Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 445 (30.4.1935)
- Date
- 1935-04-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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PALÄSTINA Dr. Wetzmann Leiter eines neuen palästinensischen Chemietrusts Jerusalem, 20. April. (2. T. A.) Emamiel X o w m a n, das frühere Mitglied der Exekutive der Jewisli Agency. und Nalnim M e u n aus Polen, registrierten bei der Behörde eine neue Gesellschaft fiir chemische Industrie in Palästina mit einem Kapital von 100.000 Pfund. I)io Gründung der Gesellschaft kam auf Grund von Beratungen mit Lord M e 1 c h e 11 als dem Repräsentanten des Imperial Chemical Trust zustande. Dr. Chaim W e i z m a n n erklärte sich auf Einladung der Gründer der neuen Gesellschaft und Lord Melchetts bereit, den "Vorsitz zu ii b c r n o h in e n. Die hebräische Presse sieht in clor neuen Gründung den Beginn einer neuen Ära wirtschaftlicher Entwicklung in Palästina. Dinge aber jetzt liegen, fehlt uns der Glaube an eei.no Beteuerungen. Worte und Taten Bei der Sitzung dos Aktionskomitees in Jerusalem hat das Mitglied der Exekutive, der Arbeiterführer Ben Gurion, eine große Rede gehalten, in der er unter anderem sagte: „Die Stärkung der Landwirtschaft und unserer übrigen Positionen ist nicht möglich, ohne daß wir dem Zionismus Macht und Herrschaft gewähren. Diese Herrschaft des Zionismus muß heute in allen Teilen der Bewegung aufgerichtet werden. Wir sind hierzu bereit, gemeinsam mit allen denen, die die gleiche Bereitschaft haben. Und alle die, die dieselbe Bereitschaft wie wir besitzen, werden unsere Bundesgenossen sein.“ Die Forderung nach der Herrsohaft des Zionäsinfuis, die Herr Ben Gurion hier aufgestellt hat, wird von der Partei des Herrn Ben Giirdon mißachtet, die Palästina als Mir Monopol betrachtet und Ein warn - de rungäbe Stimmung en aufrechterhält, die darauf angelegt sind, den Angehörigen der Arbeiterpartei Vorteile zu sichern und die Angehörigen anderer zionistischen Organisationen zu benachteiligen. Wir sind die letzten, die darauf ausgehen, die großen Verdienste der Arbeiterschaft um den Palästinaaufbau zu .schmälern. Wir müssen uns aber dagegen wehren, daß ein feingesponnenes politisches System und eine rücksichtslose Geltendmachung der der Arbeiterschaft zur Verfügung stehenden Machtmittel weiter ausgenützt wird. Wir haben daher zu den Worten des Herrn Ben Gurion kein Zutrauen. Wir wollen Taten sehen. Wenn einmal die Arbeiterschaft dom zugestimmt haben wird, daß die von ihr beherrschte Histadruth zu einem D a <di verband der v o r s ch i e d e n e n A r b e i t o r g r u p p e n um gewandelt ist und wenn ein gerechtes II a c Ilse h a r a h- und Alijah-System eingeführt wird, dann werden die Äußerungen Ben Gurioris von Bedeutung sein. Wie die an tnoxg&n — Pension sc&jütyt vox Joxgenf L b«l Berufiunlählgkcll INVALIDITÄT*.RENTEN C. für «In «orglof«« Aller AUIRl-KHTlfl t. Im AbUbcnilalt« HINTERB LIEB ENtlt*R INTEN % ALLGEMEINE VERSICHERUNG! A.