Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 454 (31.5.1935)
- Date
- 1935-05-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE STIMME Nr. 151. — 31. Mai 1035. Elchanan Chefez I Aus Jerusalem dringt eine Hiobspost zu uns. Einer der besten Olim, welche der Wiener Zionismus je gestellt, Elchanan C h e { e z, ist nicht mehr. Vor elf Jahren hat er mit Familie Wien verlassen, um nach dem Land seiner Sehnsucht zu ziehen. Hieher, nach Wien, war er in jungen Jahren au« Jekaterinoslaw gekommen, auf der Flucht vor dem Zarismus, gegen dessen Pogromwüten sich Chefez als Mitglied der jüdischen Selbstwehr hervorgetan hatte. In Wien lebte er seinem Beruf als Meister der Buchbinderkunst und stellte diese schon damals in den Dienst der zionistischen Propaganda. So stammt die prächtige Vitrine, womit der Herzl-Klub bis zur Stunde für den KKL sammelt, aus seiner Hand. Seine Spezial Werkzeuge und -materialien führte Chefez mit nach Erez, um es durch seine Kunst verklären zu helfen; doch bei der Landung in Jaffa sank die Kiste im Sturm auf den Meeresgrund und er stand als Bettler da. Auch sonst traf ihn ein Schicksalsschlag nach dem andern. Er selbst war schwer lungenkrank und körperlich hinfällig. Zuletzt starb ihm seine geliebte Tochter, doch nie wurde er irre an der Zukunft des Jischuw und an der eigenen Berufung, dabei mitzuhelfen. Vormals Poale- Zionist, hatte er sich von den immer vordringlicheren Methoden des Klassenkampfes völlig abgewandt. Nach schweren und schwersten Jahren der Not und Entbehrung begann er sich flurchzusetzen. Seine kunstgewerblichen Arbeiten wurden vielfach begehrt und auch der Keren Kajemeth betraute ihn damit, die letzten beiden Ausgaben des Golden-Buches einzubindeu; so entstand ein Werk, das allen Besuchern des Zionistischen Amtshauses von nah und fern als Sehenswürdigkeit gilt. Wie beglückt war Chefez, als ihm kürzlich in der Jerusalemer Vorstadtsiedlung Makor Chajim eine KKL- Parzelle zugewiesen wurde, wo er seine Werkstatt zu erbauen dachte. Und nun hat ihn, den 58jährigen, eine tückische Grippe dahingerafft! Er läßt seine Frau, welche ihm in Leid und Not stets treu zur Seite gestanden, und drei Kinder zurück, von denen der jugendliche Sohn die Begabung und die Geschicklichkeit des Vaters vererbt erhielt. Aber nicht nur in Erez, sondern auch bei uns in Wien soll der Name dieses Braven in Ehren erhalten bleiben! Michael. Scholem Alejehem: Marienbad Im R.-Löwit-Verlag ist Scholem Alejchems köstliches Buch ..Marienbad, kein Roman, sondern eine sehr verwikkelte Geschichte, die zwischen Warschau und Marienbad spielt, in 49 Briefen und 47 Telegramm e n“ in 2. Auflage erschienen. Wieder bewundern wir die Gestaltungskraft Scholem Alejchems und «einen sonnigen Humor, der anscheinend unseren zeitgenössischen jüdischen Schriftfitellern gänzlich zu fehlen scheint. Scholem Alejchem versteht es, seine Gestalten plastisch vor uns erstehen zu lassen, eein ^titz ist so unübertrefflich wie seine Schilderungen des jüdischen Milieus. Gerade in unserer trostlosen Zeit wirkt die Lektüre dieses Buche« w’ohltuend auf Herz und Gemüt. Übersetzungen bringen immer die Gefahr Soeben erschienen als 6. und 7. Tausend! Ausgabe zu ermäßigtem Preise ,Schicksalsstunden eines Führers' Von Z. F. HnkelHleln. Stimmen der Presse: Es sind keine Bilder, sondern ekstatische Visionen. ‘ Prachtvolle und tiefgründige Blitzlichter aut dem heroischen und tragischen Wege Herzls. (Nowy Dziennik, Krakau). Ich halte das Buch für eine der tiefsten Analysen, die je über Herzl geschiieben wurden. Die zionistische Literatur darf den Verfasser zu diesem Meisterwerk beglückwünschen. (The New Palatine, New York). Nur noch bei Stefan Zweig, diesem Meister der Seelenmalerei, begegnen wir einer ähnlich fesselnden, leuchtenden Oestaitungtskraft. 