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Die Stimme · 1935-03-29 · Heft 438 (29.3.1935) · page 6

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Journal
Die Stimme
Volume
8 (1934-1935)
Issue
Heft 438 (29.3.1935)
Date
1935-03-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 0 DfC STIMMI Kr. 438 — 29. MSri! Citeralur « Tßeaiei * Kunsi $u*otet*sUit*Qeiee it* tötet* Dem Gedenken des vor fünfzig Jahren an Meran verstorbenen großen hebräischen Dichters Perez Smolenskin war eine vom Zionistischen Landesverband für Österreich gemeinsam mit der Histadruth Ivrith und der Kadimah veranstaltete Gedenkfeier, die Samstag abends im Hotel Continental stattfand, gewidmet. Die Feier war schlicht, aber würdig. Perez Smolenskin. der Neuschöpfer der hebräischen Sprache und der Vorläufer Theodor Herzls, war an diesem Abend lebendiger als je. Nach Begrüßung« Worten durch den Präsidenten des Zionistischen Landesverbände« Dr. Oskar Grünbaum, der auf die Bedeutung Smolenskins für die zionistische Bewegung in Wien hin wies, befaßte sich der Vorsitzende der Histadruth Ivrith, Dr. R o t h b l u m, in seiner in hebräischer Sprache gehaltenen Gedenkrede mit der Unvergänglichkeit des Namens Smolenskin und der Gloriole, mit der ihn die jüdische Nachwelt umgibt. Smolenskin war ein Mitschöpfer der neuhebräischen Sprache und hat den größten Einfluß auf ihre Wiederbelebung geübt. Als Romanschriftsteller war er vorbildlich. In seinen Werkelebt alles. Die Helden seiner Erzählungen handeln und benehmen sich lebendig, aktiv und leidenschaftlich. Nirgends sind bei ihm Schattengeschöpfe zu finden, die ihre Existenz nur in der dichterischen Phantasie führen. Smolenskins erzieherischer Einfluß auf die Juden Osteuropas seiner Zeit ist heute kaum vorstellbar. Die „H a s k a 1 a“ hatte eine viel größere Wirkung auf das bildungsbeflissene Judentum als der „Haschiloa“. Die von Smolenskin herausgegebene Zeitung „Haschachar“ wirkte nicht nur neugestaltend, sondern auch revolutionär. Er revolutionierte die Söhne gegen die Väter. Smolenskin war aber auch einer der ersten, die sieh gedanklich mit dem Wesen des Judentums befaßt haben. Da er nicht religiös war, die Ideen Mendelssohns bekämpfte, den Chassidismus befehdete, das Übernommene kritisierte, mußte er einen neuen Unterbau seiner neuen Gedankenwelt schaffen. Er proklamierte den historischen „nationalen Geist“, der später von Aohad Haam weitergesponnen wurde. Trotzdem wäre Smolenskin nicht das Symbol der jüdischen Renaissance geworden, hätte er nicht das Endziel des Volkes vorausgesehen und vorausgesagt. Nicht da« Pathos und nicht der Mut, wie es ein bedeutender hebräischer Schriftsteller meint, haben ihm die Unsterblichkeit gesichert, sondern die prophetische Intuition, die ihn eine Bewegung vorausahnen ließ, welche ein Dutzend Jahre nach seinem Tode mit einer ungeahnten, elementaren Wucht in Israel eingesetzt hat. Daß er seine Tätigkeit gerade in Wien entwickelt hat, war und ist von einer geschichtlichen Symptomatik. „Heute“, schloß Dr. Rothblum, „fünfzig Jahre nach seinem Tode, gedenken wir in Ehrfurcht und Dankbarkeit dieses Mannes, der ein Zionsträumer war. In den späteren Generationen wird man den Namen Perez Smolenskin unter den besten und großartigsten nennen.“ Dr. Z. F. F i n k e 1 s t e i n, der über Smolenskin als Vorläufer Theodor Herzls sprach, zeichnete in einem farbenvoPen und lebendigen Gemälde den ganzen zeitgeschichtlichen Hintergrund des Schaffens und Lebens Perez Smolenskins. Als Irrender kam Smolenskin in die jüdische Gasse. Er nahm den Kampf gegen „Haskala“, gegen die Philanthropie, gegen den Niedergang des Judentums auf. Smolenskin erlebte an seinem eigenen Leib den ganzen Entwicklungsprozeß «einer damaligen Generation, er präsentiert den jüdischen Werdegang dieser ganzen Generation. Einerseits mußte er sich gegen das eigene Milieu wenden, aber auch gegen