Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 443 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3053752-3054140-3054198--4988-3060670- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
die stimmb Seite 11 „Auf Hachscharah? Ich bin doch auf alles vorbereitet... Aber auf Hachscharah, wo Mädel und Burschen zusammen — hungern? Dort war ich nicht. Wozu ist das gut? Ich kann doch auch allein hungern, ja sogar vierzig Tage, wenn ich mich recht erinnere.“ „Ja, dann, Meister, können Sie kein Zertifikat erhalten.“ „Warum kann ich keines bekommen?“ „Weil Sie die Altersgrenze — unberufen —- schon überschritten haben. Über 45 Jahre gibt es kein Zertifikat. Und Sie, Meister... bis 120!... sind schon über dieses Alter.“ „Du hast es erraten, mein Sohn, 120 ist die Zahl meiner Jahre, wenn ich die kleine Zwischenzeit bis zum heutigen Tage nicht dazu rechne. Mit einem Wort: ein alter Mann kann nicht nach Erez? Ein alter Mann soll warten, bis die Zeit kommen und er ins Tal Josaphat hinrollen wird... und er soll bis zur Auferstehung warten. Denn Weisheit braucht man nicht in Erez? Nur Zügellosigkeit?“ „Pardon, Meister. Es gäbe noch eine Art. Ich verrate es nicht gerne. Zionisten und solche, die den Aufbau Erez auf jüdischnationaler Basis wollen, können nicht hin, außer, wenn sie jung und unerfahren, manchmal nur unwissende Kinder sind. Aber, Meister, haben Sie keine Protektion — zur Agudah? Nämlich die Agudah kann Leute nach Erez schicken, alte Schoschtim, zu grundegegangene Kaufleute, Branntweinschänker, die ihre Lizenz verloren haben, die als die unentbehrlichen Meister des ,Glaubens und der heiligen Lehre‘ hinkommen. Da gibt es keine Altersgrenze. Ein arbeitsamer fünfzigjähriger Mensch bekommt kein Zertifikat, aber der sechzigjährige Schammes, dessen Rücken vom den Verbeugungen vor den Kosch ha Kol schon ganz gekrümmt ist, der kann als ,weiser Rebbe* sich in der heiligen Stadt niederlassen. Protektion müssen Sie von der Agudah in Jerusalem verlangen, Rabbenu — Protektion!“ „Es wird schwer gehen“, sagte der alte Meister und sann nach. „Die waren schon zu meiner Zeit dagegen, daß ich das Volk ins Land führen soll. Wie viele Sorgen habe ich schon damals mit ihnen gehabt. Also Altersgrenze ... also, mit einem Wort, von Westen aus kann ich auch nicht hinein. Also dann warte ich lieber noch vierzig Jahre (die Hunderte hat er nicht dazugesagt, denn für ihn ist ein Jahr so viel wie hundert). Dann werde ich es wieder probieren, vom Osten her. Wenn ich wieder kommen werde, wird es mir vielleicht gelingen, die Grenzwächter zu umgehen. Oder vielleicht brauchen dann die Juden kein Zertifikat mehr, denn von dem großen Meer bis zur arabischen Wüste werden nur unsere Brüder wohnen. Diesseits und jenseits vom Jordan. Ich könnte mich auch hineinschmuggeln ins Land ... Ich kenne dort die Gegend ein bißchen... Vielleicht wäre es möglich in einem arabischen Burnus... Aber ich will keine unerlaubte Sache begehen. Was glaubst du, mein Sohn Levi, als ich dort am Gipfel der Pisga stand und die wunderschönen sonnbeschienenen Ähren sah, hätte ich mich nicht damals schon einschmuggeln können? Aber ich will mich nicht einschmuggeln, weder als verkleideter Araber noch als Pseudorabbiner. Wenn fch als Mojsche Ravchem nicht ,ordnungsgemäß* hineinkommen kann, dann warte ich lieber, bis diese gemeine weltliche Macht verschwinden wird und mein Volk so stark sein wird, daß es seine verdienstvollen Leute nicht nur nach dem Tode ins Land bringen kann, sondern alle Söhne gemäß ihrem Wunsche in die alte Heimat bringt. Wenn kein England, keine Agudah, kein Zionismus sein wird, aber ein Volk, das auf seinen Führer wartet, ein Volk, bei dem der »Herr* wieder ein Wort haben wird. Dann werde ich wieder kommen. Dann werden alle Tore offen sein und alle Grenzen. Dann wird man kein Zertifikat brauchen. Weder ich noch du, armer, zerlumpter Chaluz.“ * Ein Lichtstrahl kam in das graue Zimmer und... Ein alter, gebrochener, armer Jude frägte, wie man ohne Zertifikat nach Erez gehen könne. „Haben Sie es nicht gehört? Wenn er wieder kommen wird?