Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 443 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sette 10 DIE STIMME Rabbi Mosche ben Maimun war aber tief betrübt, denn er war ja jetzt in der furchtbaren Lage, entweder zu töten oder getötet zu werden. Bald hatte der in diesen Dingen vielerfahrene Kammun Wege gefunden, um in die Speisen, die Rabbi zu sich nahm, Gifte zu bringen. Aber Rabbi Mosche verstand in seiner Weisheit, jedes Gift durch ein Gegengift unwirksam zu. machen; und jeden Tag, wenn er am Hofe erschien, waren alle erstaunt, ihn noch lebend zu finden. tat aber Rabbi Mosche, um sich des Rammun zu entledigen? Gar nichts. Er uullie ja nicht das Blut des anderen auf sich laden, obgleich unsere Weisen gesagt haben: „Wenn jemand daran geht, dich zu töten, komme ihm zuvor und töte ihn.“ Nur wenn er den Kammun, was ja täglich geschah, bei Hofe sah, sagte er zu ihm im Vorbeigehen: „Heute bekommst du das Gift zu trinken, Kammun, heute bekommst du es zu trinken, Kammun!“ Dieser untersuchte sorgfältig jede Speise und jeden Trank, die er zu sich nahm, konnte aber nie eine Spur Gift in ihnen entdecken. Die Hofleute fragten ihn beständig: „Was hat dir der Maimuni heute eingegeben?“ Er schämte sich, seine UnaAss-enheit einzugestehen, und sagte je>reils: „Dies und das hat er mir in die Speisen getan, und dies und das habe ich als Gegengift genommen.“ Da er nun nicht die Natur des vermeintlichen Giftes entdecken konnte, fürchtete er, daß es ein schleichendes, langsam wirkendes Mittel wäre und enthielt sich bald jeglicher Speise. Das einzige, was er zu sich nahm, war Milch von einer Kuh, die vor seinen Augen gemolken wurde. Von Tag zu Tag wurde er bleicher und schwächer, während Maimuni in ungestörter Gesundheit seinen Geschäften nachging. Eines Tages traf ihn Maimuni in einem der Vorräume des Sultanpalais, wie er einen halbgeleerten Becher mit Milch in der Hand hielt. Sofort sagte er zu ihm: „Jetzt trinkst du, Kammun!“ Dieser erschrak zu Tode, denn er dachte nichts anderes, als daß er das tödliche Gift zu sich genommen habe. Er hatte noch gerade so viel Kraft, um den Becher auf einen Tisch niederzusetzen; dann sank er zu Boden und verschied. Die Kunde davon verbreitete sich mit Windeseile in der ganzen Stadt, und bald kamen Ärzte und Alchimisten zusammen, um den Trank zu untersuchen, mit dem Maimuni den großen Giftmischer ums Leben gebracht habe. Aber Maimuni ließ einen Säugling bringen und ihm vor den Augen aller die restliche Milch verabreichen, und siehe da, dem Säugling geschah nicht das geringste. Des Staunens war kein Ende, und alle waren überzeugt, daß Maimuni seinen Gegner durch Zauber überwunden habe. Maimuni aber erwiderte: „Kein Zauber findet sich in Jakob und keine Schwarzkunst in Israel (Numeri 23,23), aber ein kleines Sprichwort gibt es, daß sogar die Ruderknechte auf den Galeeren kennen, und mit dessen Rat bin ich meines Widersachers Herr geworden.“ Daraufhin erzählte er ihnen den ganzen Sachverhalt, und so erkannten aüe, daß der Kammun an nichts anderem gestorben war, als aus falscher Furcht, wie das Sprichwort sagt: „Die Einbildung kann töten.“ Der Sultan war über die Weisheit seines Leibarztes sehr erfreut und beschenkte ihn königlich, indem er zu ihm sagte: „Jetzt weiß ich, daß du wirklich ein großer Arzt bist, denn du behandelst nicht nur den Leib, sondern auch die Seele.