1 (Dr. Jakob Rotenthal, .Der Wiener Tag"). Erschütternde und aufwühlende Erlebnisse im Rahmen eines Buches. {.Neue Freie Freue“, Prof. Dr. Bach). Die „Schicksalstundcn“ sind ein dichterisches Kunstwerk ersten Ranges und da es Finkeistein schuf, bekundete er, daß er zur liteiarischen Meisterschaft schreitet. (Dr. Th. Weiuelberger, .Onjiidiiche Zeitung*, Rumänien.) Dieses Werk wurde bereits ln einige Weltsprachen übersetzt. Preis eines gebundenen Exemplares 8 3*—, Ganzleinen 8 4*—. Zu beziehen durch den Sawilra-Verlag, Wien, l., Wipplingerstraße 11. mit sich, daß dadurch das nationale Kolorit dop Werkes leidet. Siegfried Schmitz ist es gelungen, eine ausgezeichnete Übersetzung au« dem Jiddischen zu liefern. Seine souveräne Beherrschung der Spracho läßt nichts von der Naturfrische des Buches und von dem unvergleichlichen Humor Scholem Alejchems verlorengehen. Man kann dieses witzige und dabei tiefsinnige Buch nur mit Vergnügen lesen. Segen der Arbeit Erster Eindruck des „Awodah^Fitms von Max Br o d (Prag) Ets ist dem Zionistischen Lau de« verband gelungen, das Welt-Uraufführungsrecht des ersten Palästina-Tonfilms „Awodah“ für Wien zu erwerben. Der Film wird in der ersten Junihälfte in Wien laufen. Ich spreche vom ersten Eindruck. Ich habe den Film erst einmal gesehen, ich werde ihn noch oft und oft vor meinen entzückten Augen ablaufen lassen. Doch nur in der Liebe ist der erste Eindruck meist wenig entscheidend. „Who ever loved, who loved not at first sight!“ Gegen diesen Satz Shakespeares hätte ich manches zu sagen; doch genug, für den „Awodah“-Film stimmt er. Wie begann es? Ein Beinpaar wandert. Alte, aber feste Stiefel, widerstandsfähige Wickelgamaschen. Längs einer Bahnstrecke durch die Schienen Schotter, über eine Landstraße, über riesige Straßenpflaster einer Stadt und über Asphalt hin, bergauf über Steine und durch Morast, vor Hütten und Häuser, vor eine verschlossene Gittertüre, unermüdlich, unermüdlich. Ein Beinpaar müht sich. Und man iveiß sofort, ohne Schrift (ich sah den Film noch völlig unbeschriftet): es ist Ahasver, der wandert. Man sieht nicht die konventionelle Gestalt mit langem Bart, Hakennase, eingefallenen Augen. Man sieht nur zwei Stiefel, zwei Waden in schrittweiser, fast automatisch gleichmäßiger Bewegung. Das ganze Judenvolk wandert. Die Heimatlosigkeit von Millionen Menschen und vielen Jahrhunderten liegt in dem sehnigen, starken und letzten Endes doch ziellosen Schritt zweier Beine. Wie es der Zauberphotograph L ers k i zustande bringt, einen einfachen optischen Tatbestand mit so tiefer, symbolhafter Spannung zu laden, ohne der Wirklichkeit auch nur im mindesten Gewalt anzutun: das ist sein Geheimnis. Man erlebt es so unmittelbar, so natürlich, daß man nicht einmal seines eigenen Schauens bewußt wird. Man nimmt es als ganz selbstverständlich hin. Erst nachher, wenn man das Kino verlassen hat, ist es ein Wunder gewesen. Gerade diese Unmerklichkeit (Photographie ■ ein Volkslied! möchte man sagen) ist das spezifische Wunder Lerskis. Wir begegnen ihm in diesem Film an mehr als einem Höhepunkt. Der Wanderer rastet. Wir gönnen den armen, glühenden Füßen kühles Eintauchen in ein Bächlein. Doch weiter, weiter, der Weg ist lang. Ein Weg ohne Ende? Fast möchte man es glauben. Der Marschrhythmus der Begleitmusik ist bei aller Energie dumpf, peitschend, wie ohne Hoffnung. Da — ein Schranken, eine Zollbarriere. Und jetzt erst geht die Kamera hoch. Wir verlassen den tierhaften niederen Blick auf Boden, Erde, Pflaster — tvir gewahren einen schlanken, jungen Menschen, jetzt sein helles Gesicht voll Freude, voll Begeisterung. Eine Fahne flattert am Zollhaus, ein Beamter läßt den Schranken hoch „Palestine“, sagt die Fahne. Ahasver tritt ein, betritt sein Heimatland. Ahasver am Ziel! Und sofort kommt neues Leben in die Beine, die