Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 456 (7.6.1935)
- Date
- 1935-06-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 498 — 1. Juni 1935 Dil STIMME Seite 9 SCHEWUOTH-BEILAGE ZcutzgMOHQ. Die Gier nach unserem Blut und unserer Ehre Hegt sich mit unverwandelter Gewalt, Wir wußten, daß sie ewig vnederkehre, Wir haben viel gcseh'n — wir sind so alt. Jerusalem — die Königin Bericht einer Palästmareise III. Der das Gesetz uns gab aus Sinas Wolke, Er rettete uns aus des Feindes Hand, Der uns geweiht zu dem erwählten Volke, Er wollte unsren ehernen Bestand. Entrissen hat er uns den Pharaonen, Vor seinem Winke teilte sich das Meer, Er ließ uns auf der eignen Scholle wohnen, Und schlug mit Schrecken das Philister he er. Er gab uns Pichler, Hohepriester, Seher, Die unsrer Sendung Rätsel tief erspürt, Er gab uns David, Saul, die Makkabäer, Und noch Bar-Kochba, der die Glut geschürt. Durch das entfesselte Barbarentoben Ging unser unbeirrter Wanderschritt, Wir sind im Dunkel des Exils zerstoben, Und nahmen das Messiashoffen mit. Doch Babylon und die Assyrerschaaren Und Pom, vor dem der Erdkreis einst gebebt, Zu dessen Thron wir arme Stufen waren, Sie alle sind versunken — Juda lebt! ln den Jahrhunderten der Marterleiden Sahn wir die Mächtigsten vor uns vergehn, Wir werden auch das Reich der neuen Heiden Und seinen Führer trotzig überstehn. Oskar Bandiener. SeUewuslU Unverlierbar schöne Tage! Wölkchen schwammen, licht und; Kinder streuten grüne Zweige, ' Uth die Eltern froh geschart. Und sie feierten, verzaubert, Ländlich frommes Ahnenfest. Strahlumwoben und vcrfrühlingl Freute sich das Ghettonest. Die Erinnerung an Sagen Und an Iml'ges Bibelwort Hat die Seelen hingetragen, Wo am Sinai, rauchumflort, Hoch auf ragend in den Himmel, Moses riesig stieg empor Und aus Sphären Gottes Stimme Tönte an des Führers Ohr. Die erhabnen Zehngebote, ln die Tafeln eingebrannt, 1 Wiesen Weg und Ziel dem Volke, Heiligten verheiß'nes Land! Erstlinge mit Hossianah Trugen nach Jerusalem SeVge Ahnen, wo der Tempel Strahlte wie ein Diadem. Jahre und Geschlechter schwanden, Feind, Belagerung, Kriegsgeschrei. Tapfer kämpften unsre Väter, Um nur frei zu bleiben, frei. Mußten endlich doch erliegen Allzugroßer Übermacht, Und es fiel mit Wolkenzügen Auf das Land Verzweiflungsnacht. Doch es rettete aus Trümmern Heldenrest die HeiVge Schrift. Gott im Herzen, Zukunftsglaube Blieben Bundes Stern und Stift, Ist das Volk auch über Länder Wie der Sand im Wind zerstreut, Seelisch einigt es die Sehnsucht Nach dem Land, das sich erneut. Kommt ihr wieder, schöne Tage? Grüßt die Jugend euch mit Grün Und mit Sang und Tanz und Blumen, , Die auf eignen Feldern blühn? I Unverlierbar schöne Tage! ' Blaue Wölkchen, licht und zart! Grün gestreut auf Friedenspfade! — Wird das Traumglück Gegenwart? Marek Scberlag Vom Dr. Jakob Mosemthal Jerusalem, im Mai 1935. Ist Haifa dks mächtige, international schillernde Hafenstadt, Tel-Aviv ein brausendes, lebonsgieriges, arbeitehämm e rnd e s Menschen- und Häusenneer, ißt Haifa der Nerv, Tel-Aviv so etwas wie der Pulsschlag, das heiße, vibrierende Herz,, so ist Jerulem das Hirn, der Kopf Erez Israels. Ißt Haifa — ein zweites Neapel, Tel-Aviv — ein jüdisches Nizza, so ißt Jerusalem die Stadt, die ihresgleichen in der Welt nicht hat, die Stadt, die mau über alles im der Welt anbeten und Lieben muß. Jerusalem. — das ist die Königin der Städte. Sie ist stolz und überlegen, unnahbar und erhaben. Sie trägt das Gesicht von Jahrtausenden, Geschichte der Menschheit furchte ihr Antlitz. Aber sie strahlt einen seltsamen Glanz sich erneuernder Jugend aus, sie kündet über die Schluchten des Kidrontales, über die Mauern enger, winkliger Gäßchem, über die Bogen schattendunikler Basare, über die acht Tore ihrer alten