Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 445 (30.4.1935)
- Date
- 1935-04-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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f Nr. 445 — 30. April 1035 DII STIMM! Alex Bein - Theodor-Herzl-Bi Im „Fiba“-Vorlag erschien kürzlich dio langcrwartetc Biographie von Theodor Herzl von Alex Bein in einem imposanten Band von 730 Seiten. Das schön ausgestattete Werk enthält 63 Bilder und eine Ahnentafel. Bein stand bereits eine große Herzl-Literatur zur Verfügung. So Adolf Friedmanns „Leben Theodor Herzls“, „Theodor Herzls Lehrjahre“ von Leon Kellner, die Darstellung von Adolf Böhm im ersten Band seines Buches über die zionistische Bewegung, ferner die hebräische Biographie Herzls von Citron, die Bücher von Jacob de Haas, Manfred Georg und Pattai, sowie Tulo Nussenblatts Bücher „Zeitgenossen“ und Herzls „Ein Volk auf dem Wege zum Frieden“ usw. Die Biographie Beins bringt aber sehr viel Neues und Unbekanntes. Bein hatte die Möglichkeit, durch das Entgegenkommen Krcmenezkys und Direktor Reichenfels daä Herzl-Archiv in Wien zu benutzen, ferner die Sammlungen der Nationalbibliothck in Jerusalem, den Schriftwechsel mit Artur Schnitzler und mit Walter Rathenau usw. Bein schildert in einer flüssigen Sprache Theodor Herzls Lebenslauf, von seiner Kindheit angefangen, bis zu seinem Tod, und insbesondere bisher sehr wenig bekannte Kapitel aus dem Leben Theodor Herzls, so zum Beispiel Herzl als werdenden Schriftsteller, als Korrespondenten in Paris, im ersten Teil des Buches: „Jugend- und Entwicklungsjahre.“ Den größten Teil des Buches nimmt der zweite Teil, „Der Zionist“, ein. Obwohl wir hier naturgemäß viel Bekanntes vorfinden, liest man diesen Teil mit großer Spannung, spüTt den magischen Zauber, der Herzls Zeitgenossen fesselte, ¥ j Mit freundlicher Genehmigung des Fiba- Verlages bringen wir zwei Leseproben aus der Herzl-Biographie Alex Beins. Herzls Ringen um den „Judenstaat“ ... .Emil Schiff, dem Arzt und Journalisten, der Herzl an diesem Tage besuchte, fiel das übernächtige Aussehen des Freundes auf, die Ungopflegtheit auch in der Kleidung des sonst mit peinlichster Sorgfalt nach der neuesten Mode Gekleideten. Herzl sehe aus, und wird immer aufs. Neue davon erschüttert, wie Herzls Persönlichkeit mit der zionistischen Sache wuchs und sich in ihrem Dienste aufrieb. Plastisch steht Herzl vor uns, der gute Sohn, der blendende Schriftsteller, der prophetische Politiker. Gerade in unseren Tagen, wo das Wort „Ilerzl-Zionismus“ so mißbraucht wird, ist es gut, Beins Herzl-Biographie zu lesen. Man wird sehen, daß für Herzl der Judenstaat nur Mittel war, nicht aber Selbstzweck. Das hat er oft ausgesprochen im „Judenstaat“, in seinen Reden, in Notizen, in „Altneuland“ und schließlich in den schlichten Versen, die er nach dem 6. Kongreß einem Kischenewer Waisenknaben ins Stammbuch schrieb: „Wann erscheint mir als gelungen, Mein Bemüh'n auf dieser Erden? Wenn aus armen Judenjungen Stolze junge Juden werden.“ Knapp vor seinem Tode schrieb einmal Herzl an David Wolfsohn: „Machet mir keine Dummheiten, wenn ich einmal tot bin.