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Die Stimme · 1935-04-17 · Heft 443 (17.4.1935) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 443 (17.4.1935)
Date
1935-04-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Doch jetzt, wo sie beide alt geworden sind und die Kozker nicht mehr dais sind, was sie früher waren, ebenso wie auch die Beizer ihr früheres Feuer verloren haben, sind sie aus den Parteien ausgetreten und haben die Führerschaft jüngeren Leuten überlassen, die in Glaubenssaohen schwächer, sonst aber rüstiger sind als sie. An einem Wintertage, an der Ofenbank im Beth-Hamildrasoh, haben sie Frieden geicblossen, und nun gehen sie am dritten Pessach-Feiertage spazieren. Am weiten, blauen Himmel strahlt die Sonne, aus der Erde sprießen überall Halme, und man kann beinahe sehen, wie bei jedem Grashalm ein Engel steht und ihn zur Eile an treibt. Vögel schießen durch die Luft auf der Suche nach dien vorjährigen Nestern. Und Reib Schachne sagt zu Reb Sonach: „Die Koziker Ghassiddm, die richtigen Kozker von altem Schrot und Korn — von den heutigen Kozikera spreche ich nicht! — hielten nicht vdd von dier Haggadah.. „Doch um so mehr von den Mazzesknödeln!“ lächelt Reb Soraoh. „Lache nicht über die Knödel!“ antwortet Reb Schachne sehr ernst. „Lache nicht! Du kennst doch die geheime Bedeutung des Biibeiwortes: ,Du sollst den Knecht nicht seinem Herrn überantworten?1 “ „Mir genügt es“, antwortet Reb Soraoh Stolz und überlegen, „daß ich die Verzückung des Gebets kenne.“ Reb Schachne tut so, als ob er es nicht gehört hätte, und fährt fort: „Der offenbare Sinn der Worte äst doch klar: wenn ein Knecht, ein Diener, ein Leibeigener seinem Herrn entläuft, darf man ihn nach dem Gebote der Thora nicht einfangen; man darf ihn nicht binden un& seinem Herrn zurückbringen. Denn wenn ein Mensch entlaufen ist, so konnte er es wohl nicht länger anshalten... Es handelt sich also einfach um die Rettung einer Menschenseele! Und der verborgene Sinn dieser selben Worte ist ebenso einfach. Der Mensohenleib ist ein Knecht, der Knecht der Seele! Der Leib ist ein Lüstling: sieht er ein Stück Schweinfleisch oder eine fremde Frau oder irgend einen Götzendienst oder ich weiß nicht was — so will er aus der Haut fahren. Doch die Seele wehrt es ihm und spricht: ,Du sollst nicht sündigen!1 und er muß sich fügen. Ebenso umgekehrt: Will die Seele irgend eine Mizwah tun, so muß es der Leib für sie tun und wenn er noch so müde und zerschlagen ist: die Hände müssen arbeiten, die Füße — laufen, der Mund — sprechen ... Warum? Weil es ihm sein Herr, das heißt die Seele, befohlen hat. Und dennoch heißt es: ,Du sollst den Knecht nicht seinem Herrn überantworten1. Man darf also den Leib nicht ganz an die Seele ausliefern: die flammende Seele würde ihn sonst zu Asche verbrennen und hätte der Schöpfer Seelen ohne Leiber haben wollen, so hätte er überhaupt keine Welt erschaffen! Darum bat auch der Leib seine Rechte; es steht geschrieben: ,Wer zu Adel fastet, ist Sünder1; denn der Leib muß essen! Wer fahren will, muß seinen Gaul füttern. Kommt irgend ein , *) Kozk und Bolz — zwei berühmte ohassidische Gemeinden, die sich heftig befehdeten. Feiertag, so freue dich auch du, Leib! Nimm einen Schluck Branntwein! Die Seele hat ihre Freude und auch der Leib bat seine Freude: die Seele erfreut sich am Segensspruch, den man dabei sprechen muß, und der Leib — am Branntwein selbst! Heut1 ist Pessach, dias Fest der Erinnerung an unsere Befreiung aus Ägypten — komm her, Leib, da hast du einen Mazzesknödel! Und der Leib fühlt sich dadurch gehoben; denn er wird teilhaftig der wahren Freude, die in der Erfüllung einer Mizwah liegt... Lache nicht über den Knödel, mein Lieber, lache nicht!“ Reb Soraoh muß gestehen, daß die Auslegung tief ist und sich hören lassen kann. Er ißt aber aus Prinzip keinerlei aus Mazzes hergestellte Speisen! „In diesem Falle hast du deine Freude an der trockenen Mazzes selbst.. „Wer hat genug Mazzes, um sich satt zu essen? Und wer hat noch Zähne, um sie zu beißen?“ „Wie erfüllst du dann das Gebot: ,An deinen Festen sollst du dich freuen1 in bezug auf den Leib?“ „Weiß ich? Manchmal hat der Leib Freude an einem Schluck Rosänenwein... Ich persönlich habe meine größte Freude an der Haggadah selbst. Ich sitze da, lese die Haggadah, zähle die ägyptischen Plagen auf, verdopple sie und lese sie immer von neuem.. „Du roher Kerl!“ „Roher Kerl? Nach so vielen Verfolgungen, die das Volk Israel erlitten, nach so vielen Jahren der Verbannung der göttlichen Majestät aus ihrem Tempel? Ich meine, man hätte einführen sollen, daß die zehn Plagen siebenmal aufgezählt werden... Daß das Gebet, ,Ergieße deinen Zorn, Herr, auf die Völker, die dich nicht anbeten!1 siebenmal gesprochen wird! Doch vor allen Dingen die ägyptischen Plagen — die machen mir die größte Freude! Ich würde sie am liebsten bei offenen Türen und Fenstern aufzählen: sollen sie es nur hören! Was habe ich zu fürchten? Die heilige Sprache verstehen sie ja sowieso nicht!