Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 441 (9.4.1935)
- Date
- 1935-04-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 20g V. b. b. Abschiedsvortrag Dr. Kastelns Donnerstag, den 11. April, präzise Vz9 Uhr abends, im Offenbach-Saal, IV., Treitistraße 3 (Porrhaus), über: „D e r Ge 181 der jüdischen Wirklich« k e i t« jüdische zeitung »Vf. '■’S, *r'* WxP'ct DER WEC HACH EREZ ISRAEL fuhrt über die PALÄSTINA-EILLINIE des LLOYD TRIESTINO TRIEST—JAFFA-HAIFA nur S 2.30'— In der ausgezeichneten Touristenklasse in zwei- oder vierbettigen AuBenkabinen mit reichlicher und schmackhafter Verpflegung (vier Mahlzeiten täglich) Die großen Schiffe .OALILEA', ,GERUSALEMME\ .PALESTINA* O'e 12.500 Tonnen Deplacement) Verkehren sechsmal monatlich nach Palästina, außerdem dichter Verkehr via Ägypten und via Athen— Istanbul. Gelegenheit zu herrlichen Rundfahrten im Mittelmeer Für Reisegesellschaften Sonderpreise Lloyd Trlestino, Wien, I., Kärntnerring 6. Tel. U 47-5-60 Nr. 441 I Wien, 9. April 1935 I Redaktion und Administration; Wien, i* Maro-Aurel-StraBo 6. Tel.: U 22-3-91 .ledaktioneschluB Montag und Mittwoch vorm. | («. Nissan 5695) | 8. Jahrgang Kein Anschluß Danzigs an das Dritte Reith Der Wahltag in Da n z i g ist vorbei. Er hat ein Ergebnis gebracht, das man nach allem Vorhergegangenen als eine Niederlage der Nationalsozialisten bezeichnen kann. Aller Terror hat trotz der freien Verfügung über den Wahlapparat nur eine geringfügige Steigerung ihrer Stimmen erzielen können. In der Stadt Danzig selbst sind sie sogar zurückgegangen. Die Opposition hat sich halten können lind dies, obzwar die Wahlbeteiligung zurückgegangen war. Die Nationalsozialisten hatten in der Jubelstimmung nach dem Saar-Sieg die vorzeitige Auflösung des Volkstages, in dem sie 41 von 72 Mandaten besaßen, vorgenommen, in der Hoffnung, zumindest die Zweidrittelm ehrheit zu erzwingen, wenn nicht die Totalität. Sie hatten die Wahlkampagne mit allen aus dem Reich her bekannten Mitteln, mit Einschüchterung, Versammlungssprengungen und Judenboykott betrieben. Noch in letzter Stunde griffen entgegen jeder internationalen Loyalität — deutsche Minister, wie Goer i n g und Goebbels in die Agitation ein, sogar den Streicher hatte man sich aus Nürnberg kommen lassen. Dieser maßlosen, mit ungeheuerlichen Geldaufwendungeil sich vollziehenden Hetzerei ist der ersehnte Erfolg versagt geblieben. Es war das offen verkündete Ziel der Neuwahlen, die Aufhebung des Danziger Statuts und den Anschluß an das Reich durch die Wählerschaft bestätigen zu lassen. Aber die Vorgänge in der europäischen Politik wirkten zusammen mit dem Mißtrauen Polens gegen den Plan. Dazu kam noch eine nur mühsam verhüllte Spaltung unter den Nationalsozialisten selbst. Der Senatepräsident Dr.Rauschnin g, der ich gewissen Praktiken widersetzte, wurde von dem Gauleiter Förster zum Rücktritt gezwungen und mußte sich sogar noch am Wahltag aus Danzig flüchten. Das Resultat des Wahlganges ist, daß Danzig unter der Kontrolle des Völkerbundes bleibt, daß der Anschluß an das Dritte Reich unmöglich wird und daß damit auch die Bevölkerung von der Ausdehnung der Reichsgesetzgebung verschont bleibt. Es ist die erste große politische Schlappe des Nationalsozialismus in einem Gebiet, das er für seinen festen Besitz gehalten hatte. Interna'ionaleFasdilstenkonlerenz leh t Rassentheorie ab In Amsterdam hat vor einigen Tagen eine internationale Faschistenkonferenz stattgefunden. Nach Konferenzschluß gab der Vorsitzende und Führer der italienischen Delegation, Eugenio Cosolschi, Mitglied des italienischen Parlaments, Pressevertretern Aufklärungen über dio Ziele der internationalen faschistischen Bewegung und machte Mitteilungen über den Verlauf der Amsterdamer Boratungen. Er betonte hierbei, d a ß der Woltfaschismus jede Unterdrückung einer Klasse oder Rasse u n d die R a s s e n t h e o r i o i m allgemeinen a b 1 e h n t. Die Bewegung erstrebe vielmehr die Kooperation aller Klassen und Rassen. Vorherrschaft einer bestimmten Rasse wäre Ausfluß materialistischer Auffassungen und stehe der Herbeiführung einer durch geistige