Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 456 (7.6.1935)
- Date
- 1935-06-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 456 — 7. 'Juni 1035 DIE STIMME Seite 15 lügendfoilctyi dcc „Stiwni" dU Seite detluytud- Ein Mahnruf an die Allgemeinen Zionisten Solange es den Allgemeinen Zionisten finanziell halbwegs gut ging, waren sie Palästina gegenüber freigebig. Noch heute, j.n der Zeit des wirtschaftlichen Zusammenbruehes, stellen sie das Ilauptkontingent der Spenden für Keren Kajemeth und Keren Iiajessod. Das Verhältnis der Linken zu den Allgemeinen Zionisten war gut, solange die Allgemeinen Zionisten nicht Anspruch darauf erhoben, daß das von ihnen gespendete Geld auch der Alijah und Aussiedlung ihrer Kinder zugute kommen solle. Als dann gar die Allgemeinen Zionisten erklärten, daß sie es nicht zulassen wollen, daß ihre Kinder ins marxistische Lager abschwenken und als immer mehr die allgemein-zionistische Ideologie bei der Jugend Fuß faßte, da ließen die Linken alle Minen springen. Zunächst setzte die Flüsterpropaganda ein. Man verdächtigte die allgemein-zionistische Jugend, sie sei revisionistisch. Als das nicht verfing, hängte inan der allgemein-zionistischen chaluzisehen Jugend den Zertifikaten-, Brotkorb höher. Man ging weiter und griff zu dein schändlichen Mittel persönlicher Verleumdungen. Aber alles nützte nichts. Die chaluzische Jugend der Allgemeinen Zionisten hat in der ganzen Welt 60.000 Mitglieder und auch bei uns in Österreich nimmt sie rapid zu. Über die chaluzische allgemein-zionistische Jugend, die im Hechaluz-Haklal-Zioni in Wien organisiert ist, wissen am allerwenigsten — die Allgemeinen Zionisten Bescheid. Und doch wäre es so nötig, daß die Allgemeinen Zionisten sich mehr um ihre Jugend kümmern würden. Vieles ist noch unfertig und erst im Werken begriffen. Wir laden alle Allgemeinen Zionisten ein, uns unamgesagt zu besuchen. Sie werden gern gesehene Gäste in unserem Stadtkibbuz in der Innstraßo sein. Diesen Kibbuz hat der Jugendbund G’dud Zeirim aus eigener Kraft errichtet. Seine Professionisten haben die Bäume adaptiert. Heute sieht der Besucher: eine netto Küche mit Gasherd, einen Schlafsaal für Chaluzim, einen ’Schlaifsaal für Chaluzoth, Waschräume, einen Speisesaal, ein Lesezimmer, ein Sekretariat und Arbeitsräumo für Schneidor, Schuster und Tischler. Die Allgemeinen Zionisten mögen unsere Gäste beim Oneg Schabbat sein. Sie mögen kommen und sehn, wie der Stadtkibbuz es fertig bringt, sechzig junge Menschen mit Arbeit zu versorgen, mit Kleidern und Wäsche, Essen, Trinken und sauberen Betten. Der Allgemeine Zionist ist herzliclist eingeladen. Er komme in unsere Siehoth, er höro zu, wie unsero Mitglieder die hebräische Sprache, die Geschichte des jüdischen Volkes und zionistische Geschichte lernen. Der Allgemeine Zionist ist herzlich eingeladen. Er besuche unsere Burschen und Mädchen, die als Taglöhnor auf vielen Gutshöfen Niederösterreiohs und des Burgenlandes im Schweiße ihres Angesichtes praktische Landwirtschaft betreiben und sich jeden überflüssigen Bissen vom Mundo abßparon, um Groschen auf Groschen für ihre Alijah zusammenzulegen. Jawohl, es gibt bei uns viel zu sehen. Wir sind stolz aiif unsere Leistungen, die noch bessor wären, hätten wir mehr Verständnis bei unseren engsten Gesinnungsgenossen gefunden. Wir brauchen noch mehr Hachscharahplätzo in Wien und am Lande, wir brauchen Instruktoren und Gold, koiuo großen Inuomon, aber doch Geld. Wir werben um Verständnis, um mehr Verständnis