“ Reb Schachne wird für eine Weile nachdenklich und dann beginnt er wie folgt: „Ich will dir eine Geschichte erzählen, die bei uns passiert ist. Ich will nicht übertreiben — etwa zehn Häuser vom Hause des Rebben, sein Andenken zum Segen, entfernt wohnte ein Metzger. Ich will nicht mit dem Munde sündigen; denn der. Mann ist schon längst auf jener Welt — aber der Metzger war ein roher Mensch, nun, eben ein echter Metzger. Einen Nacken hatte er wie eirf Stier, Augenbrauen — wie Borsten, und Hände — wie Klötze. Und erst eine Stimmei Wenn er sprach, klang es wie ein ferner Donner oder wie wenn Soldaten schießen! Ich glaube sogar, er stammte aus Beiz.. „Na, na!“, brummt Reb Sorach. „So wahr ich lebe!“ erwidert Reb' Schachne kaltblütig. „Beten pflegte er mit einer besonderen wilden Stimme mit allerlei Nebengeräuschen. Bei manchen Gebeten! klang es, wie wenn man Wasser ins Feuer schüttet.. „Das kannst du dir schenken!“ „Nun stelle dir vor, was für einen Lärm, es gibt, wenn sich so ein Kerl an dent Pessach tisch setzt und die Haggadah liest! In der Wohnung des Rebbens hört mau jedes Wort! Nun, ein Metzger äst eben ein Metzger. Alle Tischgenossen beim Rebben’ lachen. Und selbst der Rebbe, seligen An» denkens, bewegt leise die Lippen und mail sieht, daß er lächelt. Doch später, als der Bursche anfing, die Plagen aufzuzäblen, als sie ihm aus dem Maule herausflogen wie Flintenkugeln, als er bei jeder Plage mit der Faust auf den Tisch hämmerte, so daß die Weinbecher klirrten — wurde der Rebbe, sein Andenken sei gesegnet, sehr traurig .. „Traurig? Am Feiertage, am heiliges Pessachfeste — traurig? Was redest du da?“ „Man fragte Ihn auch nach der Ursache,** „Und was gab er für eine Antwort?“ „Auch der Schöpfer der Welt, sagte er, ist beim Auszug© Israels aus Ägypten traurig gewesen.“ „Wo hat er das hier?** „Es steht In einem Mildrasch! Als die Kinder Israels durch das Meer gezogen! waren und das Meer zurückfloß und Pharao mit seinem ganzen Heere bedeckte und err tränkte, fingen die Engel zu singen an, die Seraphim und die Ophanim flogen durch alle sieben Himmel, jauchzend ob der guten, guten Botschaft. Und die Gestirne und Sternenbilder fingen zu tanzen an! Du kannst dir denken, was für eine Freude es war, als es hieß: Pharao und die Ägypter sind ertrunken! Doch der Schöpfer der Welt gebot allen Ruhe und sprach von seinem Throne herab: ,Meine Kinder ertrinken im Meere und ähr singt und tanzt?1 Denn Pharao und sein ganzes Heer und selbst die! ganze Unreinheit — sind Gottes Geschöpfe.«, ,Und der Herr erbarmte sich seiner Schöpfung1 — so steht es geschrieben!“ „Von mir aus ...“ seufzt Reb Soraci« Nach einer Weile fragt er: „Und wenn das schon in einem Midrasch steht, was hat da dein Rebbe Neues ent« deckt?“ Reb Schachne bleibt stehen und sagt sehr ernst: (Eine Vision.) Ich kann die Väter schauen, An Pyramiden bauen, Von Geißeln angetrieben, Sich windend unter Eieben, Die Rücken bloß, gebeugt im Joch. Und immer größere Lasten noch. Sie brennen hastig Ziegel Und keuchen öde Bügel Hinan, ihr Stroh zu suchen. Sie karren. Vögte fluchen. Denn ehern ist des Drängers Schritt, Der wie Gewürm mein Volk zertritt. Herr über edle Namen! Verwirfst du Abrams Samen? Wer konnte Joseph retten Aus Schmach und Sklavenketten, Wenn nicht der Herr, Herr?... Adonai!!..* Nur du machst frei! Höf du den Schrei!.. * Ein Dornbusch loht im Feuer, Und Moses wird Befreier. Mit unsichtbarer Krone Steht er vor Pharaos Throne. Die Seuche rast... Doch Stamm um Stamm Ißt ruhig Brot und Osterlamm... Mein Volk ist ausgezogen. Wir schreiten durch die Wogen. Die Feinde, sie ertrinken, Und Roß und Reiter sinken. Der Brandung Tosen donnert Trutz. Die Fluten werden Israels Schutz. Uns teilen sich die Meere, Mit uns sind Zebaoths Heere, Die Engel und die Kräfte! Des Frühlingsmondes Säfte Durchströmen alles Leben neu. Mein Volk wird stark, mein Volk ist frei!... Charlotte Weiß. „Erstens, du Beizer Narr, ist niemand verpflichtet, neue Auslegungen zu geben: in der Thora gibt es nichts Neues und nichts Altes, das Neue ist alt, und das Alte — neu. Zweitens — wird damit erklärt, warum es Sitte ist, die ganze Haggadah mit einer traurigen Melodie zu lesen. Und drittens — verstehen wir jetzt den Vers: ,Israel soll sich nicht erfreuen nach der Art der anderen Völker1. Deine Freude soll nicht roh sein! Du bist doch kein Bauer! Rachlust ißt kein jüdisch Ding!“

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