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Die Stimme · 1935-04-17 · Heft 443 (17.4.1935) · page 15

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 443 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
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DIB STIMM! Seit« 15 .. Das faab JHoUmuUs U* JMerias Von Prof. Dr. S. Krauß stellte er seinen Lehrling wegen seines bisherigen Verstellung8betruges zur Rede; warum er ihn getäuscht und eich für taubstumm gestellt habe? „Du mußt mir verzeihen, teurer, edler Herr“, fiel der Jüngling zu Rambams Füßen, „iah könnt mir keinen anderen Rat geben. Ich wollte durchaus die Kunst dier geheimen Hoilkundo bei dir und von dir erlernen; ich wußte aber auch, daß du niemanden als Lehrling oder Schiller in dein Haus aufnehmen wolltest; so nahm ich zur List meine Zuflucht und stellte mich taubstumm, um auf diese Weise meinen Plan dem Gelingen zuzuführen. Nun bitto ich dich, teurer Herr und Meister, mich nicht zu verstoßen und mich als Diener in deinem Hause weiter zu behalten ...“ „Ja“, gab Rambam ihm zur Antwort, „ich werde dich weiter in meinem Hause behalten, aber nicht als Diener, sondern als meinen Freund und Kollegen; du hast dich als fähig und würdig erwiesen, an meinen wissenschaftlichen Forschungen und Arbeiten Anteil nehmen zu können...“ So geschah es auch. Der junge Gelehrte verblieb im Hause des Rambam. Es erwies sich immer mehr und mehr, daß er ein sehr kundiger und genialer Arzt geworden war und seine wissenschaftlichem Einfälle und Entdeckungen seinen Lehrer, Rambam, in Staunen und Bewundern versetzten. Beide, Rambam und sein gelehriger Schüler, begannen nun in den tiefsten Geheimnissen der Natur zu grübeln und zu forschen, welches zu schrecklichen Folgern führte, welche Rambam Zeit seines Lebens zu bereuen hatte. Das HkHtye*ifyetet des Avztes HkUtnOMdes „Laß mich beseelen die Liebe zur Kunst und zu Deinen Geschöpfen. Gib es nicht zu, daß Durst nach Gewinn, Haschen nach Ruhm oder Ansehen sich in meinen Betrieb mische; denn diese Feinde der Wahrheit und Menschenliebe können leicht sich täuschen und der höhen Bestimmung, Deinen Kindern wohl zu tun, entrücken. Stärke die. Kraft meines Herzens, damit es gleich bereit sei, dem Armen und Reichen, dem Guten und Schlechten, dem Freund und Feind zu dienen. Laß im Leidenden mich stets nur den Menschen sehen; möge mein Geist am Bett des Kranken stets Herr seiner selbst bleiben und kein fremder Gedanke ihn zerstreuen, damit alles, was Erfahrung und Forschung ihn lehrten, ihm stets gegenwärtig sei; denn groß und selig ist die sinnende Forschung in der Stille, die der Geschöpfe Wohl und Leben erhalten soll. Verleihe meinen Kranken Zutrauen zu mir und zu meiner Kunst, und Befolgung meiner Vorschriften und Weisungen. Verbanne von ihrem Lager alle Quacksalber und das Heer rat gebender Verwandten und überweiser Wärterinnen; denn es ist ein grausames Volk, das aus Eitelkeit die besten Absichten der Kunst vereitelt und Deine Geschöpfe oft dem Tode zuführt. Wann Unkundige mich tadeln und verspotten, so möge die Liebe zur Kunst wie ein Panzer meinen Geist unverwundbar machen, damit er, auf Ruf, Ansehen und Alter seiner Feinde nicht achtend, beim Wahren verharre. Verleihe, o Gott, mir Milde und Geduld mit verletzenden, eigensinnigen Kranken; gib mir Mäßigung in allem, nur nicht in der Erkenntnis; in dieser laß mich unersättlich sein, und ferne bleibe der Gedanke, daß ich alles wüßte und könnte. Gib mir Kraft, Muße, Willen und Gelegenheit, mein Wissen stets mehr zu erweitern; mein Geist kann heute Irrtümer in seinem IF/m’/j erkennen und entdecken, die er gestern nicht ahnte. Die Kunst ist groß, aber des Menschen Verstand dringt immer weiter.