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Die Stimme · 1935-05-21 · Heft 451 (21.5.1935) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 451 (21.5.1935)
Date
1935-05-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE STIMME Nr. 45t — 91. Mal 193» Charles de Ligne, ein christlicher Zionist des 18. Jahrhunderts Zur zweihundertsten Wiederkehr seines Geburtstages Von Alfred Werner Fiir den Zionisten bedeutet 1897 die Geburtestunde seiner Welt: denn in diesem Jahre fand zu Basel der erste Zionistenkongreß etatt-, wurde zum ersten Male das nationaljüdische Programm formuliert: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich geßichert,en Heimstätte in Palästina.“ Es ist aber nur wenigen bekannt, daß genau ein Jahrhundert vorher der in österreichischen Diensten stehende französische General Fürst de Ligne eine Denkschrift über die Juden verfaßt hatte, die demselben Streben Ausdruck gab. Ihr Verfasser, Carl Josef Fürst, von Ligne, vor der französischen Revolution erster Pair von Flandern, Pair, Marechal, Grand-Baillif und souveräner Offizier der Land- und Grafschaft Hennegau. Gouverneur von Mons, Pair von Namur und Artois, in der Folgezeit immerhin noch Grand von Spanien erster Klasse, k. k. geheimer Rat und Kämmerer, Ritter des Goldenen Vließes, Kommandeur deis militärischen Maria-Theresien-Ordene, k. k. Feldj marschall und Hauptmann der k. k. Trabanten-Leibgarde und Hofburgwache, Oberst und Inhaber des 30. Linien-Infanterie-Regimentes. wurde am 23. Mai 1735 in dem damals österreichischen Brüssel als Abkömmling eines uralten Adelegeschlechtes geboren, trat in die österreichische Armee ein, bekleidete späterhin zahlreiche diplomatische Ämter und ließ sich 1790 dauernd in Wien nieder, wo er sich auf dem Leopoldsberg ein Landhaus („ä l'abri des philosophes et des inondations“, geschützt vor Philosophen und Überschwemmungen) erbaute und am 13. Dezember 1814, zur Zeit des Kongresses, starb, allgemein betrauert von der Bevölkerung. De Ligne war nicht allein der „froheste Mensch seines Jahrhunderts“, wie Goethe ihn nannte, nicht nur ein bedeutender Feldherr, geschickter Diplomat und amüsanter Plauderer, sondern auch ein t i e f e r Denker, einer der geistreichsten und fruchtbarsten Schriftsteller seiner an Talenten wahrlich nicht armen Zeit. Allen Problemen seines Jahrhunderts offen, viel Zukünftiges vorausahnend, hatte er bereits als Sechsundzwanzigjähriger auf Veranlassung einer geistvollen Frau mit Idee und Gestalt des Judentums sich beschäftigt — seither benützte er, dem Vorurteil seiner Zeit trotzend, bis zu seinem Lebensende jede Gelegenheit, mit jüdischen Intellektuellen zusammenzukommen, aber auch jüdische Armut und Not zu studieren. Dieee Frau hieß Anna Konstanza Gräfin von Cosel. Sie war, wie Emst Köhler berichtet, im Jahre 1680 als Protestantin geboren, galt als eine der schönsten und geistvollsten Frauen ihrer Zeit und war die Geliebte Friedrich. Augusts II., der unter dem Namen August der Starke Kurfürst von Sachsen und König von Polen war. Dieses kurze Glück sollte sie mit jahrzehntelanger Gefangenschaft bezahlen. Da sie sich weigerte, ein Dokument henauszugeben, welches ihre und ihrer Kinder Anerkennung enthielt, wurde sie wegen Morclansohlages auf ihren königlichen Liebhaber auf Schloß Stolpen interniert. Hier vollzog sich in ihr eine religiöse Wandlung. Sie studierte und prüfte alle Religionen und verwarf alle außer einer: der jüdischen. Während draußen in der Welt Juden Vertreibung auf Judenvertreibung folgte, wurde eie in der Einsamkeit ihrer Gefangenschaft — Jüdin. | Voraus muß man denken/ i «di sichern — illllll I versichern! 