Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 444 (26.4.1935)
- Date
- 1935-04-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Blätter der jüdischen Frau FRAUENBEILAGE DER „STIMM?' * FREITAG, 6. APRIL 19 3 5 * 3. J AH RG AN G NR. 2 Die Pflicht der Jüdischen Frau Von Käthe Lichtenstem. Die jüdische Kultur war eine Männerkultur dem Hause, in dem wieder die Mutter beuiu! die jüdische Religion ist noch immer stimmend ist, die Schule, und eine Schule, eine Männerreligion. Unter allen Problemen, die dem Judentum fremd ist, erzieht auch mit denen sich das Judentum in stetig ge- Menschen, für die das Judentum keinen steigerter Intensität auseinanderzusetzen Leoensinhalt darstellt, hatte, haben die Fragen der jüdi-j Noch unabweisbarer aber wird die Fordeschen Frau den kleinsten Raum eingenom-; riingnach angemessener Schulung «en. Und doch führen gerade sie unmittelder jüdischen Hausfrau und Mutbar zu dem Problem, das alle anderen gleich- J t e r im Hinblick auf das zionist isam in sich schließt: die Erhaltung des Ju-;sche Aufbauwerk. Nicht nur um des dentums. Der geradeste und schnellste Weg palästinensischen Nachwuchses willen ist es zur Assimilation ist Preisgabe oder Vernachj nötig, daß die jüdischen Mädchen vom Geiste lässigung des jüdischen Bewußtseins der j des Judentums erfüllt sind, denn die Kinder, Frau. Will man Assimilation, so hat man | denen es vergönnt ist, im Lande der Väter nichts anderes zu tun, als der Anpassungsj aufzuwachsen, werden viel eher auch unabfähigkeit der Frau an fremde Kulturinhalte | hängig vom mütterlichen Einfluß die richtige und -formen freien Lauf zu lassen. Gelingt; Einstellung zu ihrem Volk und ihrem unter es ihr nicht, den eigenen Mann zum Über gleiten in die außerjüdische Welt zu ver anlassen, so wirkt sich ihr Einfluß auf dem •Umweg über die Kinder um so sicherer in dieser Hinsicht aus. Will man aber Erhal tung und Fortführung der jüdischen Art und verwirft man die Assimilation, dann läßt man ungeheure Kräfte zum Aufbau unseres Volkes brachliegen, wenn man die konservierende Macht der Frau, ihre Gebundenheit an Sitte und Tradition nicht ausnützt. Überall auf der Erde fällt der Frau die erste Einführung des Kindes in die Welt des Stammes oder Volkes zu, in die es hineingeboren wurde. Sie vermittelt zwischen dem neuen Glied der Gemeinschaft und dem alten Kulturgut, den Sitten, der Religion und in mehr oder minder hohem Grade auch den Kenntnissen, die überlieferter Besitz dieser Gemeinschaft sind. Auf je höherer geistiger Stufe diese Gemeinschaft steht, desto schwieriger gestaltet sich die Aufgabe der Frau, desto mehr Schulung, und zwar bewußte Schulung, ist dazu notwendig. Im speziellen Falle des jüdischen Volkes aber handelt es sich nicht darum, zu verhindern, daß die Kinder durch die eigene Mutter, durch ihre Abgeneigtheit oder Unfähigkeit, ihre nationale Vermittleraufgabe zu erfüllen, der Volksgemeinschaft entfremdet werden. In vielen Fällen, wo die jüdische Kulturtradition längst unterbrochen, scheinbar sogar z e r brochen ist, muß bewußt an Altes, fast Fremdgewordenee wieder angeknüpft werden, muß sich die Frau bewußt auf eine neue, auf die alte Lebensbasis ihres Volkes erst wieder umstellen, eine Aufgabe die ohne Hilfe, ohne Vorbildung und Schulung nur in ganz vereinzelten Fällen und unter großen Schwierigkeiten