Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 456 (7.6.1935)
- Date
- 1935-06-07
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Oll ST1MMI Nr. 456 — 7. Juni 1935 Die Drucker Isak, Jom-tov und Jakob, die Söhne des Avigdor ha-Levi Kazzav aus Padua; A. Yaari: Drei jiddische Übersetzungen des „Schiwehe ha-Besoht“. Die Zeitschrift ist sowohl durch die Jüdische National- und Universitäts-Bibliothek in Jerusalem als auch durch jede Buchhandlung zu beziehen. Geistige Wegbereiter des Nationalsozialismus lllllillll! Von Alfred Werner bendr Rad, immer toller wirbelt es die Erdschollen <v/f. End siehe: aus dem verkarsteten Bo/len, zuerst in nassen Lchmstüfl-rn. dann in perlenden Tropfen. immer sprui/elnder und stürmischer, kommt IFd.s.srr aus dem Erdentief. irV/a.srr, li:(7.wpr. Wie dieses weiße Grdd aus der palästinensischen Erde herrnrquillt, wie es sieh, zum Bach, S‘rom, zitm See. zum Meer entwickelt, Leben und Atem verbreitend, ist so ergreifend, so unsäglich schön, daß man diesen Szenen nur tränenden Auges folgen kann. Ein Taumel diongsischer Freude erfaßt unsere jungen Menschen — und von nah und fern kommen sic herbei und im tollen Kreistanz bejubeln sie das Geschenk Gottes. Das Wasser indes hat längst alle Äste und Zweige umspiilt und überall Leben eingehaucht. Wie eine Kaskade ergießt sich der gewaltige Strom. Er wird zu einer einzigen Symphonie des Wassers. * Zum Schluß noch ein Wort über die Schöpfer des Films. Der Regisseur Lerski hat hier keinen Film geschaffen, sondern ein einziges großes Heldengedicht von Leben, Menschen und Arbeit. Ein wahrer Zauberstab führte die Kamera dieses Künstlers. Ihm zur Seite stand der Komponist Paul Dessau, dessen zarte schöne Melodien mehr sind, als bloße Untermalung des Films. Unvergeßlich die Motive der ziehenden Karawane, berauschend der Walzerreigen, dem Rhythmus der Maschinen und Traktoren abgelauscht, beglückend der fröhliche Jubelsang der Kinder. All seine Liedmotive haben den Duft der palästinensischen Landschaft. So wird Bild und Ton zu einem einzigen Kunstgemälde, dessen leuchtende Farben das junge, heiße Leben Palästinas gibt. Jakob Rosenthal Aus der Jüdischen National• und VniversitätS'Bibliothek Jerusalem Vor kurzem erschien das erste Heft des zwölften Jahrgangs der von der Jüdischen National- und Universitäts-Bibliothek herausgegebenen bibliographischen Vierteljahrsschrift „Kirjafch Sepher“. Das Heft enthält außer den Nachrichten der Bibliothek und einer ausführlichen Bibliographie von Palästinadrucken sowie Hebraica und ffudaica aus allen Ländern eine Anzahl Rezensionen über wichtige Neuerscheinungen aus verschiedenen Wissensgebieten. Die Rezensionen sind verfaßt von B. Schochetmann, S- D. F. Goitein, S. Muntner, M. D. Cohn, N. Bentwich, M. Z. Segal, 8. Liebermann und S. B. Weinryb. Unter der Rubrik ..Forschungen und Aufsätze“ sind die folgenden Arbeiten erschienen: A. Yaari: B. Wachstein (Nachruf); B. Wachstein: Bibliographie der hebräischen Testamente (Schluß); P. Kon: Zur Geschichte des hebräischen Druckes in Wilna; J. Pograbinski: Achad Ha-am, eine Bibliographie; A. M. Ha-bermann: Kinoprogramme der Woche KREUZ-KINO VÄSStä Vom 7. bis 10. Juni 1936 In den Spelunken von Sanfos Beginn: 4, 8/»fS, */s8, '/410 Uhr fTHÜBKDJflNfl VI., Mariahilferstraße 37 jlllHlT LftlYlllU Telephon B 20-203 Vom 7. bis 10. Juni 1935 Hölzerne Kreuze Beginn: V.4, 7*0, 7*8, 7*10 Uhr Heimat-Kino 1XTefephon Anf8a0S?619 j Vom 7. bis 13. Juni 1935 Hölzerne Kreuze Wochentag: 5, 7, 9 Uhr, Sonnu. Feiert, ab 3 Uhr Votivpark-Kino WÄ“ Vom 7. bis 13. Juni 1935 Frankensteins Rückkehr Beginn: I,. VA 7A 7*10 Lht I. „Das jüdische Hirn ist das Hirn der Welt.