bei den Allgemeinen Zionisten, Wir brauchen mehr Gönner und Freunde. Unser Kibbuz bei Haifa leidiot große Not. Ist os nicht euere Pflicht, uns zu lielfon? Wir verlangen nichts für uns persönlich, aber viel für die allgemein-zionistische Idee. Wir sind die Avantgarde dor neuen Jugend in Palästina. Boi uns gibt es nur die blauweiße Fahne, keine rote Fahne. Wir gehen als euer© Wegbereiter nach Palästina. Allgemeine Zionisten! Wir bauen Palästina für das jüdische Volk und nicht für eine Partei. Wir wollen keinen Klassenkampf, nur Frieden und Arbeit. Was wir tun, das tun wir für euch. Helft uns und ihr helft euch selbst. Zusammen mit euch wollen wir Palästina neu gestalten, abseits von jeder Assimilation nach links und rechts. Kommt zu uns. Erwachsene und Jugendliche! Wir brauchen euch und ihr braucht uns! Sinne einer Entscheidung für die landwirtschaftlichen Berufe, zu wirken. Denn beim Aufbau Palästinas handelt es sich ja auch darum, eine gesunde, normale Schichtung unseres Volkes zu erzielen und einen normalen Bauernstand zu schaffen, der vom Lande Besitz ergreift. Und da ist es wichtig, daß gerade die Frau über die notwendigen Kenntnisse in Hauswirtschaft undGarten verfügt, um an der Rationalisierung des Betriebes mitzuwirken« Abgesehen davon muß in Betracht gezogen werden, daß sich in Palästina gerade in jüngster Zeit das System der Stad t> rand Siedlungen immer mehr einbürgert, und zwar in der Art, daß der Mannt einem städtischen Berufe nachgeht, die Frau aber in dem Garten, der ihr Häuschen umgibt, Gemüse, Obst und Geflügel ziehe« kann, so daß mindestens der Bedarf der Familie durch die Eigenwirtschaft gedeckt erscheint. Daß dieses System nicht nur von großem wirtschaftlichen Nutzen für den einzelnen, sondern auch von hervorragendem Wert bei der Erziehung der junge« Generation ist, braucht nicht erst hervorgehoben zu werden. Es ist in diesem Falle unbedingt notwendig, daß die Hausfrau gute Kenntnisse in allen Zweigen der Gartenwirtschaft, der Geflügelzucht und der Imkerei besitzt, um den Ansprüchen ihrer eigenen Wirtschaft nachkommen zu können. Es ist aber auch selbstverständlich, daß eine solche! Frau in allen Zweigen der Hauswirtschaft bewandert sein muß, um mit geringen Mitteln den Haushalt gesund und in schöner Form führen zu .können, damit weder Geld, Zeit noch Gesundheit, und zwar sowohl ihre eigene, als auch die ihrer Familie aufs Spiel gesetzt oder gefährdet werden. Gerade in Palästina besitzt eine iil Landwirtschaft und Hauswirtschaft ausge« bildete Frau die Möglichkeit, ihre Kennt* niese auch beruflich verwenden zu können} denn es gibt zahlreiche Kurse und Lehranstalten, in denen den neueinwandernden' Frauen die Kenntnis des praktischen Lebens der Hausfrau in Palästina bcigebracht wird und die von geschulten Kräften geleitet werden. Dieses System der Eigenwirtschaft kommt jedoch vor allem für die verheiratete Frau in Frage. Das alleinstehende Mädchen hat es, wie so oft im Leben, auch hier viel schwerer, sich durchzusetzen. Sie kann zum Beispiel als einzelne vom K. K. L. keinen' Boden erhalten. Wenn sie sich der Land^ Wirtschaft widmen will, hat sie den Weg frei, in eine Kwuzah eiuzutreten. Doch ist damit das Problem noch keineswegs gelöst, denn es eignen sich eben nicht alle Menschen für das Gemeinschaftsleben in der Kwuzah. Mit dieser Tatsache muß gerechnet werden. Selbstverständlich können Mädchen auch in den privaten Bauernwirtschaften der Moschawoth. Arbeit finden. Es besteht dann noch die Möglichkeit des Eintrittes