lösbar scheint. Man denke allein an die jüdischen Feste. Die Bräuche, die historischen Grundlagen lassen eioh bei einigem gutem Willen erlernen. Aber kann ein Fest, das nur erlernt ist, das eigentlich nur die Nachahmung eines Festes ist, ein wirklich festliches Erlebnis vermitteln? Und doch wissen wir, wie tief der Eindruck sein kann, den die Feste auf die kindliche Seele ausüben und wie bestimmend sie auf das Zugehörigkeitsgefühl des heranwachsenden Menschen wirken! Was wirkt einigender auf ein Volk, als das Begehen gemeinsamer Feste! Und wie wenige westliche Juden gibt es, denen die Feste ihres Stammes so sehr das Gefühl von Volksverbundenheit und Heimat geben, wie es für die Völker, unter denen wir leben, ihre Weihnachten und Ostern tun. Und doch sind gerade die jüdischen Feste so voll der ewig aktuellen Erinnerungen an die Leiden und Hoffnungen unseres Volkes, daß sie in hohem Grade ge eignet sind, die Liebe und das Gefühl schicksalhafter Verbundenheit mit ihm zu erwecken und zu kräftigen. Um edn jüdisohevs Fest jedoch auf so innerliche Art zu erleben, muß man wirklich das Schicksal der Juden lebendig in sich fühlen. Dieses lebendige Mitgefühl läßt sich nicht willkürlich „lernen“. Das muß langsam heranreifen und zum selbstverständlichen Bestandteil des jüdischen Alltags werden. Der Alltag des heran wachsenden Menschen aber ist neben so schweren Opfern erworbenen Heimatlande finden. Hier zeigt es sich schon, daß sich die alten Maßstäbe geändert haben, hier muß anerkannt werden, daß die Frau selbst abgesehen von ihrer Rolle als Erzieherin der künftigen Generation, ein wichtiger Faktor des jüdischen Lebens geworden ist. Palä stina braucht Mädchen und Frauen, die fähig sind, den eigen persönlich bequemeren Weg der Assimilation aus freiem Antrieb zu ver schmähen, Mädchen und Frauen, die ebenso opferfreudig wie unsere jungen Männer in die einsamen Siedlungen auf dem Lande gehen und das entbehrungsreichste Leben ertragen. Immer wieder hört man, daß an dem verhängnisvollen Streben der jungen Leute aus den Siedlungen nach den großen Städten die Frauen schuld sind, denn es verlangt sie immer wieder in die Atmosphäre ihrer Kindheit zurück. Die Haltung der Judenschaft in der Galuth muß der zentralen Stellung des Frauenproblems in Palästina Rechnung tragen. In bezug auf Palästina ergibt sieb aber noch eine zweite Forderung für die Erziehung der Frau. Es ist unzweifelhaft, daß das Bildungsziel des Mädchens dem der Knaben ebenbürtig sein muß, daß die Mädchen dieselbe Möglichkeit zur Bildung eines geschlossenen, harmonischen, den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Zeit entsprechenden Weltbildes haben müssen wie die Knaben. Daher muß eine Schule für jüdische Mädchen die Geistes- und Naturwissenschaften auf gleiche Weise berücksichtigen wie die Knabenschulen. Dennoch muß sich das Lehrziel einer solchen Anstalt den speziellen Aufgaben der Frau gemäß modifizieren und der Notwendigkeit der Heranbildung von Müttern und Frauen Rechnung tragen. Bei den Absolventinnen von Mittelschulen besteht immer die Gefahr, daß sie auf Kosten der intellektuellen Ausbildung diesen Zweig der Vorbereitung zum Leben vernachlässigen, der gerade für Palästina, das typische Siedlerland, von ganz außerordentlicher Wichtigkeit ist. Kochen, Handarbeit, Schneidern, Säuglingspflege