Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 444 (26.4.1935)
- Date
- 1935-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 444 — 26. April 1035 DIE STIMME Seite 5 Flüchtlingsproblem und Palästina-Einwanderung Wilna. (2. T. A.) Anfangs März halte clor Wilnaer Oberrahbincr und frühere Senator, Rabbiner 4. R u b i n s t e i n. der dem Beirat jüdischer Organisationen beim Amt des Völkerbund- Kommissars für Atiswandcrcrfiirsorge James O. M a ö I) o n a 1 d angehört, den Vorsitzen den des Vervvaltungsrates des Internationalen Auswanderer-flilfswerks, Viscount C e e i 1 o f C h e 1 \v o o d, um Mitteilung darüber ersucht, welche Schritte unternommen worden seien, um die jüdische Einwanderung nach Palästina zwecks Lösung des Auswandererproblem.s zu erhöhen Lord Cecil hat nunmehr auf diese Anfrage mit einem Brief geantwortet, in dem er unter andern ausfiihrt: Was Palästina betrifft, so ist es allgemein bekannt, daß die Einwanderung von Arbeitern in dieses Land begrenzt ist durch seine wirtschaftlichen Möglichkeiten, die eine schnelle Absorption der gesamten Einwanderung durch die Wirtschaft des Landes nicht zulassen. Das ist auch der Grund, weshalb d e m e n g 1 i s c h e n 0 b e r k o m m i ssitr die Feststellung der Zahl von Arbeitern anheim gegeben wurde, die jährlich zur Einwanderung nach Palästina zugelassen werden sollen. Es darf darauf hingewiesen werden, daß die Zahl der Einwanderungszertitikate in letzter Zeit in Anbetracht der besonders schwierigen Verhältnisse, die viele Juden zwingen, sich außerhalb Europas ihre Heimat zu suchen, erhöht worden ist. Unter diesen Verhältnissen ist es klar, daß unablässig andere Länder für jüdische Einwanderung gesucht werden müssen. Der Oberkommissar ist auf seiner gegenwärtig unternommenen Tournee durch die Länder Südamerikas nach dieser Richtung bemüht. Sie können versichert sein, daß der Oberkommissar auch weiterhin alles tun wird, um im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten die beste Lösung des jüdischen Problems zu finden. Mieterschutz in Jerusalem Der Distriktskommissar von Jerusalem hat einer Abordnung der K a u fl e u t e und Gewerbetreibenden, die den Mieterstreik durchgeführt haben, erklärt, die Mieterschutzverordnung werde im Jahre 1936 auch in Jerusalem Geltung gewinnen. Maimonides-lnstitut an der Hebräischen Universität Die Hebräische Universität in Jerusalem veröffentlicht einen Aufruf an die jüdischen Gemeinden in der ganzen Welt, zur Ehrung des Gedächtnisses des großen Lehrers Maimonides aus Anlaß seines 800. Geburtstages dadurch beizutragen, daß sie zur Gründung eines Instituts für Maimonides- Forschung an der Hebräische n Universität beitragen. Die Universität liabo sich das gleiche Ziel gestellt, wie Maimonides: dem Volk gleichzeitig Lehre und Wissenschaft zu vermitteln. Die erste Institution der Hebräischen Universität war das Judaistische Institut, Welches dio Schätze der jüdischen Wissenschaft sammelt und deren Quellen erforscht. Nunmehr schreitet die Universität an die Gründung eines speziellen Instituts, das der Rambam-Forschung gewidmet sein wird. In iliosom historischen Augenblick — so schließt der Aufruf — ist es Pflicht aller jüdischen Gemeinden, einen großen „M a i m o n i d o s- F o n d s“ (K o r e n Ila r a in b a m) zu schaffen zur Ehre von Leliro und Wissenschaft, zur Ehre der jüdischen Kultur. Von unserem Korrespondenten Ch. Haller, Tel-Avsv Die Dinge, die sich auf dem Gebiete der Bodenspekulation in Palästina abspielen, sind in den letzten Woehen aus dem, man möchte sagen, autonomen Rayon des Geschäftes horausgetreten. Die Bodenspekulation ist zum alltäglichen Thema der Presse, der öffentlichen Versammlungen und