“ Im Qe&iidsUcMS- T&tyüemadeis Der bekannte amerikanische Schriftsteller Harry Lang erzählt über einen Besuch im Geburtshaus Torquemadas, dem Vater der spanischen Inquisition: Ich fuhr mit einem Autobus. Ich fuhr durch spanische Dörfer, die noch genau so aussehen, wie vor Hunderten von Jahren, wie zu Zeiten, als sie noch Juden beherbergten. Haufen Lehmhäuschen preßten sich aneinandergeklebt zwischen Bergspalten, hier und dort stand ein Kreuz, das an den „heiligen Knaben“, den angeblich die Juden ermordet haben sollen, erinnerte. Mitten in solcher Umgebung: Valladolid, Torquemadas Geburtsort. Es war schon Nacht, als ich ankam. Gegenüber dem Haus, in dem Torquemada geboren wurde, ist eine Bauernschmiede, oben vermieten sie Reisenden „Zimmer“. Zimmer ohne Wasser, ohne Handtücher oder sonstige Wäsche, mit Strohsäcken in den Betten. An Schlafen war nicht zu denken. Dazu — sang die ganze Nacht ein alter Spanier. Und wenn ein Spanier singt, hört sich das genau so an, u'ie wenn ein Beth-Hamidrasch-Jude Talmud lernt. Es ist dieselbe Melodie. Es zieht an, es heimelt an und es — erschreckt, wenn man es hier hört, gegenüber dem Geburtshaus von Torquemada. Morgens sehe ich das Haus. Morgens streiche ich um dieses herum und finde einen alten Stein in dasselbe eingemauert, einen, ich muß schon sagen, unglaublichen Stein. Denn was steht auf ihm, steht in hebräischen Buchstaben? Es steht: „Dor holech wedor ba, we'haarez Ieolam omedet...“ „(Ein Geschlecht geht, ein anderes kommt, die Erde aber steht ewig...“) Ich hätte, und wenn man mich auf Wasser und Brot gesetzt hätte, keine bessere Inschrift für Torquemadas Geburtshaus finden können, als den Vers des Predigers, der die Vergänglichkeit alles Irdischen in so klassische Ausdrucksform gebracht hat. Wirklich, es ist keine bessere Korrektur und Rehabilitation der Geschichte denkbar... Aber ich erlebte in Valladolid noch eine Rehabilitierung der Historie. Ich fragte das Hotelmädchen, das mir den Kaffee brachte, ob sie wüßte, wer in diesem Hause da geboren sei. „Si, si“, sagte sie. (Ja, ja.) „Na, wer denn?“ „Oh, santa hebreo...“ (Ein jüdischer Heiliger...) So korrigiert ein Volk seine Vergangenheit. 1; tmSM Dr. Becker, der Nachfolger Viktor Jakobsohns, als Vertreter der Jewish Agency beim Völkerbund. kleidern. Audi «ollen seine Kleider nicht, wie die der Hochmütigen, auf dem Boden nachschleppen, sondern ihm bis an die Knöchel reichen und die Ärmel bis an die Finger. Ebenso lasse er seinen Mantel nicht herabhängen, weil das hochmütig aussieht, außer am Sabbat, wenn er keinen besonderen Sabbatmantel hat. Im Sommer trage er keine Schuhe, an denen Flicken auf Flicken sind; im Winter ißt es, wenn er arm ist, erlaubt. Er gehe nicht parfümiert auf die Straße, trage keine parfümierten Kleider und tue keine Salbe ins Haar. Hat er aber seinen Körper mit Salbe cingerioben, um den Schweiß zu entfernen, so ist das erlaubt. Ebenso gehe er nachts nie allein aus dem Hause, außer wenn er zu einer festen Zeit seines Studiums wegen auszugehen pflogt; dieses befolge er, um keinen Verdacht zu erregen. Der Weise versieht das Seine dem Recht gemäß: er ißt und trinkt und ernährt seine Familie nach seinem Vermögen und Gelingen, bürdet sieh abeir niohts im Übermaß auf. Unsere Weisen haben folgende« geboten: Der Mensch esse stets weniger, als «einen Verhältnissen gemäß, und gewähre eeimer Frau und seinen Kyidern mehr, als den Verhältnissen entspricht. Es ist verboten, daß ein Mensch sich all seiner Güter enteigne oder sie dem Heiligtum weihe und dann den Geschöpfen zur Last falle. Desgleichen verkaufe er kein Feld, um dafür ein Hau« zu kaufen, und verkaufe kein Haus, um dafür bewegliches Gut eiinzukaufen oder mit dem Gelde Handel zu treiben; wohl aber darf er bewegliches Gut verkaufen, um eiin Haus ziu kaufen. Als Regel gelte: Er sei darauf bedacht, seine Güter nützlich anzubringen und da« Ungesicherte in Beständiges zu wandeln. Nicht aber sm sein Ziel -der kurze Genuß einer Stunde, oder ein kurzer, durch großen Schaden erkaufter Genuß. Handel