das, was von der Außenwelt eindrang. Bei Perez Smolenskin erfüllte sich die ganze Tragik der jungen jüdischen Generation im Osten. Finkeistein zeichnet Smolenskin, wie er im „Haschachar“ den Kampf gegen den Rabbinismus, der seinerzeit Mittler zur Tradition sein wollte, und gegen den Chassidismus, der, einst vom Pathos der jüdischen Religion erfüllt, in die Geistlosigkeit gesunken war, führt. Das Judentum war führerlos, in einer geistigen Stagnation. Smolenskin hat es aus dieser Lethargie erweckt. Dies geschah in Wien. Der damals sich breitmachenden Reformbewegung, deren Pfeiler in der Wissenschaft ’ >s deutschen Judentums lagen, setzte Smolenskin die Entwicklung des Judentums entgegen. Der Volljude Smolenskin zeigte den Weg der Überwindung der „Haskala“, der Aufklärung. Smolenskin träumte von Chaluziuth und jüdischer Staatlichkeit. In Wien lebte er in geistiger Isoliertheit. Aber in Rußland, wo man auf «eine Worte wartete, widerhallten sie. 1885 starb Smolenskin — um dieselbe Zeit, als der zwanzigjährige Herzl ■ us der Burschenschaft „Albia“ austrat, Birnbaum und Pinsker mit ihren Werken „Autoemanzipation“ auf die Bildfläche traten. Zehn Jahre nach seinem Tode erschien der „Judenstaat“. Waren das Zufälle, all diese Parallelen? War es ein Zufall, daß dies gerade in Wien war, in der Stadt, die auch der Ausgangsort der Idee der nationalen Minderheitenbewegung war. Smolenskin hat die Epoche Herzl geistig vorbereitet, daher kann man ihn wohl ruhig als den Vorläufer Herzls bezeichnen. Es wäre sonst unmöglich, daß Herzls Idee auf «o fruchtbaren Boden gefallen wäre. Heß mit seinem „Rom und Jerusalem“ und auch Pinsker mit seiner „Autoemanzipation“ erschienen unzeitgemäß, trotzdem ihre Werke auch heute noch Lesenswertes haben. Bei Smolenskin und Herzl war es der richtige historische Augenblick, der ihrem Wirken die Entscheidung gab. Trotz der großen Verschiedenheit beider. Smolenskin rang schwer um jüdische Werte. Herzl kam von der anderen Seite der jüdischen Front. Aber beide ergänzten einander. Dr. Finkeistein schloß: „Wir sind noch immer Träger dieser Welle, an deren entscheidendem Anfang Smolenskin und Herzl stehen. Da« Werk Smolenskins ist nicht Makulaturpapier. wie das seiner Zeitgenossen. Er war der Schrittmacher des Zionismus, ein schöpferischer Goißt, der den Sieg des jüdischen Gedankens, in schwerem Ringen ankündigte.“ Zum Schluß sprach der Mitarbeiter Herzls, der Gründer und Altpräsident der „Kadimah“, Medizinalrat Dr. M. T. S c h n irer, über persönliche Erinnerungen an Smolenskin, die bisher Unbekanntes über Smolenskins Anteil an der Gründung dieser ersten zionistischen Verbindung „Kadimah“ vermittelten. 68 LSnder der Welt Importieren Shemen Oliven-Ob! und Toilette- und Ifoushaltseifen weil die Qualität die beste Ist und die Preise billig sind Shemen Salat-Oel geschmack- und geruchlos, in allen Geschäften erhältlich Generalvertre? ung Mir Öslei reich: S. RABINOWITSCH Wien, II., Zirkusgasse 10 :: Tel. R 48-7-38 Die Kultusgemeinde war bei der Smolenskin-Gedenkfeier offiziell durch Kultusvorsteher Dr. Dagobert Rybaczewski vertreten, der zum Schluß auch einige Worte sprach. Den künstlerischen Rahmen bildeten die Violinvorträge des Violinvirtuosen Kurt F u c h s ge 1 b. Der junge Künstler brachte „Eli Zion“ von Zeitlin-Achron, ,,s’ Wolochl“ von Lwow und „Nigun“ von Emst Bloch mit starker Einfühlung in da« Wesen jüdischer Musik zu Gehör. Fuchsgelbs Geigenspiel verrät eine seltene Reife und Ausgeglichenheit, die nie bloß im technisch Handgrifflichen steckenbleibt. Sein Spiel ist beseelt, voll Weichheit und Innigkeit. Der Beifall war verdient. Im jungen Klaviervirtuosen Robert W. Spitz hatte Fuchsgelb einen verständnisvollen Begleiter. j. r. In den „Jüdischen Künstlerspielen“ (II., Pra^ terstraße 34) bleibt wegen überaus großen Erfolges die Revue „Ohne Zertifikat nach Palästina“ von A. Meiseis, Musik von Henoch Kon, mit Frau Sevilla Pastor in der Hauptrolle auf dem Spielplan. Montag und Dienstag Sondervorstellungen, Donnerstag Abschiedsabend Herrn A. Meiseis vor seiner Abreise nach Palästina. Jüdische Bühne, II., Praterstraße 60, Tel. R-43-4-59. Ab Freitag, den 29. d., Uhr abends: „Smyres mit Lokscben“, Bilderrevue. In den Hauptrollen der beliebte Komiker Sittiche Natan sowie Noemi Levental und Ida Natan. Sonntag, den 81. d., Uhr nachmittags: „Smyres mit Lokschen.