-G. PENSIONS-VEREIN WIEN, I., SCHELL(NGGAISE 1 Beschwerden über österreichische Firmen Die österreichisch-palästinensische Wirtschafts- und Handelskammer in Wien sowie ihre Schwesterorganisation in Tcl-Aviv empfehlen selbstverständlich die Besorgung der Einkäufe bei österreichischen F i rm e n. Die Kammern mußten jedoch bedauerlicherweise des öfteren die Beobachtung machen, daß seitens österreichischer Lieferfirmen Aufträge aus Palästina nicht mit der gebührenden Sorgfalt ausgeführt werden. ’ Es ist bereits mehrere Male vorgekommen, daß Einkäufer, die über Veranlassung der Kammern nach Österreich gekommen sind und hier für vieles Geld ihre Einkäufe besorgten, erklärt haben, kein zweites Mal mehr Ware aus Österreich zu b e z i e h e ri. Die Kammern glauben, daß diese leichtfertige Behandlung der Aufträge aus Palästina auf eine falsche Beurteilung des palästinensischen Marktes zurückzuführen ist. In Österreich scheinen einige Firmen noch immer zu glauben, daß Palästina der finsterste Orient ist, daß man dort kein Verständnis für gute Waren hat und daß man dorthin dritte und vierte Qualität liefern darf. Nach Ansicht der Kammern kann man die Öffentlichkeit nicht genug oft darüber informieren, wie anspruchsvoll und versiert die palästinensische Kundschaft i s t. Sie läßt sich eine leichtfertige Behandlung nicht gefallen und geht eben mit der Kundschaft weiter. Es darf nicht übersehen werden, daß Palästina heute über die denkbar bestenFach- 1 e u t e verfügt, die die Güte und den Geschmack der österreichischen Erzeugnisse zu schätzen wissen. Sie verlangen aber — und das ist ihr gutes Recht —, eine anständige Bedienung seitens der österreichischen Lieferfirmen. Das Streikrecht — heilig! ■iiiiiiiaiiiiiiiiiiii. Weite zionistische Kreise und nicht zuletzt Fraktionen wurde damals jener der Arsolche, welche mit den Bestrebungen unserer palästinensischen Arbeiterschaft sympathisieren, stehen erschreckt vor dem Resultat der kitrzliohen Abstimmung unter den Mitgliedern der Histadruth, wonach der „Heskem“, jener von Ben Gurdon mit diem Revisionistenführer Jaibotimsky in London vereinbarte Entwurf zur Regelung dier Arbeitsbeziehungen mit 15.000 gegen 10.000 Stimmen, abgelelint wurde. Ben Gurion, Generalsekretär der Histadruth, der sich, gleich allen Führern der Linken, energisch für die Annahme des „Heskem“ eingesetzt hatte, verbreitet nun durch diie „Palcor“ ein Interview, wie das ablehnende Referendum zu erklären sei. Alis ersten Grund führt er wörtlich an: „In den Arbeiterkreisen wollte man keine Vereinbarung, welche direkt mH dem Parteiführer und nur indirekt mit den revisionistischen Arbeitern ziustandekam, weil man das nicht als einen Pakt über Arbeitsfragen, sondern als politische Einigung auffaßte.“ Bei diesem vagen Argument braucht man um so weniger lang verweilen, als die Konferenz der Histadruth vom Februar 1933 deren Exekutive in aller Form beauftragt hatte, über Arbeitsverträge und Arbeitsbedingungen mit den Revisionisten zu verhandeln. Um so mehr Gewicht ißt dem zweiten, für die Ablehnung angeführten Grund von Ben Gurion beizumeseen: „Die Opposition wandte sich gegen das Privileg, welches der Entwurf einer revisionistischen Minderheit einräumte, ihre Xieinung in gewissen Fällen der Histadmfeh-Mehrheit aufzuzw.ingen.“ — Was sind nun diese schamhaft amgedeuteten „gewissen Fälle“? Wer es nicht ohnehin weiß, findet im Aufsatz: „The Histadruth referendum“ des Londoner „Jewish Ghromicle“ bestätigt, daß eß sich um das Streikrecht handelt. Laut dom Entwurf sollte nämlich an jenem Ort, wo die revisionistische Arbeiterorganisation eine bestimmte Stärke — etwa 25 Prozent deT Gesamtarbeitereohaft des Orte« — dairstellt, die Proklamiorung eine© Streikes gegen den Willen der revisionistischen Arbeiter zunächst nicht stattfinden, sondern