“, lautet ein treffender Ausspruch eines jüdischen Schriftstellers. „Es denkt zum Guten, wenn man es gewähren läßt. Wehe aber, wenn man es stört oder gar töten will. Dann wird es zum Sprengstoff, der die Welt in Trümmer schlägt.“ A.n diese Worte wird man unwillkürlich erinnert, wenn man gewisser seltsamer Produkte dieses Geistes gewahr wird, jener giftigen Sumpfblüten, die aus Zerfall und Verwesung von Teilen des jüdischen Organismus emportrieben und wohl immer wieder noch wuchern werden, solange der unnatürliche, krankheitsfördernde Zustand der Galuth an dauern wir d. In allen politischen und weltanschaulichen Lagern findet man Juden vor, häufig als geistige Führer, meist die radikalsten der radikalen Thesen mit tragisch - selbstaufopfemder Leidenschaft vertretend, nicht selten abstruseste Lehren mit den Waffen geschulter Logik verteidigend. So wie im Weltkrieg jüdische Soldaten des einen Landes auf Juden des Feindesstraates geschossen haben, so erlebt die Welt immer wieder das fast groteske Schauspiel des geistigen Gefechtes zweier Juden, von denen der eine die These, der andere die Antithese verficht, doppelt seltsam und erschütternd dann, wenn es sich gar nicht um ihre eigene Sache handelt, sondern wenn sie fremde Angelegenheiten mit heiligem Eifer durchdenken, mit äußerster Konsequenz und Hartnäckigkeit, mit beispielloser Selbstverleugnung und Hintansetzung der eigenen vitalen Interessen — und wenn derjenige, den der Streit in erster Linie angeht und dem sie im Namen einer durchaus nicht fiktiven Menschlichkeit zuzurufen scheinen: Tua res agitur! —, wenn dieser also breitbeinig hohnvoll dasteht, die Hände in den Hosentaschen, um den beiden Kämpfern, wenn sie einander genug zermürbt haben, grausam den entehrenden Fußtritt zu versetzen! Wem ist der unglaublich starke Anteil der Juden am Geistesgut des deutschen Nationalismus nicht bekannt? Wer ist sich dessen nicht bewußt, daß zahlreiche abtrünnige Juden dem nordischen Faschismus vorgearbeitet haben, daß sie zumindest den Boden gelockert, wenn nicht gar eigene Saat hineingeworfen haben? Gemeint sind dieses Mal nicht nur jene „einigen hundert überreichen Juden, deren lärmende Millionen weithin bemerkt werden“ und von denen Max Nordau sagte, sie seien „der Hauptvorwand des neuen Judenhasses, der mehr wirtschaftliche als religiöse Gründe hat“. Ihr Protzentura hat zwar die unwissenden Volksmassen beeindruckt und die irrige Vorstellung reifen lassen, sie s u.*n liß wesentlichen Pfeiler des Judentums. Gedacht soll hier aber nur jener Apostaten werden, die durch Vorträge und Bücher den bereits zu dieser Krankheit hiinneigen* den intellektuellen Schichten Deutschlands die Toxine des Antisemitismus, des Antifeminismus und des Antidemokratismus eingeimpft haben. Es waren und sind dies zum Teil durchaus nicht verachtungswürdige, aus dem Bodensätze jüdischen Blutes stammendo Menschen, sondern fähige, häufig jedoch ebenso geniale wie pathologische Naturen, deshalb umso gefährlicher für beide Völker: für das blutsverwandte, das sie mit aller Macht verli'-sen wollen, ohne es zu können, und für d s liebevoll umworbene fremde Volk, das begierig ihre Schmeicheleien und Liebedienereien aufnimmt, ohne jedoch ihnen aus 1) inkharkeit den ersehnten Platz in seiner Mitte zu gewähren. Die Schuld beider Völker war und ist es, sich gegen solche Schwarmgeister nicht genug energisch zur Wehr gesetzt zu haben, nicht um sie zu beseitigen, sondern um rechtzeitig ihre zwar reiche, aber Gefahren mit sich führende