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Die Stimme · 1935-04-30 · Heft 445 (30.4.1935) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 445 (30.4.1935)
Date
1935-04-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 445 — 30. April 1935 DU STIMM! Seite 3 Antiiiidische Unruhen in Polen In dem zur Warschauer Woiwodschaft gehörenden Städtchen R y k i kam es während der Pessach-Tage zu ernsten antijüdischen Ausschreitungen, bei denen mehrere Juden erheblich verletzt wurden. Einer von ihnen, der Fleischer Sane T e i c h m a n, wurde mit schweren Verletzungen ins Hospital gebracht. An der Synagoge und an mehreren jüdischen Geschäften wurden die Fensterscheiben eingeschlagen. Da die .Polizei gegen die Exzedenten nicht vorging, begab sich eine jüdische Abordnung zum Starosta und ersuchte ihn um Hilfe. Erst dann wurde die Polizei eingesetzt und die Ruhe hergestellt. In der Stadt Szydewowiec (Woiwodschaft Radom) haben zwei Führer der antisemitischen nationalradikalen Partei, Eugeniusz Schleinger und Stanislaw P a j a k, die Legende verbreitet, daß Juden den städtischen Beamten Josef Gowalc z y n s k i ermordet haben, um sein Blut zu rituellen Zwecken verwenden zu können. Die Polizei leitete sofort eine Untersuchung ein und stellte fest, daß Schleinger und Pajak den Gowalczynski in einen Hinterhalt gelockt, ermordet und beraubt hatten, und daß sie, um den Verdacht von sich abzulenken, das Ritualmordmärchen v# breiteten. Die Mörder wurden verhafte! und dem Gericht eingeliefert. Warschauer Mäkhahi - Haus in die Luft gesprengt Bisher unerkannt gebliebene Täter haben am letzten Pessach-Feiertag, am 25. April, das Gebäude auf dem Sportplatz des jüdischen Sportklubs Makkabi am Weichselufer durch Bomben in die Luft gesprengt. Die Sprengkörper vernichteten die Bootschuppen samt den Ruder- und Segelbooten sowie große Teile der Zuschauertribüne. Das Klubhaus und die Lagerräume wurden durch den im Anschluß an die Explosion entstandenen Brand vernichtet. Der Sachschaden wird auf etwa 15.000 Zloty geschätzt. Da sich zur Zeit der Explosion keine Sportler in den Klubräumen befanden, sind Menschen nicht zu Schaden gekommen. Die Explosion war so stark, daß die Familie des Sportplatzwächters aus den Betten geschleudert wurde. Polizei und Vertreter der Staatsanwaltschaft erschienen auf dem Tatort und leiteten eine Untersuchung ein. Man nimmt an, daß wie bei anderen antijüdischen Anschlägen auch hier Mitglieder der aufgelösten nationalradikalen Jugendorganisation die Täter waren. Verzweifelte Wirtschaftslage der Juden Eine Abordnung des Jüdischen Wirtschaftskomitees überreichte dem Innenminister Kozielkowski ein Memorandum, in welchem die verzweifelte Wirtschaftslage der Juden Polens dargelegt und die Regierung ersucht wird, Maßnahmen zur Linderung des Elends unter den arbeitslosen jüdischen Massen zu ergreifen. Polnisches Gerichtswesen fudenrein Das Projekt des polnischen Advokatenrates, demgemäß in Zukunft nur solche Juristen zur Advokatur zugelassen werden sollen, die eine fünfjährige Praxis als Richter oder als Staatsanwalt durchgemacht haben, hat in jüdischen Kreisen Beunruhigung hervorgerufen. Da Juden in der Regel zur Gerichtspraxis in Polen nicht zugelassen werden — das polnische Gerichtswesen ist faktisch judenrein —, befürchtet man, daß durch die geplante Bestimmung den Juden der Weg zur Advokatur versperrt bleiben