es hätte ein schiedsgerichtliches Verfahren voranaugehen. Uin diesen Streitpunkt richtig zu verstehen, muß man sich daran erinnern, was am 18. Kongreß über die Arbeite Verhältnisse in Erez beschlossen worden ist, beschlossen freilich in der letzten Nacht, als ein Großteil der Delegierten schon den Kongreßsaal und auch die Kongreßstadt Prag verärgert gef loben hatte und nur noch die Linke vollzählig außharrto, um ihre Trophäen zu bergen. Unter Ablehnung ulleT dem Arbeitsfriodeo dienenden Anträge der anderen beiterpartei angenommen. Danach heißt es in Paragraph 2, Absatz 4: „Der 18. Zionistenkongreß tadelt ent schieden die Methode, die organisierte Ar beitenscihaft durch Streikbruch zu bekämpfen und erklärt, daß die Organisationen, die sich derartige Aktionen zum Ziel setzen, das zionistische Werk aufs schwerste gefährden und daß ihre Tätig keit mit den moraliechen Forderungen und der nationalen Disziplin der zionistischen Bewegung nicht in Einklang steht.“ Hiermit hatte der Kongreß die Entscheidung, wo und wie in Erez gestreikt wird, der „organisierten Arbeiterschaft“, das heißt der von den Linken völlig beherrschten Histadruth, übertragen. Und von diesem auf der Kongreßwalstatt eroberten Recht ließ sich beim Refrendum die radikale Mehrheit der Histadruth nichts mehr abknappen und lehnte darum die Möglichkeit eines Einspruches anderer, liier der revisionistischen Arbeiter, gegen die „Streikfrei’heit“ ab. Nach wie vor sollen die laut den Satzungen der Histadruth berufenen autonomen Organe allein, nämlich die lokalen Arbeiterräte, Herr darüber bleiben, jederzeit, wenn es ihnen paßt und auch ohne vorherigen Versuch einer schiedsgerichtlichen Schlichtung, gegen die jüdischen Arbeitgelber Streik zu verkünden und durohzukäimpfen. Den wenigsten Zionisten dürfte — auch nur aluiungsweise — zum Bewußtsein gekommen sein, was Ungeheuerliches der 18. Kongreß, das heißt die dort siegreiche Linke, über die Arbeite Verhältnisse in Erez überhaupt und den Streik insbesoiulers beschlossen hat und welcher Fangriug dadurch dein Jlscihuw umgoworfen wurde. Die Entscheidung über den Arbeitsifrioden im Lande, wo die jüdische Nation in allen ihren Klassen und Schichten das Aufbauwerk vollzieht, wurde so — von der Vergebung der Arbeit bis zu ihrer kämpf Li eben Einstellung — der II Ls tadru th aus ge 1 i ©fert. Und wer ist die „Histadruth Hawodim“? Angeblich die unpolitische Gewerkschaft der gesamten jüdischen Arbeiterschaft Palästinas. Daß sie in Wirklichkeit n i o h t diese G e s am t h o it vertritt, wurde offenbar durch die vor kaum einem Jahr erfolgte revisionistische Gründung der „Histadruth Leumith“ (Nationale Gewerkschaft), welche allen jüdischen Arbeitern offomstehond schon an (1000 Mitgliedern umfaßt, und durch die bei der letzten Landeskonferenz der Allgemeinen Zionisten Palästinas erfolgte Initiative einer Gruppe, überdies eine allgcmeinzionistlsehe Arbeitcr-Ilistadruth zu schaffen. Die „Histadruth Haowdim“ ist auch keineswegs unpolitisch, sondern laut ihrem Statut und ihrer faktischen Betätigung sozialistisch und auf den Klassenkarnpf einiges oh wo reo; nur in diesem Rahmen ist eine freie politische Betätigung der Mitglieder zulässig. Doch daran .nicht genug! Die Histadruth ist eine zionistische Institution ebensowenig, als etwa der Tel Chaj-Fonds der Revisionisten, dem diese Eigenschaft kürzlich durch eine Proklamation der Soclnnith abgesprochen