Intelligenz von den Abwegen und Verirrungen der Einzelgänger zu bewahren und Jen Strom auf fruchtbare Gebiete zu len¬ Deshalb dürfen weder Haß noch Verachtung in unsere Betrachtungen sich mengen, sondern weit eher Mitleid und ärztlichpädagogisches Verständnis — ungeachtet des AbwehrwiLiens, da wir die Schädlichkeit dieser Persönlichkeiten durchschaut haben. In der oben zitierten Rede auf dem ersten Zionistenkongreß spricht Nordau gleichnishaft von kleinen Lebewesen, die, wie die Mikrobiologie uns lehre, harmlos seien, solang« sie in der freien Luft leben, die aber zu furchtbaren Krankheitserregern würden, wenn man ihnen den Sauerstoff entzöge, wenn mau sie, wie der Fachausdruck lautet, in anaerobische Wesen verwandle. Solche anaerobische Wesen waren zum Teil die Juden des neunzehnten Jahrhunderts, denen die Tore der Ghetti geöffnet wurden, ohne ihnen ein bürgerliches, völlig gleichberechtigtes Dasein zuzugestehon. Die Antwort, die sie dem christlichen Staate gaben, der ihren Leib einschnürte, war nicht einheitlich: ein Teil der Intelligenz verleugnet« das Judentum, nahm die Taufe und richtete es sich so bequem als möglich im mißtrauischen Staate ein; ein anderer Teil reagierte auf diese Unterdrückung damit., daß er diesen Staat revolutionär zu unterminieren suchte. Die Mitte bildeten ein äußerlich dem Glauben anhängendes, innerlich glaubensloses und an seiner Schlemihl-Existenz zutiefst verzweifelndes liberales Judentum, dessen beste Köpfe im Laufe der Entwicklung von dem „Geist der erschlagenen Mutter“, wie Börne dais Judentum genannt hatte, wieder in den Bann gezogen wurden. Aus der großen Zahl jener Juden des neunzehnten Jahrhunderts, die dem Nationalismus wichtige Bausteine geliefert haben, seien hier vor allem Stahl, Gumplowdcz und Weininger genannt. Sicherlich würden die Genannten, lebten sie noch heute, bedauern, die Geister gerufen zu haben, diie nun ihr Unwesen treiben — dennoch sind sie an der heutigen Geistesverwirrung in stärkerem Maße schuldig, als die Allgemeinheit ahnt. Friedrich Julius Stahl (1802 bis 1861), ein „dem Ghetto entlaufener Talmudjünger“, trat siebzehnjährig zum Protestantismus über, wurde 1827 Priva.tdozent in München, 1832 ordentlicher Professor in Würzburg, 1849 von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen zum lebenslänglichen Mitglied der damaligen Ersten Kammer, des .späteren Herrenhauses, ernannt, und sowohl als Hauptwortführer der konservativen Partei wie als Mitglied des evangelischen Oberkirchenrates einer der wichtigsten Männer des vorbismarckisehen Deutschland. Nach seinem System, das bis in die Gegenwart hinein, bis auf das Programm der 1933 aufgelösten Deutschnationalen eingewirkt hat, zerfallen die Parteien insgesamt in zwei große Gruppen: in diejenigen der Legitimität, beziehungsweise diejenigen der Revolution auf politischem und in diejenigen des Glaubens, beziehungsweise diejenigen des Unglaubens auf kirchlichem Gebiete. Die Parteien der Revolution seien diejenigen, die herbeiführen wollten, daß Obrigkeit und Gesetz grundsätzlich und permanent unter den Menschen stehen sollten, statt über ihnen. Die Parteien der Legitimität hingegen anerkennten ein Höheres, unbedingt Bindendes, eine gottgesetzte Ordnung über dem Volkswillen und über den Zwecken der Herrscher. Eine solche Gesinnung ist aber für Stahl nur auf Grund seines persönlichen christlichen Gottesglaubens denkbar, da ihm ja der „christliche Staat“ als ideale Staatsverfassung vorschwebte. Wenngleich diese Auffassung, dem nichtbiologischen Denken der ersten Hälfto des Rosa Glniewski Max Kümmel