Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 447 (7.5.1935)
- Date
- 1935-05-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054140-3054202--5025-3060711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
r Seite 4 DU STIMME Kr. 447 - 7. Mai 1035 Die Herzl - Feier in Wien Im Großem Musikvereinssnale fand am 2. Mai die Herzl-Feier dos Zionistischen Landesverbandes aus Anlaß der 75. Wiederkehr des Gehn r t s t a g e s T h e o d o r Herzls statt. Wieu hat noch nie eine derartig imposante Herzl-Feier gesehen. Der äußere Rahmen Der mächtige, über 2000 Personen fassende Saal war ausverkauft. Viele hunderte Personen bemühten sich seit mehreren Tagen vergebens. Karton zu erlangen, obwohl, wo es nur irgendwie möglich war — in den Logen und auf dem riesigen Podium — Sitzgelegenheiten geschaffen worden waren. Der majestätische, goldene Riesensaal bot einen festlichen Anblick. Kopf an Kopf erwartete ein festlich gekleidetes Publikum die Feier. Der Hintergrund des Podiums war in einen Lorbeerhain verwandelt. Auf der Orgel hing ein mächtiges Kopfbild Herzls. eine Schöpfung des akademischen Bildhauers E g o n Weine r. Der Künstler hatte kein Porträt geschaffen, sondern eine Vision Herz-ls, wie er im Herzen des Volkes loht: Herzl. der Prophet. Magisch zogen die brennenden Augen Herzls die Zuschauer an. Um die Orgelgalerie war eine mächtige blauweiße Fahne gespannt. Das Rednerpult war ebenfalls von einer blau-weißen Fahne umhüllt. Unvergeßlich wird dieser Abend allen Zuhörern bleiben. Majorität verpflichtet und so war diese Herzl-Feier auch eine Manifestation der Wiener Allgemeinen Zionisten, der die überwiegende Mehrheit der Wiener Zionisten zugehört. Wir können auf diese Feier stolz sein. Der musikalische Auftakt Fünfzig Chorknaben und fünfzehn Sänger von den Synagogen der Inneren Stadt und Leopoldstadt unter Leitung von Kapellmeister Kurt F u c h s g e 1 b stimmen das Hallelujah von Sulzer au. Mächtig erbraust die Riesenorgel. Die hellen, jauchzenden Kinderstinnmen, die Tenöre, Baritone und Bässe, die sphärischen Harfenklänge vereinigen sich in wunderbarer Klangschönheit »u einer mächtigen Symphonie. Oberkantor Person M a r g o 1 i e s singt die Soli mit großer Innigkeit. Sein schmelzender, lyrischer Tenor beherrscht mühelos den RiesenßaäL i Diesmal hat sich Kapellmeister F u c li s g e 1 b selbst übertroffen. Was er in kurzer Zeit aus den Chören gemacht hat, ist erstaunlich. Diese Genauigkeit der Einsätze, dieses Pianissimo, diese Klangreinheit wird man selten zu hören bekommen. Dabei dirigiert Fuchsgelb kaum mit den Händen, eher mit den Blicken. Der Chor arbeitet wie eine Präzisionsmaschine und doch mit lebendigster Dynamik. Chor und Dirigent hatten einen Ehrenabend. Der Dank des begeisterten Publikums macht sich ln stürmischem Beifall Luft. Feldhammer: Rezitationen Nun las Jakob Feldhammer mit gewohnter Meisterschaft drei Gedichte: Den Prolog Zuckermanns zum 50. Geburtstag Theodor Herzls, „Dem Seher“ von Alfred Werner und „Theodor Herzl“ von Oskar B e n d i n e r. Die beiden letztgenannten Gedichte, klangschön und innig im Ausdruck, waren in der Herzl-Nummer der „Stimme“ enthalten. Feldhammer, der seine Rezitationen mit dem Gedichte von Erich Juhn: „Wir sind Juden“ schloß, erntete großen Beifall. Dr. Oskar Grfinbaum: Herzl und wir Nun begrüßte, lebhaft akklamiert, der Präsident des Zionistischen Landesverbandes D r. Oskar G r ii n b a u m die Erschienenen und führte aus: „Wir haben uns hier, in