“ Konzert Winkler-Fialko. Konzertsängerin Maria Winkler-Fialko veranstaltet, von Prof. Otto Schulhof begleitet, am 2. April 1935 im Kleinen Konzert,haussaal einen Arien- und Liederabend. Das Konzert, das großem Intery,&lthe Zertifikat MteU PoiasüMt" Revue in 18 Bildern von A. Meiseis — Musik: Henoch Kon — Jüdische Künstlerspiele Im Halbdunkel einer Lehr- und Betstube flü3tem und erzählen einander drei Talmudgelehrte von dem wunderbaren Erscheinen des modernen Ma«chiach der Juden, von den rauschenden Ovationen, die das ostjüdische Jerusalem, Wilna, dem Befreier des jüdischem Volkes, Theodor Herzl, bereitet, und voller Bewunderung und Ergriffenheit stimmen auch sie in den Ruf „Jeohi Hameleoh“ — Es lebe der König — ein. Noch ist die drückende Düsterni« der umliegenden Ghettomauern über dem Gottesraum gelagert, aber wie ein lichter Gruß von Freiheit und Sonne, wie ein Strahl der Verheißung, senkt e« sich in ihre müden Seelen, wenn sie bei mattem KerzenschLmmer voll Ergriffenheit die — Aktie der ernten jüdischen Kolonialbank in ihren zitternden Händen betrachten. Tanzende Figuren künden in beschwingten Rhythmen da« Nahen der Morgenröte an, der Morgenröte der nationalen Befreiung des jüdischen Volkes. Das ist eine« der ersten Bilder der nationalen Revue „Ohne Zertifikat nach Palästina“ von A. M e i s e 1«, die zu einer Apotheose auf den Zionismus und dessen gchönete Schöpfung, den Jüdischen Nationalfonds, auf die hebräische und jiddische Sprache wird. Von dom Patho« der Proklamation in der „Stadt Schweiz“ bi« zur jüdischen Stadt Tel-Aviv, die, in einem wunderschönen Bühnenbild festgehalten, den Abschluß der Revue bildet, zieht sich der Weg. Ein neuer Begriff, früher nie gekannt: Zertifikat erfüllt die Gemüter der Juden aller Welt. Zertifikat heißt die große Sehnsucht von Jung und Alt, vor allem aber der stürmenden Jugend. Der Weg führt über alle möglichen Hürden und Hemmnisse. Auf alle Fälle aber auch über da« Wiener Palästinaarat, das edn^ wichtige Station auf dem Marsche nach Jerusalem bildet. Die Frage: Wie gelangt man ohne Zertifikat nach Palästina?, mit all ihren heiteren und aber auch tragischen Nebenerscheinungen, wirft der Autor auf. Er löst sie in 18 bunten, witzigen, heiteren und tragischen Bildstreifen. Seine Beobachtungen wurzeln im Leben, daher auch die große Wirkung dieser Revue, deren Elemente Scherz, Ernst, Ironie und tiefere Bedeutung bilden. Meise!« hat mit viel Geschick all das mit dem Parteigetriebe zusammenhängende Geschehen pointen- und einfallsreich zu einem Spiegibild der Wirklichkeit gestaltet. Besonders hervorhebenswert erscheint da« Maß an Takt, das der Autor an den Tag legte. Allee beißend Satirische, alles auf den Kopf des zionistischen Parteilebe ns glänzend Zutreffende läßt Meiseis durch den naiven Mund — von Kindern sagen. Ein ganz prächtiger Einfall. Gespielt wird einfach blendend. Das Ensemble, dessen Elemente doch sonst keinesfalls homogene sind, findet sich, nicht zuletzt von der Idee der Revue mitgerissen, zu einheitlichem und wirksamstem Spiel zusammen. Auch diesmal ragt jedoch, trotzdem ihr keine ausgesprochenen Entfaltungsmöglichkeiten gegeben sind, als leuchtender Stern Sevilla Pastor hervor. Schauspielerin, Tänzerin und Sängerin, spielt und tanzt und singt Sevilla Pastor gleich vollendet, reißt sie mit dem unwiderstehlichen Scharm ihrer Persönlichkeit ein von ihrer Kunst fasziniertes Publikum mit. Sevilla Pastor