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Die Stimme · 1935-06-07 · Heft 456 (7.6.1935) · page 10

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 456 (7.6.1935)
Date
1935-06-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite IO OIE STIMME Nr. 456 — 7. Juni 1935 unvergleichliche Panorama Alt- und Neu Jerusalems. An der Klagemauer Ich stand dort an dem Tage, da die hebräischen Zeitungen nicht erschienen waren un 1 daher nicht berichten konnten, daß es 50 Grad im Sr hatten gebe. Eß war der siebente ou Palästina der letzte) Pestsaohtag. Merkwürdig: Vorgestern noch wunderte ich durch die Täler und Berge Jesreels, durohsehweifte der Blick daß weite, in kamelarügen hökernden Linien sich hinziehen le graugrüne Oilbongcbirgo. sog sich das Auge an den weiten grünen Fluren, dem frischbetauten Stegen, den frühlingslui.ft leuchtenden grüngelben Ähren Ejn-Charods, trunken, vorgestern noch schaute ich entzückt dem neigen der prächtigen Kinder vor ihren von ihren zarten Händchen selbst bestellten Blumenhainen zu, hörte ich auf der weiten Terrasse des neuen Speieesaa.les der Kwuzah ihren Ökonom, einen russischen, vor 23 Jahren eingewanderten Juden, braungebrannt, mit hellblauen Augen —■ Sirkin sein Name — erzählen: wieviel Dunam Boden sie ihr Fugen nennen, wieviel Kühe und wieviel Pf erd ege spann, wieviel Hühner und wieviel die Eierzahl betragen, wie groß die Getreideanbaufläche und wie groß die Schmiele, wieviel Traktoren sie heute schon haben und wieviel Menschenhände diese geliebte braunrote Erde bebauen und wieviele in den anderen ..Zweigen“, in der Schmiede, in der Werkstatt, in der Schneiderei und in der Schusterei und in der Küche tätig sind, vor uns lag ausgebreitet die weite, weite Ebene des schon sagenverklärten und doch ganz Wirklichkeit atmenden Emek. Der Blick streifte auch im Fluge -die improvisierte Betstube, aus der in der Frühmorgenstunde Gebetspsalmen vernehmbar sind. Es sind die alten Eltern, die ihren Kindern nach Ejn-Charod allmählich gefolgt ■waren und hier ihr Eigendase'm, von Kindern ehrlich und sinngemäß betreut, führen. Vorgestern noch... Eine Welt der Arbeit, des neuen Menschen, des Bauers, des Dreschers, des Säers, eine Offenbarung des j neuen jüdischen kraftvollen Menschen. Und { man beugte sich tief vor diesen Helden der | Arbeit. Und heute steht man wieder, ist ergriffen und gebannt wie noch nie, seitdem die Füße Palästinas Boden betreten haben, j Schon der Weg vom Jaffator zur Klagemauer ist in seiner Art von überwältigender Wirkung, wird zum Erlebnis. Mehr noch. Hat man das Jaffator erreicht, so hat man eigentlich erst da.s bestimmte Gefühl: Man ist in Palästina. Der Weg zur Klagemauer er führt durch schmale Stufengäßchen, von kühngecwhwungenen Bogen überwölbt, in dem sich alles, was zum vielfältigen pittoresken, orientalischen Bild gehört, lic-rumtummelt. Man geht durch schmale, von unheimlichem Schmutz erfüllte, von Menschen vollgestopfte Basare. Gehen ist hier allerdings übertrieben. Man geht heute hier gar nicht, sondern man wird gegangen, das heißt geschoben. Ein wogender Menschenstrom, eine einzige Menschenkaskade ergießt sich über diese winkligen Stege. Monschentypen aus aller Herren Länder, Konfessionen und Nationen, Rassen und Völker geben sich hier ein Rendezvous. Und erst an der Klagemauer. Doch nein, das muß erlebt werden. Worte sind zu schwach und schal, um die dunkle Leuchtkraft jener Stätte ferst zu halten. Diese Wirklichkeit an der Kla,genuiner, sie ißt verwirrend, verklärend