Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 436 (22.3.1935)
- Date
- 1935-03-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 436 22, März 1935 OIE STIMME Seite 9 Professor Brodetzky: Die Probleme des kommenden Kongresses ln einer außerordentlichen Sitzung1 der Vor ei reiften Schekelkommission hielt Professor Selig Brodetzky anläßlich seiner bevorstehenden Abreise zur Tagung des Aktionskomitees ein umfassendes Expose über aktuelle zionistische Fragen, in dem er die Bedeutung einer Regelung des Dieziplinprobl-eims durch den nächsten Zionistenkongreß besonders hervorhob. Er führte u. a. aus: kein anderes läßt sich damit vergleichen. Von 27.000 deutschen Juden, die nach Übersee gegangen sind, haben 22.000 sich in Paliis ti na ni ed e rgelnfi-son. Ein sehr wichtiges Problem ist dasjenige, wie Gewähr dafür geschaffen werden kann, daß die durch jüdische Aufbauarbeit geschaffene Aufnahmefähigkeit Palästinas Juden zugute kommt. Es ißt für uns ein sehr ernste® Problem, daß eine durch jüdische Arbeit und jtidificbe Zu vernicht geschaffene Aufnahmefähigkeit, die Juden zugute kommen sollte, von anderen ausgenutzt wird. Schließlich und endlich sind wir in Palästina, um ein jüdisches Land aufzubauen.“ Ohne Rücksicht aber auf Recht oder Unrecht sei alles, was die Bodenpreiße für jüdische Siedler in Palästina in die Höhe treibt, ein Verbrochen. Wenn ein jüdischer Siedler, der mit geringen Geldmitteln nach Palästina kommt, da® Land für flieh verschlossen findet, weil seine jüdischen Brüder damit spekuliert haben, dann seien diese dee Hochverrates schuldig. .,Politik, Wirtschaft, Organisation — da® sind die drei Probleme, die dein Zioiviste.iikongreß und dar zionistischen Bewegung gestellt sind. Es ist falsch, den ganzen Nachdruck auf die Politik oder auf die Wirtschaft zu logen und die Organisation außer acht zu lassen. Für mich ist Organisation das wichtigste der Probleme. Denn der Erfolg de® jüdischen Volkes ist letzten Endes abhängig von dem organisierten jüdischen Volk. Jodermann“, fuhr Prof. Brodetzky fort, „muß sich über das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung in Palästina freuen. Eine JllllS Bevölkerung wie die heutige in Palästina ist etwas Großes, aber etwas sehr Kleines gemessen am Ziel des Zionismus. Wir sind aus dein Stadium der Vorbereitung in das der Ausbreitung gelangt. Aber noch immer ist das erst der Anfang der wirklich großen Arbeit. Einwanderung ist ein sehr wichtiges Problem. Man muß unter großen Gesichtspunkten daran herangchen. Palästina ist das wichtigste Problem der Judenheitgeworden. Warum verlangen Alle Schmidl-Mazzoth weil Di« Mazzolh werden aus feinstem Mehl erzeugtl Seit vielen Jahren genießen die »Schmidl-Mazzoth« das beste Renommee und werden von allen bevorzugtl Auf die Extraqualität meiner Fabrikate „Marke Schmidl N. 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In Palästina aber muß noch anderes Jhinzukammen. In Palästina muß es einen politischen Status der Juden geben, der nietete zu dem Status einer Minderheit herabgeclrückt werden darf, die ihre Rechte aus den Händen einer Mehrheit empfängt, und der niemals zu dem Status einzelner Juden, die in ein Land einwandern, verkleinert worden 'darf. RESTAURANT HOTEL STEFANIE (vorm. Operer) II., Taboretraße 12 Telephon R 46-5-67 «■■»»■> Ausgiebige Braten-Menüs S 1*60 «uiai IwJ „ Geflügel- „ S 2.20 'VW Vorzügliche Zubereitung -Schwechater Biere- Natur weine Großer Saal mit Bühne Tür Veranstaltungen und Hochzeiten abzugeben Keine Bravourstücke! Professor Brodetzky fuhr fort: „Bravourstücke in Bezug auf die englische Regierung, auf Genf, auf die Araber, werden das Jüdische NatikmaLheim nicht aufbauen. Die Wirkung von Bravourstücken in Genf haben wir daran gesehen, was mit der Petition palästinensischer Bürger, die die Errichtung eines Juden®taatee forderten, geschehen ist. Und Bravourstücke dm Bezug auf die Araber werden der Sache auch nicht helfen. Es handelt sich hier um ein schwieriges und heikles Problem. Aber die Araberfrage wandelt sich, wie Palästina eich wandelt. Die Entwicklung Palästinas hat Hunderttausende von Arabern innerhalb und außerhalb Palästinas gewaltig beeindruckt, so daß die Araber außerhalb Palästinas mit Neid auf Palästina sehen. Diese Tatsache kann nicht ohne politische Wirkungen bleiben. DeT Fortschritt in Palästina muß das Gleichgewicht zwischen Juden und Arabern herbeiführen.