spielt die Chaluzab, die sich auf den mühsamen Weg begibt, ohne Zertifikat nach Palästina zu gelangen, voll subtilster Komik, der aber auch der tragische Zug nicht fehlt. Die gefeierte Soubrette — als Chaluzah? Wie die Pastor dieses prächtige Mädel auf die Bühne stellt, das weiß was es will, so sehr es weiß, daß es sich schnurrstracks sogar in einen Chaluz verwandelt, dem Namen Chaje das „im“ zufügt, um so zum ersehnten Zertifikat zu kommen — das macht sie mit solch schauspielerischer Kraft, mit so viel Liebreiz, wie es eben nur eine ganz große Künstlerin zuwege bringt. Und weil wir gerade von der Pastor reden, so sollen dieser Künstlerin, die man mit Fug und Recht zu den besten und edelsten Repräsentantinnen jüdischer Theaterkunst zählen darf, noch ein paar Worte gewidmet werden. Das jüdische Theater in Wien, in den letzten Jahren ein Scheindasein führend, aus dem es nur durch Injektionen eines Baratoff oder Stein vorübergehnd zum Leben erweckt wurde, hat diesen Winter seine Feuerprobe bestanden. Der Winter 1934/35 hat dem jüdischen Theater jene Existenzmögliohkeit — Sicherheit kann man wohl noch nicht sagen — gebracht, um die es vergeblich Jahre, nein fast Jahrzehnte gekämpft hat. Was geschehen war? Wer das zuwege gebracht hat? Eine kleine entzückende, anmutige Frau, mit großen, dunklen Kinderaugen, einem zarten, blassen Gesicht, welches trotz Fröhlichkeit und Schalkhaftigkeit von einem wehmütigen, leidenden Zug um schattet ist. Eino Frau, deren natürlicher Scharm, deren seltene Anmut und köstlicher Witz einfach bestrickend sind, die jedes von ihr gesprochene Wort mit Seele und Wesen erfüllt, in jedem Chanson und Lied — von dem fröhlich-ausgelassensten bis zum traurig Jahrtausende altes Leid kündenden jiddischen Liede — alle Register jüdischer Gefühlswerte aufzieht, hat das unstreitbare Verdienst, da« jüdische Theater in Wien revolutioniert zu haben. Das jüdische Theater? Nein. Wohl aber das jüdische Theaterpublikum, das allabendlich die | „Künstlerspiele“ stürmt. Sevilla Pastor — ist der leuchtende Name dieser europäischen Maly P i c o n, wie ich sie schon einmal nannte und sie mit immer mehr Berechtigung auch heute nennen möchte.. Die« ist ein um so größeres Verdienst, als die Pastor mit ganz wenigen Ausnahmen zum größten Teil in jüdr ' an Operetten amerikanischer Provenienz aufgetreten ist und lediglich durch ihr hinreißendes Spiel jene Massen anzog. Dem Kritiker sagten diese Stücke nur selten zu. Aber die Pastor war besser und mächtiger als das Stück Sie hat das Wiener jüdische Publikum — zugegeben, ein gmz anderes, als jenes, un. das die großen jüdischen Tragöden so oft geworben — revolutioniert und gewonnen, und damit das jiddische Wort, das jiddis^^ Lied in Seelen und Gemüter von Menschen getragen, in denen es längst verklungen oder gar auch nie erklungen war. Dafür habet Dank. Frau Sevilla! Um die Pastor herum bemühten sich alle Mitglieder des Ensembles mit großem Eifer. Erna Siegler, schön wie iramei, fiel diesmal durch ihren kultivierten Gesang auf. Sehr gut die Damen M o i s e 1 s, S i e g- 1 er und Kussowsky. Ausgezeichnete Typen brachten Dolly N a c h b a r, Benzion Sigall, M. Pastor und K u ss o w k s y auf die Bühne. Sie alle statteten ihre Figuren mit unwiderstehlicher Komik aus. Ein Wort noch zum Schluß über Henoch Kons Musik, die leider zu spärlich wai. Das Wenige jedoch, das der begabte Komponist der Revue schenkte, war voll Melodik. un d Klangschön beit. Ein vollbesetztes Haus spendete den Künstlern stürmischen Beifall. Es war ein großer, verdienter Erfolg. Jakob Rosentbal. 010505060409070311060706050504051106050509070407031004040905010201010602010000010201270502000200010002010001020200020101000202235348000200000002000001010202015348020001000201002302020048485301000200020048534853020053482302010202000100020201000001020000020200

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