“ Leider sind seit Herzls Tode viele Dummheiten gemacht worden. Es wird daher jedem Zionisten gut tun, auch solchen, dio da glauben, die zionistische Weisheit gepachtet zu haben und entweder den Herzl, den sie selbst konstruiert haben, von früh bis abends im Munde tragen, oder ihn ignorieren und totschweigen wollen, wenn sie Beins Biographie, die auch die Geschichte des Zionismus vor Herzl behandelt, lesen und daraus neue Erkenntnisse schöpfen würden. Das Buch sollte in keiner jüdischen Bibliothek fehlen. ■ * und Ihre Eltern werden unglücklich sein. Sie machen sich mit dieser Sache lächerlich oder tragisch.“ Die Erwähnung der Eltern, die durch ihn unglücklich würden, hat Herzl so stark beeindruckt, daß er an Güdemann sofort ein Telegramm schickte, er möge den letzten Brief uneröffnet zurücksenden, „Einer der beteiligten Freunde, dessen Zustimmung ebenfalls vorausgesetzt war, erhebt absoluten Widerspruch. Müssen ums fügen.“ Sein Glaube an die Ausführbarkeit blieb jedoch unerschüttert. „Schiff sagt: Das hat im vorigen Jahrhundert einer zu machen versucht. 'Sabbatlm.il Ja, im vorigen Jahrhundert war es nicht möglich. Jetzt ist es möglich, weil wir Maschinen haben.“ So notierte er nach der Unterredung ins Tagebuch. Aber nach einer schlaflosen Nacht kam .Schiff am nächsten Tag wieder. Und während sie im Tuileriengarten spazierten, drang er immer heftgier und ängstlicher in Herzl, die Sache zu lassen, da ihn jedermann für irre halten würde. Herzl war durch diesen besorgten Widerstand eines einfachen und treuen Menschen betroffen. Er lehnte es ab, den ihm seit Jahren befreundeten Max Nordau zu fragen, wie Schiff es wollte. Wenn seine Gedanken, von deren Richtigkeit er überzeugt blieb, einen solchen Eindruck auf einen gebildeten und treuen Freund machten, wollte er den Plan aufgeben. „Das ist nämlich der Judenspott“, notierte er darüber am gleichen Tage. Zutiefst deprimiert, zu Boden geworfen, auflodemd im Zorn über die Kleinheit der Juden, als deren Repräsentanten er den Freund empfand, im Fluch noch volil bitterer prophetischer Gesichte, schreibt er noch am 18. Juni einen vierten Brief an Baron Hirsch, der ihm auf sein letztes Schreiben nicht geantwortet hatte. „Mein letzter Brief erfordert einen Abschluß. Da haben Sie ihn: loh habe die Sache aufgegeben. Den Juden ist vorläufig noch nicht zu helfen. Wenn einer ihnen das gelobte Land zeigte, würden sie ihn verhöhnen. Denn sie sind verkommen. Dennoch weiß ich, wo es liegt: in uns! In unserem Kapital, in unserer Arbeit und in der eigentümlichen Verbindung beider, die ich ersonnen habe. Aber wir müssen noch tiefer herunterkommen, noch mehr beschimpft, ang&spuckt, verhöhnt, geprügelt, geplündert und erschlagen werden, bis wir für diese Idee reif sind... Wir sind noch nicht verzweifelt genug. Darum würde man den Retter auslachen. Was lachen? Nein, nur lächeln: zum Lachen hat man nicht mehr die Kraft. Da ist eine Wand, und das ist die Verkommenheit der Juden. Jenseits weiß ich die Freiheit und die Größe. Ich kann aber die Mauer nicht durchbrechen, mit meinem Kopf allein nicht. Also gebe ich es auf... Die Sache ist für mich als praktische erledigt. spottete er, als ob er den lenkbaren Luftballon erfunden hätte, eine der großen Sehnsüchte der Zeit. Herzl schiwieg dazu. „Eine der Hauptschlachten“, notierte er sich, „werde ich dem Judenspott liefern müssen. Dieser Judenspott stellt im Grunde den kraftlosen Versuch der Gefangenen dar, frei auszusehen. Darum rührt mich dieser Spott eigentlich.