und Kindergarten, die dazugehörige theoretische Grundlage in Physik, Chemie, Psychologie und Pädagogik sollten unbedingt im Lehrplan einer Mittelschule für jüdische Mädchen Raum finden, ungefähr so wie in den österreichischen Frauenoberschulen, die auch eine Verbindung des Mittelschullehrzielee mit dem Ziel der Auebil düng für die speziellen Aufgaben der Frau verbinden. Diese Type ist auch schon deshalb empfehlenswert, weil der Besuch einer Mittelschule das Normale im Erziehungsweg der jüdischen Mädchen geworden ist und doch sehr vielen die rein intellektuelle Aus bildung gar nicht gemäß ist. Es wäre also im Sinne einer gesunden und zweckmäßigen Auslese wünschenswert, eine solche Schule, abweichend von der österreichischen Frauenoberschule, so einzurichten, daß ein einheitlicher Lehrplan filr die Unterstufe besteht, dann jedoch eine Teilung eintritt und die Schüler in zwei Klassenzügen den verschiedenen Lehrzielen des Realgymnasiums und der Frauenoberschule zugeführt werden. Die Einteilung der Schülerinnen in die beiden Lehrgänge hätte mit großer Sorgfalt zu erfolgen, wobei Zöglinge, Eltern und Lehrer gemeinsam zu beraten hätten. Der Blickpunkt aber, auf den sich die ganze Perspektive der Schule zu richten hätte, wäre das Judentum und wenn auch ihre drei Aufgaben: Erziehung zum Menschen, Erziehung zur Hausfrau und Mutter und Erziehung zum Judentum gleichberechtigt nebeneinander stehen, so muß doch der jüdische Gesichtspunkt noch über die direkte Unterweisung in Sprache, Sitten, Geschichte und Religion unseres Volkes hinaus alle anderen Fächer durchdringen und die Konzentrationfibafds für den ganzen Lehrplan abgeben. Der Deutschunterricht, der Geschichtsunterricht und der Unterricht in der lebenden Fremdsprache würden sich nicht mit der banalen Feststellung des jüdischen Anteiles am Kulturaufbau der Umwelt begnügen — beinahe kommt diese Feststellung, die ja nur dazu dient, unsere Daseinsberechtigung zu erweisen, uns heute demütigend vor; denn ist es nicht selbstverständlich, daß wir uns den Kulturen anderer Völker gegenüber nicht nur rezeptiv, sondern auch produktiv verhalten haben? — sondern auch die Beziehungen, Gegensätze und Übereinstimmungen zwischen ihnen und uns aufdecken und dadurch diese Fächer lebendiger und für uns fruchtbarer gestalten. Doch auch in den Realien, namentlich in Geographie und Naturgeschichte wird sich immer Gelegenheit zu Hinweisen auf den neuen jüdischen Lebensraum ergeben. Die jüdische Frau als Hausfrau und Mutter, die Frau als jüdischer Mensch — mit diesen Worten wäre das Lehrziel einer Schule umschrieben, deren Gründung, wie eingangs gezeigt wurde, eine dringende Forderung der Stunde ist. Von jungen Mädchen, die in einer solchen Schule herangebildet wurden, kann man dann auch erwarten, daß sie selbst nützliche Mitglieder der jüdischen Volksgemeinschaft und begeisterte Mitarbeiter am jüdischen Aufbauwerk werden und daß sie imstande sind, das Leben ihrer Kinder mit jüdischem Inhalt zu erfüllen. Rebekka Sieff über das Programm der Wizo Auf der Wizo-Weltkonferenz führte Frau Rebekka Sieff, die Vorsitzende der Galuth- Exekutive, als Programmpunkte der Wizo unter anderem an: 1. Die Entwicklung der Ausbildungsschulen für Mädchen zum Zweck ihrer Vorbereitung für das Leben in Erez Israel in jeder Hinsicht. Und zwar nicht nur für hundert Mädchen wie bisher, sondern es muß der Weg gefunden werden, eine viel größere Zahl in viel kürzeren Kursen praktisch zu schulen. Diesen Weg haben wir in unserer Hauswirtschaftsschule gefunden, wir müssen ihn auch für unsere anderen Institutionen finden. 