bei all ihrer betonten Unermüdlichkeit so müde waren. Jetzt regen sie sich leicht und frei, das Tempo wird gelöst, freudig. Ahasver ist ein junger Palästinapionier, ein Chaluz geworden, jeder Schritt sagt: Ich bin daheim, ich nehme mein eigenes Land in Besitz. Herrliche Landschaften fliegen vorbei, Serpentine, Fels, Fruchtebene, Zelte. „Wie schön sind deine Zelter Bald aber mahnen ernste Bilder der Arbeit: Ericirb es, um es zu besitzen! Von hier an ist eine Strecke weit meine Erinnerung ein wenig wirr. Ich habe ja, wie gesagt, den Film erst ein einzigesmal gesehen. Das ist sehr wenig, einer solchen Fülle von Eindrücken gegenüber. Ich erinnere mich nur an eine moderne Schottermaschine, Asphaltierungsarbeit, an Kamele an der Tränke, an ein Schöpfrad primitiver Konstruktion. Die arabische Arbeit wird in diesem Film (und das gehört zu seinen schönsten Zügen) als notwendiges Beistück des Aufbaus gezeigt. Das Ausladen von Röhren im Jaffaer Hafen, die kurze Gebetsepisode des Mohammedaners, die Mühe des Fellachen um seinen Boden — all das ist fern von Tendenz, ist mit wahrem Respekt vor den arabischen Landesgenossen gesehen, deren Anteil an dem gemeinsamen Werk nicht geschmälert werden darf. Das jüdische Volk, dem soviel weltgeschichtliches Unrecht zugefügt wurde, heute wiederum zugefügt wird, gibt in diesem Film ein schönes Beispiel gerechter Schätzung der Nachbarn. Ich beuge mich tief zur Erde vor der echten, phrasenlosen Menschlichkeit, die eine ganze Reihe von Szenen des „Aioodah“-Films überglänzt. Die Arbeit ist tüchtig im Gang, ein lustiges Hämmern, Sägen, Feilen. Und eine richtig übermütige Musik hat Paul Dessau zu einigen Bildern geschrieben — wie sich die Räder einer Maschine im Walzertakt drehen, wie die Ziegelsteine im Glissando durch die Luft fliegen und sich gleich in die richtige Lücke des Mauerwerkes einfügen: das ist schlechthin unvergeßlich. Die Musik Dessaus mit ihren heißblütigen Rhythmen, ihrem Ostinato, das zu gelegener Zeit einem prächtig hervorsprudelnden Melodienbilndel Raum g-ibt, mit ihrer vornehmen, niemals plakatierenden Verwendung palästinensischer Volksweisen, ihrer ganz persönlichen, großen Leidenschaft — ist eine edle Schöpfung, kompromißloses Kunstwerk; genau so wie auf optischem Gebiet Lerskis unsentimentale, durch keine Rücksicht auf irgend welche „Spielfilmhandlung“ gebrochene Photographie. Man darf der Produktion Boroschek, die mit diesem Film ihre Arbeit verheißungsvoll eröffnet, zu zwei so vollkommenen Mitarbeitern gratulieren. Die Arbeit, die Arbeit, gehen wir weiter in unserer Szenenfolge. Die Arbeit wird von starken Herzen, klaren Charakteren, hellen Köpfen vorwärtsgetrieben. Ahasver erlebt seine Freude an solchen Werkleuten. Nur eines versagt sich: Wasser. Sieht man den klappernden Leiterwagen mit seiner Wassertonne die staubige Bergstraße hinankriechen, so spürt man in diesem mehrmals wiederkehrenden Bild den ganzen Jammer der Dürre, die unersetzliche Kostbarkeit der belebenden Quellen. Und man versteht das uralte Bibellied von dem Brunnen, den die „Fürsten des Volkes“ mit ihrem. „Führerstab“ begraben haben. Ohne Wasser kein Gedeihen, die Hand sinkt, alles heroische Mühen war vergeblich. Von hier an konzentriert sich nun der Film zum Drama der Brunnengrabung. Zweimal wird angesetzt. Zuerst erleben wir eine Bohrung, die mißlingt. Die Musik (dumpfer Männerchor, Kettengerassel) erreicht hier einen Höhepunkt, richtiger Tiefpunkt suggestiver Stimmung. Das ganze Lager muß abgebrochen werden. Wie nun die Baracken, von denen aus man wohl wochenlang täglich ans Abenteuer der Wassergewinnung gegangen ist, . die der kleinen Schar wagemutiger CJnluzim Dein Plato ist bei uns und nicht hei denen, die in dir den Klassenfeind sehen. Wühle JUIgemein-Zionistiseh! chic liebe SfäUc der Hoffnung geworden