“ Er scheint sich dann entschlossen zu haben, dem spöttischen Freund seinen Plan, den er an diesem Tage in den'wesentlichen Zügen fertigstellte (er hat am 17. Juni nur noch zwei Seiten hinzugefügt), vorzulescn. Er wollte wohl, da Güdemann nicht sofort zu haben war, die Wirkung der Idee auf einen Unvoreingenommenen feststellen, vielleicht reizte es ihn gerade, diesen Judenspott im Sturm zu überwältigen. Aus den verschiedenen Quellen läßt sich der Hergang ungefähr kombinieren. Am Abend hat Herzl wohl schriftlich den Freund für den nächsten Tag zu sich eingeladen, da er ihm etwas Wichtiges mitzuteiion habe. Von dieser geheimnisvollen Mitteilung schon seltsam berührt, erschien Schiff am 17. Juni bei Herzl im Hotel. Herzl verschloß das Zimmer, bat um keine Unterbrechung, aber franke Kritik am Endo, und las unter großer Erregung dio Rede an die Rotlischilds vor. Schiff war bis zu Tränen erschüttert. Der seltsame Inhalt der Schrift wie das ebenso seltsame Aussehen und Gehabon des Freundes führten don Arzt zur Überzeugung, daß Herzl nicht bei normalen Sinnen sein könne. Sein Puls ging erregt. Hatte dio Überarbeitung ein Nervend ober hervorgerufen? Er schwieg zunächst. Als Herzl ihn zur Äußerung drängte, teilte er sio ihm offen mit: er halte don Plan für die Ausgeburt eines überreizten Gehirnes, das dringend der Ruhe Theodor J&erxl Wir harrten sein in langen, schweren Jahren, Und haben unser Hoffen bang gehehlt, Seit er das Judenschicksal tief erfahren, Blieb er im Herzen innig uns vermählt. Nicht schwiegen mehr die Stimmen, die ihn riefen, ln seine Nächte schrie der Brüder Weh, Er war daheim nicht in den dunklen Tiefen, Er stieg hernieder von des Daseins Höh*. Er mochte länger für den Tag nicht schaffen, Gott weitete den ichgefang’nen Blick, Mit seines Wissens, seines Wollens Waffen Hat er gewendet Israels Geschick. Man konnte nicht verzagen und nicht weichen, Vom Wort, vom Buche kam er kühn zur Tat, Die Fürsten ehrten ihn wie ihresgleichen, Und so erblühte herrlich seine Saat. Der Seele Frieden gab er für die Seinen, Hinsiechend, schritt er seine kurze Bahn, Er wußte stark die Hadernden zu einen, Und führte sie den Weg nach Kanaan. Auf Zions Äckern süß die Früchte schwellen, Wir haben abgeworfen uns’re Last, Die eigenen Schiffe furchen ferne Wellen, Die Flagge der Verheißung weht am Mast. Ein jung’ Geschlecht will neu die Welt sich schmieden, Die Fäuste in gerechtem Grimm geballt, Die Kraft, die obgesiegt den Seleuciden, Erhob sich in verwandelter Gestalt. und ärztlichen Behandlung bedürfe. Herzl war auf Einwändo gefaßt gewesen; eine derartige Reaktion hatte or nicht erwartet. Er widersprach heftig, erzählte von dom Beginn soinor Aktion, zeigte seinen Brief an Güdemann. Der Freund wurde immor erregter: „Güdemann“, rief er, „wird Sie für vorrückt halten, wird sofort Ihren Vater aufsuo'hei^ m So lang’ sie Ehrfurcht seiner Weisheit schenken, Und in des Unvergess’nen Spuren geh'n, So lang* sie sein in Dank und Demut denken, Wird unser Väter-Erbe aufrecht steh’n. Oskar Ben dien er. lliiili Seite 5 ...... Theoretisch halte ich sie hoch und fest. Vielleicht zeige ich damit auch, daß ich nur ein Verkommener bin. Ein Christ ginge für eine Idco von solcher Kraft durch dick und dünn. Was wollen Sie? Ich mochte nicht wie Don Quichote aussehen. Aber die kleinen Lösungen: Ihre zwanzigtausend Argentinier oder den Übertritt der Juden zum Sozialismus akzeptiere ich nicht. Denn ich bin auch kein Sanoho Pan.sa.