' Begabung zeigte sich schon in frühester Jugend. Schon in sehr jungen Jahren hatte er bemerkenswerte nationalökonomisoke Studien verfaßt und im Laufe der Jahre eine ganze Reihe bedeutender kürzerer und längerer Abhandlungen über soziologische, politische und nationalökonomische Themen: geschrieben. Anläßlich der ersten Wiederkehr seines Todestages ist im Verlag Stibel in Tel- Aviv eine sehr -liebevoll ausgestattete sechs-; bändige Ausgabe der Schriften Arlosoroffs erschienen, die eine Fülle von Aufsätzen über zionistische Politik, Organisationsfragen in der Alten, und in der Neuen Welt, über den Zionismus in Amerika, ferner seine Reden auf Kongressen und Tagungen in Europa und Palästina enthält und so nicht nur ein umfassendes Bild vom Politiker, Diplomaten und Zionisten, sondern auch den vielfältigen und interessanten M e nsehen Arlosoroff vermittelt. Den Schluß (im VI. Band) bilden eine Reihe reizvoller Gedichte, die von nicht Geringeren, als von Bialik und Tschernichowsky ins Hebräischo übertragen worden sind, und zahlreiche Briefe. Man begegnet in diesen Briefen den in rührender Anhänglichkeit seiner Mutter zugetanenen Sohn, den liebenden Gatten, den fürsorglichen Vater und den zärtlichen Bruder. (Das Vorwort zu diesen Werken haben seine Schwestern geschrieben.) Aus allen Seiten dieser Schriften spricht zu uns die große, schöne, reiche Seele Chajim Arlosoroffs. R. ♦DW5 rwttD awirfriK D"n *) vsnn yrbn »w ♦' ♦* nann .. Grundsteinlegung für das Habimah-Theater Tel-Aviv, 21. Juni. In einer feierlichen Zeremonie hat der High Commissioner Sir Artffur W a ue h o p e am Mittwoch, den 19. Juni, den Grundstein für das Habimah-Theater in Tel-Aviv gelegt. Die Grundsteinlegung sollte bereits am 10. Juni erfolgen, die Zeremonie wurde aber infolge des Ablebens von Schmarja L ev i n, dessen Beisetzung in Tel-Aviv gerade an diesem Tage erfolgt war, verschoben. Dem Ehrenkomitee des Habimah-Theaterbaues gehören Bürgermeister Mayer D ize n g o f f, Dr. Chaim Weizmann und Zionistische Bezirkssektion Leopoldstadt, Hotel Stefanie, Taborstr. 12 Donnerstag» den 27. Juni, 7«9 Uhr abends, Rat der Stadt Wien Dr. Jakob Ehrlich, Kultusvorsteher Dr. J. Klaber und Kultusvorsteher Dr. J. H. Körner: ff DER XIX KONGRESS"