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Die Stimme · 1935-04-09 · Heft 441 (9.4.1935) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 441 (9.4.1935)
Date
1935-04-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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vtl Seit« 5 Judenfrage und jüdisches Kulturproblem Von Or. Oskar Wolfsberg, Jerusalem Kr. 441 — ff April 1035 Abschiedsvortrag Dr. Kasteins Der letzte Vortrag Dr. Josef Kasteins bat in der jüdischen Öffentlichkeit einen gewaltigen Widerhall gefunden und das Landeskomitee wurde aus allen Kreisen der Bevölkerung bestürmt, einen zweiten .Vortrag Dr. Kasteins zu arrangieren. Es ist nun dem Zionistischen Landeskomitco gelungen, Herrn Dr. Kasteln, der Mitte April endgültig nach Palästina libcrsiedelt, zu bewegen, einen Abschiodsvortrag zu halten, der Donnerstag, don 11. April, um präzise %9 Uhr abends, im Offenbach- Saal, IV., Treitlstraße 3 (Porrhaus, hinter dem Verkehrsbüro), stattfindet. Das Thema lautet: „Der Geist d e r j ü d i s c h e n W i r k 11 c h k o i t.“ Die Nachfrage nach Karten ist schon jetzt stürmisch. Karten sind erhältlich: Zionistischer Landesverband, L, Marc-Aurel-Straße 5, Tel. U 22-2-11, sämtliche Zionistische Bezirkssektionen, Wizo, I„ Schottenring 25, Tel. A 11.-6-26, Jüdische Kunststelle, II., Aspernbrückengasse 2, Tel. R 48-2-91, Bücherstube M. Rath, II., Taborstraßc 20a, Tel. R 45-305, Bücherstube R. Lanyi, I, Kärntnerstraße 44, Tel. B 25-6-75, Bücherstube R. Löwit, I., Wollzeile 6, Tel. R 21-4-25. Die Herzl-Gesamtamgäbe abgeschlossen Mit dem soeben zur Ausgabe gelangten fünften Band ist die Gesamtausgabe der zionistischen Werke Theodor Herzls Ln fünf Bänden, die im Jüdischen Verlag, Berlin W 50, erscheint, abgeschlossen. Der erste Band enthält die Neuausgabe der „Zionistischen Schriften“, um 16, früher nicht auifgenommene Stücke vermehrt. Die Bände II, III und IV bringen eine revidierte Ausgabe von Herzls „Tagebüchern“, Band V umfaßt das Schauspiel „Das neue Ghetto“, den Roman „Altneulanid“, den elegischen Schwank „Im Speisewagen“ und in der Abteilung „Aus dem Nachlaß“ zahlreiche, bisher nicht veröffentlichte Notizen, Briefe, Entwürfe, Denkschriften und Gedichte. — Im März 1985 wurde nach Abschluß des Werkes der bisher ermäßigte Subskriptionspreis erhöht. Die Gesamtausgabe kostet nun komplett engl. kart. 22.50 Mark, in Ballonleinen 32 Mark. Die Bände werden auch einzeln zum Preise von 4.85 Mark für den kartonierten und 6.50 Mark für den Leinenband abgegeben. Herzls „Judenstaat44 in Esperanto Wenn es noch eines Beweises für die Verbreitung der zionistischen Idee in der ganzen Welt und für das Vorhandensein des Interesses auch in den entlegensten Teilen des Weltalls für das Werden des zionistischen Gedankens bedurft hat, so ist dies jetzt durch die Übersetzung des grundlegendsten Werkes des Zionismus, des „Juclenstaates“ von Theodor H e r z 1, ins Esperanto erbracht worden. Die Übersetzung, die der Wiener Esperantist Bernhard S o 1 z e r besorgt hat und die nun in sehr schmucker Ausstattung vorliegt, ist im Verlage des Weltbundes der esperantistischen Bücherfreunde in Budapest erschienen. Die Übersetzung von Herzls „Judenstaat“ ins Esperanto, der sich Bernhard Selzor mit so viel Idealismus angenommen hat, ist mehr als eine Übersetzung schlechthin. Der Zweck der Esperanto-Übersetzung ist vielmehr ein ganz besonderer: Es soll in einer Zeit, in der so viel namenloses Unglück Uber die Juden hereingebrochen ist, der Gedanke dpi- Lösung der Judonfrage auf zionistischer Basis bis in die entlegensten Teile der Welt getragen werden. Das Buch wird sicherlich sehr vielen Kroisen, denen die zionistischen Gedankengängo bisnuu fremd waren, einen Begriff von der zionistischen ■ Bewegung vermitteln. Es ist dem Übersetzer voller Erfolg zu wünschen. Pension Eckstein - Semmering Sliemen-Olivenöl nur mit fippb 1^3 ist tre »und, nahrhaft, sehr billig. Shemen-Toilettegeife. ist »ehr ausgiebig und milde. Verlangen Sie in allen Geschäften! Clen,-Repr. für Österreich 8. RabinQwUsch, Wien, II,, Zirkusgasso 10. 