und ergreifend. Da steht sie, diese Mauer, aus der Tiefe der Erde hinauf ragend, Symbol einstiger Judenstaatlichkcit, Sinnbild einstiger Größe, Rest vergangener Tage. Zuflucht in ewiger Klage. Keines von all den bekannten Bildern verrät ihre wirklichen Union, ihre wirkliche Kraft —- denn die Mauer, sie hat ßo gar nichts Bresthaftes. Sie ist, von imponierender Größe und Höhe. Wohl mrgendß in der Welt ißt Geschichte gewordene Ruine durch lebendige, fanatische, seelenvolle, rührende Liebe so lebendig geblieben wie diese von Tränen von Generationen durchfurchte Weßtrnauer des einstigen jüdischen Heiligtums. Da ßteht sh1 nun, die lange Reihe der Betenden, an unzähligen Stellen werden gleichzeitig Minjauirn veranstaltet, kaum ist das Schlußgebet des einen verhallt., hat «effon das andere begonnen. Und noch immer ergießt ßich vom Jaffator durch die winkligen Gäßchen ein einziges wogende«, Menschenmeer, immer wieder kommen neue,! die die Schar der die Mauer Küssenden, an I der Mauer Weinenden und Betenden ver-|des Bild. Beim Eingang sitzen die onggrößern. Da stehen sie, die alten Juden, die lischcn Tommys, cs «sind taktvollerwei.se buehariöchen in ihren gelben, weißen und jüdische Tommys und achten strenge dargrünon Seidenkaftans und den Hießenauf. daß die Andacht, nicht, gestört, durch strcimlech, Jmlengestalten von Gestern, »nichts beeinträchtigt werde, daß kein Araaber auch von Heute, denen man auch in ber, wie es noch bisweilen vielleicht zufällig ler Neustadt in derselben Freiheit wieder j und ohne Absicht, versucht wird, an der begegnet, neben ihnen wieder zahlreiche modern gekleidete jüngere und ältere Männer. den Talis über dem Kopf und auffallend viele Mädchen und Frauen. Das Gesicht an die Wand gelehnt; halten sie mit ihren Händen die Quadern fest, die sin mit Tränen be-ehütten und immer wieder küssen. Ein farbenfroh es und doch nufwiihlen- Klagemauer vorbeigehr. Eine glutheiße Sonne — reu Chams im tage dieses ihren Anfang -- sendet, Tm Banne dieses Bildes die ersten echwe- Ja.hrcß nehmen sengend Strahlen, erkennt man: am Anfang war die Sehnsucht. Au« dem Klagen- und Tränenstrom um das zerstörte Gestern führt die Brücke zürn heißen Woldes, ßoimeu,berauschtes und doch ergreifen-. len jüdischer Gegenwait. Die Juden im mittelalterlichen Kärnten Von Rabbiner Dr. Jose! Babad (Klagenfurt) Die ziemlich reichhaltige Literatur über die Juden in den österreichischen Ländern weist in bezug auf das alte Grenzland Kärnten, das dieser Tage die (300-Jahrfeier der Angliederung an das liabsburgische Österreich festlich beging, ein empfindliches Manko auf. Wiewohl einzelne Hinweise und Teilforschungen im Zusammenhang der Studien über Salzburg und Steiermark sich vorönden, so ist im großen und ganzen das wohl mühselig zu erringende Quellenmaterial für die Geschichte der Juden in Kärnten bisnun nicht gesichtet und historisch verwertet worden. Und doch ist gerade das alte Norikura noch heute eine wvhre archäologische Fundgrube; Jahr für Jahr werden neue Spuren aus der keltisch-römischen sowie mittelalterlichen Zeit ausgegraben, hie und da wird ein hebräischer Grabstein gefunden, der bisher meist außer acht gelassen oder bestenfalls von unkundiger nichtjüdischer Hand vollkommen falsch „entziffert“ wurde. Diese schmerzlich empfundenen „Fehlgriffe“ waren für den Schreiber dieser Zeilen mit ein Beweggrund, sich der Erforschung der Geschichte der Kärntner Juden zu widmen; groß ißt natürlich dann die Befriedigung, wenn man hiebei gaüz selbetändig