diesem Saale, in welchem im Jahre 1913 ein Zionistenkongreß stattländ, in festlicher Stimmung zusainmengefunden. Heute wollen wir den 75. Geburtstag Theodor Herzls feiern, der ln dieser Stadt gelebt und gewirkt und gelitten hat, den Geburtstag des größten Juden, rlen unsere Zeit hervorgebracht hat, den Geburtstag des Mannes, dessen genialer politischer Voraussicht wir es zu verdanken haben, daß wir in unserer schrecklichen Zeit innerlich nicht zerbrochen sind. Ihm danken wir es, daß wir inmitten eines ■wütenden feindlichen Ansturms, inmitten des Zusammenbruches der Assimilation daran sind, uns wie der Phönix aus der Asche neu zu erheben. In jenem Lande, das immer Sehnsucht unserer zweitausendjäbrigen Galuth war, in jenem Lande, von dem Theodor Herzl einmal sagte: „Die alte Erde verjüngt sich dort unter den regsamen Händen. Sie trügt wieder Blumen, sie trägt wieder Früchte, sie wird auch vielleicht eines Tages das Glück und die Ehre der Juden tragen Was Theodor Herzl prophetisch ahnte, heute ist es beglücken d e W i r k s a mk e i t geworden. Erez Israel trägt, dank seiner prophetischen Voraussicht, dank seiner übermenschlichen Arbeit und weil seine Iiimmelstürmende Begeisterung die .Massen erfaßt hat, das Glück und die Ehre der .Juden. Da« große Wunder, da« sich in unseren Tagen im Lande unserer Väter vollzieht, macht uns die Galuth erträglicher, durchpulst eie mit neuem jüdischem Loben, richtet Gebeugte auf, gibt Verzweifelten neuen Lebensmut und läßt uns unser Schicksal mit Würde tragen. Von einem seltsam wunderbaren Buche, von Theodor Herzls ,.J udenstaat“, ging diese beglückende Wirkung aus. Dieses Buch wurde ein für die Behandlung der Judenfrago grundlegendes Werk voll soziologisch wichtiger Erkenntnisse und staatsmännischer Weisheit. Dieses Buch besitzt Ewigkeitswert. In seiner Pariser Zeit schrieb einmal Herzl: „Poesie ist die dargestellte Erfahrung des einzelnen. Die Macht solcher Erfahrung den andern aufzuzwingen, daß sie meinen, es sei ihre eigene — diese Macht nennt man Genie.“ Theodor Herzl hat diese Macht besessen. Ohne Theodor Herzl wäre die Balfour- Deklaration und der heutige Jischuw ln Palästina undenkbar. Wir stehen aber erst am Anfang der Verwirklichung der Ideen Herzls. Wir wollen dafür kümpfou, daß Theodor Herzl« Künigstrauin noch in unseren Tagen zur Wirklichkeit werde. Wir für unseren Teil wollen uns dabei an Herziß Worte halten: „Unsere Sache ist zu groß für den Ehrgeiz und die Willkür einzelner Personen. Sie muß ins Unpersönliche hinauf gehoben werden, wenn sie gelingen soll.“ Daß es Theodor Horzl nur gelang, einen kleinen Teil des Volkes für 3ieh zu gewinnen, hauptsächlich dio Jugend, ißt kein Ruhmesblatt für daß jüdische Volk, wohl aber für dio jüdische Jugend. Daß c« die jüdische Jugend in Wien war, die «ich liier In Wien nach dem Erscheinen des „Judenstaats“ um ihn seharto und ihn als Führer auf den Schild hob, darauf können wir mit Berechtigung stolz sein. Viele dieser damals jungen Studenten sitzen hier unter uns. Sie erleben heute einen stolzen Tag der Erinnerung, der Erinnerung an jene heroische erste Zeit des Zionismus, da sie als Sendboten der Ideen Herzls den Kampf aufnahtnon gegen eine Welt von Gegnern. Wir wollen ihnen dafür danken und ihnen unseren brüderlichen Gruß entbieten. Und wir wollen denen danken, die zu den engeren Mitarbeitern Theodor Herzls zählen und heute noch in unserer Mitte weilen: Direktor Reichenfeld, M e d i z i n a 1 r a t Dr. S c h a 1 