wird. Herrschaft der Nationaldemokraten im Lodzer Stadtrat gebrochen Warschau, 28. April. (2. T. A.) Nachdem aus der nationaldemokratischen Fraktion des Lodzer Stadtrats fünf Mitglieder ausgetreten sind, ist die nationaldemokratische Herrschaft im Lodzer Stadtrat, die von der Partei zu rücksichtslosen antisemitischen Maßnahmen ausgenutzt wurde, gebrochen. Deutsch-arische Abstammung und Taufschein Die Stadtgemoinde Wolfsberg in Kärnten hat die Stelle eines Stadtamtsleiters ausgeschrieben und hiezu folgendes bemerkt: „Die eigenhändig geschriebenen Gesuche sind unter Nachweis der deutscharischen Abstammung, der österreichischen Bundesbürgerechaft und Zuständigkeit, des Alters, des Gesundheitszustandes, der Schulbildung, der bisherigen Verwendung und der Unbescholtenheit (Moralität® zeugnis) beim Unterzeichneten Stadtamt einzubringen.“ Die Stadtgemeinde Wolfsberg, die sich am 25. Juli 1934 in den Händen der Nationalsozialisten befand, scheint der Meinung zu sein, daß Kärnten bereits ein Bestandteil des Dritten Reiches ist. Deswegen scheint ihr auch derNachweisderdeutscharischen Abstammung wichtiger zu sein als die erst später geforderte österreichische Bundesbürgerschaft. Man muß übrigens nicht erst ein Beispiel aus Kärnten heranziehen, um festzustellen, daß verschiedene Organe die Bestimmungen der Verfassung über die Gleichberechtigung aller Staatsbürger einfach ignorieren und beispielsweise bei Stellenaussohreibungen die Beibringung des Taufscheines verlangen. Wir wußten kürzlich von einer derartigen Stellenausschreibung einer Krankenkassa ziu berichten, die im Organ der wirtschaftlichen Organisation der Ärzte in Wien abgedruckfc war. Es handelt sich in diesem Falle, wie in vielen anderen Fällen, um eine Verhöhnung der gesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger und es wäre hoch an der Zeit, daß die Regierung Mittel und Wege findet, um alle in Betracht kommenden Ämter und Stellen darauf aufmerksam zu machen, daß eine derartige getarnte nationalsozialistische Propaganda und damit eine Diskriminierung der jüdischen Staatebürger den inneren Frieden sabotiert und nicht im Einklang steht mit den verschiedenen Regierungserklärungen an das Ausland. Kur* und Badehaus Villa Dr. Mn$, Budgosteln Die Jüdische Partei bei den Partamentswahlen in der Tschechoslowakei Prag, 26. April. (2.T.A.) Die Jüdische Partei wird bei den Wahlen ins tschechoslowakische Abgeordnetenhaus am 19. Mai auf den Listen der tschechischen Sozialdemokratie mit folgenden Kandidaten vertreten sein: Im Wahlkreis Prag Abg. Dr. Angelo G o 1 d s t e i n (Prag) und Dr. Paul März (Mähr.-Ostrau), Wahlkreis Uzhorod Dr. Chaim Kugel (Direktor des hebräischen Gymnasiums in Mukaöevo) und Oberlandesgerichtsrat Siegmund B i r n s t e i n (Brünn). In den Senat kandidiert für die Jüdische Partei im Mährisch- Ostrauer Wahlkreis Ing. Ernst Frischer, der Obmann der Jüdischen Partei, und Doktor Matej Weiner (Lipt.