“ „Wer? Wann kommen wird?“ „Wenn Mojsche Rabonu kommen wird!“ „Sie machen Witze! Wenn Mojsche Rabenu kommen wird? Wann wird das sein?“ „Wann das sein wird? Dann, wenn die Juden ohne Zertifikat nach Erez gehen werden können.“ {Übersetzt aus Zsido Szemle von Imie Kaiser,) Oberrabbiner Alessandro Da Fano, Mailand: Dos JüdcUuu* u* Italic** Der Oberrabbiner von Mailand, Gr. Uff. Alessandro Da Fano, beging dieser Tage seinen 88. Geburtstag. Bei dieser Gelegenheit empfing er auca unseren Korrespondenten und war so freundlich, nicht nur über seine Verfangenheit, sondern auch über die Stellung der Juden in Italien sowohl in er Geschichte als in der Gegenwart sich zu äußern. Obwohl in Italien eigentlich verhältnismäßig wenige Juden leben, ist es wohl in Europa jenes Land, das am längsten von Juden bewohnt ist. Schon zur Zeit der Römer war die Judenkolonie ziemlich groß. Im l. Jahrhundert heutiger Zeitrechnung wanderte ein Teil derselben von Rom nach Sardinien aus, wo er von den dortigen Einwohnern, welche sich selbst als Abkömmlinge der Phönizier betrachteten, herzlich aufgenommen wurde, eben auch infolge ähnlicher Abstammung. In Sardinien übten die Juden einen wohltuenden Einfluß auf die kulturelle Entwicklung der Insel aus. Leider handelt es sich um eine ziemlich dunkle Ge- Mit der Ausweisung der Juden aus Spanien zur Zeit König Ferdinands im Jahre 1492 endete auch die Herrlichkeit in Sardinien, denn sie mußten dieses Land verlassen. Juden gibt es heute in Sardinien keine mehr, mit Ausnahme vereinzelter dorthin eingewanderter. Auch in Sizilien waren die Juden bis zum Jahre 1493 wohl gelitten. Besonders bekannt ist Ribi-Isbak-Abarbaoell, welcher Schatzmeister des Königs von Sizilien und später dessen Gesandter in Rom war. Viele von den aus Spanien, Sardinien, Sizilien und auch aus Neapel vertriebenen Juden flüchteten naoh Mittel- und Nordschichtsperiode Sardiniens und die Nachrichten darüber sind ziemlich spärlich. Sicher ist aber, daß gegen das Ende des 11. Jahrhunderts der Einfluß der Juden dortselbst vorherrschend war und aus dem Ende des 14. Jahrhunderts existiert eine Serie von Privilegien und Konzessionen zugunsten der Juden, welche beweist, wie sie bevorzugt wurden. Im Gemeindearchiv von Alghero befindet sich ein wichtiges Dokument, „Aljama“ genannt, aus welchem hervorgeht, daß die Juden davon befreit waren, irgend welche Abzeichen zu tragen, ein für jene Zeiten seltener Fall; außerdem war ihnen erlaubt, Sklaven zu halten, und der Synagogen-Sekretär erhielt die weiteste Gerichtsmacht, um die Einhaltung und Ausführung der königlichen Edikte zu überwachen. Auch in der sardischen Gesetzgebung’ jener Zeit zeigt sich der jüdische Einfluß, insbesondere im Grundrecht. Außerdem begann das sardische Jahr im September und blieb so bis zur gregorianischen Reform. Nähere Angaben über diese äußerst interessante Periode sind in einem soebon erschienenen Buche von Luigi Falehi: „Gli Ebrei nella storia e nella pocsia populäre dei Sardi“ enthalten, Italien, und besonders in Livorno setzte sich eine ziemlich große Kolonie fest. In Livorno wurden sie von der Regierung immer beschützt, insbesondere von den Großherzogen von Toskana, jedoch mußten sie immer unter , den Gesetzen des Ghetto leben. Vor einigen Jahren ist in Livorno ein sehr interessantes jüdisches Museum eröffnet worden, dessen Besuch jedem Italienreisenden anempfohlen werden kann. Dort sind auch einige alte Edikte über die Gesetzgebung zum Schutze der Judenkolonie aufbewahrt. Mit der Französischen Revolution und Napoleons Zug nach Italien wurden die Tore des Ghetto niedergeworfen und erst seit dem Jahre 1848 erhielten die Juden in Piemont unter König Albert von Savoyen volle Rechtsgleichheit. Im restlichen Italien im Jahre 1859. Sie mußten von nun au wie alle anderen Staatsbürger Militärdienst leisten, konnten in den Staatsdienst treten, welche Möglichkeit auch ziemlich oft ergriffen