Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 457 (14.6.1935)
- Date
- 1935-06-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DII STIMMI Seit« 3 Immigration/ Bodentrage/ LegisIative»CounciI und Araberfrage Aus einer Unterredung mit Moshe Shertok/ Mitglied der Palästina-Exekutive der Jewish Agency/ Jerusalem Von unserem nadi Palästina entsandten Sonderberichterstatter Dr. lakob Rosenthal Die politische Situation der zionistischenj Arbeit — führte Herr Shertok aus —, kann | insoferne als stabilisiert bezeichnet werden, : als die Immigration der. Juden nach Palästina eine fortschreitende Entwicklung aufweist. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß unsere politische Stellungnahme gegenüber der englischen Mandatarmacht in der Frage der Immigration keine Änderung benötigt. Wir haben uns im Gegenteil davon überzeugt, daß unsere Auffassung, der Kampf sei f ü r die Immigration und nichtgegen die britische Regierung zu führen, auch die erfolgreiche ist. Die Erfahrung hat uns weiters gelehrt, daß wir nicht in Verzweiflung geraten müssen, daß wir nicht das Gefühl haben dürfen, vor einer Wand des Unverständnisses zu stehen, und daher im Kampfe gegen die Regierung andere Wege politischer und technischer Art suchen müßten. Eine Zeitlang war die Meinung vorherrschend, daß die Regierung eine feste Grenze für die jüdische Immigration fixiert hätte, die sie nie überschreiten will, und man glaubte datauf hindeuten zu können, daß die englische Verwaltung sogar schon an eine absolute Zahl der Juden in Palästina sowie den Prozentsatz des jüdischen Kapitals in bestimmten Umrissen denke. Allein all diese Theorien fielen in sich zusammen. Die Revisionisten versuchten den Beweis zu erbringen, daß der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung gesunken sei. Demgegenüber ist festzustellen, daß dies nicht nur nicht stimmt, sondern daß die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in Palästina sich in ständig steigender Linie bewegt, daß sie die 25 Prozent der Gesamtbevölkerung bereits überschritten hat. Die Gesamtzahl der eingewanderten Juden in den letzten zwei Jahren — das Jahr 1933 brachte 30.000, das Jahr 1934 42.000 und das Jahr 1935 dürfte sicherlich 50.000 bis 60.000 Juden ins Land bringen — beweist dies am deutlichsten. Es ist ferner festzustellen, daß die letzten drei Einwanderungsschedulen stabile waren. Die letzte Schedule für die Zeit Mai—Oktober 1935 hat sogar die bisherige Zahl überschritten. Ein einziges Mal bloß in der Geschichte des Schedule-Regimes gab es eine Sohedule in der Höhe von 9200. Es :war im Jahre 1925, im Jahre vor der Krise. Eß ist nicht m bestreiten, daß eine fixierte Einstellung seitens der Regierung in bezug auf die jüdische Immigration nach Palästina vorhanden war oder noch ist. Allein die Entwicklung der letzten Jahre hat diese Ein- Htedlung stark beeinflußt. Denn, wenn die Regierung im Jahre 1933 30.000 Juden ins Land gelassen hat, so konnte man kaum annehmen, daß die Regierung von vornherein an diese Grenze gedacht hat. Vielmehr hat sie sich durch den Druck der Verhältnisse zu dieser Zahl entschlossen. Die Entwicklung der letzten zwei Jahre läßt auf eine viel labilere Einstellung schließen. Die Jewish Agency führt einen zähen und schweren Kampf um die Steigerung der Jüdischen Immigration« Es handelt sich in diesem Kampfe vor allem darum, die Auffassungen der Einwan derungspolitik der englischen Verwaltung immer mehr den Tatsachen näherzubringen, sie immer mehr unter dem Druck dos vor bandenen Arbeitermangels im Lande in Realität umzuwandeln. Es wird in dieser Beziehung viel gearbeitet. Die Memoranden, die von dem Arbeitsamt der Jewish Agency zur Erstellung des Arbeitsbedarfes abgefaßt werden, stellen ein eingehendes Studium der ökonomischen Verhältnisse des Landes dar. Sie bilden eine tiefe Analyse des Aufbau Prozesses und bieten so der Mandatsverwal tupg die besten Grundlagen für eine gerech tere, großzügigere Entscheidung, Unser Redakteur Dr. Jakob Rosenthal, der soeben von einer mehrwöchigen Palästinareise zurückgekehrt ist, hatte während seines n^[Jc befötlgen große Bodenflächen, Palästinaaufenthaltes Gelegenheit, mit Herrn Moshe Shertok, dem neue Gebiete müssen erschlossen werden, bekannten Mitgliede der Palästinaexekutive der Jewish Agency, eine Eg gibt deren noch gehr vjeie. müssen Unterredung über aktuelle Fragen der zionistischen Außenpolitik zu