Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 447 (7.5.1935)
- Date
- 1935-05-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite & Dil STIMM! Kr. 447 Hai 193& Der Berner Prozeß Bern, 2. Mm. (2. T. A.) Dio Verhandlungen im neuen Prozeß um dio Echtheit der ..Protokolle der "Weisen von Zion“, (kr im Herbst. 1034 die Aufmerksamkeit der gesamten Kulturwelt erregt hatte, begannen am 20. April, morgens 9 Uhr, vor dem Kiehteramt V, das G e r i e li t s p r ä s i d e n t W. Meyer innehat, Der Znsehauerranm war dicht besetzt. Anwesend waren ferner der vom Gerichtspräsidenten bestellte Obcrgutachter. Schriftsteller C. A. L o o s 1 i aus Bern, und der Gutachter der klägerischen Partei, Doktor A. B a u m g arte n, Professor der Jurisprudenz an der Universität Basel. Die Kläger. der Schweizer Israelitische Gemein,debuud und die Israelitische Kultusgemeinde Bern, wurden durch die Herren M. Bloch und E. B e r n h e i m repräsentiert und durch die Anwälte Prof. Dr. H. Matti und Georges B r u n s c h v i g vertreten. Von den Beklagten waren anwesend rA e b e r s o 1 d. Haller und Silvio Schnell. Letzterer wird vertreten durch die Anwälte Ruef (Bern) und Dr. U r- Sprung (Zurzach). Aufsehen erregte die aus München eingetroffene Mitteilung, der 'Angeklagte Fischer sei verhindert, an den Verhandlungen t e i 1 z u n e h m e n. Der Gerichtspräsident Meyer eröffnet die .Verhandlung und teilt mit, daß der Untersuchungsrichter der von Ruef eingereichten Strafanzeige wegen falscher Zeugena u s s a g e gegen Prof. W e i z m a n n, Ex-Mini3ter M il j o u k o f f, Prof. S w a t ik o f f, B u r t z e f f. Oberrabbiner Ehrenp r e is u. a. in bezug auf neun von zehn der Angezeigten keine Folge gegeben habe. Die Strafanzeige ist somit in Übereinstimmung mit der Staatsanwaltschaft ftir diese Verhandlung aufgehoben. Wegen der Anzeige gegen den zehnten Zeugen der Oktoberverhandhmgen, Burtzeff, wird der Untersuchungsrichter später den Entscheid treffen. V erschleppungsanträge. Ruef verlangt die Einstellung des ^Prozeßverfahrens biä zur Erledigung aller Strafanklagen wegen falschen Zeugnisses. Er fordert weiter, daß der Gutachter Heischhauer in die Lage versetzt Werde, das russische Material zu tiberprüfen. Beite orthodox"iü3 Verpflegung für KINDER bis höchstens 15 Jahre ab 15. Mai 1935 am Plattensee übernimmt Freund Vilmosne Budapest, Nagymezö u. 45 Prof. Dr. Matti weist darauf hin, daß dio Gegenpartei reichlich Zeit gehabt habe, die Verteidigung vorzubereiteu. Die Nürnberger Wochenschrift „D er S t ii r m e ru hat schon vor Monaten mitgeteiit, es sei mit .vereinten Kräften gelungen, den Prozeß zu vertagen. Er befehlet von der Tatsache einer in verschiedenen Ländern eingeleiteten Geldsamm- ]ung der p anarischen Alliance zugunsten der Angeschuldigten und stellt fest, daß schon die erste Strafanzeige des nationalsozialistischen Volksbundos in Zürich anfangs 1935, die die Zeugen der Oktoberverhandlung der falschen Aussage bezichtigte, eine Vertagung des Termine* [erwirken sollte. Dio neue Strafanzeige, die die zehn Zeugen vom Oktober 1934 der falschen Aussage beschuldige, sei am 15. April 1935 bereits im Erfurter “W e 1t- Dienst“ veröffentlicht, während sie am 17. April 1935 beim Gericht eingereicht sei. Der Gerichtspräsident erklärt, daß keine neuen Zeugon mohr geladen und daß auch die Prozeßvcrhandlungen nicht unterbrochen werden. Was dio Forderung anlangt, die russischen Materialien dem Gutachter Fleischhauer zugänglich zu machen, so habe er bei Fleise! hauer angefragt, ob er bereit sei, eine ehrenwörtliche Erklärung abzugeben, daß aus diesem Material nichts publiziert werde. Fleischhauer erklärte, sein Ja oder Nein sei mehr wert als ein Ehronv/ort Jrgend einer anderen Person. Fleischhauer gibt zu, daß er der Leiter tl es antisemitischen B o d u n g- Verlages sei und daß in dictfigia vdfts, Geheimloxikon