der öffentlichen Körperschaften geworden. Die Standardleistungcn der Spekulationshydra geben den Grad an, bis zu welchem ihr Wagemut gediehen ist — und was darunter liegt, hat bereits den Stempel des Normalen erhalten, worüber sich kein Mensch mehr auf regt. Das Gebiet der Ereignisse ist so umfangreich, daß die trockene Anführung einiger Tatsachen genügt, um der eigenen Vorstellungskraft die übrige Arbeit überlassen zu können. Als symptomatisch für die Lage mag der Eigentumsprozeß um die sogenannten RuslMiiiia-R-egierungsbödcn auf dem Ilardar Hakarmel, die seit Jahren an die P. L. D. C. verpachtet sind, dienen. Plötzlich tritt ein Araber aus Haifa auf und macht Eigentumsrechte auf Teile des Bodens geltend. In der Gerichtsverhandlung ergibt sich, daß hinter der ganzen Aktion jüdische Drahtzieher, die Gesellschaft B. & Co. steht-, die mit deren Geld aufgezogen wurde. Hat die Sache Erfolg — und das bestehende Bodengesetz bietet leider die Handhabe zu solchen Mißbräuchen — dann haben die jüdischen Ehrenmänner „billigen“ Boden jüdischen Händen entrissen und der „Migraschim“- Hexentanz kann beginnen. Eine in Haifa bekannte Bodenfirma kauft bei ein em Ar aber aus Akko 200 Dun am Boden in Gidro, im Norden des Emek Zewulun, der — dom Keren Kajemefch gehört. Der Araber schreitet an die Abzäunung des Gebietes. Der Keren Kajemeth erhebt Klage. Es kommt m „Verhandlungen“ mit der nicht weniger ehrenwerten Firma, die sich schließlich dazu herbeiläßt, „auf das Geschäft zu verzichten .. Da gibt es das arabische Dorf Tajlba, dassen Boden vom Kerem Kajemeth vor vielen Jahren erworben und bezahlt wurde- Der Keren Ka-jemeth führt einen Prozeß, um die Böden endlich in Besitz nehmen zu können, und schon vor zehn Jahren sind die entsprechenden Urteil ergangen. Aber was gilt in dieser Zeit des Satansta-nzes vom Volk erworbener Boden? Eine „Gesellschaft“, die sich „Süd-Nord“ (Hanegev we Hazafon) nennt, der neben andern bekannten Personen, die Frau eines in der Öffentlichkeit mit Namen genannten jüdischen Rechtsanwalts angekört, findet Interesse an dem Boden. Und eines Tages tritt der Rechtsanwalt in eigener Person als Sachwalter der TajIba-Araber vor das Gericht und Mntertreibt mit Hilfe eines formalen Zuges die Durchführung der Vollstreckung. Und die Gesellschaft geht nun daran, den Boden in kleine Abschnitte zu parzellieren und einen „Jischiuv“ zu gründen, „Parzellen“ von sechs und zehn Dunam im Emek Jesrell, auf denen die Käufer niemals werden existieren können ... Mit Bauparzellen für Großstädte ist Erez Israel voraussichtlich für die nächsten hundert Jahre schon versorgt. Sachkenner schätzen ihre Fassungskraft auf drei Millionen Menschen. Sie nennen sich mit Vorliebe Toi.-... Tel-Abraham, Tel-Jizchak, nach dem wunderbaren Ursymbol leichten und schnellen Reicliwordens — wie man für den neugeborenen Sohn den Namen eines verehrten Namen uu<ssucht, als Gewähr dafür, daß er in seinen Fußstapfen wandlo. Nomen est Omen ... In acht Kilometer Entfernung von Petaeh Tikwah (das wußten die Käufer natürlich nicht, in den Verträgen heißt es: „östlich“ von Pet-aeh-Tikwah) gibt cs die 4000 Migraschim starke „Stadt“ „Rainot“ (der N ob enk-lang des Namens „Betrug“ ist Symbol. ..) deren Boden —- dem Verkäufer noch nicht gehört. Man parzellierte und verkaufte „Städte“ in 25 bis 50 Kilometer Entfernung von Tel-Aviv inmitten arabischer Einöden und bar jeder Möglichkeit, irgend einer wirtschaftlichen Existenz. Man verkaufte ,.Migraschiin“ „auf dem Karmel“ (die einzige Umschreibung des Ortes) ein Begriff, wie etwa die Alpen, die eine mächtige Bergwüste darstellt. Die Käufer denken, wenn sie Karmel hören, natürlich alle assoziatativ an Hadar Hakarmel und zahlen