2. Ganz Palästina widerhallt von dem Schrei nach guten pädagogischen Kräften. Das gilt nicht nur für die Wizo, sondern ebenso für Ben Schemen und andere Lehranstalten. Man braucht die sogenannte „Hausmutter“, die Pädagogin, die Lehrerin. Unsere Methode, junge Mäd chen zur Ausbildung nach Europa zu schicken, hat sich bewährt, denn sie wurden unschätzbare Lehrerinnen für unsere AnffYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYYY ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► ► Freitagabend Ein weicher Dämmer wallt im kühlen Raume, Zwei Kerzen strahlen zart in sanfter Glut, Wie eine Wand erscheint der weiße Vorhang, Der Atem selbst des Frühlingsabends ruht. Der Kerzenschein wird hell, als ob er tränke Aus sabbathweißem Linnen alles Licht, Das legt er mild, wie einen süßen Segen, Auf dieser blassen Hausfrau fromm Gesicht. ln ihren Händen ein Gebetbuch haltend, So steht sie da im blütenweißen Kleid. Vor Scham, daß meine Glut sie streife, flücht ich Mit ihrem Bild in stillste Einsamkeit. Marek Scherlag. fciAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAj? stalten. Diesmal handelt es sich nicht um! junge Kräfte, vielmehr müssen erfahrene Frauen ein bis zwei Jahre zur Ausbildung in entsprechenden Anstalten Europas zubringen, um dann unsere Institutionen auf die bestmöglichste Art zu führen. 3. Die Entwicklung unseres I n s t r u k* t i o n s d i e n s t e s für Kibbuzim, Kvuzoth, Moschavoth usw. ist von größter Bedeutung. Hier liegt ein weites Arbeitsfeld vor uns. 4. Dazu kommt die städtische Fachaus-* bildung. Nur dank den Hilfsfonds für deutsche Mädchen in London konnten für diese Kurse die Mittel aufgebracht werden, nicht aus unserem eigenen Budget. Diese Hilfsfonds sind aber nur eine einmalige Geldquelle und wir müssen die Mittel selbst aufbringen. 5. Die soziale Arbeit. Wir betonen, daß wir, die Wizo, die ersten waren, die auf diesem Gebiete vorangegangen sind. Nur wir haben ein Mothercraft Training Centre in Palästina geschaffen und jahre-i lang das Säuglingsheim und die Rages-: Krippe erhalten. Es ist aber jetzt nicht Aufgabe der Wizo, neue soziale Arbeit auf sich zu nehmen. Wir müssen vielmehr der Palästina-Föderation helfen, ihre Organisation zu stärken, so daß sie selbst die Mittel dafür — und nicht nur dafür, sondern darüber hinaus — aufbringen kann. Sie soll zu jedem lebenswichtigen Zweck unserer Arbeit für den Jischuw beitragen. 6. Die Jugendfrage. Wir sind heute vollkommen einverstanden, daß keine gesonderte interoationalo Jugendorganisation geschaffen wird. Vielmehr soll ein engerer internationaler Kontakt zwischen Senior- und Juniorgruppen horgestellt werden und diese Konferenz muß zur Verstärkung des Jugenddepartemonte beitragen. 7. Dio II a c h s c h a r a h. Diese Frage verlangt die genaueste Überlegung aller verantwortlichen Frauen, auch wenn sie nicht selbst direkt davon betroffen werden. Die Hachscharah-Kommission dieser Konferenz muß die richtigen Richtlinien für die Lösung dieser Frage finden. 8. Propaganda. Propaganda ist das Lebensblut unserer Organisation, sie schafft