1 t Phönix :mn'H ■; i Allgemeine Versfdherungs« iu;|j nli.illi iSiii'hii <3es*/ Wien/IX./ AJse«>plefs3 Sie forderte ihn auf, ebenfalls den jüdischen Glauben anzunehmen und schenkte ihm bei seinem letzten Besuch ihre Bibel. In dem langen Brief, den der Jüngling daraufhin der Einundachtzigjährigen schrieb, ist. eine Stelle besonders bemerkenswert: „Was die Religion betrifft, so würde ich den Abfall vom Christentum und das Bekennen zu Ihrem viel älteren Glauben dem Anblick einer von fünfzig oder sechzig : : Sekten Ungläubiger b^chmutzten Kirche vorziehen. Ma.n wird aber nicht so leicht in den Himmel aufgenommen, wie in den Malteser- oder Deutschherrn-Orden, wo es nur auf die Ahnenprobe ankommt.“ Die Gräfin etarb bald danach. Der Offizier betätigte sich erfolgreich in dieser kriegerischen Epoche. Aber in den Jahren 1780 bis 1795 nahm er auch die Gelegenheit wahr, sich intensiv mit der Judenfrage zu beschäftigen, da seine Feldzüge ihn durch Böhmen, Galizien und Polen führten. Er studierte eingehend die abnormale wirtschaftliche und soziale Lage der Juden und kam zu dem Ergebnis, daß dieser Zustand dem Staate keineswegs dienlich sein könne. Die Frucht dieser Studien und Überlegungen war seine Denkschrift, die er 1801 veröffentlichte (sie ist abgedruckt in dem Buch Viktor K 1 a r w i 11 s „Der Fürst von Ligne, Neue Briefe“, Wien 1924). Sie ist eine einzige Anklage gegen die christliche Gesellschaft wegen der schlechten Behandlung der Juden sowie eine Verteidigung des jüdischen Volkes. Er schlägt eine Lösung der Juden frage vor, die im Zeitalter der Assimilation, gekennzeichnet durch den Na.men David Friedländers, wohl abwegig erscheinen mußte, die aber in der Folge doch den Sieg über die freiwillige Selbstentäußerung davontragen sollte. Bei der herrschenden Abneigung gegen die Juden und der Unfähigkeit der Christen, sic aus ihrer jetzigen Situation zu befreien, sollten die in der Türkei lebenden Juden sieh bemühen, „beim Großherrn eigenen Einfluß zu gewinnen, der ihnen das Königreich Judäa wiederbrächte, wo sie sich gewiß besser verhalten würden als einst.“ Er ist überzeugt, daß die „gut erzogenen Juden“, die Bankiers, Kaufleute und jene bereits geadelten Juden, die in den europäischen Hauptstädten leben, auf Jerusalem verzichten und nur die „armen Teufel und die Schichte zwischen den Reichen und Armen“ nach Palästina auswandern würden. Aber durch die Auswanderung dieser Juden würden dann die in Europa zurückbleibenden nicht mehr schlecht behandelt werden, wenn auch Europa nach Ligne.s Ansicht durch die Auswanderung der Juden einen schweren Verlust erleiden würde. De Ligne schildert in seiner Denkschrift ausführlich die traurige Lage der Juden in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht und verspottet die Art, wie die einzelnen Völker auf eigene Faust die Judenfrage zu „lösen“ trachten: „Die Holländer haben es für das einfachste gehalten, sie (die Juden) zahlen zu lassen, die Italiener, sie zu quälen, die Spanier und Portugiesen, sie zu verbrennen.“ Er klagt die geistreichen Männer seines Jahrhunderts an: Da sie zu bequem seien, eine®, Blick auf die Juden &u werfen, scheine es ihnen nicht unziemlich, wenn die kleinen Jungen diese mit Kot oder Schnee bewerfeu — „den Jäger aber, der irgend ein schädliches oder unnützes Tier tötet, schelten sie grausam. Unsere empfindsamen Frauen jedoch, die den Anblick einer zertretenen Spinne oder eines verbrannten Schmetterlings nicht ertragen, ohne ohnmächtig zu werden, finden es ganz natürlich, einen ihrer Nächsten zu beschimpfen, weil er nicht so gekleidet ist wie ihr Nachbar.