Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 456 (7.6.1935)
- Date
- 1935-06-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 OIE STIMME Nr. 456 — 7. Juni 1955 nicht immer aus der Sehnsucht nach palästincii'i'ciicr Erde. sondern aus der Not der Galutli gehören ist. dir innere Voraus* Setzungen für eine solche Umschichtung oft fehlen. Kr besteht ein viel geringerer Unterschied zwischen dem städtischen Leben etwa in Wien und Tel-Aviv, als zwischen dem Leben in Wien und einem Öberösterreichischen Dorf oder dem Lehen in Tel- Aviv und einer palästinensischen Kwuza-h. Und da die Menschen im allgemeinen nach Beibehaltung ihrer bisherigen Lebensform und l.ehe.nsyrwohnheiten streben, ergibt e-s sich zwangsläufig, daß der Drang nach der Stadtein so starker ist und daß Tel-Aviv oder Haifa sich in viel rascherem Tempo entwickelt als das Dorf. Und was für die Alijah im allgemeinen gilt, gilt ganz besonders für die Alijah der Frauen und Mädchen. Ls sei hier nochmals auf den Beruf der Osereth (= II e 1 f e r i n), das heißt H a u s g e h i 1 f i n, hingewiesen. Die Stellung der Osereth in Palästina isteine andere als die der Hausgehilfin in europäischen Ländern. Diese Andersartigkeit der Stellung ergibt sich aus verschiedenen Motiven. Vor allem entstammt die Osereth in vielen Fällen der gleichen gesellschaftlichen Schichte wie die Hausfrau oder ist ihr gar an Erziehung und Bildungüberlegen. Dadurch verwischt sich von vorneherein der soziale Unterschied und das junge Mädchen wird faktisch als Helferin gewertet. Dazu kommt, daß das Mädchen niemals im Hause seihst wohnt, sondern nur halbtägig oder ganztägig beschäftigt ist, die Abendstunden aber völlig zu ihrer freien Verfügung hat, in ihrem privaten Zimmer wohnt und überhaupt der Hausfrau gegenüber eine völlig unabhängige Stellung einnimmt. Die Stellung einer Osereth wäre sicherlich nicht schwerer und nicht unangenehmer, als die jeder anderen Angestellten im Büro oder Geschäft, wenn die Osereth die nötigen Qualifikationen für ihren Beruf hätte. Daran mangelt es jedoch. Und dies schafft jene oft gespannte Stimmung zwischen Hausfrau und Osereth. Denn die Osereth, die mit der übernommenen Arbeit nicht im geringsten vertraut ist, die weder eine Wohnung auf- Täumen noch kochen noch Geschirr waschen kann, empfindet jeden der nötigen Handgriffe als sehr schwer und kompliziert, sie vergeudet viel Mühe und Nervenkraft an überflüssige Arbeit, ist dadurch müde, gereizt und hat das Gefühl, ausgebeutet zu werden, wenn es sich tatsächlich nur um die einfachsten, selbstverständlichsten Arbeiten der Hauswirtschaft handelt Die Hausfrau hingegen, die in vielen Fällen selbst beruflich arbeitet oder sich mit ihren Kindern beschäftigen muß, erhebt den Anspruch darauf, daß die Osereth die von ihr erwartete Arbeit leiste. Da aber die Erwartungen nur in den geringsten Fällen erfüllt werden, entsteht auch bei der Hausfrau eine gereizte Stimmung, die Klagen über die Osereth sind ein immerwährendes Gesprächsthema und die Folge davon ist, daß die Osereth in den meisten Häusern sehr bald ihre Stelle verläßt, um einer Nachfolgerin den Platz zu machen, die nicht länger bleibt. Würden aber unsere jungen Mädchen ihre hauswirtschaftliche Ausbildung im Hinblick auf die Arbeit einer Osereth konsequent durchführen, dann wäre sowohl ihnen als auch vielen palästinensischen Frauen mancher Ärger erspart und, da die Gehaltsbedingungen für eine Osereth als unbedingt günstig angesehen werden müssen, und anderseits der Wertung eines Mädchens durch ihre Beschäftigung als Osereth keinerlei Abbruch geschieht, so wäre dieser Beruf auch weiterhin als durchaus empfehlenswert anziLsprechen. Dies um so mehr, als die Möglichkeit besteht, daß eine hauswirtschaftlich gut ausgebildete Kraft mit Praxis auch