V 1 g i 11 a V e r i erscheine, ferner daß er mit dem verstorbenen Theodor Fritsch befreundet war. Auf die Frage des Anwaltes an Fleischbauer, ob er mit Julius Streicher einig gehe, erwiderte der Gutachter: ., W ir wollen die Judenfrage im Sinne Theodor Herzls Nach einer kurzen Pause nahm der vom Schweizer Israelitischen Gemeindebund und von der Kultusgemeinde Bern gestellte Gutachter, Universitätisprofessor Dr. Baumgarten (Basel) das Wort. Er führt aus: Der erste Eindruck, den man beim Lesen der ..Protokolle“ gewinnt, Ut, daß es sich um ein phantastisches Gebilde handelt, über das die Geschichte nichts zu berichten weiß. Die „Protokolle“ widersprechen auch jedem gesunden Menschenverstand, denn Liberalismus und Demokratie sind doch sicher etwas anderes als teuflisches Machwerk. Die „Protokolle“ sind nichts als eine Fälschung, die bezweckt, die Juden in den wüstesten Farben zu schildern. Eine solche Fälschung kann nur das Machwerk eines Antisemiten des 33. Hochgrades sein und nicht eines „Repräsentanten Zions des 33. Grades“, wie die gefälschten „Protokolle“ unterschrieben sind. Die „Protokolle“ erschienen zuerst in dem Blatt der berüchtigten russischen Reaktionäre, „Die Schwarzen Hundert“, der „Snamja“. Der Experte beschäftigt sich sodann mit den Ausgaben der „Protokolle“ von N 11 u s und Butml und wendet seine besondere Aufmerksamkeit der Nilus-Ausgabe zu. Prof. Baumgarten schildert die Person des Nilus, der halb geistesgestört und ein Trunkenbold war. Nilus selbst glaubte nicht an die Echtheit der „Protokolle“ und erklärte, daß Gott auch durch den Mund eines Fälschers die "Wahrheit sprechen könne. In der Geschichte der Fälschung der „Protokolle“ spielt der notorische Fälscher Ratschkowsky eine große Rolle, Hauptmitarbetter Ratsehkowskys war der Fälscher Golowinsky. Alle Genannten sind hervorragende Agenten der russischen Geheimpolizei des Zarenreiches gewesen, denen für ihre Zwecke alle Mittel recht waren. Die gefälschten „Protokolle“ standen Ratschkowsky schon in den Neunzigerjahren zur Verfügung. Die russische Regierung schenkte ihnen jedoch vorerst keine Beachtung, und es war auch nicht leicht, diese Fälschung dem großen Publikum als echte Protokolle hinzustellen. Die „Protokolle“ wurden sodann Nilus in die Hände gespielt, der mit Hilfe dieses Machwerkes am Hofe Einfluß gewinnen und Insbesondere den mit zahlreichen hochstehenden Persönlichkeiten, so auch mit Ratschkowsky, verfeindeten Günstling Nikolaus II., einen französischen Magnetiseur Phillip, zu verdrängen suchte. Da Phillip Martinist war und also mit einem mit dem Frelmaurertum in Beziehung stehenden Orden angehörte, mochten die „Protokolle“ als eine geeignete Waffe gegen ihn gelten. Die Intrige mißlang jedoch, und Nilus konnte sich am Hofe nicht halten. Nach einer Charakterisierung des Inhaltes der „Protokolle“, in denen den Juden „Weltregierungspläne“ vorgeworfen werden, wolchc durch „Gewalt, Täuschung, Mord“ erreicht werden sollen, wendet sich der Sachverständige der Frage nach der Wahrheit der „Protokolle“ zu» Es besteht auch nicht der geringste Anhaltspunkt dafür, daß die Teilnehmer am Ersten Zionistenkongreß, der 1897 in Basel stattfand, irgend welche andero Sitzungen abhielten als die öffentlichen, deren Protokolle jedermann zugänglich sind, ln . diesen Sitzungen hat man sich mit nichts anderem beschäftigt als mit den unter dem Namen Zionismus bekannten Bestrebungen, das heißt Begründung einer durch öffentlichrechtliche Bestimmungen gesicherten Holmstätte für das jüdische Volk ln Palästina. Die Behauptungen, es seien an diesem Kongreß sogenannte jüdische „Weltregierungsplilne“ besprochen worden, bst o i n e Lüge. Die Zionisten haben nicht nur geredet, sonT löse n. Wir wünschen keine jüdischen Parasiten mehr, die nach festgelegten Plänen zum Kriege hetzen.