“ Politische Disziplin. Der schwerste Fehler sei der vollständige Mangel des Sinnes für Disziplin. Nach Genf zu gehen mit dem Erfolg, daß der Völkerfoundsrat eine Resolution gegen die Schaffung eines Judenstaates faßt, bedeute nicht, ■dem jüdischen Volk einen Dienst leisten. Die Erklärung, daß die Forderung nach einem Jndenstaat abgelehnt werde, sei ein Unglück gewesen, ein Unglück, das uns durch uns selbst gebracht worden sei. Werde der XIX. Kongreß diese Frage nicht einfür allemal lösen, dann werde er umsonst zusammengetreten sein. Aufgaben der Führung sind die politische Vertretung nach außen, die tagtägliche Behandlung der jeweiligen Probleme der Bewegung und die Führung des Volkes zu seinem Ziel. Die Frage, ob es eine Koalitionsexekutive geben werde oder nicht, sei nicht so wichtig. Er sei der Ansicht, daß es wieder Unruhe geben würde, falls die Exekutive nicht den größten Teil aller Parteien umfassen soll. Zionismus dürfe nicht die Losung einer einzelnen Partei sein. Dieses Problem werde nicht wirksam behandelt werden können, wenn man es nicht mit dem weiten Ausblick auf die Aufgaben des Zionismus verbindet, wenn man es nicht weiter verbindet mit dem Problem der jüdischen Seele und nicht nur mit dem Problem physischer Existenz: „Die jüdische Jugend will wissen, wo sie angesichts der Fragen der Welt zu stehen hat. Wenn wir ihr nicht Sinn und Bedeutung teer Stellung im Leben geben, »dann wird die jüdische Jugend nicht auf uns hören. Unsere Aufgabe ist es nicht nur, Palästina aufzubauen, nicht nur die jüdische Einwanderung zu fördern, sondern auch »das jüdische geistige Leben neu zu gestalten.“ 200.000 Menschen nehmen am Purim-Karneval in TePAviv teil Wie uns aus Tel-Aviv gedrahtet wird, haben am diesjährigen Purim-Festzug in Tel» Aviv über 200.000 Menschen teilgenommen* Aus allen Teilen des Landes strömten die Festteilnehmer zusammen. Die Straßen von Tel-Aviv boten ein farbenprächtiges Bild wogender Menschenmassen. „Hanigun“ — Purimfest-Gottesdienst. Sonn* tag, den 24. März, %S Uhr abends, findet im Großen Leopoldistädter Tempel (II., Leopolds» gasee 29) ein Purimfestgotteediemst unter Mit® Wirkung des Männerchores „Hanigun“ (22 jüdische Sänger) statt. Dirigent: Hermann S c b o r r. Ferner wirken mit: Oberkantor Emanuel F r ä n k e 1 sowie Oberkantor Leo Funke und der verstärkte Chor unter Leitung des Dirigenten Josef Mi lieft. Karten* Vorverkauf in der Tempelkanzlei, II., Leopoldsgasse 29, und in der Bücherstube M. Rath, IL* Taborstraße 20 a, sowie im Cafö Carltheaterj H., Pratenstaße 29. Hotel Erzherzog Rainer WIEN IV., Wiedner Hauptstraße Nr. 27/29 DAS MODERNE WIENER FAMILIENHOTEL Dee Z50. (je&üclstag- Sebastian ÜatUs Am 21. März jährto sich um 250mal der Geburtstag des großen Oratoriumkomponisten Johann Sebastian Bach. Der Geburtstag des Schöpfers der „Matthäus - Passion“ wird in der gesamten musikalischen Welt feierlich bedangen. 'Selbstverständlich wird Bach in diesen Tagen auch im Dritten Reich gefeiert, ohne freilich daß hier auch nur im entferntesten darauf verwiesen würde, wer eigentlich Bach und seine Passion in Deutschland berühmt und populär gemacht hat. Aus leicht begreiflichen Gründen: Es ist niemand anderer gewesen als der Jude Felix Mondelssohn-Bartholdy, der, obwohl schon getauft, die „Matthäus-Passion“ den Deutschen als erster vermittelte und den Weg zur Popularisierung dies großen christlichen Werkes geebnet. Es wird daher von Interesse sein, in diesem Zusammenhang auch die näheren Umstände und vor allem die Schwierigkeiten kenenzulermen, die damals dem jungen Mendolssohn-Bartholdy trotz Taufe bei der Durchführung seines Planes, die „Matthäus- Passion“ zum erstenmal in Deutschland m£- zufUhren, in den Weg gelegt wurden. Briefstollon Mendelssohn aus jenen Taigen, die das ausgezeichnete Buch „Juden und Juden tum in deutschen Briefen aus drei Jahrhunderten“ von Dr. Franz Kobler vermittelt, zeigen dies in sehr markanter, deutlicher Weise, ln einem Zeitpunkt, da dor Name Jude in jenem Lande verpönt und diffamiert und mögen es die Herren im Dritten Reich j gründe der Zeiten als Möglichkeit geträumt noch so totschweigen — daß es der Jude' haben, ist jetzt wahr und wirklich, die Mendelssohn-Bartholdy war, der eigentlich den Deutschen die „Matthäus-Passion“ geschenkt hat. ¥ Zwanzig Jahre war Felix Mendelssohn alt, als er nach schweren Kämpfen (auch Zelters Widerstand mußte überwunden werden) und sorgfältigster Vorbereitung, Bachs „Matthäus-Passion“, hundert Jahre nach dem Tage, an dem sie unter ihres Schöpfers Leitung zum erstenmal in Leipzig erklungen war, am 11. März 1829 in Berlin zur Aufführung brachte. Keines seiner Werke hat seinen Namen mit dor Geschichte der Musik unauslöschlicher verknüpft als diese Tat. Er selbst empfang die Größe seiner Leistung, und diesmal auch ihre durch seine Abkunft gegebene Denkwürdigkeit. Er, „der sonst nie im Gespräche seine Abstammung zu berühren pflegte, rief (während der Vorbereitungen) lustig aus, wie sonderbar es gefügt sei, daß ein Komödiant (Eduard Devrient, der große Verdienste um die Aufführung hatte) und ein Juden junge den Leuten die bedeutendste christliche Musik wiederbringen müßten (Bruno Schräder)“. Über die Aufführung berichtet ein liier auszugsweise zitierter Brief von Mendelssohns Schwester Fanny an einen Jugendfreund: Berlin, 22. März 1829. .... Felix schicken wir Ihnen nun bald, er hat sich ein schönes Gedächtnis hier ge stiftet durch zweimalige überfüllte Aufführung der (Matthäus)-Passion zum Besten wir. um Passion ist ins öf f entlic he Leben getreten und, Eigentum der Gemüter geworden ...» .... Die Leute staunten, gafften, bewunderten, und als nach einigen Wochen die Proben auf der Akademie selbst begannen, da zogen sie erst die längsten Gesichter vor Staunen, daß solch ein Werk existierte, wovon sie, die Berliner Akademisten, nichts wußten . .. . Nun verbreitete sich durch die Akademie selbst ein so günstiges Urteil über die Musik, das Interesse ward in jeder Beziehung und durch alle Stände hindurch so lebhaft angeregt, daß den Tag nach der ersten Ankündigung des Konzertes alle Bülets vergriffen waren und in den letzten Tagen über tausend Menschen zurückgehen mußten. Mittwoch, den 10. März, war die erste Aufführung, die man, unbedeutende Versehen der Solosänger abgerechnet, durchaus gelungen nennen konnte .... Sonnabend, den 21. März, an Bachs Geburtstag, wurde die Aufführung wiederholt. Dasselbe Gedränge, heißt es am Ende dieses Briefes, noch größere Fülle, denn der Vorsaal sogar war eingerichtet und alle Plätze verkauft, ebenso der kleine Probesaal hinter dem Orchester .... modernen Meisterwerken. Karten durch die Jüdische Kunststelle und bei den Kassen de? Konzertdirektion Georg Kugel. „Ohne Zertifikat nach Palästinau Die große Cbaluz-Revue, die zurzeit in deni Jüdischen Künstlerspielen (2. Bez^ Praterstraße 34) in Szene geht, hatte bei ihren Erstaufführung einen außerordentlichen Erfolg* Der Textautor A. Meiseis hat, unterstützt vom Komponisten Henoch Kon, ein ausgespro* chen nationaljüdisches Bühnenwerk geschaffen* Die Revue, die in einer bunten Bilderfolgei eine ausgezeichnete Propaganda für dem „Ke* rem Kajemeth“ darstellt, findet außerordeniw liehen Anklang. Jüdische Künstlerspiele. Infolge des großen Erfolges wurde die Aufführung „Ohne Zertifikat nach Palästina mit Sevilla Pastor in der Haupt* j rolle prolongiert. Von Freitag (Sonntag nach* mittags bei ermäßigten Preisen, lAA Uhr) 5bia j inklusive Sonntag abends „Ohne Zertifikat; nach Palästina“, Montag, den 25. d. M„ und 'Mittwoch, den 27. d. M. „Die Negerin“, Diens» tag, den 26. d. M., „Ohne Zertifkat nach Palä* stina“, Donnerstag, den 28. d. M., „Dia Schickerte“, Konzert Winklcr-Flalko. Konzertsängerin Maria Winkler-Fialko veranstaltet von Prof. Otto Schulhof begleitet, am 2. April 1985 im Kleinen Konzerthaussaal einen Arien- und Liederabend. Das Konzert, das großem Interesse begegnet, beinhaltet in seinem gewählten Programm ein« Reihe yon klassischen und. Gedenkfeier für Isaak Deutsch. Sonutag, den 24. März 1935, K9 Uhr abends, findet im Festsaal des Hotels Continental, II., Taboretraße 6, eine Gedenkfeier für den Begründer und Re- I gieseur der Freien Jüdischen Volksbühne Isaak l D e u t s o h statt. Die Gedenkrede hält Dr. Z. F. iFinkel stein. Eine Reihe jüdischer Künst- 11er bestreitet das Programm. Die restlichen | Karten gindatt de? Abendkasse, erhältlich.