neues Material,, sei es aufgefundene Grabsteine, Tempelgeräte und Urkunden ergattert, die alle uns vom Leben jenes mittelalterlichen Judentums in Kärnten erzählen. Gemäß historischer Methode wurden auch Segen und Bräuche der einheimischen Bevölkerung als Quellen der Geschichtsforschung herangezogen und geben uns auch tatsächlich in hochinteressanter Weise Aufschluß über Tun und Lassen der Juden im .karantanischen“ Reich. Es ist wahrscheinlich, daß bereits in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten Juden sowohl als Sklaven als auch als Handelsleute mit den römischen Legionen nach dem heutigen Kärnten kamen und sich in .den neugegründeten Kastellen niederließen. He- Der älteste hebräische Grabstein eines Märtyrers aus dem Jahre 1130 (gefunden in St. Stephan bei Niedertrixen) britische Münzen aus Judäa müssen zwar nicht unbedingt von Juden stammen, sondern können ebenso gut von römischen Legionären bei der Einnahme Jerusalems 70 n. Chr. erbeutet und mitgebracht worden sein. Eigene Gemeinden dürften sie jedoch kaum vor dem 10. bis 11. Jahrhundert gebildet haben. Im 13. und 14. Jahrhundert sind stärkere Judengemeindeii in Friesach, Villach, Wolfsberg, St. Veit, Völkermarkt und Klagenfurt zu verzeichnen. Ein Großteil des Handels von Italien mach dem Norden liegt in ihren Händen. Aber auch hoch oben in den goldführenden Bergbaugegenden des Mülltales hatten sich Juden angesiedelt, die sich mit dem Verschleiß und Handel der Edelmetalle beschäftigten und die günstigsten Absatzmärkte eruierten. Mit der Vertreibung der Juden und später der ebenso verfolgten Protestanten verfielen die Gold- und Silborbergwerke im 16. und 17. Jahrhundert und die „Perkhwerche“ klagen, daß sie Stillstehen müssen, weil keine Händler mehr erscheinen, um die edlen Produkte aufzukaufen. Zahlreiche Überreste erinnern noch heute in jenen Gegenden an das ehemalige Vorhandensein von Juden, so ein „Judenhof“, eine „Judenpalfe“ (= Judenfeisen) und so manche Volkssage. In der späteren Zeit werden die Juden, wie überall, infolge der Konzilbeschlüsse ganz auf das Geld verleihen gedrängt; wir erfahren aus Urkunden, wie unsicher oft diese Geschäfte waren. Mancher Edelmann war gezwungen, wie uns dies besonders vom Friesacher Turnier des Jahres 1224 berichtet wird, bei Juden seine Rüstung zu verpfänden. In besonderen Handelsbeziehungen standen die Kärntner Juden mit Triest, das ein wichtiges Handelszentrum war, von hier aus suchten sie oft sich die Handelswege vor Überfällen so mancher „Ritter“ zu sichern. So gibt im Jahre 1236 der Kärntner Judo Daniel David dem Trie ster Bischof und Domkapitel sowie der Stadt Triest ein Darlehen von 500 Mark, um sich gegen die Kriegsvölker Herzog Bern- Ein wundervoll erhaltener Grabstein aus dem Jahre 1361 (unlängst gefunden beim Umbau dor Olsabrücke nächst Judendorf bei Friesach) Z)4nke. an tnaKQ&n — Pension ic&iUjt vjok L b«l BtruriunlShlql>«l* IMVAIIDITATJ.HINTER t. für «In sorglo««« Aller ALTERS-REHTEH S. Im Ablabanifatt« HINTCRBLIIBENEM.RENTEN "ALLGEMEINE.VERilCHERUNCSA.