und Wandel doB LehrbefHssenen sei in Treue und Glauben geführt, er spreche zum Nein: Nein! und zum Ja: Ja! In der Rechnung sei er streng geigen sich; aber gegen andere sei er freigebig, wenn er bei ihnen kauft, und nicht streng gegen sie. Den Kaufpreis bezahle er sofort, doch übernehme er keine Bürgschaft für Schulden und keine Vollmacht. Er nehme in Handel und Wandel keine anderen Pflichten auf sich, als die ihm die Thora auferlegt hat, damit er sein Wort einhalten könne und nicht dahin komme, daß er etwas abzuändern wünsche. Sind aber durchs Gericht andere al« ihm schuldig befunden worden, dann sei er langmütig und vergebe ihnen, er verzeihe und sei milde. Auch begebe er sich nicht in das Handwerk seines Nächsten und bedränge nie in seinem Leben irgend einen Menschen. Als Regel gelte: Er gehöre zu den Verfolgten und nicht zu den Verfolgern, zu den Gedcmütigten und nicht zu den Demütigenden. Der Monsch aber, der all diese« und dergleichen tut, von dem sagt das Schriftwort (Jesaja 49, 3): Er sprach zu mir: Mein Knecht bist du. das Jiesrae] du. mit dem ich prangen darf. Aus „R. Mosche hon Maimon. Ein Querschnitt durch seine Schriften, besorgt von N. N. Glatzer“ (Bücherei des Schocken-Verlags). ln jedes jüdische Haus „Die Stimme" R. Mosche ben Maimon: (/ft* dw JßeßtMfüUcütofy des töustoi, Gleichwie der Weise an seiner Weisheit und a.n seinem Wesen zu erkennen ist und sieh dadurch vom übrigen Volke unterscheidet, also muß er auch in seinen Handlungen zu erkennen sein, in seinem Essen und Trinken, in seinem Eheleben, in der Verrichtung «einer Notdurft, in Sprache, Gang und Kleidung, darin, wie er seine Unterhaltung führt, und in seinem Handel und Wandel. All diese Handlungen sollen schön und wohl ausgerichtet sein. In welcher Weise? Der Weise schlemme nicht, sondern esse nur, was seinen Körper stärkt. Diese Speisen aber nehme er nicht in großen Portionen zu sich und begehre nicht danach, seinen Bauch anzufüllen, wie jene zu tun pflegen, die sich mit Speise und Trank so an füllen, daß der Leib ihnen birst. Auf solche bezieht «ich das Schriftwort: „Ich streue Mist euch ins Antlitz, den Mist eurer Festopfertiere“ (Maleachi 2, 3); unsere Weisen sagen, es seien damit diejenigen Menschen gemeint, die essen und trinken und all ihre Tage wie Feste halten und sich zusprechen: „Gegessen, getrunken, denn morgen müssen wir sterben!“ (Jesaja 22, 13.) Solcherart ist das Mahl der Frevler, und ihre Tische sind es, die die Schrift verworfen hat mit dem Worte: „Ja, alle Tische voll von Gespei, Unflat — nirgend« mehr Raum!“ (Jesaja 28, 8.) Der Weise aber ißt nicht mehr als ein oder zwei Gerichte, und ißt davon um seinen Hunger zu stillen, und das ist ihm genug. Von ihm spricht Schlomo: „Der Bewährte ißt zur Sättigung seiner Seele“ (Sprüche 13, 25). Ißt nun der Weise diese« Wenige, das ihm gemäß ist, dann esse er’s nur bei sich zu Hause, an seinem eigenen Tisch, und esse nicht im Laden oder auf dem Markte, außer in dringenden Fällen, damit er sich nicht verwerflich mache vor den Geschöpfen. Auch esse er nicht bei Unwissenden und nicht an jenen Tischen, die „voll von Gespei und Unflat“ «ind. Doch häufe er seine Mahlzeiten an keinem Ort, auch nicht in Gemeinschaft mit Weisen, und er beteilige sich nicht an Mählern, bei denen eine große Ansammlung stattfindet. Es geziemt ihm einzig und allein an einem vom Gesetz gebotenen Mahle teilzunehmen, an einem Verlobungs- oder Hoohzeitsessen etwa, und auch da nur, wenn es ein Lehrbeflüssener ist, der die Tochter eines Lehrbeflissenen zur Frau nimmt. Die frühen Bewährten und Frommen aber aßen nie von einem Mahle, da« nicht das ihrige war. Wenn der Weise Wein trinkt, so tue er’s nur, um die Speise im Leibe zu