Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 443 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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•j ff .Mfr: Seite 10 < DIE STIMME Erbliche Befähigung... Manch einer wird vielleicht erstaunt den Kopf schütteln: jüdische Ärzte in vergangenen Jahrhunderten? Ist denn die Betätigung der Juden als Mediziner nicht erst eine Errungenschaft der Emanzipation? Weit gefehlt: jüdische Ärzte hat es zu allen Zeiten und in allen Ländern gegeben — selbstverständlich auch auf deutschem Boden. Über ihre Bedeutung hat Rudolf V i r c h o w einmal folgendes gesagt: „Erst unsere Zeit liat hebräische Manuskripte an das Licht gefördert, welche erkennen lassen, mit welchem Eifer und welcher Gelehrsamkeit jüdische Ärzte des frühen Mittelalters für die Erhaltung und Förderung der Medizin tätig gewesen sind; man darf wohl sagen, daß bis in diese Zeit zurück sich die oft erbliche Befähigung der Juden, die seitdem so Großes für die Wissenschaft geleistet haben, verfolgen läßt.“ Leibärzte bei Kaisern und Fürsten... Der erste jüdische Arzt, der auf deutschem Boden sich in seinem Beruf betätigt, ist ein Mann namens Z e d e k i a, der um 880 als Leibarzt Kaiser Karls des Kahlen genannt wird. Auch Kaiser Konrad n. (Anfang des 11. Jahrhunderts) hat einen jüdischen Hofarzt gehabt. Zahlreich beginnen die Namen jüdischer 'Ärzte erst vom 15. Jahrhundert an aufzu- ' tauchen. Besonderer Gunst erfreuen sich jüdische Ärzte unter Kaiser Friedrich III. (1440 bis 1493). Er hatten den Juden Jakob L o a n s zum Leibarzt und war ihm so zugetan, daß er ihn in den Ritterstand erhob. Ein anderer, „Michel, Jude, Wundarzt“, erhält 1478 für besondere Verdienste von Kaiser Friedrich HL die Erlaubnis, „in unsern Landen Steir, Kernden und Krain“ zu wohnen. Weitere jüdische Ärzte noch erhalten besondere Vergünstigungen durch diesen Kaiser. — Zahlreiche Fürsten halten sich m jener Zeit Juden als Leib- und Hofärzte. Fast immer sind diese jüdischen Mediziner gegenüber ihren Glaubensgenossen. Insofern begünstigt, als sie samt Frau und Kindern von allen Steuern, die damals schwer auf der jüdischen Bevölkerung lasteten, frei sind. g.. bei Päpsten und Bischöfen Hinter den weltlichen Fürsten stehen die geistlichen nicht zurück. Verschiedene Päpste bedienen sich jüdischer Heilkundiger. Aus Deutschland sind namentlich die Bischöfe Johann I., Johann n. und Johann IH. von Würzburg zu nennen, die sich entweder selbst jüdische Leibärzte halten — Seligmann aus Mergentheim — oder aber zumindest, die jüdischen Mediziner von alleD Abgaben befreien. Andere Vorrechte, die man jüdischen Medizinern einräumt, bestehen darin, daß sie sich in Städten niederlassen dürfen, in denen sonst Juden keine Aufenthaltserlaubnis haben. So gestattete der Herzog Albreoht von Preußen im Jahre 1538 den jüdischen Ärzten Isaac May und Michel Abraham * die Ansiedlung in Königsberg, wo sonst keine Juden wohnen durften. Diese Erlaubnis war darauf zurückzuführen, daß Isaac May einst einen Diener <Jes Herzogs von einer gefährlichen Krankheit geheilt hatte. Privilegien für jüdische Xrzte. Ein weiteres Privileg, das jüdischen Ärzten zugestanden wurde, war, außerhalb der Judengasse zu wohnen. Eine solche Erlaubnis beweist