Bindungen gewährleisteten Einheit im Wege. Der Rückgang der Judenschaff in Wien Die Zahl der Juden in Wien betrug nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung im März des Vorjahres 176.034 Personen. Sie ist gegenüber dem Stande im Jahre 1923 um mehr als 25.000 Personen gesunken. In dem letzten Jahre ist ein weiterer Rückgang eingetreten, der allerdings ziffernmäßig noch nicht feststeht. Der ununterbrochene Verlust an Menschen ist eine Erscheinung, mit der sich die Leitung der Wiener Kultusgemeinde sehr stark zu beschäftigen hat. Zeigen sich doch in diesem Rückgang die schweren Wirkungen der Zeitläufte, die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Schläge, die das Wiener Judentum betroffen haben und sich noch für sehr lange Zeit fortsetzen werden. Es ist einerseits die Abwanderung in andere Konfessionen, insbesondere in die römisch-katholische, die die Flucht in die Konfessionslosigkeit abgelöst hat. Alle Schichtungen in der Entwicklung Österreichs seit dem Kriege haben das ihre dazu beigetragen, dem Judentum in seiner Zahl, in seiner Kraft, in seiner Arbeitskapazität schwere Wunden zu schlagen. Auch in seiner inneren Struktur sind tiefgreifende Änderungen eingetreten, die vorläufig noch nicht abgeschlossen sind, aber keine Tendenz zur Besserung auf weisen; im Gegenteil führt die Kurve scharf nach abwärts. Die Zahl der Geburten geht ununterbrochen zurück, die Zahl der Sterbefälle steigt an. Das ist die Hauptsache des Rückganges der jüdischen Bevölkerung. Es gibt Tage, an denen 15 und mehr Begräbnisse stattfinden, von denen insgesamt über GO Prozent Gratisbestattungen sind. Es gibt Wochen, in denen keine zehn Kinder geboren werden. Wir wollen hoffen, daß es sich nicht um Versiegen der Lebenskraft oder des Lebenswillens handelt, daß hier vielmehr der Druck der wirtschaftlichen Not sich übermäßig geltend macht. Sicher ist diese Erscheinung nicht auf die Juden beschränkt; aber während bei Katholiken und Protestanten eine innere Wanderung sich vollzieht, also keine Minderung des deutschen Elements eintritt, ergibt sich bei den Juden ein nicht zu ergänzender Substanzverlust, verschärft durch eine immer stärker sich geltend machende Vergreisung. Und diese wieder wird verschlimmert durch eine über alle Maßen anwachsende Verarmung. Von den 176.000 Juden Wiens sind über 55.000 Personen in dem Fürsorgekataster der Gemeinde verzeichnet, die in der Mehrzahl ständig, in der Minderzahl zeitweise die Unterstützung der Gemeinde in Anspruch nehmen müssen; und von diesen mehr als 55.000 Personen ist die Mehrzahl Familienerhalter, so daß man die Anzahl der Bedürftigen, die noch durch Aussteuerung der Arbeitslosen vermehrt wird, auf etwa 80.000 schätzen darf. Die Hälfte der Juden Wiens darbt! Und dieser dunkle Schatten breitet sich immer weiter aus. Er wächst infolge der Bestrebungen der antijüdischen Agitation, die Juden aus den freien Borufun, aus dem Wirtschaftsleben, aus dem Erwerbsleben überhaupt hinauszudrängen. Die leitenden Stellen des Staates tun nichts, um diesem Übel entgegenzuwirken, das durch eine von dem Ausland her organisierte und bezahlte Propaganda in Wort, Schrift und Tat immer breiter wird. Sie wollen es nicht wahrhaben, daß sich hinter dem antisemitischen Vorhang die Offensive gegen den Staat, ja, sogar gegen die hier führende katholische Kirche vorbereitet, und so fordert die politische und soziale Hetze immer weitere Opfer an jüdischen Menschen, reißt immer tiefere Lücken in <jem Budget der jüdischen Gemeinde und wirft immer mehr Arbeitsfreudige in Elend und Verzweiflung, in den letzten Entschluß zum Selbstmord, oder zum Abfall. Wer sich vom Judentum loslöst,. sei es durch Taufe oder die Erklärung Konfessionslosigkeit, der ist ihm verloren, und in den meisten Fällen ist dieser Schritt, wie nun einmal die Zeit ist, sogar vergebens getan. Die Krise in der deutschen Bevölkerung, die Arbeitslosigkeit im Verein mit Judenhaß, sorgt schon dafür, daß der Abfall sich selbst bestraft. Er hat überdies auch noch andere Gründe. Die neuen Gedanken über Erziehung, religiösen und religiös-nationalen Zusammenhang, wie