Stadtmauer, über Minarette und Moscheen und Kirchentürme, über de’7 luftlosem, sonnen verschlossenen, im dunklen Mauer,gewölb sich eingraib enden Behausungen armer buchariseher und kurdistanischer, kaukasischer und jemeniseber Juden, starke, sichtbare, vom Sonnenweiß und Himmelblau gezeichnete Linien vom stolzen Höhenflug des werdenden Neu-Judäas. Am Eingang Jerusalems steht die schweigende Welt der judäischen Berge. In der Entfernung von kaum zwei Stunden Autofahrt erleben wir die Unterschiede von Felßemgebirge und smaragdgrünen Wiesenflächen, Steingeröll und goldgelben Getreidefeldern, vom verkarsteten, öden, hie und da nur durch spärliche Oliventbäume vom Leben zeugenden Abhängen, von sanftem, in sich ruhendem Tal mit dem weiten überkuppelnden Dach grüner Matten und Flächen, grauen, in die Höhe ragenden Felsen und in das Blau des Himmels hineinragenden Borgkämmen. Erez Israel ist das Land der Kontraste. Ein Land, von der Größe und Ausdehnung etwa eines vierten Teiles des heutigen Österreichs, besitzt es die Bodenarten und die klimatischen Verhältnisse eines ganzen Kontinents. All diese Kontraste erlebt man in der kaum anthaibstündiigen Autofahrt von Tel- Aviv nach Jerusalem. Durch die breite, von schönen Palmen, die einst Kernal Pascha vom Boden des Rothschild-Boulevards in Tel-Aviv entwurzelt hat, gezierte King Goorge-Avenue in Jaffa gleitet zwischen Orangengärten auf prächtig asphaltierter, im Licht der Frühlingssomne blaugleißenden Chaussee das Auto. Bald grüßen die ersten Eukalyptusbäume, ein großes Gittertor zu unserer Rechten kündet die Einfahrt zum ersten, noch unter ottomanisolier Herrschaft von Charles Netter im Aufträge der Alliance Israelite im Jahre 1878 gegründeten jüdischen landwirtschaftlichen Schule „Mikweh- Israel“. Wir lassen jetzt rechts die Straße, die nach Rishon le Zion, Nes-Ziona, Reehowoth und den anderen Siedlungen der Schefela-Ebene führt. Bald ist das arabische Ramleh erreicht. Die Ebene ist reich an Getreidefeldern und Fruchtgärten. Dattelpalmen, Orangen- und Aprikosenbäume beherrschen und beleben das landschaftliche Bild dieses fruchtbaren Abschnittes. Unfaßbar erscheint der Übergang von saftigem Grün ebener Flächen zum öden Grau der Berge Judäas. Über der weiten fruchtbaren Ebene westwärts erheben sich die saftgrünen Diineriberge des Mittelmeeres. Noch liegen die Berge Judäas, von zartem Dunstschleier umhüllt, in weiter Ferne, doch bald werden wir gewahr, daß es das Auge ist, das sich getäuscht hat. La Tran, die französische Klosterfarm ist die nächste Station. Zahlreiche, von Kuppeln überwölbte Steingräber liegen hart an der Fahrstraße. Bald haben wir hinter uns das sanfte Hügelland der Schefela-Ebene und nähern uns der majestätischen Gcbirgsvvelt Judäas. In langsamen, schlangenartig sich windenden Serpentinen steigt die Chaussee jetzt immer höher an. An den von der Regierung ausgeforsteten Bergen vorbei, dort, wo jetzt die Rohre der Wasserleitung nach Jerusalem gelegt und die Steinbrüche hiezu gesprengt werden. Das tiefe Schweigen jeglichen Lebens in diesem treppe-narbigen palästinensischen Karstgebinge, diese unendliche Weite der kahlen Welt, unterbrochen durch winzige, wie Spieizeugsohachteln hineingemeißelte, flache, braune Lehm- und Steinhätischen arabischer Dörfer und einzelne Olivenbäume, erscheinen so als natürliche Stimmimgsvorbereiter unseres Gemütes auf das einmalige Erleben Jerusalems. Aber auch aus dem grauen verkarsteten Gewölk judäisoher Steinbrüche ragt es wie leuchtendes Symbol schöpferischer, a.ufscihließender jüdischer Pionierarbeit. Schon sehen wir grüne Zypressen in das Grau hinein wachsen, die ersten weißen, schmucken Häuserlinien, das Kinderheim, die Schule, die Wahrzeichen einer jeden jüdischen Siedlung, am Eingang einer noch schmalen