immer; daß der betreffende Arzt einen großen christlichen Patientenkreis hat. Von derartigen Vergünstigungen hören wir namentlich in den Städten im Süden und Westen des Reiches. Hier finden wir überhaupt die meisten jüdischen Ärzte. Juden üben z. B. ihre ärztliche Praxis aus in Regensburg und in Frankfurt, in Aschaffenburg und in. Mainz, in Rothenburg ob der Tauiber und in Ulm, in Speyer und in Nürnberg. Aber auch in Wien, in Hamburg, in Dresden, in Erfurt, in Breslau, in Schweidnitz und in zahlreichen anderen Orten werden uns Namen jüdischer Ärzte genannt, die von jüdischen und christlichen Kranken aufgesucht werden. In Frankfurt a. M. gibt es sogar im Jahre 1514 — von einem christlichen Arzt abgesehen — nur jüdische Weit aufschlußreicher und überraschender als die bloße Aufzählung jüdischer Ärzte in den verschiedensten deutschen Städten dürfte dagegen die Tatsache sein, daß damals — vor fünf- oder sechshundert Jahren schon — Juden als S t a d t. ä r z t e, als Stadtphisici recht häufig anztitreffen sind. Bereits im Jahre 1373 wird Meister J oes e 1 als Stadtarzt von Basel genannt; er erhält einen Jahressold von 25 Pfund. Sein Nachfolger im Amt ist ebenfalls ein Jude; sein Name ist G u 11 e b e n. Zahlreich sind jüdische Stadtärzte in Frankfurt a. M. Im Jahre 1394 erhält Salomon Pietsch aus Regensburg das Amt eines Stadtwundarzteß von Frankfurt mit einem Jahresgehalt von 36 Gulden. Darüber hinaus bekommt er jährlich noch „sechs Ellen Tuch von demselben Stoffe und derselben Farbe“ wie die übrigen städtischen Beamten tragen. Er ist verpflichtet, alle Mitglieder und Beamten des Rates sowie alle „siechen Juden“, die im Spital Aufnahme finden, unentgeltlich zu behandeln. Von den Bürgern darf er nur bescheidenem Lohn fordern. Heilkundige jüdische Frauen. Nicht unerwähnt darf bleiben, daß selbst das mittelalterliche Deutschland schon zahlreiche jüdische Ärztinnen kannte. Auch Mer ist es besonders wieder Frankfurt am Main, wo hauptsächlich im 15. Jahrhundert viele jüdische Frauen die Medizin betrieben. Der Bischof Johann H. von Würzburg gestattet in einer Urkunde vom 2. Mai 1419 der „Jüidenärztin S a r a“, gegen eine jährliche Steuer von zehn Gulden die Heilkunst im ganzen Bistum auszuüben. In Frankfurt am Main lebt etwa um 1430 die jüdische Augenärztin Z e r 1 i n, die das Reeht hatte, außerhalb der Judengasse zu wohnen; auch ihr werden einige Steuererleichterungen zuteil. Etwa um die gleiche Zeit betätigt sich in Köln die Jüdin G h e 1 e als Augenärztin. Es wird berichtet, daß sie zahlreichen Kölner Bürgern „an gebrech und Kranckeit der Augen“ geholfen hat. Kampf dem Judenarzt! Viele Tätigkeiten und Berufe, die Juden im Mittelalter in Deutschland ausü-bten, wurden ihnen geneidet. Wie sollte es bei der so wichtigem und bedeutsamen Heilkunde anders sein! Da lesen wir von einer Beschwerde aus Regensburg im Jahre 1519: „Es ist wissentlich, daß geistlich und weltlich, arm und reich, Inwohner und Ausländisch, zu den Juden tun, nehmen Artznei von ihnen, da doch die Rechte verbieten, eich den Juden in dem als vertraulich und untertänig zu machen.