sie im Gefolge des Sozialismus aufgetreten und von ihm' gefördert worden sind, haben im Judentum, das ja leider Gottes ein großstädtisches Element ist, wie Ekrasit gewirkt. Fast widerstandslos, mit aller Heftigkeit des Temperaments, hatte sich ein Teil der jüdischen Jugend diesen Ideen ergeben. Sie hat einen seelischen Abfall vom Judentum vollzogen, der sich auch als Abfall vom jüdischen Haus gezeigt hat. Die jüdischen Eltern standen ratlos und wehrlos vor dieser Wendung, wenn sie sie nicht sogar selbst mitmachten und sich der Sozialdemokratie verschrieben. Jener Teil des orthodoxen Judentums, der die natürliche Pflicht zur Aktion gehabt hätte und sich jetzt so aufplustert, um sich in Szene zu setzen, ist untätig geblieben. Die Ge- VII., KAISERSTRASSE 123 ★ IX., ALSERSTBASSTR ineinde, zu jener Zeit, die noch gar nicht so weit zurückliegt, in den Händen der bürgerlich-jüdischen Assimilationspartei, ging aus Angst vor dem Vorwurf der „unmodernen Rückständigkeit“ an dem Getue achtlos vorbei. Die Jüdischnationalen standen allein, angefeindet von der bürgerlich-jüdischen und der sozialdemokratischen Öffentlichkeit, in dem Kampf, unverstanden auch von der christlichsozialen Partei, die nicht einmal aufsah, als die Zionisten den Wahlkampf gegen Assimilation und Sozialdemokratie siegreich durchführten. Es war dies der erste Fall dieser Art und er kündigte die nationale Gesundung, das wiederkehrende jüdische Empfinden an. Aber draußen erkannte man diese Wendung nicht. .Es sind alte Sünden, die sich jetzt rächen, vermehrt in ihrer Wirkung durch die politische und soziale Not. Das Judentum geht zurück, verarmt, vergreist. Der jüdischen Öffentlichkeit ist dies kein Geheimnis, und man sollte meinen, daß diese Erkenntnis genügen müßte, um alles dazu zu bringen, sich geschlossen hinter die jüdische Gemeinde zu stellen, deren Leitung sich wahrlich alles Recht auf Dank und Vertrauen erworben hat. Aber das Gegenteil tritt ein. Gerade jetzt ist die aus der Gemeinde verschwundene Gruppe der Orthodoxen, die man mit freiem Auge nicht sieht, mit dem Antrag an die Regierung herangetreten, ihr den organisierten Austritt aus der offiziellen Gemeinde und die Konstituierung als eigene Gemeinde zuzugestehen. Der Antrag bedeutet die Sprengung des Wiener Judentums überhaupt. An die Stelle einer nach außen einheitlich auftretenden und wirkenden Führung würden zwei, wahrscheinlich noch mehr „Gemeinden“ treten, und man kann sich ausrechnen, wie es dann bei der gan*«n Situation um die Macht des Auftretens, um. die Stärke des Widerstandswillens, um den Unterricht, den Gottesdienst und die soziale Lettische Regierung über antijüdische Exzesse Kaunas, 4. April. (%. T. A.) Das Innenministerium schildert in einem Kommunique die vor kurzem in Taurogg e n geschehenen antisemitischen Ausschreitungen und verurteilt schärfsteus die Propaganda, die zu diesen Ausschreitungen geführt hat. In dem Kommunique heißt es u. a.: „Dunkle Elemente haben das Gerücht verbreitet, ein jüdischer Einwohner habe e i n christliches Kind zu rituellen Zwecken ermordet. Dieses Gerücht wurde von ausländischen nichtlitauischen Elementen (die deutsche Propaganda) unter Ausnutzung des Umstandes ausgesprengt, daß an dem gleichen Tag die Leiche eines Neugeborenen im Krankenhaus seziert wurde. Abends kam es zu einer Ansammlung vor dem Krankenhaus, wobei Provokateure versuchten, die Menge zu veranlassen, gewaltsam in das Krankenhaus einzudring.tn. Als die Menge von der Polizei auseii.andergetrieben wurde, sammelten sich die Demonstranten später wieder vor dem Wohnhaus des Einwohners, der von den Hetzern a 1 s der angebliche Mörder des Kindes bezeichnet worden war. Im Hause dieses jüdischen Einwohners wurden die Fensterscheiben zertrümmert und in einigen Straßen wurden Juden mißhandelt. Die Polizei hat weitere Unruhen verhindert und die Hetzer festgenommen. 30 Personen wurden dem Kommandanten zur Bestrafung im administrativen Weg übergeben. Es besteht kein Zweifel, daß die Hetze zu provokatorischen Zwecken inszeniert wurde. Die litauische Öffentlichkeit verurteilt rine solche Tätigkeit aufs schärfste.