in einem größeren Betrieb, Pension, Sanatorium usw. eine entsprechende Stellung erhalten kann. Die Voraussetzung ist eben nur, daß man diesen Beruf ebenso ernst nimmt, wie jeden anderen und die ehrliche Absicht hat, der Hausfrau, dio es ja in Palästina auch nicht allzu leicht hat, eine „Helferin“ zu sein. Was nun die sonstigen städtischen Berufe anbetrifft, so gibt es eine größere Anzahl, die bereits als überfüllt angesehen werden können, und andere, die sich, obwohl sie vor kurzer Zeit sehr empfohlen wurden, im Grunde für Mädchen nicht eignen. So zum Beispiel wurde die Zlmmermalerei, die Anstreicherei, Fließenlegen, Schuhmacherei usw, für Frauen sehr emp- Wir rufen dich im letzten Augenblick: Erwirb den Schekel! Wähle Allgemein - Zionistisch! fohlen. Mau ging dabei von dem Standpunkte aus. daß wir bereits zu viele Schneiderinnen, Modistinnen, Wäschenäherinnen, Friseuriimen usw. im Lande haben, und daß es wichtig ist, neue Berufe für Mädchen zu erschließen. Dieses System war aber mit mehreren Fehlern behaftet.. Vor allem handelte es sich hier ausschließlich um Berufe, dio bisher als rein m ä n n 11 c h e Berufe galten mul nur von Männern ausgeübt wurden. Das Mädchen, das hier als Konku rr e n t i n auftrat, wurde von seinen männlichen Kollegen keineswegs freundlich aufgenommen und die Arbeit wurde ihm durch Verweigerung notwendiger Hilfeleistungen nach Möglichkeit erschwert. Überdies bedeuten gerade diese Berufe eine physische Anstrengung, die für die Frau und das Mädchen ungesund und oft schwer erträglich sind. Zum Beispiel muß berücksichtigt werden, daß die gebückte Stellung beim Fließenlcgen oder das Stehen auf einer Leiter beim Malen und Anstreichen dem weiblichen Organismus zu gewissen Zeiten absolut nicht zuträglich ist. Dabei muß bedacht werden, daß es eine ganze Reihe von Berufen gibt, die in den Rahmen der weiblichen Berufe fallen und bis heute sehr vernachlässigt wurden, obwohl die wirtschaftlichen Chancen als durchaus günstig bezeichnet werden müssen. Dazu gehört zum Beispiel Damenwäschekonfektion. Es gibt Wäschenäherinnen genug im Lande. Es handelt sich aber fast durchaus um sogenannte Salonwäschenäherinnen. Konfektionierte Wäsche wird importiert. Das Wenige, das im Lande selbst erzeugt wird, ist geradezu unbrauchbar, weil es von keinen ausgebildeten Konfektionswäschenäherinnen erzeugt wird und daher in Maß und Schnitt nicht entspricht. (Das gilt jedoch nur von der Damenwäschekonfektion; während Herrenwäschekonfektion bereits über eine entsprechende Anzahl geschulter Arbeiterinnen verfügt.) Gerade in Palästina jedoch, wo eine große Nachfrage nach Damenwäschekonfektion herrscht, wäre es wichtig und möglich, eine derartige einheimische Industrie zu schaffen, wenn die entsprechenden Facharbeiterinnen vorhanden wären. Etwas Ähnliches gilt für die Kinde rkonfektion. Auch hier gibt es importierte oder fast unbrauchbare einheimische Erzeugnisse. Und auch hier bestehen bei einer entsprechenden Ausbildung gute Aussichten für Frauen und Mädchen. Auch die konfektionsmäßige Erzeugung von Berufskleidung (Ärzte- und Schwesternmäntel, Arbeitskleidung, Overalls usw.) entspricht einem Bedürfnis des Landes und hat gute Aussichten. Ein besonderes Kapitel ist die Han d- Weberei. Es ist nicht allgemein bekannt, daß aus verschiedenen Ländern Europas Überwürfe, Vorleger und kleinere Teppiche, Wandbehängo usw. nach Palästina importiert werden. In Anbetracht der Tatsache, daß in Palästina wenig Betten, sondern Couches verwendet werden, herrscht ein verhältnismäßig großer Bedarf nach derartigen handgewebten Decken. Auch hier eröffnen sich gute Chancen für Mädchen, die die Handweberei gründlich erlernen. Ähnlich verhält es sich mit der Erzeugung von Steppdecken, die in Palästina gebraucht werden, aber gleichfalls