die verlangten Preise. Wenn sie sich dabei überhaupt etwas denken, woran zu zweifeln man guten Grund hat. Sie unterschreiben mörderische Verträge, in denen man sie bindet und ihnen fast nichts Positives verspricht. Sie wissen nicht, wo der Boden liegt. Der Verkäufer verpflichtet sich oft gar nicht, ihn zu liefern, sie verpflichten aber den K ä u f e r, einige Pfund für „Spesen“ zu zahlen wenn — der Baden nicht geliefert wird. Inzwischen müssen die vereinbarten Ratenzahlungen weitergehen, denn: werden zwei Raten hintereinander nicht bezahlt, so verfallen die bisherigen Geldleistungen zugunsten des Verkäufers. W e r sind die V e r k ä u f e r? Gesellschaften, Kompagnien, Büros, ein Heer von Teilhabern und Unterteilhabern (manchmal bis in die jüdischen Redaktionen der Galuth reichend ...), von Interessenten, Agenten, Rechtsanwälten, frommen Jeschiwah - Menschen und Banken — Banken und „Banken“ — alles im alltäglichen Verkehr bekowete Bürger, Mitbauer an der Jüdischnationalen Heimstätte. Alle nehmen sie an dem großen Bacchanalschmaus teil, alle genießen sie. Die Teilnahme an dem großen Goldscharrgeschäft gilt nicht mehr als Schande, sondern als Geschäft wie jedes andere, ein Beruf, der immer mehr auch die anderen Berufe im „Nebengeschäft“ in seinen lockenden Bannkreis zieht. Wie aus den angeführten Beispielen hervorgelit-, gehört der Eingriff in die festen Iteohtsgebiete des Nächsten zur Geschäftspraktik des Berufes. In Verhandlung stehende oder schon abgeschlossene fremde Bodenkäufe werden durch maßlose Prcisiiberstejgenmg, aus denen die arabischen Verkäufer die vereinbarten, oft noch so hohen Pönalen an die früheren Kontrahenten schmerzlos bezahlen können, erschüttert und j umgestürzt. Das spielt ja alles keine Rolle, der letzte Käufer bezahlt ja alles, der der Galuthhölle entronnene Jude darf sich schon die neu gebotene Lebensmöglichkeit in Erez Israel etwas kosten lassen. Es spielt auch keine Rolle, wenn diese immer öfter sich wiederholenden, von jüdischer Seite veranlaßten oder durch solch gute Beispiele bei unseren arabischen Nachbarn gern nachgoahmten Eingriffe in fremde Gerechtsame zu blutigen Überfällen führt, wie im letzten Dezember bei Nahalal. Die Habsucht und Gewinngier rechtfertigt alles. Das Tätigkeitsgebiet für diese Bauhelfer am Jüdischen Heim beschränkt sich keineswegs auf das kleine Palästina, cs ist vielmehr so groß und grenzenlos wie die jüdische Diaspora selbst, für die heute Palästina im Mittelpunkt ihrer Hoffnung steht. Hier finden die Vorspiegelungen der Bodenagenten, daß man auf 6 oder 10 Dunum Boden im unteren Galiläa, wo Wirtschaften mit hunderten Dunam Boden bis heute einen harten Lebenskampf führen, oder in den judüisehen Bergen, sich eine sichere Existenzmögliclikeit in Palästina schaffen könne, leichten Glauben und man kauft- und man zahlt die verlangten Preise, ohne zu ahnen, daß man damit die wirkliche Boden- und Volkscrlüsnng auf das schwerste, schädigt und unmöglich macht. W e r sind dio K ä u f e r V Krämer, Handwerker. Rechtsanwälte, Arbeiter, zum großen Teil natürlich die armen Schichten, die die ungeheuren Summen in die Taschen der Bodenspekulanten, jüdischen und arabischen, fließen lassen. Sie arbeiten alle mit einigen hundert Prozent. Kein Wunder, wenn mail so oft mit dem Finger auf die glücklichen Schnellerwerber von zwanzig, fünfzig und hunderttausend Pfund hierzulande hinweisen kann. Der im Volk herrschende Trieb, -sich an ein Stückchen Boden in Erez Israel nnzuklammern, wird schamlos ausgebeutet —- und verunreinigt. Der Erwerber eines Migrasch in einem der „Tels“ sieht in seiner Hand ein Los, das innerhalb kurzer Zeit 1000 Pfund — warum aber auch nicht mehr? Hat der Kurs in