3W, R-.48-7-88. Am 10. April (7. Nissan) beginnen in Jerusalem die offiziellen Feiern anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Hebräischen Universität. Der eigenartige Zusammenhang, der gerade beim jüdischen Volke zwischen der Existenzfrage der Nation und ihrem Kulturproblem besteht, ist sehr erheblich durch die Tatsacho des Exildaseins bestimmt. Die Judcnfrage als schlichte Daseinsfrage unseres Volkes ist überhaupt nur durch das Faktum der Diaspora geschaffen worden. Ein unter normalen Bedingungen auf seinem Boden lebendes Volk empfindet sein Dasein nicht als Problem. Aber über diesen Umstand hinaus, daß in einem bestimmten Stadium der Geschichte das Volk selbst die Frage seiner nationalen Eigenart stellt und gelegentlich verneint, erkennen wir in der Haltung der übrigen Welt gegen unser Volk Züge der Unduldsamkeit, der Abneigung und der Feindseligkeit, die in den Beziehungen anderer Völker untereinander niemals diesen heftigen Charakter der Idiosynkrasie an nehmen. All das erklärt sich aus der Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes und dem Fluch der Wanderung. Man kann mm die Judenfrage isoliert betrachten und das mit ihr verbundene Kulturproblem vorübergehend vernachlässigen. Selbst eine rein politische und soziologische Analyse dieses seltsamen Phänomens Diasporavolk führt zu Nationalismus und Territorialismus. Sobald die SelbBtverneinung abgelehnt wird, ergibt sich mit Konsequenz ein nationaler Standpunkt, eine Abwendung von der Assimilation im allgemeinsten Sinne und als Ausweg aus den Gefahren der Umwelt der Versuch einer Konzentration. Sobald die Entscheidung für Erez Israel fällt, handelt es sich nicht mehr um eine lediglich politische Würdigung unserer Gegen war tssituation, die von don Wurzeln unseres Werdens gelöst ist, sondern um eine historisch tiefer verankerte Gesinnung. Das jüdische Kulturproblem läßt sich natürlich vom Schicksal des Volkes nicht lösen. Geschichtliche Erfahrungen formen vielfach das geistige Antlitz einer Nation. Aber das Verhalten eines Volkes und seiner Führer, die seine kulturelle Physiognomie bestimmen, ist noch vieldeutiger, als wir es bereits aus der Psychologie gewolint sind. Man kann auf Sieg und Niederlage, auf Glück und Unglück sehr verschieden reagieren. Daß der Monotheismus, die Prophetie und die Halacha gerade die Wegzeichen des Judentums geworden sind, ist aus Landschaft, geschichtlichem Tun und Erleiden allein weder ableitbar noch verständlich. Hier läßt sich beinahe ein indirekter Beweis für das providentielic Moment in unserer Geschichte führen. Die GaLuth hat unsere Geschichtsbetrachtung auf Leidens- und Literaturgeschichte begrenzt. Die GaLuth hat aber — ungeachtet aller gewaltsamen Einengung unseres Lebens- und Geistes raum es und ungeachtet aller Erscheinungen, die inan mit Recht als reaktiv werten kann — unsere Geistigkeit wesentlich werden lassen. Vielleicht ist das, UTitheologisch gesehen, der Sinn des Exils und können wir so für eine gewisse Zeitetrecke den Gedanken: piuw nopn nvn> np*nt maixn pa1? (Eine Wohltat erwies Gott den Kindern Israels, daß er sie unter die Völker zerstreute (Pess. 87 b), akzeptieren. Das Kulturproblem der Galuthphase unseres Volkes fand, soweit es nicht der Assimilation anheihnfiel, seine Lösung nicht in Fülle und Weite und Umfassendem, sondern in Begrenzung und Entsagung. Aber dem Wesentlichen entsagte das Volk nicht. Sich selbst blieb es treu, indem es aus dem großen Schatz de? Vergangenheit schöpfte und kaum je seine Sprache preisgab; treu blieb es auch, trotz allen Verdunkelungen und Trübungen, den großen Leitmotiven seiner geistigen Überlieferung. Will man also das Exil als pathologische Lebensbedingung oder