i t und Medizinalrat D r. S c h n i r e r. (Lebhafter Beifall.) Wir wollen allen danken, dio Theodor Herzls Mitkämpfer waren und nicht mehr unter den Lebenden weilen, und ihr Andenken stets in Ehren halten, insbesondere das Andenken des Manne«, der Theodor Herzl mit väterlicher Fürsorge zur Seite stand und ihm die Treue bis in sein hohes Alter bewahrte: Johann Kreme n e z k y, dessen Andenken gesegnet sei. Es ist unsere Ehrenpflicht, alles zu tun, um sein Andenken durch die Gr'ind-uig '~s Kfar Kremenezky zu ehren. War der Zionismus zur Zeit Herzls eine Bewegung der Kinder gegen die Väter, so ist er heute eine wahre Volksbewegung. Lebte Theodor Herzl noch in unserer Mitte, das jüdische Volk wiirdo aus allen Teilen der Welt zu ihm wallen, ihn Vater nennen, ihm königliche Ehre« bereiten. Das war uns nicht gegönnt. Er hat sich aufgerieben im Dienste seines Volkes, er ist in der Blüte seiner Jahre für uns den Opfertod gestorben. Uns aber ist es, als ob er noch leibhaftig unter uns weilte, denn sein Geist lebt. Und darum wollen wir so zu ihm sprechen, als ob er heute als Patriarch vor uns stünde. Wir wollen zu ihm sprechen wie Kinder zu ihrem Vater sprechen, dem sie alles verdanken. Uns ist es, als ob seine brennenden Augen, das Spiegelbild der in ihm lodernden Seele, die die Herzen der jüdißohen Jugend entflammte, liebevoll auf uns blickten und als ob er uns segnete. Und er wird so manchen verlorenen Sohn segnen, der heimgofunden hat ins Vaterhaus, zurück zum Judenbum, empor zum Zionismus, und der so mit uns als höchstes Glück empfindet: „Zu sein, was man ist.“ So mancher verlorene Sohn aber steht noch abseits, hat noch nicht heimgefunden. Diesen Söhnen wollen wir heute zurufen: Wie lange wollt ihr noch in den Randwüsten des Judentums umherirren? Erkennet doch endlich: Ihr habt Theodor Herzl, ctireit guten Vater, verleugnet, bespöttelt, verlacht und verhöhnt. Ihr habt, eurem Vater Prügel vor die Füße geworfen, ihr habt ihm und seinen Jüngern, die vom reinsten Idealismus beseelt den Wagen des jüdischen Volkes aus dem Morast zogen, keine Hilfe geleistet. Ihr seid untätig wie müßige Gaffer am Wegrand gestanden und habt nicht, gewußt, daß wir uns um euer Glück, um eure Ehre, um eure Zukunft und die eurer Kinder abmühten. Kehrt zurück ins Vaterhaus! Wir können auf niemanden vou euch verzichten. Wir brauchen euch und ihr braucht uns. Kehrt heim ins Vaterhaus, in das Haus, das Theodor Herzl für das ganze jüdische Volk gebaut hat. Kommt zu uns in die zionistische Weltorganisation. Kämpft mit uns, arbeitet mit uns, erlebt mit uns Enttäuschung und Erfolg, teilt mit uns Leid und Freud. Erkennet endlich, was Theodor Herzl sagte: „Wir sind ein Volk, e i n Volk.“ Erkennet endlich: Wir sind es, ob wir wollen oder nicht. Kommt alle zu Theodor Herzl, der euer Vater ist. Er hat auch für euch gesagt: „Wenn Ihr wollt, ist es kein M ä r c h e n.“ Und ihr seht doch: Das Märchen wird beglückende Wirklichkeit, eure Augen werden helle, ihr müßt zurückkehren ins Vaterhaus und wir wollen euch alle, alle, die ihr ferne seid und nah, Freund und Bruder heißen. So wollen wir im« Theodor Herzl zuweuden, dessen Geist unter uns weilt, wir wollen uns erheben und ihm sagen: (Hier erhoben sich die Zuhörer in tiefer Ergriffenheit.) Wir danken dir aus übervollem Herzen. Du hast uns das Leben lebenswert gemacht, du hast uns ins Judentum zu rückgeführt, du hast für uns die Fahne hochgehalten, dio allein uns den Weg in eine schönere Zukunft weist, uns und denen, die nach um kommen werden, uns zum Heile und der ganzen Menschheit zum Segen. Es soll wahr werden, was du in deinem „Judenstaat“ gesagt hast: „Dio Juden, die wollen, werden ihren Staat hab en“, und: „Was wir dort nur für unser eigenes Gedeih © n versuchen, wirkt machtvoll und beglückend hinaus zum Wohle der Mensche n.