Tcl-Aviv ja schon zehn und fünfzehn und noch mehr Pfund pro Quadratelle erreicht! — wert sein kann. Nur der allerkleinste Bruchteil denkt daran, sich in den vielen „Städten“ niederzulassen oder, ein Haus zu bauen. Der Plan geht aufs —* Warten und mit Gewinn Weiterverkäufen. Leider ist nicht damit zu rechnen, daß die, von Zeit zu Zeit zum Ausdruck kommende' Empörung in der Öffentlichkeit auf die Spekulation irgend eine nachhaltige Wirkung haben kann. Sie wartet, bis der Sturm vorübergeht und nimmt dann das Treiben mit verstärktem Furor wieder auf. Ist hier mit moralischen Mitteln auf die Dauer nichts zu erzielen, so steht uns leider auch die gesetzgebende Gewalt nicht zur Verfügung. Was wir tun können, ist eines: das ökonomisches Gesetz von Angebot und Nachfrage eingreifen zu lassen. Nur die Schaffung einer, großen nationalen Boclenreserve an den wichtigsten Stellen des Landes, die unter, normalen Bedingungen den immer mehr wachsenden Bodenhunger stillen kann, kann da einen einigermaßen wirksamen Damm entgegensetzen. Das alleinige Organ hieftir, besitzen wir bisher im Keren Kajemeth — es muß aber leider gesagt werden, daß das jüdische Volk die ungeheure Bedeutung den Aufgabe dieses Fonds noch immer nicht in genügendem Maße begriffen hat und damit an den heute herrschenden wilden und gefährlichen Zuständen mitschuldig ist. Aber es fehlt uns noch ein zweites überragendes nationales Organ auf diesem Wirkungsgebict, das mit großem Kapital p r i v a t wirtschaftlich, aber unter nationaler Verantwortung und Kontrolle! auf dem Bodenmarkt r e g u 1 i er e n d eingreift. Wir reden und schreiben, darüber seit fünfzehn Jahren, aber noch immer vergeblich. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen sind da, das Kapital ist da und wie kaum je zum Eingriff disponiert — aber diejenigen, die es angeht, halten den Zeitpunkt offenbar noch immer nicht für gekommen. Und das Übel frißt sich indessen immer tiefer ein. 42 jährig er Junggeselle, angenehmes Aeußeros, mit gutgehendem Geschäft und grösserem Barvermögen, sucht entsprechende Bekanntschaft zwecks Ehe. Zuschriften unter „Lebensfroher, gediegener Charakter" an Adm. Verband iüdischer Matrosen in Haifa Etwa 100 jüdische Matrosen und Schiffsbeamte schlossen sich in Haifa zu einem Verband zusammen. Es ist dies der erste Verband jüdischer Seefahrer. Die Palästinapresse bezeichnet die Bildung dos jüdischen Seefahrorverbandes als ein historisches Ereignis im palästinensischen Schiffsverkehr. Die repräsentative Herzl- Feier Wiens_ I Aus Anlaß der 75. Wiederkehr des Geburtstages Theodor Herzls veranstaltet der Zionistische Landesverband am 2. Mai, präzjse Vs 9 Uhr abends eine Feier im Großen MusEkvereinssaale. Hiebei wird Dr. JOSEF KASTEIN über das Thema sprechen. ..Theodor Herzl - das Erlebnis des jüdischen Menschen“. Weiters wird der Präsident des Landesverbandes Dr. OSKAR GRÜNBAUM sprechen. Es wirken mit: Die VEREINIGTEN Tempelchore der Tempel der Inneren Stadt und der Leopoldstadt unter Leitung des Kapellmeisters KURT FUCHSGELB Die Nachfrage nach Karten ist außerordentlich groß. Restliche Karten sind erhältlich bei: Zionistischer Landesverband, l.f Marc-Aurel-Straße 5, Tel. U 22-2-11 — „Keren Kajemeth Lejisrael", I.. Marc-Aurel-Straße 5, Tel. ü 29-1-29 — Sämtliche Zionistische Bezirksseltionen — „Wizo". I., Schottenring 25, Tel. A 11-6-26 *— Jüdische Kunststelle, II., Aspernbiückengasse 2, Tel. R 48-2-91, Zweigstellen: VI., Loquaiplatz 11, Tel. B 20-0-81, und IX., Währingerstraße 48, Tel. A 14-400 — Bücherstube M. Rath, II., TaborstraBe 20a, Tel. R 45-3-05 — Bücherstube Richard Lanyi, I., Kärntnerstraße 44, Tel. B 25-6-75 - Bücherstube R. Löwit, I., Woilzcile 6, Tel. R 21-4-25