“ „Die Stimme“ vom 19. März 1935 beschäftigt sich mit der Frage: „Wo ist die Grabstätte Rabbi Moses ben Maimons?“ Es wird hier gesagt: Rabbiner Dr. A. K am i n k a „nimmt bekanntlich eine besondere Stellung unter den Maimonidee-FoTschern ein“. Ich beneide ihn um diese Sonderstellung nicht; er wird sie hoffentlich bald aufgeben müssen. In der stark besuchten Maimonides-Feier des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur am 25. März 1935 habe ich bereite Öffentlich gegen Kaminka« Ansicht polemisiert und habe angekündigt, daß ich mit wissenschaftlichen Gründen die Echtheit des Maimonides-Grabcs in Liberias beweisen werde. Die wissenschaftliche Begründung meiner These werde ich im nächsten Jahresberichte der Israelitischen Theologischen Lehranstalt in Wien erscheinen lassen; bis daluin muß ich mich auf die liier folgenden Bemerkungen allgemeiner Art beschränken. Bis jetzt hat, außer Kaminka, noch niemand an der Echtheit des Maimonides- Grabes in Liberias gezweife 1t. Seit Jahrhunderten weiß es die Geschichte so und nicht anders. Wenn Kaminka (in seiner Schrift „Moses Maimonides“, Wien 1926) bemerkt, Graetz und Eppenstein (bekannter Maiiinonides-Forsohor) hätten die Behauptung, der Sarg des großen Meisters sei nach Liberias gebracht worden, ohne Quellenangabe wiedergegoben, so hat das einfach den Grund darin, daß es sich um eine längst bekannte, anerkannte Tatsache bandelt; schon im Talmud findet sich der Satz: „Offenkundige Dinge bedürfen keine« Beweises.“ Doch, sehen wir uns die Gründe Karn inkas näher an. Ich gebe sie, nach der vorhin genannten Schrift, wörtlich wieder: 1. „Von den Zeitgenossen weiß niemand etwas darüber.“ Das ist, ich muß es mit Bedauern sagen, einfach nicht wahr. Der Araber al-Kifti, der bekanntlich ein Zeitgenosse Maimunis ,war. und sonst viel über sein Leben berichtet, sagt ausdrücklich, Maimuni habe beföhle n, daß man ihn in Liberias begrabe. Braucht man eine bessere Bezeugung? Aus welchem Grunde sollte das der Araber behaupten, wenn es nicht wahr wäre? Fühlte er sich etwa berufen — Legenden über Maimuni zu verbreiten? Dieser Araber hat eine Art Gelehrtenlexikon geschrieben, berichtet Biographisches über mehrere hervorragende Juden arabischer Zunge, und seine Angaben verdienen die höchste Beachtung. Was er über Muea ben Maimim (so lautet der arabische Name) schreibt-, ist den Gelehrten seit fast 100 Jahren bekannt und ist auch in deutscher Sprache zu lesen. Dazu kommt noch folgendes: Im Jahre 1210, also nur sechs Jahre nach dem Tode Maimunis, ziehen mehr als 300 französische, englische lind italienische Rabbiner ins Heilige Land, um, wie icli anneliine (was freilich Kaminka nicht anizu* nehmen braucht), eine Synode am Grabe Maimunis abzuhalten; warum nach Palästina, wenn das Grab nicht dort zu finden war? Bekannt besonders ist der tragische Fall des großen Gelehrten Jona Gerundi (Gerona in Spanien), der von Reue ergriffen, weil er literarisch gegen Maimuni gesündigt hatte, ans Grab Maimunis ziehen will, um in Anwesenheit von zehn Männern dem Geiste Maimunis Abbitte zu leisten, doch unter schrecklichen Umständen noch auf dem Wege dahin, noch auf europäischem Boden, starb. Die Berichte über diesen Fall lassen erkennen, daß der Besuch dem Grabe galt, das man auf palästinensischem Boden wußte, und das, wie gesagt, im Jahre 1210, sechs Jahre nach Maimunis Tod. Tst das nicht eine Bezeugung von Zeitgenossen, noch dazu von Gelehrten ersten Ranges? 2. Kaminka schreibt: „Es ist nicht denkbar, daß um 1204—1205 ein Sarg von Ägypten nach dem nördlichsten Palästina transportiert worden konnte, ohne daß dies großes Aufsehen erregt hätte und zahlreiche zeitgenössische Mitteilungen darüber erhalten wären.