-Sv. MikuläS). Bei den Wahlen in die Landes Vertretungen, die am 26. Mai stattfinden werden, wird die Jüdische Partei selbständig auftreten und aller Wahrscheinlichkeit nach in der Slowakei den bisherigen Abgeordneten Dr. Julius R 6 i ß und in Karpathorußland Dr. Wilhelm Sternbach kandidieren. Verstopf ungszustände. Wissenschaftliche Feststellungen bekräftigen, daß das natürliche „Franz-Josefa-Bitterwasser bed Verstopfungszuständen aller Axt mit bestem Erfolge dient. Nationalzaranisten gegen Vaida Voevod Bukarest, 28. April. (2. T. A.) Der soeben zu Ende gegangene außerordentliche Parteikongreß der nationalen Bauernpartei (Nationalzaranisten) lehnte den von Vaida Voevod propagierten Numerus valachicus (wirtschaftlicher Numerus clausus für die Minderheiten, insbesondere für die Juden) ab und beschloß loyale Zusammenarbeit mit den Minderheiten. Die Lage in Rumänien Obwohl über Bukarest der Belagerungszustand verhängt ist, haben sich in der letzten Zeit immer wieder Überfälle von Gruppen antisemitischer Studenten auf jüdische Passanten ereignet. Die an diesen Ausschreitungen beteiligten Personen wurden in der Regel nach kurzem Verhör wieder freigelassen. Es wird berichtet, daß die Studenten den in früheren Jahren geübten Brauch, jüdische Passagiere in den Eisenbahnzügen anzugreifen, wieder auf genommen haben. Hierbei soll ein Jude aus einem fahrenden Eisembabnzug geworfen worden sein. Die Repräsentanz der Union rumänischer Juden hat zu diesen Vorfällen dem Ministerpräsidenten Tataresou ein von ihrem Vorsitzenden Dr. W. Filderman und dem Generalsekretär M. Zelter-Sanateapu Unterzeichnete® Memorandum überreicht, dem Auszüge ■ aus antisemitischen Hetzartikeln als Bewersmaterial beigelegt sind, die deutlich den Einfluß deutscher Agitatoren zeigen. Antisemitische Zeitungen in Saloniki verboten Saloniki, 28. April. Die radauantisemitische Salonikier Zeitungen „Makedonia“ und „Elevtheros“, die nach der Unterdrückung des Venizelos-Aufstandes gleich den anderen oppositionellen Zeitungen nicht erscheinen durften, bleiben laut Verfügung der Regierung dauernd verboten. Die Redakteure der genannten antisemitischen Zeitungen befinden sich im Gefängnis und werden wegen Teilnahme am Aufstand vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Das Geld zur Erhaltung dieser Blätter ist aus Deutschland geliefert worden. Sicherung des Minderheitenschutzes in Griechenland In Athen fand eine Besprechung des Ministers Mavrmihalis, des Ministers und Generalgouverneurs von Mazedonien, Mandas, und des Gouverneurs von Thrazien, L o n d e s, statt, in der beschlossen wurde, bei der Regierung ein Minderheitenamt zu errichten, das für die Verwirklichung der von Griechenland in internationalen Verträgen übernommenen Verpflichtungen gegenüber den Minderheiten Sorge tragen soll. Die Schekelkampagne Im allgemein - zionistischen Lager ist die Schekelkampagne in vollem Gange. In allen Bozirk^sektionen wurden Schekelreferenten und Leiter der Agitation bestellt:. Der Sehekelabsatz macht gute Fortschritte. In den nächsten Tagen wird eine Versammlung der Schekelreferenten und der Agitationsleiter der Bezirke statt.finden. Die Vorbereitung für den 19. Kongreß ist diesmal von besonderer Wichtigkeit, weil auf diesem Kongreß Beschlüsse von weitgehendster Bedeutung sowohl in politischer als auch in organisatorischer Hinsicht zu fassen sein werden. Der Allgemeine Zionismus wird diesmal eine b e d e u tende Rolle zu spielen haben. Es ist daher die Pflicht aller Allgemeinen Zionisten, nicht nur den Schekel zu erwerben, sondern für den Absatz des Schekels von Mann zu Mann zu werben. Die Allgemeinen Zionisten, die schon beim letzten Kongreß 50 Prozent aller Mandate erhalten haben, müssen bei diesem Kongreß einen noch größeren Erfolg erzielen. Die Zeit drängt. Es stehen nur mehr wenige Wochen für die Arbeit