in einen der bestehenden Mischkej Hapoaloth, in denen allerdings die Auft* nähme beschränkt sein muß, weil nicht genügend Platz für alle Bewerberinnen beisteht. Im Meschek Hapoaloth können die Mädchen zwei Jahre verbleiben und lernen in dieser Zeit in wirklich vorbildlicher Weise alle Zweige der palästinensischen Landwirtschaft kennen. Noch systematischer ist der Betrieb in den „W i z o“- Schulen, die einen richtigen Lernbetrieb' darstellen und nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Schülerinnen authebmen können. Wir sehen also, daß es «dein alleinstehenden Mädchen keineswegs leicht gemacht wird, in der Landwirtschaft unterzukommon, und daß die Arbeit in der Stadt auf viel geringere äußere Schwierigkeiten stößt und somit leichter zugänglich ist als die landwirtschaftliche Arbeit. Überdies darf nicht vergessen werden, daß eine Umschichtung im Sinne der Landwirtschaft bei Menschen, die an die Stadt gewöhnt sind, einen großen Aufwand an innerer Energie bedeutet, und daß zu einer Zeit, wo die Alijah Dr. Henny Lichtenstein-Rappaport: Frauenberufe in Erez Israel Zur Frage der Berufsberatung für Oloth. Die Berufsberatung für Oloth bedeutet eines unserer brennendsten Probleme. Dabei ist es schwer, etwas allgemein Gültiges festzustellen, nicht nur deshalb, weil die Lebensbedingungen und Verhältnisse in Palästina sich äußerst rasch ändern, sondern auch, weil bei der Wahl eines Berufes auf die persönliche E i g n u n g des Menschen, der diesen Beruf ausüben soll, Rücksicht genommen werden soll und weil somit ein Beruf, der für den einen eine ideale Lösung bedeutet, für den anderen als völlig unpassend angesehen werden muß. Diese alten Wahrheiten, die eben nie veralten, müssen auch bei jeder Berufsberatung, die sich auf Palästina bezieht, in Betracht gezogen werden. Ebenso sollen die äußeren Umstände des um Rat Ansuchenden, seine Familienverhältnisse, seine gesellschaftlichen Möglichkeiten und finanziellen Voraussetzungen geprüft werden. Erst, wenn man alle diese Bedingungen mit den Gegebenheiten Palästinas verglichen hat, kann man zu einem Ergebnis gelangen, das von Wert sein wird. Und. leider werden gerade diese Momente sehr oft vernachlässigt. Ich erinnere mich, wie vor nicht allzu langer Zeit die Parole ausgegeben wurde: Miedermacherinnen sind im Lande gesucht. Damals empfand man tatsächlich einen gewissen Mangel an geschulten Miedermacherinnen, sowohl in der Stadt als auch in den landwirtschaftlichen Siedlungen. Drei oder vier geschulte Miedermaeherinnen hätten den Bedarf völlig gedeckt. Es ergab sich jedoch, daß viele, viele Mädchen sich als Miedermaeherinnen ausbildeten, ohne die subjektive Eignung oder objektive Berufsaussichten in diesem Fache zu haben. Dann gab es eine Zeit, wo die Imkerei große Mode wurde. Und seit neuestem ist das Allheilmittel: die Osereth; wobei nur noch bemerkt werden soll, daß die meisten Mädchen, die entschlossen sind, in Palästina als Osereth ihr Brot zu verdienen, sich für diesen Beruf überhaupt nicht vorbereiten, sondern glauben, es würde „schon so“ gehen. Diese Modeströmungen sind ein großes Übel. Sie entstehen dadurch, daß man von der Größe des Landes Palästina und von der Zahl seiner Emivolmer sich kein richtiges Bild macht und daran vergißt, daß noch vor kurzer Zeit ganz Palästina so viel jüdische Einwohner enthielt, als die Wiener Judengemeinde und weniger als die Warschauer Gemeinde, und daß daher nicht gleich Hunderte von Kräften notwendig waren, um den Bodarf an Faeharbeifcerinnen in einem bestimmten Spezialfach zu decken. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand mm vor einiger Zeit ein neuer Rat, der allen und überall erteilt wurde: nicht Spezialausbildung ist nötig, sondern eine allgemeine olomeutaro Kenntnis möglichst vieler Fächer. Diese Anschauung basiert auf der Tatsache, daß gerade in Palästina oin rasches Erfassen der gegebenen Situation und Umsehwenken von dem einen Beruf in den anderen notwendig ist, daß man sich den Beruf nicht wählen kann, sondern jede Arbeit ergreifen muß, die sich bietet, daß Spezialarbeiter nur in geringem Ausmaß erforderlich sind, daß aber eine gewisse Fertigkeit auf möglichst vielen Gebieten die beste Gewähr dafür bietet, daß man Arbeit und somit seinen Lebensunterhalt finden würde. Auch diese Anschauung ist falsch. Denn sie verkeimt die Tatsache, daß der Arbeits-' markt mit Nichtkönnern und Dilettanten' überfüllt ist und daß daher wirkliche Fachleute gesucht und entsprechend gezahlt werden. Wer mehr kann, hat mehr Chance n als der, der weniger kann. Wessen Kraft schwer ersetzt werden kann, hat mehr Chaucen als der, der hunderte gleichwertige Konkurrenten hat. Und so können wir zum Beispiel auch die Tatsache erklären, daß in Palästina neben Löhnen, die nur das Existenzminimum sichern, Löhne gezahlt werden, deren Höhe für europäische Begriffe geradezu als phantastisch bezeichnet werden muß. Daß jedoch ein hochqualifizierter Arbeiter sich auch vor die Notwendigkeit gestellt sehen kann, eine andere Arbeit, als die in seinen Beruf einschlägige zu ergreifen, soll keineswegs übersehen werden. Aber dies ist dann eben nur ein Notbehelf, der ihm hilft, sich so lange zu erhalten, bis er eine seinen Fähigkeiten und Kenntnissen entsprechende Beschäftigung findet. Aus dem hier Gesagten wird es vielleicht einigermaßen klar, wie schwer es ist, mit gutem Gewissen in den Fragen eines Berufes für Palästina zu raten. Noch komplizierter und schwerer jedoch wird der Fall, wenn es sich um eine Frau o d e r e i n Mädchen handelt, das vor ihrer Alijah beraten werden will. Leider geht gerade ein großer Teil der Mädchen, die sich an eine Berufsberatung wenden, von völlig falschen Voraussetzungen aus. Sie erklären meist, daß sie schon in drei, aber spätestens in sechs Monaten nach Palästina gehen wollen und in dieser kurzen Zeit ein Fach zu erlernen wünschen, das ihnen mit möglichst großer Sicherheit eine gute Verdienstmöglichkeit in Palästina bietet. Da ist es natürlich schwer zu raten. Denn es soll hier mit allem Nachdruck betont werden, daß sich die Sehnellsiede-; kurse der verschiedenen Fächer in keiner Weise bewährt haben, und daß man in Palästina immer wieder hört: „Nur keine Schnellsiedekurse!“ Wenn sich ein Mädchen ernstlich mit der Frage der Berufswahl beschäftigt, dann muß sie mindestens mit einer Ausbildungszeit von ein bis zwei Jahren rechnen, und zwar unabhängig davon, für welches Fach sie sich vorbereitet. Für keinen Beruf, auch nicht für den scheinbar einfachsten, genügt eine Ausbildungszeit von einigen Monaten. Das muß man sich vor Augen halten. Bei der Frago der Berufsberatung vor allem muß auf eine prinzipielle Frage Rücksicht genommen werden: landwirtschaftlicher Beruf oder städtischer Beruf. Wir müssen bei der Berufswahl der jungen Mädchen alles daransetzen, um das landwirtschaftliche Element zu fördern und auch erzieherisch in dem für eile Rein dis MM leikatsysln! Unsere Geldopfer sollen endlich auch den Allgemeinen Zionisten und ihrer lugend zugute kommen.