führen. an s{e mit anderen Mothoden herantreten, Im Verlaufe dieser mehrstündigen Unterredung hat sich Herr Shertok mit der sicheren Aussicht, dort neue auch über die Araberfrage und im Zusammenhang mit dieser über die Wasserqu eilen zu finden. Mit der ,m Brennpunkt zionirtiseher Politik .tehende Frege de, LegUl.tive Council, " , “ ef «ndTn geäußert und bei dieser Gelegenheit den jüdischen Standpunkt zu dieser b6Stehenden arabischen Boden durch intern für Palästina lebenswichtigen Frage klar präzisiert. sive wirtschaftliche Besiedlung so konzen-i Die Ausführungen des verantwortlichen Vertreters des Politischen trieren zu können, daß wirklich große Departements der Jewish Agency in dieser Frage sind daher von aktueller Flächen an Boden frei werden. Aber Bedeutung. Wir behalten uns unsere Stellungnahme hiezu vor. I a11 dies ist me oenAi/TirMvl undenkbar ohne die aktive Unter- Ult KtUAKIHJIN j Stützung der Regierung. Dieses Ziel zu erlangen, um eine Reihe von Landprojekten zu verwirklichen, ist eine der Hauptaufgaben der zionistischen Polilik in den nächsten J a h Man kann nicht Voraussagen, ob die Steigerung der Einwanderungsziffer, wie sie in der letzten Einwanderungsschedule bereits zum Ausdruck kommt, im selben Maße anhalten wird, vielleicht wird es wieder für eine Zeitlang zu einer vorübergehenden Stabilisierung kommen. Die Begriffe der Regierung über die Aufnahmsfähigkeit des Landes sind beschränkt. Die Argumentation der Regierung für ihre nur geringe Berücksichtigung der Wünsche und Forderungen der Jewish Agency in bezug auf die Arbeiterimmigration gipfeln bekanntlich darin, daß sie eine gewisse Angst vor einem eventuellen Rückschlag hegt. Wir dagegen, selbst wenn wir diese Argumentation anerkennen wollten, sagen: Besser Aufbau mit Krise, als keinen Aufbau« Die gewaltige Tatsache und Realität des jüdischen Palästina, wo Juden in so vielfältiger Weise auf bauend tätig sind, wirken auf die Erkenntnis der Juden natürlich viel schneller als auf die der Regierung. Wir Juden haben zum Beispiel den Arbeitermangel im Lande lange Zeit früher erkannt, lange bevor es uns gelungen war, auch die Regierung davon zu überzeugen. Aber auch das war noch nicht alles. Die Regierung anerkannte den Arbeitermangel, aber sie stellte ihn als eine vorübergehende Erscheinung dar, als eine Erscheinung, die keinesfalls zu grundlegenden Maßnahmen in ihrer Immigrationspolitik führen könnte. Wir dagegen haben die Regierung von der Dauerhaftigkeit dieses Arbeitermangels zu überzeugen vermocht und uns bemüht, die Furcht vor einem ökonomischen Rückschlag zu bannen. Gewiß ist es, daß unser Optimismus nicht nur auf der Erkenntnis der jüdischen Realitäten in Palästina, sondern viel auch auf der Erkenntnis der AuiSei oh tsi osigk ei t jüdischer Existenz in der Galuth beruht. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß bei der englischen Verwaltung auch rein politische Erwägungen eine Rolle spielen, die nur eine graduelle Erweiterung der Immigration zuläßt. Dies ist um so bemerkenswerter, als es zum erstenmal sich ereignete, daß bei ernsten Unruhen im Lande — Oktober 1933 — die Immigration unberührt geblioben ist. 1921 wurden unter dem Eindruck der ersten Araberunruhen die Emigrantenschiffe nach Triest zurückbeordert, bei den Unruhen des Jahres 1929 wurde eine bereits bewilligte Arbeiterschedule zurückgezogen, ln der Woche der Unruhen Oktober 1933 dagegen sind nicht weniger als 2200 Juden ins Land eingewandert, was für den jetzigen High-Commissioner bezeichnend ist. Der ständige Kampf um die Erweiterung der Immigration stellt die Geduld der mit diesem Problem beschäftigten zionistischen Faktoren auf eine harte Probe. Der langsame Fortschritt auf dem Gebiete der Immigration bringt eine Reihe schwerer Gefahren mit sich, da der Mangel an jüdischen Arbeitskräften einen Zuzug arabischer Arbeitskräfte aus den arabischen Nachbarländern zur Folge hat. Dieser Prozeß drohte unsere ökonomische Basis zu verschlechtern. Diese Erscheinungen, die wir Juden in ihrer ganzen wichtigen Tragweite längst erkannt hatten, sind von der Regierung erst a 11m äh lieh z u.r Kenntnis genommen worden. Heute sind wir so weit, daß die Regierung sich auch mit dieser Erscheinung ernstlich beschäftigt. Ernster als früher. Unser Erfolg in diesem Kampfe war von unserer Fähigkeit abhängig, die Regierung zu überzeugen, daß wir selbst für die permanente Aufnahme von Arbeitskräften