zur Verfügung. Wir fordern alle Allgemeinen Zionisten auf, sich in den Dienst der Schekelarbeit zu stellen und sich für diese Arbeit bei ihren Bezirkssektionen zu melden. Maturasdiule „Universum" Wien, IX., Garn songasse Nr. 3 Telephon A 20-4 48 Ritualmordhetze im Kreis Tauroggen Kowno, 26. April. (2. T. A.) Die seit einiger Zeit insbesondere im Kreis Tauroggen getriebene Ritualmordhetze hat die Rabbiner der dortigen Städtchen veranlaßt, den Rabbinerverband in Kowno um Einschreiten bei den Behörden zu ersuchen. In einer ausführlichen Denkschrift hat der Kownoer Oberrabbiner Schapiro dem Innenministerium die Lage im Gebiet von Tauroggen dargelegt. Der Innenminister Rustejka hat daraufhin an die lokalen Behörden im Kreise Tauroggen Instruktionen erlassen, in denen strenge Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung befohlen werden. Insbesondere wird angeordnet, daß der Verbreitung aufreizender Flugblätter mit Darstellungen blutender Christenkinder, denen „zu Ritualzwecken“ Blut entnommen wird, sofort Einhalt geboten werde. Als Folge der von der Regierung ergriffenen energischen Maßnahmen sind die Pessach-Tage im allgemeinen ruhig verlaufen. In Tauroggen aber wurden am Freitag abends im Gebäude der jüdischen Volksschule die Fensterscheiben eingeschlagen. Am folgenden Abend wurden auch beim Ortspfarrer und beim Kreischef die Fenster eingeschlagen, weil der Pfarrer in der Kirche gegen das Ritualmordmärchen gepredigt h a 4 und der Kreischef energisch gegen die Ruhestörer vorgegangen ist. Der Polizei gelang es, einige zu verhaften, der Militärkommandant hat sie zu je zwei Monaten Gefängnis verurteilt. In der zweiten Seder-Nacht wurden in dem Städtchen Koschedori auf dem jüdischen Friedhof mehrere hölzerne Grabdenkmäler angezündet, die niederbrannten. Polizei und Feuerwehr gelang es, den Brand zu ersticken. Außenminister Beck. Der polnische Außenminister Oberst Beck hat sich auf der Rückreise aus Genf auf dem Semmering aufgehalten. Er nahm in der Pension Eckstein die Jause. Die repräsentative Herzl-Feier Wiens_ Aus Anlaß der 75. Wiederkehr des Geburtstages Theodor Herzls veranstaltet der Zionistische Landesverband am 2. Mai, präzise Vs 9 Uhr abends, eine Feier im Großen Muiikvereinisaale. Hiebei wird Dr. JOSEF KASTEIN über das Thema sprechen: ./Theodor Herzl - das Erlebnis des jüdischen Menschen'1. Weiters wird der Präsident des Landesverbandes Dr. OSKAR GRCINBAUM sprachen. Es wirken mit: Die VEREINIGTEN TEMPELCHORE der lempe! der Inneren Stad und der Leopoldstadt un'er Leitung des Kapellmeisters KURT FUCHSGELB. Solo: Oberkurator GERSON MARGULIES. Rezitation: JAKOB FELDHAMMER. Die Nachfrage nach Karten ist außerordentlich groß. Restliche Karten sind erhältlich bei: Zionistischer Landesverband, I., Marc-Aurel-Straße 5, Tel. U 22-2-11 - „Keren Kajemeth Leiisrael", I.. Marc-Aurel-Straße 5, Tel. U 29-1-29 — Sämtliche Zionistische Bezirkssektionen — Wizo" I., Schotterring 25, Tel. A 11-6-26 — Jüdische Kunststelle, II., Aspernbiückengasse 2, Tel. R 48-2-91, Zweigstellen: VI., Loquaiplatz 11, Tel. B 20-0-91. und IX., Währngerstra’ße 4ü Tel. A 14-400 — Bücherstube M. Rath, II., Taborstraße 20a, Tel. R 45-3-05 — Bücherstube Richard Lanyi, L, Kärntnerstraße 44, Tel. B 25-6-75 - Bücheistube R. Löwit, I., Woilzeile 6 Tel R 21-4-25 SICHERN SIE SICH RECHTZEITIG KARTEN 1

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