Existenzform ansehen — und es besteht kein Zweifel, daß dem so ist — so darf man nicht vergessen, daß die Grenzen zwischen Pathologie und Biologie unscharf sind, daß beide mit dem Leben verbunden sind und auch die Pathologie Ausdruck vitaler Gesetzlichkeit unter einer besonderen Konstellation ist. Ein Knankiheifcspro z e ß, der nicht zu Tod und Untergang führt, sondern die Fortdauer des Lebens und des schöpferischen Tuns zuläßt, sagt uns vieles über die Gesetzmäßigkeit aus und enthüllt uns manchen konstitutiven Faktor. Der geschichtliche Moment, in dem wir jetzt stehen, da die Galufch wieder in Heimkehr und Aufbau der Heimat einmündet, erweist den Weg durch die Diaspora als einen pathologischen Prozeß ohne tragisches Ende, So wird die kulturelle Haltung und Tat unseres Exils geistesgesohichtlich gerechtfertigt. Wenn aber oine Analyse unserer Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Diaspora Grundlegendes über unser geistiges Sein enthüllt, Genotypisches zur Entdeckung gebracht hat, so muß das als wesentlich Erkannte auch fortdauern, wenn das jüdische Volk aufihört, ein wanderndes Volk zu sein. Die großen Änderungen, die sicherlich statthaben werden, werden sich auf das P h ä n o typische beschränken. Es ist nicht nötig, hier von den schweren Schäden zu sprechen, die das Exil in jedem Stadium verursacht hat. Die Loslösung von Boden, Heimat und der natürlichen Gemeinschaft im eigenen Staat, beziehungsweise in der eigenen Gesellschaft, die Abschnürung von den weltbewegenden Fragen der Wissenschaft, der empirischen Forschung und dem weltlichen Element haben eine Verarmung bewirkt, und der entgegengesetzte Versuch, die eigene Welt preiszugeben und sich der Fremden hdnzugeben, hat uns an den Rand des Abgrundes gebracht. Weite und Umfang treten jetzt wieder national-kulturell in ihre Rechte — anders als im Zeitalter der Assimilation, wo das Judentum, der Enge und Inzucht müde, den Weg ins Freie anstrebte, ohne zu erkennen, daß damit dem Volke, dem Träger kultureller Aufgaben, das Todesurteil gesprochen wurde. Diese Einstellung erlegt unseren kulturellen Bemühungen in Erez Israel und in der Golah ganz bestimmte Verpflichtungen auf. Ohne daß sie die Kräfte lähmen und die Schwungkraft der Energien hemmen will, ruft sie die Erinnerung an ererbte und überlieferte Werte wach, die ihren Platz behaupten wollen. Das Kulturproblem des jüdischen Volkes in der Gegenwart stellt sich deshalb nicht als eine Angelegenheit dar# die keine Vorgeschichte hat und deshalb einen völligen Neubeginn bedeutet. Die geistige Vergangenheit wird auf unser künftiges Schaffen nicht nur deshalb wirken, weil sie objektiv vorhanden ist und deshalb durch keine Macht der Erde vernichtet werden kann. Aufgehoben ist sie in Hegels Doppelsinn in unserer Gegenwart auf jeden Fall. Doch wäre es Ausdruck geschichtlicher Einsicht und Erkenntnis, wenn wir die Wesenszüge jüdischer Kultur in unser Bewußtsein und in unseren Willen eintreten ließen, damit sie auch programmatisch Anteil an unserem Schaffen erhalten können. Wenn man von Werten der Tradition spricht, so denkt man allzu leicht nur an das Bindende und Fesselnde und vergißt des Befruchtenden und Richtenden, das von ihnen ausgeht. Wir denken nicht minder an die geistige und sittliche Zucht, die im Zusammenhang mit der überlieferten Kultur steht, als an die Kraft der Entfaltung und Bereicherung, die ihr eigen ist. Jedenfalls wird bei aller Aufgeschlossenheit auch in der Zukunft die Eigenart der jüdischen Kultur festgehalten werden müssen. Das ist ebenso seht ein nationales wie ein religiöses Erfordernis. Es hat seine Bedeutung für unser Land: denn nur in der Treue gegen uns selbst, in der Verinnerlichung und im Beharren bei der nationalen, das heißt weitgehend, der kulturellen Individualität werden wir in dem Meere von Völkern, Mächten und Kulturen, das uns umgibt und uns leicht verschlingen kann, uns