eingeführt werden müssen. Es wäre hier noch eine Reihe von Berufen zu erwähnen, die vielleicht nicht so sehr als Hauptberufe in Frage kämen, als vielmehr als Nebenberufe, etwa für Osroth oder Büroangestellte, die nur halbtägig beschäftigt sind, oder für Frauen, die neben ihrer Hausarbeit noch einen Nebenberuf suchen: Dazu gehören zum Beispiel: maschinelle Erzeugung von Handschuhen (K o n f o k t i o n), Hosenträgern, K u n s t b 1 u m e n, Kr a w a tt. e n usw. In diesem Zusammenhänge sei auf den Beruf einer B il r o a n g r s t e 111 e n hingewiesen. Obwohl eine derartige Stellung als günstig bezeichnet werden muß, kann sie deshalb nicht allgemein empfohlen werden, weil sie eine ganz, besondere Vorbildung erfordert, und zwar gründliche Kenntnis des Hebräischen und Englischen in Wort und Schrift, Maschinschreiben, Stenographie usw. Mädchen mit derartigen Kenntnissen werden gesucht und gut bezahlt. Zum Schlüsse sei nur noch einmal bemerkt, daß in einem wachsenden und vielseitigen Gemeinwesen, wie das heutige Palästina es darstellt, auch die mannigfaltigsten Berufsmöglichkeiten bestehen und Die österreichische Haohscharah vom Jahre 1935 wird den „G'dud-Zirim“ und seine Chawerim in der vordersten. Front finden. Diese Feststellung ist kein Programmpunkt der Zukunft,. Wir sind bereits mitten in der Ausführung dieses Planes. Sechs Gruppen sind abgereist. An mehreren Tagen herrschte in der vergangenen Woche ein überaus lebhaftes Treiben im Stadtkibbuz des „G’dud-Zirim“ in der Innstraße. Lastwagen wurden beladen. Ballen über Ballen, Kisten und Pakete wurden herbeigeschleppt, die alle in den Autos verpackt wurden. Am letzten Sonntag, Montag und Mittwoch wiederholte sich das. Schauspiel. An diesen drei Tagen kletterten Trupps ausgewählter Chawerim auf die über und über bepackten Wagen, wohlgemut fuhren sie ab, hinaus aufs Land, auf die Hacbscharah, zur Vorbereitung für den Pionierdienst für das jüdische Volk in seiner Gesamtheit. Alle die vielen Chawerim vermochten auf den Autos keinen Platz zu finden; ganze Plugoth reisten noch an den Nachmittagen mit der Bahn ab. Bei dieser Hacbscharah von 1935 wurde streng darauf geachtet, daß die sonst übliche, mitunter recht einseitige Ausbildung der landwirtschaftlichen Hacbscharahtrupps vermieden wird. Es ist Vorsorge dafür getroffen, daß die Chawerim in möglichst vielen Sparten der Landwirtschaft beschäftigt und ausgebildet werden. Unsere Chawerim wurden daher nicht nur auf großen, einseitig geführten Gutshöfen untergebracht, auf Wirtschaften, die etwa nur Getreide anbauen oder ähnliche Kulturen pflegen. In Weingütern, in großen gemischten Wirtschaften, in Großgärtnereien und Milchwirtschaften wird unseren Jugendlichen von hervorragenden Fachleuten eine fachlich in jeder Hinsicht einwandfreie Ausbildung zuteil. Neue Wege der Kulturarbeit. Neben all diesen notwendigen Erfordernissen ist auch dafür gesorgt, daß die Chawerim dauernd an der im „G’dud-Zirim“ mit aller Kraft und unwandelbarer Zielstrebigkeit durchgeführte,u Kulturarbeit weiter teilnehmen. Allwöchentlich w-erden Rundschreiben der Maskiruth den Gruppen zugesandt. Laufend werden Sichoth abgehalten, die Onege Schabbat werden in gewohnt würdiger Feier gestaltet, die Kurse und Arbeitsgemeinschaften über zionistische und jüdische Geschichte werden fortgesetzt. Außerdem wird Hebräisch-Unterricht planmäßig erteilt. Die Choserim werden genaue Pläne enthalten, dio den Führern der Haohscharah-Plugoth Fingerzeige für Feiern, für die Gestaltung der jüdischen Fosto geben. Außerdem wird eine großzügig ausgostattote Wanderbücherei zusammengestellt, die die besten Werke unserer zionistischen und jüdischen Literatur enthält und allen Hachscharah- Gruppen zur Verfügung stehen wird. in den mannigfaltigsten Fächern Untere