“ Wenn aber die Überführung von Leichen nach Palästina auch in jenen Zeiten an der Tagesordnung war, so braucht ein einzelner Fall, noch dazu im Falle eines Großen wie Mairaunij niemanden aufzuregen. Es läßt sich aber an zahlreichen b e-1 kannten Fällen dartun, daß das Begrahonwerden in der geweihten Erde Palästinas zu allen Zeiten und auch in Maimunis Zeiten gewünscht, und geübt wurde. Kaminka stellt sich die Sache sehr schwierig vor, wahrscheinlich, weil er die damals in Palästina herrschende Kriegslage sich ausmalt; das hielt aber die Menschen nicht ab, dennoch nach Palästina zu pilgern, und was den lebenden Menschen möglich war, war um so mehr mit einer Leiche zu tun möglich, das ist, trockene Gebeine hinzuführen, und im Falle Maimunis berichtet ja der in Kairo (allerdings viel später) lobende Josof Sambari, daß er provisorisch in Kairo begraben wurde, und wurden nur seine trockenen Gebeine nach Liberias transportiert. Wir lesen auch in Wien, daß unsere Brüder in Kairo unter anderen Feierlichkeiten auch das tun, daß sie die „Nische“ aufsuchen, in der einst Maimuni provisorisch beigesetzt worden war — beweist das nicht allein schon, daß man in Kairo ein endgültiges Grab Maimunis nicht kennt? Wäre Maimuni dort begraben worden, ist es undenkbar, daß man seine Ruhestätte nicht kennen sollte. 3. Kaminka schreibt weiter: „Zacutos Glossator Sam. Sullam fügt selbst der Sage... hinzu, daß MaAmonkles in Hebron neben dem Erzvätern sein Grab gefunden hätte — diese Unsicherheit der Überlieferung macht sie wertlos“ ... Zum Verständnis nur soviel: Zacuto ist der Verfasser dos geschätzten Ohronikwerkes JuohaSiin; e r berichtet durchaus von Maimmnis Grabe in Tiberdas; nur sein Herausgeber fügt ein on dit hinzu: „Manche sagen, er sei in Hebron begraben“, also auch Sam. Sullams Meinung ist das nicht, der vielmehr nur ein Gerücht verzeichnet. Es ist aber begreiflich, daß jemand auf den Gedanken gekommen ist, daß der große Mann nicht anders, als bei den Erzvätern begraben sein muß; wenn schon, denn. schon. Das ist Sage, nicht abersein Begrabensein in Liberias. Warum gerade in Liberias — das wird freilich durch nichts begründet; doch hoffe ich, in meiner wissenschaftlichen Abhandlung darüber Licht verbreiten zu können. 4. „Nichts in der Denkart Maimonides berechtigt zu der Annahme, daß er auf die Bestattung seiner leiblichen Überreste in Palästina Gewicht gelegt, oder gar die Überführung nach Liberias selbst angeordnet hätte“; letzteres ist, wie wir aus al-Kifti wissen, allerdings geschehen; für ersteres lese Kaminka oder wer immer ein bekanntes Gutachten Maimunis nach (in der neuen Sammlung Nr. 372), wonach die Überführung der Gebeine nach Jerusalem eine gottgefällige Tat ist, „und viele große Gelehrte in Israel haben dasselbe getan“. Die folgende Geschichte, die erzählt, wie Maimonides einen Gegner überwand, entnehmen wir der im Berliner Schocke n- Vieriag erschienenen Anthologie „V o n den< Juden Jemens“. Sie zeigt, wie die jüdische Volkssage dem Maimonides, lange vor Freud und Adler, psychoanalytische Kräfte zuschrieb. Rabbi Mosche ben Maimun war, abgesehen von seinen glorreichen Eigenschaften als Lehrer der Thora und Meister der Philosophie, auch hervorragend als Arzt. Sein Ruf in dieser Kunst ivar so groß, daß ihn der Sultan von Ägypten zu seinem Leibarzt machte. Viele Ärzte beneideten Um ob dieser holten Stellung und versuchten mit aller Kraft, ihn von seinem Platze zu verdrängen. Am meisten Aussicht von Ihnen hatte ein Arzt mit Namen Kammun, das heißt „Kümmel“, der sehr viele einflußreiche Freunde bei Hofe hatte, Freilich erkannten diese bald, daß der Sultan sehr an Rabbi Mosche hing und ihm uneingeschränktes Vertrauen schenkte. Da schlugen sie ihm vor, Kammun als zweiten Leibarzt anzunehmen, damit die Fürsorge für die Gesundheit der Majestät nicht der Weisheit eines einzigen Mannes, und dazu noch eines Juden, überlassen bleibe, 5. „Samuel ben Samson bereist Liberias 1210 und weiß nur von den Gräbern des Rabbi Meir und Rabbi Joebnnan ben Nuri zu erzählen, ebenso einige Jahre später Jacob be,n Netanel.