sorgen wollen. Bodenfrage — das Hauptproblem der zionistischen Politik Die Frage von Immigration ist eng verknüpft mit der Frage der Landwirtschaft und des Bodenbesitzes. Letzteres ist eine Frage der nationalen Geldmittel, der Mobilisierung des privaten Kapitals für verschiedene nationale, sozialökonomische Tätigkeit. Aber auch auf diesem Gebiete spielt die Frage der Unterstützung seitens der Regierung eine große Rollo. Die Zeiten sind vorbei, wo man in Palästina leicht Boden kaufen konnte. Der politische Widerstand der Araber hat sich verstärkt. Die Bodenspekulation unter den Juden stellt ein weiteres Hindernis dar. Die Gesetzgebung schließlich, die den Zweck hat, arabischen Bodenbesitz zu schützen, bleibt als einziger Faktor, mit dem die Re gierung operieren kann. Inzwischen sind aber unsere Landbedürfnisse gewaltig vergrößert worden, .wir müssen diese Bedürfnisse in einen richtigen r e n. Ablehnung des Legislative Councils Der Legislative Council — führte Moshe Shertok aus — ist noch immer auf der Tagesordnung. Er kann jeden Tag wieder auftauohen. Brodetsky und ich haben daß Aktionskomitee davor gewarnt, sich auf die vorübergehende Verschiebung zu verlassen. Ich habe auch betont, daß, obwohl die Verschiebung ein Resultat unserer Opposition ist, doch nicht daran vergessen werden dürfe, daß hier auch eine Reihe anderer Faktoren mitwirkte. Vor allem: die Verwirrung im arabischen Lager. Ferner das Ergebnis der Munizipalwahlen in Jerusalem. Es hat sich der Regierung darum gehandelt, Zeit zu gewinnen. Jetzt sind diese Wahlen vorbei und wir können jederzeit vor der Erneuerung dieser Frage stehen. Unser Standpunkt in der Frage des Legislative Councils ist nach wie vor der gleiche. Wir sind — sagt Shertok — nach wie vor dazu entschlossen, eine Teilnahme an einem Legislative Council, in dem wir den Arabern gegenüber eine Minorität darstellen, abzuiehnen. Wir glauben, daß jüdischerseits in dieser Frage ein geschlossenes Vorgehen 2m erzielen sein wird, und daß die Regierung schwerlich an die Schaffung einer solchen Körperschaft wird herantreten können, wenn die Juden in ihrer ablehnenden SteL lungnahme verharren. Legislative-Council und Araberfrage Die Regierung bemüht sich, uns davon zu überzeugen, daß der Legislative Rat eine Besserung der jüdisch-arabischen Beziehungen nach sich ziehen würde. Wir teilen diese Auffassung nicht. Eine entscheidende Besserung der jüdisch-arabischen Beziehungen ist solange unmöglich, so lange die Araber nicht dazu erzogen sind, die Juden als eine große Kraft anzuerkennen, die im Lande eine entscheidende Rolle zu spielen berufen ist. Man schließt nur Frieden mit einem Gegner, vor dessen Kraft lind selbständiger Existenz man Respekt hat. Man fühlt sich gar nicht veranlaßt, mit einer kleinen Minorität, deren Wachstum verhindert werden kann, Frieden zu schließen, man. glaubt schon menschlich und hochherzig genug zu sein, wenn man diese Minorität duldet. Nun, dieser arabischen Argumentation und Mentalität sei zu entgegnen: Wir sind wohl eine Minorität im Lande, aber schon lange nicht eine so kleine, wir haben die 25 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes überschritten, allein unser Gewicht im Lande, gegründet durch unsere territoriale Geschlossenheit und höhere ökonomische K r a f t ist viel höher, schon ganü abgesehen von der internationalen politi-i sehen Grundlage unseres .Werkes. Es ist aber gerade dieses Wachstum, das die arabische öffentliche Meinung dazu erzieht, in der jüdischen kolonisatorischen Ansiedlungsarbeit nicht eine Episode, die man unter Anwendung von politischem Druck oder Massengewalt so ohneweiters liquidieren könne, sondern daß es sich hier um einen dauernden großen historischen Prozeß handle, der das Schicksal des Landes ändert und womit man sich abfinden muß. Wphl besteht im arabischen Lager auch eine entgegengesetzte Strömung, die etwa sagt, daß man die energischesten Mittel auwenden müsse, um dieses rasche Wachstum zum Stillstand zu bringen, bevor das Land von Juden ganz okkupiert ist. Dieso zweite Strömung ist vor allem in der arabischen Presse vorherrschend, weil diese patriotischer und tapferer klingt. Und es ist für Zeitungen leichter, im bombastischen Patriotismus untereinander zu konkurrieren und lauter zu schreien, daß das Vaterland in Gefahr eei, als sich zu bemühen, eine mehr realistische Auffassung von den Dingen ihren 83143081412810830659031