kunftsmöglichkeiten vorhanden sind. Et wird eben immer auf die Kenntnisse, den Arbeitswillen und die Geschicklichkeit des einzelnen ankoinmen, ob er sich in das Leben des Landes rasch oder nur langsam, gerne oder nur widerwillig einreiht. Das Leb eit in Palästina erfordert den ganzen Menschen. Die Arbeit ist schwer, aber — es gibt Arbeit. Kein Mensch in Palästina muß arbeitslos sein, keiner muß hungern. Man muß darauf gefaßt sein, auf manche Bequemlichkeit des europäischen Lebens verzichten zu müssen, man muß darauf gefaßt sein, eine Arbeit, zu tun, die einem bisher fern lag, aber man hat das beglückende Gefühl, arbeiten zu können in Erez für Erez. 37Jähriger Jude, 14 Jahre selbständiger Konfektionär, am Wiener Platz tätig, schuldlos geschieden, SUCHT HEIRAT mit nationalgesinntem, sympath. Fräulein bis 30 Jahre. Etwas Bargeld nnd Wohnung Bedingung. Unter „Gemeinsam Schaffen Nr. 1897“ an die Admin. d. Blattes Wir sind mit diesen Erfolgen noch nicht zufrieden. Außer den Pugoth auf landwirtschaftlicher Ausbildung werden in Wien die Chawerim unseres Kibbuz in der alten Weise weiter arbeiten. Über 50 Chaluzim sind in diesem Heime untergebracht. Selbstverständlich ist, daß auch hier die Kulturarbeit in alter Weise fortgesetzt wird. Die Gründung eines Zofehstadtkibbuz steht nahe bevor. Die Hacbscharah des „G’dud-Zirim“ vom Jahre 1935 zeichnet sich aber nicht nur durch all die oben geschilderten Umstände aus. Bei den Chawerim und Chaweroth, die dieser Tage Wien verlassen haben, bandelt es sich durch-» wegs um peinlich genau und überaus sorgfältig ausgesuchte Menschen. Ausnahmslos; selbst die Gruppenführer mußten sich alle einer strengen Prüfung unterziehen. Die Hachscbarah-Referenten haben mit der Abreise der Plugoth ihre Tätigkeit, die dieses Jahr so überaus erfolgreich verlaufen ist, noch nicht eingestellt. Weiter werden Verhandlungen geführt, weiter werden neue Gutsbesitzer aufgesucht. Wir sind noch nicht damit zufrieden, daß wir dieses Jahr eine ganze Anzahl von Besitzern zur Aufnahme von Chawerim bewegen konnten, die bisher noch nie dazu bereit gewesen waren. Wir müssen noch mehr Ausbildungsmöglichkeiten schaffen. Warten doch noch hunderte in den Reihen des „G’dud- Zirim“, auf Vorbereitung geschickt zu werden, um in Palästina sich zum Wohle unseres Volkes betätigen zu können. Mähe. Alle sotten ihre Pflicht tim! Das Hauptbüro des Keren Kajemebh steht jetzt in Unterhandlungen wegen Ankauf einer größeren Bodeufläche in Palästina, durch dio ein neues Siedlungsgebiet in Palästina erschlossen werdon soll. Auf diesem neuen Siedlungsgebiet soll auch die Kolonie österreichischer Juden errichtet werden, die den Namen des verstorbenen ersten Präsidenten des Keren Kajometh Kremenezky tragen soll. Wer die gegenwärtige Entwicklung in Palästina kennt, weiß, wie wichtig es ist, dem Keren Kajemeth gerade jetzt größere Geldmittel zur Verfügung zu stellen, um ihm so die Möglichkeit zu geben, gegen die vorhandenen zerstörenden Tendenzen dio landwirtschaftliche Grundlage in Palästina stärker auszubauen. Wie in allen anderen Ländern sollen auch hier dieso Geldmittel durch eine Sonderaktion aufgobracht werden, zu deren Führung und Unterstützung der Bevollmächtigte des Keren-Kajemeth-Hauptbüros, Herr Prof. Julian Silborbusch nach Wien delegiert wurde. Wir erwarten, daß alle Freunde unseres Aufbauwerkes in Palästina ihre Pflicht tun werden. Es gilt nicht nur das Andenken eines für das Judentum so verdienstvollen Menschen zu euren, sondern auch dem Namen Keren Kajemeth dio Mittel zu geben, ohne die er seine Aufgabe nicht erfüllen kann. Zionist. BeziMon Favoriten, l Favoriten 89, umm 7,9 Uhr abends ’ I Dr. Oskar Grünbaum,PräsiQ6nt deUzoironİrhreiC!;ande8varbancie8 ,Wohln steuert das Judentum?* j Große Hachscharahbewegung im G’dud-Zirim