“ Das scheint ein gewichtiger Einwand zu sein, aber ec.beint nur so. Der Reisende Samuel ben Siinson verzeichnet in seinem Reiseberichte Hunderte von Gräbern in ganz Palästina, aber immer nur solche von biblischen oder talmudischeu Persönlichkeiten — darüber hinaus geht sein Interesse nicht, und da hatte er keinen Grund, von Mahriini.is Grab zu sprechen. Jacob ben Netanel erzählt aus Liberias nur eine Wundepgesehichte, nennt daselbst kein einziges Grab, wie nun sollte man erwarten können, daß er just das Maimmisohe Grab nenne? In demselben Zusammenhänge schreibt Kam unk a weiter: „Erst ein Besucher im Jahre 1258 gibt in einer... Liste von Gräbern in Liberias auch den Namen Mose ben Maimon, vielleicht durch Mißverständnis, an.“ Da haben wir«: Was Herrn Kaminka nicht gefällt, soll ein Mißverständnis sein! Der Reisebericht, den hier Kaminka meint (von Rabbi Jacob aus Paris), wird von berufenen Forschern in das Jahr 1235 gesetzt — das ist aber nur eine Generation nach Maimunis Tod; die Menschen, die daß schreiben und so wissen, können noch als die Zeitgenossen Maimunis bezeichnet werden! Den Artikel Kaminka« in „Ha-Area“ habe ich bis jetzt nicht gelesen, danach aber, was in der „Stimme“ davon mitgeteilt wird, zerfließt auch dieser Beweis in niichte. Danach soll ein Bericht vorliegen, daß Boten, di« im Jahre 1204 zu Maimuni kamen, um ihn über etwas zu befragen, unverrichteter Sache abzogen, da sie erfuhren, der Meister ßei gestorben und in seiner ehemaligen Wohnstätte begraben worden. Kein Wunder, daß eie so etwas erfuhren, hat man doch immer zugegeben, immer gewußt und ißt inf diesen Zeilen schon'^.ngegehen worden,, daß der große Mann provisorisch in Kairo begraben wurde — was brauchten jene Boten mehr zu wissen? Waß hätten sifli mehr zu berichten? Hat es in diesem Fall« einen Sinn, zu berichten: Ja, aber später soll er in Tiiberias begraben werden? Wer konnte in jener Stunde das versichern? Und was besagt das für Boten, die den lebenden Meister zu befragen hatten? Man sieht, daß dieser Gedaukengang gar nicht weiter zu verfolgen ist. Es bleibt also dabei und muß dabei bleiben: Maimunis letzte Ruhestätte befindet sich in Tiiberias. Ich behaupte das nicht darum, weil ich ungerne eine schöne Legende zerstören sehe, weil ich selber' im Netze dieser Legende stecke — nein, nichts von Sentimentalität; ich schreibe nur, was wahr ist. „Zwei Leibärzte“, meinte der Sultan, „das tut nicht gut; da ihr mir aber den Kammun so sehr rühmt, will ich die beiden einer Probe unterziehen, und wer sich von ihnen als der größere Meister in seinem Fache erweist, der soll mein Leibarzt sein.“ Alsbald ließ der Sultan die beiden zu sich rufen, und als sie vor ihm erschienen warenA sprach er, zunächst zu Kammun gewandt: „Man hat mir berichtet, du seiest ein noch größerer Arzt als der Maimuni; ich will mich aber nicht auf die Aussagen anderer verlassen, sondern selbst euer Können erproben, Ich werde euch eine Aufgabe stellen, deren Lösung mir den eindeutigen Beweis für die Überlegenheit des Siegers geben wird. Ihr sollt euch gegenseitig zu vergiften suchen; wem es gelingen wird, sich durch weise ausgewählte Gegengifte am Leben zu erhalten, der wird mein Leibarzt sein.“ Als Kammun diese Worte hörte, war er hocherfreut; er war nämlich ein berühmter Giftmischer, und so manche hochgestellte Person war durch seine Arzneien aus dem Wege geräumt worden, ohne daß die Urheberschaft jemals bekanntgeworden wäret Jlamfam* als pjydnwxkdyJUUu

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