wurde. Unter den verschiedenen sozialistisch-politischen Gruppen, welche von der Histadruth zu einer „gemeinsamen Kampffront“ *) zusammengofaßt werden, befindet sich zum Beispiel der ITaschomer Hazair-lv ib uz A r z i, welcher so weit links fußt, daß er den Beitritt im die „Mapai“, dio zur Zeit führende sozialistische Arbeiterpartei Palästinas, ablchnt und bei den Wahlen in die liistadirubh stets eigene Listen aufstellt. Und dieser Kibuz Arzi ist keine unbedeutende Gruppe; vielmehr zählt er laut dem zu Chanuka erschienenen offiziellen Bericht der Histadruth 2300 Mitglieder, welche in 28 Kibuzim leben und 21.000 Dunam KKL.-Boden bearbeiten. Der Histadruth gehören ferner die „Linken Poale-Zion“ an, von denen unser Gewährsmann schreibt: „Am Zionistenkongreß beteiligen sie sich nicht . . .“ (das weitere, bitte, lieber bei Preuß selbst nachzulesen). Heute ist diese äußerste Linke in der Hista-: druth noch eine Minderheit; morgen aber, kann sie dort bei der fortschreitenden Radis kalisierung, wovon das Referendum Zeugnis ablegt, mit oder ohne Kibuz Arzi schon dio Mehrheit bilden. Es ist demnach klar, daß diese Histadruth nicht nur keine der Kons greßdisziplin unterstellte zionistische Instii tution ist, sondern daß ihr auch ausgespros ebene, ja fanatische Antizionisten anges hören. Und der Willensmeinung einer sols eben Institution liat sich gemäß Kongreß-1 beschhiß die zionistische Gesamtbewegungf zu beugen, ja ihr noch gegen „Streikbrecher“, und mögen diese selbst zionistii sehe Arbeiter sein, alle Macht- und Diszi-i plinarmittei, wie durch Kongreß- und Ehrengericht, bereitzustellen! Die Histadruth stellte nun, um den peinlichen Eindruck des Referendums zu ver« wischen, an die Histadruth Leumith der Revisionisten einen neuen Antrag zur Erzielung des „Arbeitsfriedens“. Darin wird das Wort „Streik“ nicht erwähnt; aber er ist gemeint, wenn es im Punkt 3 heißt? „Gemeinsame Abwehr der Verschlechterung von Arbeitsbedingungen und gegenseitige Unterstützung bei jedem Versuch, die Lage der Arbeiter zu verbessern.“ Die Histadruth Leumith verstand es auch so, indem sic in ihrer, übrigens entgegenkommenden Antwort zu Punkt 3 die „Vermeidung von Streiks und Aussperrungen“ fordert. Ebenso verstand es der Hasehomer ilazair-Kihuz Arzi, welcher in seiner öffentlichen Erklärung („Dawar“ vom 31. März) gegen dio Leisetreterei der Histadruth-Leitung auftrifct und zur Streikfrage die Beibehaltung dos jetzi-i;'on Zustandes, wonach über Streiks stets die Mehrheit der lokalon Arbeiterschaft zu entscheiden hat, als unverbrüchlich festlegt. Zwar ist das Streiken jetzt gerade nicht aktuell, denn dank der Prosperity und zu einer Zelt, da drei Arbeitgeber einem Ar*< beiter naehlaufen, kann dieser auch ohne Streik den Lohn diktieren — bis zu Sätzen, welche von der Sochnutz selbst als schädlich beklagt werden. Aber wenn einmal dio Prosperity aufhört oder nur nachläßt? Für diesen Zeitpunkt eben will dio Histadruth „zur Abwehr verschlechterter Arbeitsbedingungen“ das Pulver trocken lialton. Darf man da nicht, sagen, das Streikrecht in Erez sei unantastbar, — „heilig“? *) Dieses und dio folgenden Zitate sind der zuverlässig sozial Ls tischen Broschüre „Dio jüdiselio Arbeiterbewegung in Palästina“ von Walter Preuß (Verlag „Hochaluz“) entnommen. Die Zionistische Organisation ist in Gefahr! Nur ein konsolidierter Allgemeiner Zionismus kann sie retten. 8999999^1