“ Dabei seien die Juden im Grunde genommen weder Diebe noch Mörder, ja nicht einma-l roh. Man gebe ihnen „einen Staat öden* einen guten Zufluchtsort, und sie werden aufhören, so zu sein, wie sie jetzt sind.“ Sehr modern ist seine Auffassung, daß eine Veränderung der Umwelt auch eine Veränderung des Menschen hervorrufe — womit er die „Milieutheorie“ Taines vorwegnimmt. Neben seinem Judenstaatsprojekt macht er daher praktische V o r s c h l ä g e für die Durchführung einer Judenreform in Europa. Man solle die Judenviertel neu bauen und mit fließenden Rinnsalen versehen. Man möge die Juden gut behandeln, denn man finde unter ihnen auch viele fleißige und anständige Menschen. „Wenn man sie zu glücklichen, geachteten Menschen macht, werden sie gutartig werden. Mit ihrer heutigen Kleidung und Erscheinung vermögen sie es nicht Auch das würde sich ändern, wenn man ihnen eine andere Tracht erlaubte.“ De Ligne ist Anhänger von Mischehen, da dadurch die Rassen verbessert würden. Er betont, daß die Juden nie betrunken, stets gehorsam, treue Untertanen ihres Fürsten und nicht jährzornig seien. Er hebt anerkennend ihre Solidarität., Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft hervor. Wenn man die Juden zu glücklichen, geachteten Menschen mache, dann würden sie sicherlich dem betreffenden Staat nur Nutzen bringen. Für uns aber ist am interessantesten die Stelle, wo Ligne eine utopistiißche Schilderung des neuerblühenden Palästina gibt, die an Herzls „A11 - N e u 1 a n d“ gemahnt. Die Juden würden dort „nach europäischer Art Künste, Gewerbe, Ackerbau und Handel zur Blüte bringen. Jerusalem, heute ein scheußliches Nest, dessen Anblick den armen Pilgern das Herz zerreißt, würde wieder eine prächtige Hauptstadt. Man würde den Tempel Salomonis dort wieder erbauen, wo Trümmer seine einstige Größe verkünden. Die Wässer des Wildhaches Credon könnten gefaßt und zur Reinigung der Stadt verwendet werden. Man würde den Garten Eden wiederfinden und mit Hilfe der vier Quellen der Flüsse daraus den schönsten englischen Garten der Welt machen. Die Wüsten würden fruchtbar und bewohnbar, die arabischen Diobsbanden, die alle verlassenen und geheiligten Orte besudeln, würden verscheucht.“ Diese Denkschrift widmete er der Baronin Sophie Leopoldine G r o 11 h u s, die vor der Taufe und ihrer Verheiratung mit dem baltischen Raren Grotthus Sara Meyer hieß. Ungeachtet ihres christlichen Glaubens sprach er sie, die dem Freundeskreis Goethes angehörte, auch weiterhin als Jüdin an und schrieb ihr bei Übersendung seiner Arbeit: „Die gehören dem Volke an, dessen alter Stammbaum ihn der Ahnenprobe enthebt, des eitlen Vorurteils stolzer Adeliger. Empfangen Sie von mir die Verteidigung Ihres Volkes. Unter Ihren Vorfahren forscht man nach keinem Wittekind, auch um Karl den Großen kümmert man sich nicht, der als Stammvater nicht mehr wert, wäre als Tubalkain. Unsere Gelehrten haben für die Juden keine zweifelhaften Ahnentafeln ausgeklügelt. Aber unter den Christen finden eich viel mehr Kaine als bei den Juden. Sind wir nach so vielen Kriegen nicht auch Brudermörder zu nennen?... Vielleicht erscheinen in meiner kleinen Schrift die armen Juden lächerlich, aber ihre seelischen Fehler verurteile ich nicht, und ich spotte nur jener, die sie verspotten. Unsere Kapuziner tragen nicht, minder lange Bärte als die Juden, auch sie singen ihre Chöre mit Na&entönen und ihre Abneigung gegen die Künste iet nicht minder groß. Der begabte und emsige Jude aber schickt sich in alles.