Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 435 (19.3.1935)
- Date
- 1935-03-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sslte 6 DIB STIMM! Nr. 435 — 19. März 1935 dem Samowar zu Tode gebrüht hat! Ich verstehe nicht, wns Ihr für ein Rabbiner unserem Städtchen seid. Mit Schales*) kommt man nicht zu Euch, dafür ist ein Row da, lang soll er leben — sollet wenigstens Achtung geben auf die Gestorbenen! Zu was hat man Euch und Euere Taxen? ..Endlich stellt sich heraus, ich habe den schönen Row ganz umsonst heruntergemaoht; denn die Geschichte mit dem Samowar war gar nicht in Meseretsch passiert, sondern zu der Zeit, wo wir — nicht gedacht soll es heute werden — in Worotiliwka gewohnt haben. Das war mir ganz wie aus dem Kopf herausgoflogen. Kurz, was soll ich euch erzählen! — Ich habe micth gerührt und umgetan, Papiere her, Papiere hin, — mein Awrohom Jitschok, das heißt Itzig, den man Alterchen ruft, war um sein Privileg gekommen. Das ganze Privileg war fort. Ach und Weh und Gewalt! Denkt euch: ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ganz echt, wahrhaft, koscher, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg — und keine Spur von einem Privileg! Nun geh’ und schrei um Hilfe und Erbarmen — aus! Verfallen! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Geht mein Alterchen, das heißt Itzig, und zieht die höchste Losnummer 699! Die Militärkommission hat sich gewiegt vor Freude! Der Vorsitzende selbst hat ihm einen Stoß in die Rippen gegeben und hat gerufen: „Bravo, Itzig, tüchtiger Junge!“ Die ganze Stadt hat mich beneidet. Nummer sechshtmdertneunundneunzig! Was für ein Glück! Masel tow, anasel toyl Mit Masel sollt ihr leben! Genau, als wenn ich mit dem großen Los von 200.000 Rubel herausgekommen wäre! Aber unsere Jüdchen... Wie man ist gekommen zur Untersuchung, sind auf einmal alle wüste, finstere Krüppel geworden. Der hat den Fehler gehabt, jener hat plötzlich zu hinken angefangen, einem anderen war es auf die Augen gefallen, der hat das Pfeifen bekommen, bei jenem hat sich eine •Wunde aufgetan, bei einem wieder hat «ich, mit Respekt zu sagen, ein Aussatz auf dem Kopf gezeigt... Kurz, was soll ich euch erzählen —, man ist bis zu meines Sohnes Nummer gekommen, und mein Itzig, das heißt Alterchen, hat sich nebbich gemußt zur Aushebung stellen. Bei mir in der Stube hat sich ein Gewein erhoben, ein Gewein und Geschrei. Finsterkeit! Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt ihn Ohnmacht. Wie heißt? Wo Hst das gehört gewesen! Ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, und kein Stückchen Privileg! Und er, das heißt «nein Sohn, ist ganz gleichgültig, als ginge die Sache ihn gar nichts an. „Was wird sein mit Kol Jisroel, wird sein mit Reb Jisroel!“ sagt er. Nur der Magen zittert Ihm dabei Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Der Doktor betrachtet meinen Itzig, das heißt Alterchen, mißt ihn aus in der Länge und in der Breite, beklopft ihn, beguckt ihn, dreht ihn her und hin und und sagt: „Er taugt nicht, der Hund“, das heißt, er taugt schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. Er mißt keine dritthalb Werschok in der Breite... Wieder einmal eine Freude, ein Jubel: Masel tow, masel tow! Mit Masel sollt ihr leben! Die Familie ist zusammengekommen, man hat einander ^leohajim“*) zugerufen, man hat Gott gedankt, man war die Gestellung los! Aber unsere Jüdchen!... Meint ihr, hat sich nicht ein Scbeigez4) gefunden, der bei der Regierung angezeigt hat, ich hätte ,geschmiert“? Wae soll ich euch sagen noch nicht zwei Monate vorüber, kommt ein Papier, worin mein Itzig, das heißt Alterchen, gebeten wird, er soll noch einmal zur Gestellung in die Gouvernementsstadt kommen, zur „Revision“ heißt man das. Wie gefällt euch die Mahsse? Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Wie heißt! Wie heißt! Zweimal zur Gestellung ©in einzigdiger, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg! Kurz, was soll ich euch erzählen! — Wenn man zur Regierung gerufen wird, *) Ritualfragen. *) Zum Wohlsein. 4) Scheusal. Purim in Tel-Aviv Der große Purlm-Festzug „Adlolada" tt.r m Biblische Szene aus dem Purlm-Festzug Die AUenbystraße in Tel-Aviv am Purimfest darf man nicht ausbleiben, muß man fahren. Sind wir zur Regierung gefahren. Bin ich herumgelaufen hin und her. Vielleicht hilft das Verdienst der Väter, ein gutes Wort, das, jenes. Geh, schrei! Ich erzähle einem die Geschachte — ein einzigdiiger Sohn, ein emundei-nzigdigeT und nicht einmal gesund. — Der erhebt ein Gelächter. Und mein Sohn? — Man hat schon schönere begraben, sagt er, eine Revision ist eine Lotterie, die reine Lotterie! Wir haben aber doch einen großen Gott auf der Welt! Man hat meinen Itzig, das beißt Alterchen, bineingeftihrt zu der Regierungsrevision und hat wieder von vorn angefangon, ihn zu betrachten in der Länge und in der Breite, hat ihn wieder beklopft und beguckt, gedreht hin und her. Was? Steins geklagt! „Taugt nicht, der Hund?“ das heißt, taugen taugt er schon, nur zum Soldaten taugt er nicht. Einer hat widersprochen und gesagt: „Tauglich“. Hat der Doktor gesohrien: „Nicht tauglich“ ... Der sagt „tauglich“, der sagt „nicht tauglich“, tauglich, nicht tauglich, hin und her, bis der Gouverneur selbst sich von seinem Bänkchen erhoben hat, heTankoiwnt uni sagt* „Ganz und gar nicht tauglich“, das heißt, er taugt auf neunundneunzig Kapores ... Hab’ ich sofort weggeschickt eine Depesche nach Haus in verstellter Sprache. .Masel tow, die Ware ißt für vollkommen unbrauchbar erklärt.“ | Jetzt muß ich noch einmal zu der Zeit zurücakebren, wo ich — nicht gedacht soll heute werden — in Worotiliwka ansässig gewesen bin und mein Itzig. daß heißt Alterchen, noch ein ganz kleines Kind gewesen ist. Kommt da eine Geschichte, etwas - wie eine Revision in der Stadt. Von Stube zu Stube ist man hercungegamgen und hat aufgeschrieben von jedem, klein bis groß, wie er heißt und wie alt er ißt, wieviel Kinder er hat, ob Jungens oder Mädchen, und j wie man sie ruft. let man auch m meinem j Itzig gekommen fragen, wie man ihn ruft. Sagt meine Frau, sie soll gesund sein:! „Alteroheai.“ Jener ist zufrieden und geht | und schreibt auf: „Alterchen“. Genau ein Jahr nach der M ilitärgesteilung kommt eine neue Schickung: man sucht meinen Sohn Alterchen; er soll, Gott erbarme sich, zur Gestellung kommen in Wo rotiliwka. Hab’ ich denn geträumt jene Nacht und diese Nacht und das ganze Jahr hindurch! Kurz, was soll ich euch erzählen! — Man ruft Itzig, das heißt, Alterohen, noch einmal zur Gestellung. Meine Frau, sie soll gesund sein, legt die Welt ein, meine Schwiegertochter fällt in Ohnmacht. Ist so etwas je gehört worden, Eck der Welt zu Eck der Welt, daß ein einzigdiger Sohn, ein einundeinzigdiger, ein ganz echter, wahrhaftiger, koscherer, mit einem vollkommenen Militärbefreiungsprivileg, dreimal zur Gestellung muß! Nun sieh du zu, red’ Türkisch, red’ Tatarisch! Wa.s tut man da? Bin ich hingelaufen au unserer Gemeinde, hab-‘ Gewalt geschrien, daß zehn «lüden sollen beschwören und schriftlich geben, daß sie wissen, daß Itzig ist Awrohom Jitzchok, und Awrohom «Jitzchok ist Alterchen, und daß Alterchen und Itzig und Awrohom Jitzchok alle zusammen ein Mensch sind. Das Papier habe ich bekommen und hin damit nach Worotiliwka gegangen. Dort trifft mich ein Jüd Reb «Josse! und fragt mich: „Was tut Ihr hier?“ Will ich ihm doch nicht sagen — wozu auch; e.s ist schon besser, er weiß es nicht — sage ich ihm: „leb habe zu tun mit einem Edelmann.“ — „Wegen wae?“ fragt jener. — „Wegen Kleie“, sag’ ich. „Ich habe Kleie gehandelt und habe Handgeld gegeben. Nun habe ich keine Kleie und kein Handgeld; verfallen die Kuh mit dem Kalb!