“ Theodor Herzl! Wir haben deinen Ruf verstanden: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen“. Jüdische Männer und Frauen! Wir wollen Theodor Herzl danken: StimmH mit mir in den Ruf ein: Wir wollen! Stürmisch kam dio Antwort aus tausenden Kehlen: „Wir wollen“ und langer, immer wider losstürmender Applaus dankte dem Redner. Dr. Kasteins Vortrag Nun begann Dr. Josef Kastein seinen Vortrag über das Thema: „Theodor Herzl, das Erlebnis des jüdischen Mensche n“*). Dr. Kaste in erklärte eingangs, daß die Herzl-Feiern gewöhnlich am Todestage Herzls begangen werden, während das heutige Fest im Zeichen seines' Geburtstages stehe. Man solle aus dieser Einmaligkeit einen Brauch machen. Wenn es einen schöpferischen Sinn habo, der Männer unseres Volkes zu gedenken, so solle es nicht geschehen von ihrem Tode aus, sondern von ihrem Leben aus, von jenem Leben aus, daß sie unter uns noch weiter führen, weil wir es ihnen noch unter uns bereiten können. Das bedeute in Wirklichkeit eine Wiederbelebung. Einmal habe man Theodor Herzl zugerufen: „Jechi ha’ mclechl“ („Es lebe der König!“) Heilte aber gibt es in Israel keinen Sinn mehr für die Größe der Führung. Die kleinen Gestalten sind zu zahlreich geworden. Kaetcln gab nun eine tiefgründige Analyse der eigenartigen Persönliclikeit Herzls, der mit dem Judentum fast keine Gemeinsamkeit mehr hatte, der glaubte, als Schriftsteller große Erfolge erzielen zu können. Ans seinem Schaffen bis zu seinem Buche der „Judenstaat“ sei jedoch, abgesehen von seinen Feuilletons, der Nachwelt kaum etwas bekannt. Nur langsam sei Theodor Ilerzl der Judenfrago näher gekommen. Im Altor von 33 Jahren habe er noch geglaubt, *) Der Vortrag wird in don nächsten Tagen Im .Wortlaut Im .Verlag L ö wi t erscheinen, , daß man in Deutschland die Judenfragt durch den Übertritt zum Sozialismus und ir Österreich durch den Übertritt zum Kat.ho lizismiiß lösen könne. Im Alter von 34 Jah reu schrieb Ilerzl das Schauspiel: „D a i neue G h e 11 o“, in dem er sich mit de Judenfrago befaßte. Herzl konnte hie: das jüdische Erlebnis noch nicht gosta-lton Die Judenfrago aber ließ ihn nicht mein los und er schreibt schließlich au Baroi Hirsch den inhaltsreichen Satz: „I c 1 möchte mach mit Ihnen über dii Judo «frage u n t e r halt en.“ In den Gespräch mit Baron Hirsch sagt Tlieodoi Horzl: „Sie wissen nicht, was dai Phantastische ist.“ Und mm stürz sich Theodor Ilerzl Hals über Kopf in dii Probleme der Judenfrago. Er arbeitet der „Judcnßtaat“ aus. Er hat keine Wah mehr, ob er will oder nicht. Dio Zionsbewc gung hat schon vor Ilerzl bestanden. Er hal aber nichts von ihr gewußt. Für den wah reu Führer kommt cs abor nicht darauf an den eigenen Wog zu finden, sondern der richtigen Weg. Esgibtin unserer Geschichte nichts Neues. Sie besteht am uralten Aktualitäten. Was mar tun kann ist immer nur, den alten Inhall in zeitbedingter Form auszu sprechen. Das hat Theodor Herzl so her* vorragend getan, daß man es nach ihm nicht noch einmal sagen kann, und dafi man immer wieder auf ihn zurückgreifen muß. Ka«lein schildert nun den zionistischen Werdegang Theodor Herzls und or regi- V r