“ Geistliche meinen, „es sei besser, mit Christo gestorben, als per Juden- Doktor mit dem Teufel gesund worden“. Ein andermal beißt es: „Etliche, diie lauffen zu den Henckmeesigem Juden und bringen ihn den harn, und fragen sie umb rath. Welches doch hoch verbotten ist, das man kein Artzeney sol von den Juden gebrauchen, es sey den sach, das man sonst kein Artzet mag ren dürfen. Die Kurfürstin Margarete von Sachsen, deren Söhne den Baruch zum Hofarzt in Dresden bestellt hatten, muß sich im Jahre 1469 für einen ihrer Hofbeamten einsetzen. r Verbote der Kirche. Verschiedene kirchliche Synoden bedrohen Christen, die sich von jüdischen Ärzten behandeln lassen, mit der Exkommunikation. Allein die Tatsache, daß diese Strafandrohungen häufig wiederholt werden müssen, beweist, daß das Volk sich nicht sehr streng an das Verbot hielt, Judenärzte zu meiden. (Übrigens wurde eine 6olohe Anordnung oft verbunden mit den Bestimmungen, Medikamente von Juden nicht zu nehmen, ihre ungesäuertem Brote nicht zu essen und — mit Es geschah in einer großen Stadt, in der viele Juden wohnen, im Palästina-Amt. Das Amt ist gestopft voll mit Leuten, die nach Erez wollen. Jeder beruft sich auf seine Privilegien. Der eine darauf, daß sein Vater, vom Jahre 1907 angefangen, durch drei Jahre Schekalim bezahlt hat. Mit Stolz zeigt er die zerrissenen Schekalim, die beweisen, daß tatsächlich durch drei Jahre drei Kronen gezahlt wurden. Der nächste beruft sich darauf, daß er einen Onkel in St. Pölten hat. Aber was für einen Onkel! Einen, der vor zwei Jahren vier Schilling dem K. K. L. gespendet hat, als ihm die Versicherung seinen Feuerschaden bezahlt hat. Jeder hat ein anderes Anrecht auf ein Zertifikat. Viele erklären, daß sie auch geneigt wären, in die Kolonien zu gehen, ja auch sogar bereit sind, zu arbeiten, falle man ihnen die Reisespesen im vorhinein einsendet. Sie sind bereit (und dae speziell ein ehemaliger kleiner Buchhalter) zum Beispiel die Glaserei zu erlernen, aber nur, wenn er ein Zertifikat bekommt: im vorhinein. Er hat nämlich große Lust zur Glaeerei. Als kleines Kind sah er schon zu, wie der wandernde Glaserer die Fensterscheiben zugesohnitten hat, und bei dieser Gelegenheit hat er gewöhnlich die kleinen Glasabfälle, die durch das Abschneiden entstanden sind, mitgehen lassen. Mit einem Wort, er hat ein wenig Fachkenntnisse. Man kann nicht sagen viel, aber doch etwas. Während dieses Trubels öffnet sich plötzlich die Tür und eine sonderbare, eigentümliche Gestalt tritt ein. Die vorher noch klappernden Schreibmaschinen und surrenden Vervielfältigungsapparate — sie alle wurden plötzlich still. ihnen nicht zu baden!) Meistens aber werden diie Kirohengesetze insofern gemildert, als sich Christen dann eines jüdischen Arztes bedienen dürfen, wenn kein christlicher da oder der jüdische besondere tücht% ist. Zwei päpstliche Anordnung«« seien in diesem Zusammenhang noch ge* nammt. Papst Paul V. (uim 1600) verbietet den jüdischen Ärzten nicht nur die Ausübung ihres Berufes bei Christen, sondern gestattet auch keine Zusammenarbeit jüdischer und christlicher Ärzte. Von diesem Papst unterscheidet sich Bonifaz IX. (um 1400), der sagt: „Jüdische Ärzte sind in der Ausübung ihres Berufes freundlich, wohl, wollend und entgegenkommend; sie sind bemüht, den Armen und Dürftigen beizustehen, sie drängen nicht auf Bezahlung und zeichnen sich durch Tüchtigkeit aus.