-G. f\. PENSIONS-VEREIN WIEN,. I., JCHELLINGGASSE1 liards und andere „Räuber“ vom Karst mit Erfolg verteidigen zu können. Die Juden waren infolge der zu entrichtenden Judensteuer eine nicht unwichtige Einnahmsquelle; eine aus dem Jahre 1399 datierto Urkunde berichtet, daß Bischof Albert von Bamberg die beiden Juden Jakob und Eifilein in Villach aufnimmt, wogegen ihm erster er 20, letzterer 10 fl. jährlich zahlte. Natürlich waren sie ihren Grundurid Landeßherren fast leibeigen und durften gegen deren Willen ihren Wohnsitz nicht ändern. Ein aus dem Jahre 1334 urkundlich erhaltener Vertrag zwischen Bischof Werntho von Bamberg und den Gebrüdern Auffenstcin besagt: Friedrich von A uff enstein solle zwei Juden, welche von Villach aus in sein Gebiet übersiedelt waren, wieder mit all den ihrigen zurückstellen; doch versprach ihnen der Bischof völlige Straf losig-: keit, weil er sie aus finanziellen Gründen benötigte. Durch eine Anzahl anderer Urkunden erfahren wir von der Existenz und Beschäftigungsart der damaligen Judenheifc, Kärntens, so aus einer Stadtverordnung der Gemeinde St. Veit a. d. Glan aus den Jahren . 1308 und 1338, die sich eingehend mit den-. Juden und ihren „Rechten“ beschäftigt. CSW Die Inschrift lautet: Dieser Grabstein wurde auf gerichtet zu Häupten des Sab bat ai, des Hier wurde bestattet ein zu jederzeit frommer in Ungarn üblichen Farnes (Vorstehers) im und gläubiger Mann (namens M ordechai), (Jahre) 4890 nach der Schöpfung. Er gab seine Sohn des Mäzens Abraham am flasch Chodesch Seele hin zur Ehre des göttlichen Namens. Tebeth des Jahres 5121 nach der Zeitrechnung. Alle seine Tage war er fromm, gerecht und Seine Seele sei gebunden im Bunde, des Lebens \ gottesfiirchlig. (TNZBll). dU AyimotU Der orthodoxe Rabbinerverband Amerikas (Union of Orthodox Robbies in the United States and Canada) hat auf einer in New York abgehaltenen K o nf er enz einen Beschluß gefaßt, durch den die kürzlich von der Rabbinical Assembly abgenommene Resolution, betreffend die Wiederverheiratung v erlassener Frauen (Agunot/i), schärfstem abgelehnt wird. Durch die Reform der jüdischen Scheidungsgesetze soll die Wiederverheiratung der „Agunah“, der verlassenen Gattin, die nicht in der Lage ist, einen den Rdigionsgesetzen entsprechenden Scheidungsbrief zu erlangen, dadurch ermöglicht, werden, daß der Bräutigam vor der Ehe eine Erklärung zu unterzeichnen hätte, derzufotge seine künftige Frau des Ehemannes ledig sein soll, falls ihr Gatte drei Jahre la n g nicht für ihren Unterhalt sorgt oder drei Jahre lang verschollen bleibt. Demgegenüber steht der orthodoxe Rabbiner verband auf dom Standpunkt, daß nach dem gellenden jüdischen Gesetz eine Ehe n i cht i n Abwesenheit des Gallen g c s c hieden werden kann, auch besieht nicht die T o d c s v e r in ut u u g ausschließlich aus dem Grunde längerer Abwesenheit. Die Konferenz der orthodoxen Rabbiner hat, beschlossen, daß auf Grund der vom Rabbinical Assemblg cingeführlen Neuerung durchgeführte Scheidungen als u n gültig anzuseken sind, und, daß gegen Rabbiner, die bei cler Wieder Verheiratung von Agunoth auf Grund dieser Reform initwirkcn, der Bann verhängt werden soll. Die Rabbinical Assembly umfaßt jene amerikanischen Rabbiner, die der dort sogenannten k o u s e r e a t [ v e n R i c h t u n g angehören und eine Mittelstellung zwischen Orthodoxie und Rcformjudenlum (Liberal Judaism) einnehmen. Sie sind Graduierte des von Dr. Cyrus Adler geleiteten Jcwish Theologiaal Seininnrg. Nach dem von der llabbinic.nl Assembly gefaßten Beschluß betreffend die Reform der Scheidungsgesetze, hat die Präsidentin des Wellverbaudes jüdischer Frauen, Rebekka Ko hui, an die Rabbinerkonferenz ein Schreiben gerichtet, in dem sie ihr den Dank dafür ausspricht, daß sie jüdischen Frauen, die. die standesamtliche Scheidung erlangten, die WiederVerheiratung auch durch religiöse Trauung ermöglicht haben. 8999999951

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