Wien XVIII. Wim II. empfehlen sich eis Verlobte Juni 1935 neunzehnten Jahrhunderts entsprechend, noch keine Rassenuutcrschcidungeu keimt, und in ihrer konservativ-antirevolutiönären Grundhaltung mehr die Theorie des christlich-deutschen Ständestaates als die des völkischen Staates vorwegnimmt, so ist doch ein Punkt darin wichtig, den das nationalsozialistieche Parteiprogramm aufgenommen hat: der Täufling Stahl verwehrt den Juden in seinem christlichen Staate die Gleichberechtigung! Und ein konvertierter Schüler Stahls, D. W. B. F r ä n k e 1, betonte sogar entschieden die „Unmöglichkeit der Emanzipation der Juden im christlichen Staate“ (in seiner gleichnamigen Schrift). Stahls Theorie aber ist dio Basis für das antisemitische Tivoli-Programm der Konservativen Partei Deutschlands gewesenI Wenige Jahrzehnte nach dem Erscheinen des „Christlichen Staates“ von Stahl trat ein getaufter, aus einer Familie galizianischer Rabbiner stammender jüdischer Professor mit seinem sehr beachtlichen Buche „Der Rassenkampf“ vor die Öffentlichkeit. Ludwig Gumplowicz (1838 bis 1909) war damals fünfundvierzig Jahre alt und Ordinarius an der Grazer Universität. Er ließ die Staaten derart entstehen, daß er für den Anfang eine Unzahl verschiedener Völkerschaften annahm und mit der Unterwerfung oder Vermengung der Völker nach Überwindung de® Horden- 6tadium® die Staaten hervorgehen ließ. Nach seiner Theorie, die eine Variante der Klassenkampftheorie darstellt, ist G eschichte gleich Rassenkampf und der ewige Haß der Völker (Rassenhaß analog dem Klassenhaß) das treibende Moment in der Menschheitsgeschichte. Es ist leicht einzusehen, daß diese Theorie von Ghamberlain und Konsorten bereitwilligst aufgegriffen wurde und somit indirekt bis auf Rosenberg® neuen „Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts eingewirkt hat. Gumplowicz selbst war kein Antisemit, Wohl aber Otto Weininger, der tra/- gische Verfasser von „Geschlecht und Charakter“, dessen Lebensschicksal und Lehrmeinungen viel zu sehr populär sind, um noch einmal vorgetragen werden zu müssen. Weininger® These, wonach das Judentum ein Volkstum von ausgesprochen irdischer Geistesrichtung und antimetaphysischen Neigungen und der Antisemitismus der berechtigte Widerstand der abendländisch-christlichen Umgebung gegen die extreme Diesseitigkeit de® jüdischen Geistes sei, haben ihm ja alle Antisemiten der folgenden Jahrzehnte gedankenlos nachgebetet. Aber es ist wichtig, darauf hinzuweißen, daß nicht nur der Antisemitismus Weiningers, sondern ebenso sein Antifeminismus und seine antidemokratische Geisteshaltung durch unterirdische Kanäle im die Geisteswelt des deutschen Nationalismus eingeflo&sen sind. Zu wenig beachtet wird sein durchaus unjüdischer, aristokratisch-antiplebei'scher Zug, ebenso unheilvoll wie sein philosophisch fundierter, psychophysisch begründeter Juden- und Frauenhaß. Wie dieser Judenhaß eine Parallele findet in der Judophobie des 1927 verstorbenen Arthur Trebitsch, sein Antifeminismus in den Männerbündni&sen des Ariers B l ü h e r, so seino Heroeworship, seine Vergöttlichung des Genialen in den Übertreibungen der George-Juden. Der nichtgeniale Mensch ist für Weininger verächtlich. „Der gemeine Mensch“, heißt cs in den „Letzten Dingen“, „erkennt sich nicht einmal zum Raum, den er einnimrat, die Berechtigung zu, verkriecht sich, krümmt sich zusammen, möchte vergehen, zum Punkt zusammenschrumpfen.“ Bei Rudolf Borchardt wird man dieser Massenverachtung wieder begegnen. Palästina für das ganze jüdische Volk! Gegen die Klassenkämpfer und poliiiscSien Sireber!