“ So fallen allmählich die Verbote der ärztlichen Betätigung für Juden. Vom Anfang des 18. Jahrhunderts an — hundert Jahre vor der bürgerlichen Gleichstellung — öffnen sich nach und nach die Tore der deutschen Universitäten für Juden. Dae Mittelalter ist überwunden; die Juden können ungehindert einen Beruf ausüben, in dem so viele von ihnen seit je tätig waren. Ein Lichtstrahl umgibt von beiden Seiten das Haupt des eintretenden alten Herrn. Oder glänzte nur das Licht des Geistes in seinen Augen? Auf einen Moment sah man auf seinem Kopfe nicht das fette Samt-„Käppchen“, sondern irgend eine weiße Leinwand, di« durch den Zug der offenen Tür bewegt wurde. Es ist aber möglich, daß seine weißen Haare wie ein sonderbares orientalische« Tuch aussahen! Schau, schau, vielleicht will der Alte aucH nach Erez fahren?. Er wird doch scho« 120 Jahre alt sein. Er kam näher ztiüo Schreibtisch, wo man die „Ratschläge“ austeilte. Die Masse, zerlumpte Chaluzim, Näherinnen, fallite Kaufleute und niohtjüdische Arbeitslose, gaben ihm stumm den Weg frei. Worauf wird sich der Alte eigentlich be* rufen? „Nach Erez möoht Ich. (Man saJh, daß das schon ein alter Wunsch von ihm war.) Ich war auch schon dort... aber nur an der Grenze. An der Grenze von Erez,. Oh, damale war die Grenze noch nicht dort, wo sie heute ist. Über dem Jordan, weit, weit auch über dem Gebirge Moab war die Grenze« Ich... vom Gipfel des Berges sah ich die schönen kanaanitischen Gebiete, Städte, Dörfer, Wälder, alles in reicher Abwechslung. Damals gelang es mir nicht, hineinzukommen... von Osten her. Ich halbe irgend einen Konflikt mit dem Allmächtigen gehabt. Ich bekam von ihm keine Nieder* lassungsbewilligung... Ich dachte mir, ich werde jetzt probieren: nicht von Oston, son* dem von Westen in das Gelohte Land einzuwandern.“ „Mojsohe Rabenu“, flüstern die Anwesenden, und mit mystischem Schaudern ziehen sie sich weit zurück. „Ken, ken, anochl Mojsohe ravohem“, sagte der mächtig blickende Greis und schaute sich um, „und jetzt sage mir, mein Sohn Levi, wie kann ich nach Erez Israel kommen?“ Armer bürokratischer Mensch, erbsengroße Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Es ist doch keine Kleinigkeit: Mojsche Rabenu verlangt ein Zertifikat im Palästina- Amt! Wie soll man das machen?! Wie?! „Ich bitte ehrerbietigst, Meister, sind Sie Mitglied der zionistischen Organisation?“ „Neiu, mein Sohn. Zu meiner Zeit hat Zion überhaupt noch nicht existiert, so konnte ich auch nicht Mitglied Bein. Aber es ist auch nicht bestimmt, ob ich Mitglied sein hätte wollen.“ „Odor haben Sie vielleicht heuer schon Ihren Schekel bezahlt?“ „Als mein Schwiegervater Jotro seine Herde verkaufte, da hatte ich einige Kikkar Gold. Aber seitdem ist mir das Kikkar-Gold ausgegangon. Nicht einmal ein Schekel Ist übriggeblloboii.“ „Aber auf Haohscharah waren Sie d0Q$ gowlß raiudestons zwei Jahre?/4 1 ZmcJmer. beton Purim-Festxug in Tel-Aviv 1 W7’, U, ,///&& §#, ,1 mm wmm wmm wmm $... % Rudolf Melltz (Berlin): Jüdische Ärzte im mittelalterlichen Deutschland Jüdische Stadtärzte vor fünf Jahrhunderten. | gel iahen.“ Im Jahre 1453 bestimmt die Apotheker- und Ärzteordnupg von Regensburg, daß „Fremdlinge“ nicht als Ärzte praktizie- Armin Beregi: Moses im Palästina-Amt (Eine Legende aus unseren Tagen)