“ .Fleischhauer gibt zu, es bestehe eine Internationale d e r ,f n d e n k e n n o r. Brunschvig erklärt, nach dem heroischen Strafgesetzbuch wäre es zulässig. Fleischhauer als Gutachter abzulehnen, da er ein unmittelbares Interesse am Prozeßausgang habe und somit befangen sei, Er, Brunschvig, verzichte aber auf den Antrag. [ rungsvoll und erfolgreich in der Richtung auf das von ihnen öffentlich proklamierte Ziel gehandelt. Dio Behauptung, daß der jüdische Schriftsteller A s h e r G i n z b e r g (A c h a d II a a m) der Verfasser der „Protokolle“ sei, wurde zuerst von Frau L. Fry im Jahre 1921 aufgestellt. Der Deutsche Graf Rcv e n 11 o w, der sich diese Behauptung zu eigen machte, hat in einem von Ginzberg gegen ihn angestrengten Prozeß die Erklärung abgegeben, er bedauere seine Behauptung, die er n i c li t aufrechterhalten könne. Das Studium der Werke Ginzbergs ergibt einwandfrei, daß ihm ein Machwerk, wie die „Protokolle“ nicht zugesprochen werden kann. »Tode Zelle darin steht in unversöhnlichem Widerspruch mit dem edlen Geist dieses Mannes. Die „Protokolle“ sind seit vielen Jahren bekannt, und kein Historiker von Rang hat von ihnen Notiz genommen. Das Urteil der Wissenschaft wird bestätigt durch die gewöhnliche Lebenserfahrung und den gesunden Menschenverstand. Die „Protokolle“ wurden von vornherein als historische Fälschung konzipiert. Man wollte die Existenz dor jüdischen Geheimregierung vortäuschen, um Juden, Freimaurer, Demo-1 kraten, Liberale und Sozialisten in Mißkredit zu bringen und einer reaktionären Politik Vorschub zu leisten. Der von den Antisemiten behauptete angebliche Zusammenhang zwischen Judentum und Freimaurerei besteht.nicht. Selbst, die . beiden bekanntesten Herausgeber der „Protokolle“ in deutscher Sprache, Fritsch und zur Beek, geben ganz verschiedene Herkunftsberiohte der „Protokolle“. Nach Fritsch ist das Original hebräisch abgefaßt und wurde im Hause eines Juden in Rußland von der Polizei entdeckt. Nach zur Beek hingegen hat oin von General Ratschkowsky abgesandter Späher einen Eingeweihten durch Bestechung veranlaßt, das französische Original der „Protokolle“, das ihm am Zionistenkongroß anvertraut worden war, auf dor Reise von Basel nach Frankfurt von russischen Polizeiagenten abschreiben zu lassen. Der Herausgeber der französischen Ausgabe der „Protokolle“, Roger L a m b e I i n, spricht von Beraubung eines Kassenschrankos der Zionisten im Elsaß. Diesen phantastischen Behauptungen gegenüber liegon hinreichende Beweise dafür vor, daß die „Protokolle“ in Frankreich von Agenten der russischen Polizei für die Zwecke reaktionärer russischer Politik verfertigt wurden. Nach den Zeugnissen des französischen Grafon du Chayia hat Sergoi Nilus, der Hauptherausgeber dor „Protokolle“, selbst zugegeben, daß dor berüchtigte Fälscher und Agent provocateur Ratschkowsky ihm dio „Protokolle“ hat zugehen lassen. Unabhängig von du Chayia berichtet dio russische Prinzessin Katharina Radziwill, aus dem Munde dos russischen Agenten Golowinsky gehört zu haben, daß er zusammen mit Ratschkowsky und Manuilow in Paris an einem Manuskript arbeitete, das dio Ex is fceaz einer jüdischen Geheim Verschwörung beweisen sollte. Die Amerikanerin Mrs. H u r b 1 u t, obwohl Antisemitin, äußert sich gleichlautend. Golowinsky hatte diesen beiden Damen ein Manuskript gezeigt, das die gleichen äußeren Merkmale trug wie das, das später du Chayia von Nilus als das Original der „Protokolle“ vorgewloaen wurde. Die „Protokolle* sind aber nicht nur eine Fälschung, sondern sie sind auch «ln Plagiat. Sie sind zu erheblichen Teilen fast wört* ich abgeschrieben aus dem 1805 erschienenen Buche „Dialögues utix Enffirs entro zösisehen niohtjiidischen Advokaten Man« rice J o 1 y. Joly. hatte sein Buch als Satire auf die Regierung Napoleon IIU gedacht. Außer der Schrift Jolys ist aller Wahrscheinlichkeit nach als Quelle der „Protokolle“ dio französische. gegen