erweichen; und wer sich berauscht, der versündigt sich, macht sich der Verachtung wert und büßt seine Weisheit ein. Berauscht er sich gar im Beisein von Unwissenden, so entweiht er damit den göttlichen Namen. Mittags ist selbst ein wenig Wein verboten, außer während des Essens, weil Trinken während des E«sons nicht berauscht; nur mit dem Wein nach dem Essen muß man vorsichtig sein. Obwohl dem Manne dor Umgang mit seiner Frau allezeit erlaubt ist. ist es ziemlich, daß die Führung des Weisen heilig sei. Wer sieh nach dieser Sitte führt, der heiligt nicht nur «ein« Seele und läutert sich und richtet seine Haltung ans, sondern, wenn er Kinder hat, so werden auch' sie fein und schamhaft sein und der Weisheit und Frömmigkeit würdig. Wer sich aber nach den Sitten des gemeinen Volkes führt, das in Finsternis wandelt, dessen Kinder werden denen aus solchem Volke gleichen. Ein Lehrbeflissener schreie und lärme nicht wie Tier und Wild, wenn er spricht, und erhebe seine Stimme nicht übermäßig, sondern rede in Gelassenheit mit allen Geschöpfen. Und wenn er also gelassen redet, sei er darauf bedacht, auch dies nicht zu übertreiben, damit sich’s nicht wie hochmütige Rede anhöre. Auch komme er mit seinem Gruße einem jeden Menschen zuvor, damit man an ihm Wohlgefallen habe. Bei der Beurteilung eines Menschen neige er die Waage zum Guten; seines Nächsten Lob teile er mit, «einen Schimpf nie. Er liebe den Frieden und eifre um den Frieden. Sieht er, daß seine Worte nützen und gehört werden, dann rede er, sonst bleibe er still. Wie das? Er versuche nicht, seinen Nächsten zu begütigen, solange der noch erregt ist; er gehe auf die Lösung eines Gelübdes nicht ein, bevor der Gelobende sich gefaßt und beruhigt hat; er versuche nicht zu trösten, während die Leiche noch daliegt, weil vor ihrer Beerdigung der Mensch verwirrt ist, und dem Ähnliches mehr. Vergeht sein Nächster sich, schaue er nicht zu, sondern wende seine Augen von ihm ab. An seinen Worten ändere er nichts ab, er füge nichts hinzu und streiche nicht« ab, außer, wenn es um den Frieden geht oder dergleichen. Als Regel gelte: Er rede nur über Dinge der Weisheit, des Liebes werk es oder über Ähnliches. Er unterhalte sich mit keiner Frau auf der Straße, auch wenn es seine eigene Frau oder Schwester oder Tochter ist. Ein Lehrbefliseener gehe nicht mit hochaufgerichteber Gestalt und gereckten Halses, wie gesagt ist: „... und gehen, gereckt den Hals, scheel winkend die Augen“ (Jesaja 3, 16). Doch gehe er auch nicht mit winzigen Schritten und langsam, nach der Art von Frauen oder Hochmütigen, wie gesagt ist: „Trippelnden Ganges gehen sie und klirren mit ihren Füßen“ (daselbst). Auch laufe er nicht auf der Straße nach der Art deT Tollen und krümme seine Gestalt nicht wie ein Ilöckriger, sondern er blicke abwärts, als stünde er im Gebet und gehe auf der Straße wie einer, der mit seinen Anliegen beschäftigt ist. Auch daran, wie ein Mensch geht, kann man erkennen, ob es ein Weiser und Mann von Wesen ist, oder ein Narr und Tor. Eben da «agt Schlomo in Beiner Weisheit: „Und auch des Weges, wenn der Tor einen geht, fehlt ihm sein Verstand und er sagt zu allen, daß er ein Narr sei“ (Kohelet 10, 3). Er bezeichnet sich selbst allen gegenüber als einen Narren. Die Kleidung des Weisen ist einwandfrei und rein. Es ist ihm verboten, daß sich an seinem Gewände Beschmutzung oder ein Fettfleck oder dergleichen finde. Er kleide sich nicht in Prachtkleider, in Gold und Purpur etwa, daß alles herschauen müßte, aber auch nicht in ein Armenkleid, das seinen Träger herabsetzt, sondern in gewöhnliche, einwandfreie Kleidor. Seine Haut soll durch den Stoff nicht sichtbar werden, wie bei den «ehr leichten ägyptischen Leinen-