“' Lignes Schrift wurde von seinen konservativen Zeit- und Standes,genossen fast gar nicht beachtet. Der fast siebzigjährige Verfasser unternahm daher auch keine Schritte zur Verwirklichung «eines Projektes. Die Zeit war wohl noch nicht reif dafür. Obwohl Ligne in der Folgezeit viel mit Juden verkehrte, tat er doch keinem gegenüber von seinem Plan Erwähnung. Aber uns ziemt es, dieses Wahlösterreichers dankbar zu gedenken, der das Vorurteil seiner Zeit, seiner Rasse und seiner Klasse überwand, dieses christlichen Zionisten, der den naheliegenden Weg zur Lösung der Judenfrage erkannte, zu dessen Verwirklichung es .allerdings noch mehr als eines Jahrhunderts bedurfte: die Aufrichtung des Judenstaatee! Grundsteinlegung für das Habimah-Theater in Tel-Aviv Zu Lag Beomer findet in Tel-Aviv die Grundsteinlegung für das Habimah-Theater statt. Die Pläne stammen von dem bekannten Architekten Oskar Kaufmann, der in Deutschland und in der Schweiz eine Reihe von Theatern erbaut hat. Die Gründung des Habimah-Theaters wurde dadurch möglich, daß eine „Gesellschaft von! Freunden des Habimah-Theater s“ gebildet wurde. In Palästina betrug der Mitgliedsbeitrag ein Pfund jährlich und für Arbeiter ein halbe« Pfund jährlich. Die; Baukosten werden 35.000 Pfund betragen* Das Theater wird einen Passumgsnaiuin: von 1050 Personen haben. Neben dem Theater wird eine Freiluft bühne mit einem Auditorium für 25.000 Zuschauer er«* richtet. Der Bauplatz wurde von der Ge-* meinde Tel-Aviv mit Hilfe des Keren Kajometh zur Verfügung gestellt. Die Gemeinde Tel-Aviv wird anschließend an das Theater das jüdische Museum und die Gemeind©- bibliothek erricihton. Das Habimah-Theater entstand im Jahre! 1917 in Moskau. Sein berühmtester Regisseur war Wachtangoff, ein Schüler Stadislavskys. In den Jahren 1918 bis 1921 wirkte die Habimah in Rußland. An der Ilerausbringung des Dy buk wurde allein' zwei Jahre gearbeitet. Dieses Stück wurde von der Habimah 750mal aufgeführt. In den Jahren 1925 bis 1931 reisten die Schauspieler des Habimah-Theaters in der Welt herum und gaben in 125 Städten 1500 Vor* Stellungen. Auch in Wien war bekanntlich das Habimah-Theater tätig. Die Aufführungen fanden im Carl-Theater statt und erregten die Bewunderung des jüdischen uni niohtjüdischen Publikums. Das Habimah- Theater, das nur hebräisch spielte, hat viel zur Wiederbelebung der hebräischen Sprache beigetragen. Das Habimah-Theater brachte insbesondere folgende Stücke heraus: „Dybuck‘< von An-Ski, „Der Ewige Jude“ von Pinski, „Golem“ von Lewik, sowie „Jaakobs Traum“ von Richard Beer-Hofmann. In Palästina waren die Habimah- Schauspieler als Wandertruppe tätig. Sie spielten in allen Städten und in den jüdischen Kolonien. Durch die jetzt erfolgte Gründung eines eigenen Theaters bekommt die Habimah eine eigene Wirkungsstätte und wird so in der Lago sein, da« kulturelle Loben Palästinas entscheidend zu beeinflussen. Universitätsfeier. Der Gesamtverband jüdischer Hochschüler Österreichs „J u d ä a“, veranstaltet Samstag, den 25. d. M., 20 Uhr, im Chajes- Saale des Zentralheimes, IX., Alserstraße 2G, eine Feier anläßlich des zehnjährigen Bestandes der hebräischen Universität. Die Festrede hält Direktor Dr. Viktor H e 11 n e r. Im künstlerischen Teil wirken mit Frau Emmy Fl a us e r, dio Herren Adolf Baller, Kapellmeister Kurt Fuchsgelb und Oberkantor M a r g o 1 i e s. Zion. Bezirkssektion Leopoldstadt, II., Praterstr. 13 „Der XIX. KonSreß"

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