“ — Nun gehe ich in die Militärkommission. Wie ich hereinkomme, treffe ich einen Schreiber. Dem gebe ich das Papier. Der liest das Papier und wird ganz wild, der Schreiber nämlich, und schmeißt mir mit Gewalt das Papier ine Gesicht, behütet und bewahrt soll m.an werden! „Geht zu allen Teufeln mit euren Namen und euren jüdischen Faxen. Ihr wollt euch nur um die Gestellung drücken, verdammte Jtiden! Bei euch wird Jitzchok aus Awrohom, und Itzig aus Jitzchok, und Alterchen aus Itzig. Nein, solche Stückchen gehen bei uns nicht an, solche Schachermachci!“ — Nun überlege ich mir: Mit Schachermachei meint er vielleicht einen Rubel. Nehme ich einen Rubel heraus und will ihn ihm in die Hand drücken und sage leise zu ihm: „Entschuldigen Sie, Euer Hochwohlgeboren!“ Da erhebt er ein mächtiges Geschrei': „Bestechung!“ ... Sind gelaufen gekommen die Schreiber, und was soll ich euch sagen, man hat mich raugebracht. So ein Unglück! Muß ich gerade auf einen treffen, der nicht nimmt! ... Nu, zwischen Jüden ist man nicht verloren. Ich fand einen Jüd, durch den man nimmt. Geholfen hat es, wie einem Toten Schröpfköpfe helfen, und es ißt dabei geblieben, daß ich noch einen Sohn habe, der Alterchen heißt, und der soll sich stellen in Worotiliwka zum Militär. Ein gut Päckel! Ich muß stärker sein als Eisen, daß ich' das Jahr überlebt habe. Freilich, wenn man zurückdenkt: Was brauchte ich Schaute Furcht zu haben? Zehnmal zur Gestellung — ich weiß, er taugt doch nicht, der Hundl Das beißt, wieso taugt er nicht? Taugen taugt er schon, nur zum Soldaten taugt er nicht... Und da man ihn schon zweimal ausgemuster hat. Aber das überlegt man 6ich erst nachträglich. Damals, in einer fremden Stadt, ein Amt mit Leuten, die nicht nehmen — da soll man sagen! Wir haben aber doch noch einen großen Gott auf der Welt! Mein Alterchen, Itzig beißt das, hat wieder einmal eine hoho Nummer gezogen, hat sieh wieder gestellt. Gott hat ein Wunder getan, die Militär-? kommiesion in Worotiliwka hat wieder gesagt „nicht tauglich“ und hat ihm ein weißes Billett gegeben, ein Freischein. Hatten wir schon mit Gottes Hilfe zwei weiße Billette. Nach Hause gekommen. Freude und Wonne. Eine Mahlzeit hergerichtet. Dazugerufen fast die ganze Stadt. Gejubelt bis an den lichten Tag. Mit wem brauch’ ich jetzt zu reden! Wer ist mir gleich? — Ein Kaiser! Jetzt wollen wir zu meinem Eisik «zurüeikkehren, er liegt und ruht, der, dem anderen zu längeren Jahren, als Kind den Samowar über sich gestürzt hat. Nun werdet ihr ein Stückchen hören. Ein Prophet müßte man sein. Der schöne Row, der Kronsrabbiner von Worotiliwka, hatte vergessen, ihn in der Matrikel auszulöschen, den Verstorbenen nämlich; und mir wird als Schuld gerechnet, ich hätte noch einen Sohn Eisik, der sich dieses Jahr zum Militär stellen müßte. Eine Bombe war das. Was ißt das für ein Unglück auf mir? Eisik ist schon lange auf jener Welt, so spreche ich zu mir, und berede mich mit unserem Rabbiner, was man tun soll. — „Die Sache ist nicht gut“, sagt 6T. — „Wieso?“ sag’ ich. — „Sie ist nicht gut“, sagte er, ,,wei>l Itzig und Eisik derselbe Name ißt.“ — „Wieso?“ sage ich, „ist Itzig und Eisik derselbe Name?“ — Sagt er: „Itzig iet Jitzchok, Jitzchok ist Issak, Ißsak ist Isak und Isak ist Eisik.“ — Gut gedreht. Kurz, was soll ich euch sagen! — Man sucht meinen Eisik, man bringt mir die Order, er soll sich stellen zum Militär. In meiner Stube hat sich neues Gewein erhoben. Was sag’ ich, Gewein? Als wäre das Heiligtum zerstört! Emtens hat meine Frau, sie soll leben, sich des Verstorbenen erinnert, die alte Wunde hat sich wieder aufgetan. Besser, sagt sie, er lebte und müßte sich jetzt zum Militär stellen, als daß sein Gebein in der Erde liegt. Zweiten? hat sie Angst, vielleicht am Ende doch, Gott soll hüten, nicht werden soll e* und nicht kommen. ist ee so, wie der Rabbiner sagt, d,aß Itzig ist Jitzchok und Jitzchok ist Issak und