sind - wir nun diese Baracken verlassen, zerstört a-erden müssen: das greift ans Herz, wir nur je ein Abschied, von Liebenden oder von Mutter und. Kind. Ein kleines Detail hat mich besonders gerührt: der Griff nach der Weckuhr, die bei der Übersiedlung vom Wandbrett genommen, in den Koffer gepackt wird. Siehe, wir Pioniere haben keine überflüssigen Geräte — was unser ist, dient der Arbeit, der harten Arbeit, wie solch eine unbarmherzige Weckuhr —■, aber wie gern würden wir hart und ohne Rücksicht auf uns Weiterarbeiten, bestünde nur ein wenig Aussicht, daß wir ans 'Ziel gelangen. Nun aber packen wir die Weckuhr ein, die uns jeden Morgen zur Arbeit rief — wir müssen das Bohrloch vernageln, rühmlos ziehen wir ab, einer drückenden, ungewissen Zukunft unserer Gruppe entgegen. Stumm, verzweifelt ... Neuer Arbeitselan springt, aus unseren Büchern, den treuesten Helfern in unseren Nöten. Diese Köpfe, die sich an Lektüre entflammen, bleiben im Gedächtnis — als Trost für dunkle Stunden. Und neue Bohrung. Bis ans Mark der Erde, die endlich das ersehnte Wasser gewährt. Plötzlich flutet es unaufhaltsam hervor. Die ganze Kolonie stürmt heran: man hat Wasser, Wasser gefunden. Frauen, Kinder! Tänze! Das Wasser durchströmt versengte Steppen, schließt die Risse der durstigen Erde, spielt um Menschen- und Tierleiber, erquickt, reinigt, schießt als Kaskade über den Fels, breitet sich zu Fluß und See. Ein Loblied, ein Psalm erklingt in Frauenchören, Blumen und Früchte reihen sich zu unermeßlichem Glück. Man erlebt den Schlußteil des Films als einen Rausch von Wasser, geradezu als Wasserorgie, man vergißt Zeit und Raum und fühlt sich dem ehrwürdigen Element preisgegeben, dem all unser Leben entstammt. Die Weltschöpfung aus dem Wasser — die Erneuerung des ermüdeten Seins aus. quellendem, gütigem Naturüberfluß — man wird es gerade in unserer kargen Zeit nickt gering anschlagen, an dergleichen in Ausnahmsminuten eines hohen Kunstwerks teilhaben zu dürfen. MOSES RATH’S Lehrbuch der hebräischen Sprache S,£S'. unterricht mit Schlüssel und Wörterverzeichnis mit deutscher, polnischer, ungarischer, rumänischer oder englischer Unterrichtssprache. Einzige Methode zur vollständigen Erlernung der Hebräischen Sprache ln Wort und Schritt auch ohne Lehrer. Der Preis dieses gut ausgestatteten, 100 Seiten starken Lehrbuches beträgt nur S 3-60, der englischen Ausgabe Dollar V—. Buchhändler, Schulen, Organisationen und Lehrer erhalten einen hohen Rabatt. Zu beziehen bei M. RATH, Verlag Wien, II., Taborstraße 29 a Eine Viertelmillion Pfund für jüdische Wohlfahrtsz wecke hinter* lassen Der in Algiers verstorbene Londoner Jude Henry Eskell David hat in seinem Testament verfügt, daß von seinem 427.384 Pfund Sterling betragenden Vermögen mehr als eine Viertelmillion Pfund jüdischen charitativen Zwecken zugeführt werden. Je 2500 Pfund Sterling erhalten das Manchester Royal Infirmary und das Victoria Memorial Jevvish Hospital; 2500 Pfund Sterling erhält die jüdische Armenbehörde in Manchester. Der Rost wird zwischen der Anglo-Jewish Association und der Londoner Jüdischen Armenbehörde aufgeteilt; erstere soll 1500 Pfund Sterling jährlich für Ermöglichung des Studiums begabter jüdischer Studenten aus dem Irak in England ausgeben, letztere soll einen Ilenry-Eskell-David-Fonds für charitative Zwecke in London und Manchester errichten. Steintafizky’s Heuer Palästina - Führer Verfaßt von Sev Vilnay u. Dr. A. Bonne Enthält vier farbige, große Karten von Palästina, Jerusalem, Tel-Aviv und Haifa, sowie eine Eisenbahn- und Omnibuskarte mit Fahrplan. Außerdem 77 K a r t e n, Skizzen und Photos im Text. 648 Seiten stark. Preis gebunden 7 Mk oder 40 Frs Verlag: Steimatzky Publishing Co. Ltd. Jerusalem Zu beziehen durch die Administration der i,Stimme" gegen Voreinsendung des Betrages