behaupten können. Alles Übermaß an zentrifugalem Streben kann uns auch hier einem Schicksal aussetzen, das dem der Golah ähnelt und Palästina fast in eine Fremde zu verwandeln imstande ist. Und draußeu in der Diaspora ist gewiß ein Wurzeln in kultureller Eigenart, die sich als national fundiert erkennt, der einzige Schutz gegen Untergang. ■ Wissen und Forschen wird auch weiterhin den Zusammenhang mit dem L oen und sittlichen Wirken wahren und dom Volk seine Bestimmung erhalten müssen. Alles kulturelle und erzieherische Schaffen in unserem Lande ist von größter Bedeutung für das geistige Schicksal unserer Zukunft. Jede Schule, jede kulturelle Institution, jede Zeitung, jeder Autor und Redner webt mit am Kleide der Nation. Das hohe Maß von Verantwortung, das auf unserer Generation liegt, muß uns stündlich vor dem Bewußtsein stehen, Es Ist uns Baifouvs Eröffnungsrede Die Eröffnung der Universität Jerusalem am 1. April 1925 nahm Lord Balfour mit folgender Ansprache vor: „Von einem Freunde wurde ich daran erinnert, daß man von diesem Platze aus die Stelle sehen kann, wo die Kinder Israel zum ersten Male das Heilige Land betreten haben. Ich sagte dies einem anderen Freunde, und dieser machte mich seinerseits darauf aufmerksam, daß von diesem Skopusberge aus, nämlich von dieser Höhe aus, auch der römische Zerstörer Jerusalems die Belagerung führte, die die große Epoche des jüdischen Volkes zu einem Ende brachte. Kam es überhaupt eine Stelle von größerer historischer Bedeutung geben? Von hier können Sie den Anfang und das Ende sehen, oder was das Ende zu sein schien; das Ende der jüdischen Gemeinschaft, der Verbundenheit der jüdischen Gemeinschaft mit dem Land, das sie berühmt gemacht hat. Ja, eine neue Epoche hat begonnen! Der große kulturelle Aufschwung, der vor so vielen Jahrhunderten plötzlich unterbrochen wurde, beginnt wieder, sich in der alten Heimat dieses Volkes zu entfalten, Es ist nicht so, daß ich damit sagen will, daß die jüdische Kultur in der Zeit zwischen der Zerstörung Jerusalems und der Vertreibung der Türken auf gehört hatte zu sein. Kein, weit davon entferntf Sie wurde nur scheinbar unterbrochen, lebte aber doch überall weiter. Es war nicht die Kultur des jüdischen Volkes innerhalb der traditionellen Grenzen des Landes, die es so berühmt gemacht hat, sondern es war das überall wirksame Bestreben einzelner Gemeinschaften, Individuen, Wissenschaftler, Theologen und Philosophen. Sic alle haben ihren Teil zum Fortschritt der Zivilisation beigetragen, Es ist ein grober Fehler — so meine ich — anzunehmen, daß Menschen jüdischer Abstammung nicht auch ihren Teil, einen großen Teil sogar, einen sehr großen, zum Fortschritt der Wissenschaft und zur Entwicklung der menschlichen Zivilisation in der ganzen Welt beigetragen hätten. Als ich geboren wurde, waren die Kamen gerade der Wissenschaften unbekannt und ungebräuchlich, die ich als diejenigen erwähnt finde, denen die Universität jetzt ihre jungen Kräfte opfern will, und es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, daß sich im Laufe eines Menschenalters die Auffassung von der Natur fundamental geändert hat. Es ist jetzt gerade der Augenblick, in dein ich wünschte, eine Universität ins Leben zu rufen, deren Arbeit auf Forschung basiert. Das <3t der glückliche Augenblick, in dem sie ihren Anteil an dieser großen Ernte der wachsenden Wissenschaft haben kann, von der die ganze Welt, erfüllt ist. Darum glaube ich, daß bei dieser großen Aufgabe die Universität keine kleine oder ihr nicht gebührende Bolle spielen wird; sondern daß sie in der Tat von höchsten Idealen getrieben und von Männern geführt wird, die keineswegs Menschen in irgend einem Lande der Welt unterlegen sind. Deshalb und mit größtem Vertrauen auf die Zukunft er klär e ich jetzt die U niv er sität J erusal ein für eröffne t.4i

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