Freimaurerei vt n d .1 «d r n t u m g e« richtete Literatur der zweiten H ä 1 f t o des 19. J a h r hu n d o r t s zu bezeichnen. Ihre jetzige Form erhielten dio „Protokolle“ aller Wahrscheinlichkeit nach in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts. An der Redaktion der „Protokolle“ waren beteiligt: R a t s c hk o w s k y und scitiq Gehilfen M a n u i 1 o w und Golowinsky. Im Jahre, 1901 ließ Ratschkowsky ein in französischer Sracho abgefaßtes Exemplar der „Protokolle“ an Scrgei Nilus gelangen, der die ..Protokolle“ erst im Jahre 1905 in der zweiten Auflage seines Buches ..Das Große im Kleinen“ veröffentlichte. Schon vor dieser Veröffentlichung erschienen die „Protokolle“ anonym in der russischen antisemitischen Zeitung „Snamja“ im Jahre 1903. Fast, gleichzeitig brachte G. W. Butmi die „Protokolle“ vor das Publikum unter dem Titel „Die Feind© des Menschengeschlechtes“. Auf dio Frage der Klägerschaft, ob Anhaltspunkte dafür vorhanden seien, daß der Gedanke, der in den „Protokollen“ enthalten ist, nämlich der eines jüdischen Komplotts unter Mitwirkung des Freimaurer« lums, ziirückzuführeii ist auf das 18G8 er* schieneue Werk „B i a r r i t z“ des deutschen Antisemiten Goedsche (Schriftsteller« narrie Sir John Retciiff) (Kapitel „Der Juden« friedhof zu Prag“), äußert sich der Sachverständige, es sei keines wog« ausgeschlossen, daß dio Verfasser der „Protokolle“ das Friedhofkapitcl gekannt und benützt haben. Man kann dem russischen Ancien reghne das Zeugnis nicht absprechen, daß die an höchster Stelle stehenden Persönlichkeiten die „Protokolle“ nach ihrem richtigen Wert einzuschätzen wußten. Sie fanden keinen' Glauben und wurden als „ein für die Regierung vollkommen unzulässiges Mittel der G e g e n w i r« k u n g“ bezeichnet. Die Drucklegung der. „Protokolle“, in der „Snamja“ hh Jah^q. PENSION ALPENHEIM 19 SEMMERING £■ Bestbekannte Küche. Anerkannt schönste IH Lage. Telephon Nr. 22 BH 1903 läßt keinen Zweifel darüber aufkom« men, daß damit die spezielle Aufgabe verfolgt wurde, die antisemitische Agitation zu entschuldigen und die Pogromstimmung zu unterstützen. .1911 wurde in der Duma die Frage der Aufhebung der Rechtsbesehrän-' kungder Juden zur Diskussion gestellt, diö reaktionäre Partei entfaltete eine außerordentlich intensive antisemitische Agita-' tionstätigkeit, zu der die Inszenierung des' Beilis-Prozesses gehört. So würde es sieh erklären, daß dio dritte Auflage des Nilus« Buches 1011 erschienen ist. Bei den Pogromen in der Ukraine spielten die „Protokolle“ eine besonders große Rolle. Der Sachverständige nimmt sodann ausführlich Stellung zu der ihm vom Gericht vorgelegtcn Frage, ob dio „Protokolle“ unter den Begriff der Schundliteratur fallen. Dor Experte bejaht diese Frage eindeutig und schließt: Diese „Protokolle“ sind eine Fälschung; die in ihnen dargelcgten Plano oincr angeblich existierenden jüdischen Geheimregierung haben mit den kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zielen des Judentums nichts zu tun. Fleischhauer erklärt die Weltgeschichte Der zweite Verhandlungstag am Dienstag, 30. April, brachte das mündliche Gutachten des Experten der nationalsozialistischen Angesclmldigten, Ulrich F1 e i s c h h a uor. aus Erfurt. Er beginnt mit einigen persönlichen Bemerkungen — er sei den anderen Gutachtern nicht vorgostellt worden, er werde von ihnen geschnitten—, die eine leichte Heiterkeit im Saale erregen. Der Gutachter beschäftigt sich sodann mit den Ausführungen des von der jüdischen Seite bestellten Experten, Univorsitiltspmfcssor Dr. Baumgarton, Basel. Er, Fleischhauer, habe duuornd Uber dio Geschichto umgolernt. Boi Prof. Baumgarten vermisse or den guten Willen dazu. Prof. Baumgartou sei kohl „Talmudkoüuöc“, er, JßlflUfilv jahrzehntelang .energisch, aufopio* | Machiavci st Montesquieu“ von dom fran Das Gutachten von Prof. Baumgarten