“ Das Echo des „Judenstaates“ hei den Assimitanten Der Eindruck der bald in zahlreichen Sprachen übersetzten Broschüre war überall stark, die Reaktion verschieden. Die allgemeine Presse, soweit sie die Broschüre nicht totsohwieg oder in antisemitischem Sinn ausnutzte, beurteilte sie meist ablehnend, besonders soweit sie unter jüdischem Einfluß stand. Die Journalisten spotteten über die „Makkabäer der Flucht“, den jüdischen Jules Verne, den Verrückten, den Ehrgeizigen, der Ministerpräsident, Fürst, „Großherzig König der Juden werden wolle. Die Herausgeber der „Neuen Freien Presse“ suchten! die Publikation noch im letzten Augenblick durch Drohungen und Versprechungen zu verhindern. Als sie erschien, wurde sie, entgegen dem früher gegebenen Versprechen, das Herzl zur Ablehnung von Baidenis Zeitungsiantrag mitbewogen hatte, mit keiner Zeile erwähnt. Levysohn vom „Berliner Tageblatt“ lehnte die Gedanken entschieden! ab. In der „Wiener Allgemeinen Zeitung“, an der Herzl 1887 und 1889 für kurze Zeit als Feuilletonredakteur gearbeitet hatte, erklärte Ludassy den Zionismus für einen verzweiflungsvollen Wahnsinn. „Hinweg mit solchen Schimären.“ In der Cottaschert „Münchner Allgemeinen Zeitung“ bezeichnet« ihr Wiener Korrespondent, der Literarhistoriker Anton Bettelheim, den „Judenstaat“ als „das gedankenarme, an Torheiten reiche Prospekt einer jüdischen Schweiz auf Aktien“, als den „Faschingsträum eines durch den Judenrausch verkaterten Feuilletonisten“. „Unsereiner aber“, schrieb der würdevolle Patriot, „der als geborener deutscher Jude mit Leib und Seele an seinen’ Familienerinnerungen ebenso treu hängt wie an seiner Heimat und den Lehrern und Führern seiner Kinder- und Mannesjahre, zögert keinen Augenblick zu erklären, daß er Herzls „Judenstaat“ mit größerem Unwillen ablehnfc als irgend ein noch so rohes antisemitisches Pamphlet.“ Nicht viel größeres Verständnis zeigte die nichtzionistische jüdische Publizistik. Das Pessach-Opfer der Samaritaner Jerusalem, 26. April. (2. T. A.) High Commiissioner Wauehope wohnte der Zeremonie des Peesachopfers der Samaritaner auf dem Berge G e r i s i m bei Nablus (Sichern) bei. Der samaritanische Hohepriester liielt eine Ansprache, in der 6T die Regierung aufforderte, der Samaritanergemeinde finanzielle Beihilfe bei der Errichtung einer Synagoge au gewähren. Die Führer des Jischuw am Maimonides-Qrah Jerusalem, 26. April. (2. T. A.) Aus Anlaß des 800. Geburtstages des Rabbi Moses ben Mamion (Maiiuoniides) zog am 23. April nachmittags eine große jüdische Prozession, deren Teilnehmer sich aus allen Kreisen des jüdischen Jischuw in Palästina und aus jüdischen Gästen aus aller Herren Länder zusaimneneetzten, begleitet von mehreren Musikkapellen, zum Grabe des Maiiuonides in Liberias. An der Spitze der Prozession schritt Präsident S ok o 1 o w, begleitet von den Mitgliedern der Zionistischen Exekutive, des Präsidiums des Waod Leurni und von den Führern der jüdischen Gemeinden Palästinas. Ara Grab las Sokolow aus einer SchriftroJJe eine Abhandlung über Miaimonides und sein Werk. In unmittelbarer Nähe des Maimonides- Grabes hatte eine Gruppe arabischer Pfadfinder ihr Lager auf geschlagen, durch ihren Lärm wurde ein Mißton in die Feier getragen. Am gleichen Tage wurden in Jerusalem und in anderen Orten Palästinas MaimonL des-Feiem mit Vorlesungen über dos Work Mairaonidee ahgeholitem,