Zufahrtsstraße leuchten, von Frühlingssonne liebevoll umkost, die hebräischen Lettern „Kirjath Anawim“ — die erste jüdische Bergsiedlung. Immer höher windet sich die Serpentine. An einer einsamen Anhöhe wird ein arabisches Schloß, einem mittelalterlichen Kastell gleich, von drei Seiten unzugänglich, sichtbar, aus der Mitte des Pinienwäldchens ragt das schöne Arbeitersanatorium „Arsa“, nach der Stelle benannt, wo Theodor Herzl einst seino berühmte Zypresse gepflanzt, die während des Weltkrieges von Frevlerhand entwurzelt wurde. Nicht weit von hier liegt die jüdische Siedlung „Moza“. Das malerisch gelegene Araberdorf Li.fta weckt wehmütige Erinnerungen — es hat in den furchtbaren Überfällen im Jahre 1929 eine große Rolle gespielt... Heute erscheint es wie ein böser Traum, daß hier inmitten dieser schweigenden, aber Frieden ausströmenden, Frieden kündenden Landschaft arbeitende Menschen von arbeitenden Nachbarn jäh überfallen und hingestreokt werden konnten ... Man erschauert vor diesem Gedanken, noch mehr vor der historischen Realität der wirklichen Geschehnisse und Bewunderung, nein, Ergriffenheit ist es, die jenen, ach so vereinzelten, ach noch so winzigen jüdischen Stützpunkten in dieser ernsten, harten, schweigenden Gebirgswelt entgegenschlägt. Doch nur minutenlang hängen die Gedanken dem Gestern nach. Die ersten Zeichen, die ersten Häuser Jerusalems werden sichtbar. Seltsam bewegt, erregt, ergriffen, gespannt von dem das Hirn wie Schienenstränge eines frequentierten Eisenbahnnetzes kreuzenden Gedanken nähern wir uns, die letzten Kurven kühnstgeschwungener Serpentinen hinter uns, der Einfahrt in die Stadt Jerusalem, die soeben — e§ ist Spätnachmittag des Vorabends der zweiten Pessachfeiertage — die Vorbereitungen für die Festtage trifft. Ein abendilioher Spaziergang vermittelt die ersten berauschenden Impressionen voim Jerusalemer schwarz-blauen Naohfchimmel und seinen Miriaden von Sternen. Eine seltsame Ruhe, die Ruhe von Jahrtausenden,' 'ist über dieser Stadt und ihren Häusern gelagert. Die Jaffastraße, die Hauptverkehrsstraße der Neustadt mit ihren zahlreichen Kaffees, Hotels, Restaurants und der Zion- Hall mit dem Großstadtkino ist von Menschen, vorwiegend jungen Mädchen und Burschen, erfüllt. In der modernen Ben- Jehuda-Straße ertönen aus dem freundlich hell beleuchteten Riesenspeisesaal jüdischer Arbeiter aus jugendlichen Kehlen hebräische Lieder, draußen auf der Straße wogt wieder eine Welle junger Menschen, die am Vorabend aus den Ivwuzoth und Kolonien für die Weekend-Feiertage in die Hauptstadt gekommen sind. Sie formieren sich bald zw einer einzigen Kette, die von einem Ende zum anderen Ende der breiten Straße reicht. Singend, fröhlich marschieren sie durch den Jerusalemer Pessachahcnd. So schlendert man durch das bekannte, unbekannte Jerusalem, von den seltsamsten ■Empfindungen bewegt, die breite Straße der Goorge-Avenue entlang, durchschreitet nochmals die Jalfastraße, an der Post vorbei. Zur Linken heben sich Silhouetten ab, die Linien der Mauer, die die Altstadt umschließt. Unmerklich gerät man von der Neustadt zum neuesten Viertel Jerusalems, wo sich das fashionahle King-David-Ilolol erhebt, dem gegenüber das Gebäude mit seiner wie Zuckerrohr in den Himmel ragenden Kuppel des Yman steht. Bald sind wir bei der Eingangspforte zum modernen, sich in rapidem Tempo entwickelnden neuen jüdischen Wohnviertel Heehaviah angelangt. Hier erhebt sieli festgemauert in der Erde, der in seiner Einfachheit überwältigend wirkende, grandiose, Kraft und Stolz und Würde kündende Bau der Jewish Agency mit all ihren zentralen Büros. Vom Dach dieses in die Landschaft so prä eh (lg hin eingestellten Halbkreises gewinnt man wohl einen der erhabensten Ausblicke auf das Das ww Q&tiudG der. Je.mh Agency 'i - 'A", _