wurde. Wir finden heute verhältnismäßig ziemlich viele Juden im Heer und in der Marine, in den Staatsämtern und überall erreichen sie die höchsten Grade. Schon Cavour, welcher bekanntlich die Einigung Italiens durchftthrte, hatte einen jüdischen Sekretär, namens Arton. Der jüdische General Ottolenghi war der militärische Erzieher des jetzigen regierenden Königs Viktor Emanuel HI.; Luzatti war einer der erfolgreichsten Finanzminister Italiens. Vielo jüdische Senatoren wären zu nennen, darunter der Senator Graz-iadio Aseoli, ein bekannter Professor der semitischen Sprachen, der Senator Pisa., ein bekannter Bankier, Senator Tullo Massarani, Literat, ferner ein Bürgermeister von Rom, Nathan, sowie die Generäle Luzzi, Modena und viele andere. Die jüdischen Gemeinden hatten immer ihr Leben geführt, sie wurden zwar nicht mißhandelt, aber man kann auch nicht gerade behaupten, daß sie gerne gesehen wurden. Jedoch naoh dem Jahre 1859 gab es in Italien keinerlei Verfolgungen mehr, wenn man von einigen, wenn auch sehr seltenen Artikeln in der einen oder anderen Zeitung absieht. Zur zionistischen Frage äußerte sich der Oberrabbiner Da Fano, daß es keinerlei sichtbare Opposition gebe, daß sie gern gesehen und daß sie unterstützt werde, was auch aus den reichlichen Spenden ersichtlich ist, die für den „Keren Kajemeth l« Israel“ und für den „Keren Hajessod“ reichlich fließen. Das Zentralkomitee befindet sich in Florenz, und aus der Spendenliste des Monats Jänner resultiert eine Ziffer von ungefähr 20.000 Lire, wobei man berücksichtigen muß, daß in ganz Italien nur 50.000 Juden ansässig sind. Ohaluzim gibt es infolgedessen auch nicht viele, denn abgesehen davon, daß die Anzahl der Juden klein ist, geht es ihnen auch in Italien recht gut, sowohl wirtschaftlich als auch in religiösem und politischem Sinne, aber viele gehen für einige Monate nach Palästina, um dort freiwillig zu arbeiten. Oberrabbineir Da Fano selbst war schon Mitglied des zionistischen Komitees in Mailand zur Zeit Herzls, und setzt noch heute trotz seines hohen Altere die Mitarbeit daran fort, wie er auch heute noch nicht daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen. Durch Hitlers Vorgehen kamen auch viele Flüchtlinge naoh Italien und die erste Station war meistens Mailand. Es bildete sich auch hier wie in allen anderen Städten ein Hilfskomitee und in Mailand allein wurden bis zum November 1934 185.000 Lire gesammelt. Vom Mailänder Komitee wurden 4300 Flüchtlinge zum Teil mit Geld, zum Teil mit Rat und Tat unterstützt. Es wurden italienische und hebräische Sprachkurse eingerichtet, und während ein großer Teil weiter nach Palästina reisen konnte, gelang, es dem anderen Teil, sich hier eine Existenz zu schaffen. Es kamen auch viele Studenten, die in Deutschland ihre Studien abbreohen maßten. Sie wurden von den italienischen Universitäten herzlich aufgenommen, unter Erlaß der Studiengebühren. Nachdem die italienische Regierung das Konkordat mit dem Papst abgeschlossen hatte, schritt sie auch zur gesetzlichen Regulierung der jüdischen Gemeinden und. erließ das bezügliche Gesetz im Jahre 1931. Dieses Gesetz hat die Pflicht zur Bezahlung der Kultussteuer in allen Gemeinden eingeführt, während früher einige Städte wie Mailand, Parma und andere davon befreit waren; infolgedessen sind jetzt alle Gemeinden finanziell auf sichere Basis gestellt. Es besteht gar kein offensichtliches Anzeichen für irgend welchen Antisemitismus und der Präsident der Mailänder jüdischen Gemeinde, Cavaliere di gran crooe Federico J a r a c h, wird vom Duce als alter Faschist wohl geschätzt. Es besteht in Italien der Verband aller jüdischen Gemeinden und Herr Jarach nimmt lebhaften Anteil am Gedeihen dos jüdischen Lebens in Italien. Jüdische Zeitungen gibt es nicht viele. Die wichtigste ist „Israel“ in Florenz, das zionistische Organ, welches von Pacifici, Lattes, Nahen und Ottolenghi geleitet wird, sodann „La nostra bandiera“ in Turin, welche ganz besonders die Verbundenheit