Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 8 (1934-1935)
- Issue
- Heft 435 (19.3.1935)
- Date
- 1935-03-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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.Nr. I.'i.'i I!». März OIE STIMME Seite 5 purim-Beilage Alfred Werner: Die Rolle Esther Und wieder singt der Kantor die MegiHe so ule vor Umsend, — wie nach tausend Jahren; dieselbe Angst der Andacht, selbe Stille, bis alle jauchzen bei der wunderbaren Errettung Israels durch Golf, — die FitUe des Leids, das unser Volk seit, je erfahren: ein Wernmfslropfen, rum bittre Pille, nicht nmhr — und Mordechaj und, Haman waren Werkzeuge nur für Ihn, des dunkler Wille uns auserkoren aus den Völkerscharen... OUm Hattet Purim-Gedanken Purim ist kein Jom-To w, sagt unser jüdischer Volksmund, und, behält wie immer recht. Purim ist wohl ein Freudentag, aber doch kein Festtag. Auch, die Freude, die. er auslöst, ist zu, laut und fast zu geräuschvoll, um verinnerlicht und vollkommen zu sein. Der lärmende Freudentaumel soll die, ächzende Stimme der inneren Unruhe niederschreien, die sich irgendwo im Grunde des Herzens regt. — Und was wird ■morgen sein? — Weiter die Knechte des!Achaschwerosch wie vorgestern und gestern. Weiter angewiesen auf die Gnadenresie der Prunktafel in Susa, und weiter im besten Falle nur vor dem Tore geduldet. Und wird sich denn Mordechaj in seiner offiziellen Stellung lange halten können? Wenig Hoffnung. Als sich der ■ König seinen letzten Rausch ausgeschlafen hatte, da merkte er mit Entsetzen, daß der Staatssäckel leer sei. Jetzt muß der Jude Mordechaj her lullten. Nicht umsonst sagt man seiner Rasse finanzielle Begabung nach. Mordechaj greift nun zu einer ebenso bewährten wie auch gefährlichen Methode. Er rät, das Steuerwesen, auszubauen. Werden sich da morgen Herren und Bürger gegen den „volksfremden“ Berater nicht zusammentun? Wird dann der König seinen jüdischen Finanzmann nicht fallen lassen? Blättern wir nun ein wenig weiter in der Geschichte... Ja, morgen. Über das „Morgen“ kann uns 'jedoch Purim keinen Aufschluß geben. Es will nur kurzlebig sein. Es will nur dem „Heute“ gelten. Wie lautet denn das alte Sprüchlein: „Heute ist Purim, morgen ist es aus...“ Daher recht lustig und recht, übermütig sein! Sogar ein kleiner Rausch ist heute ausnahmsweise gestattet. Nur nicht viel nachdenken. Denn beim tieferen Nachdenken wird uns die Freude über einen einzigen Sieg über Haman recht 'problematisch ersehe inen. Aber so ganz kurzlebig ist Purim 'wiederum nicht. Es kann sich ja öfters wiederholen. Es gab zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Anlässen mehrere Purimfeste, wenn auch keines so allgemeine und überdauernde Geltung erlangen konnte als das Esther-Purim. Aber gerade dus ist es, was Purim, zu einem 'wahren Feste nicht werden läßt. Unsere übrigen historischen Festtage haben an sich etwas Einmaliges und Ins ich-Abgeschlossenes. Sie gehen auf Ereignisse zurück, die in unsere Geschichte tief eingeschnitten hatten, auf Ausgangspunkte neuer Epochen, auf Geburtsstunden einer neuen Entwicklung. Purim dagegen bedeutet lediglich eine Galuth-Episode, eine von vielen. Seine Voraussetzung ist ein typisches Galuth-Erlebnis, das sich beliebig wiederholen mag, aber niemals eine neue Zeit inaugieren wird. Deshalb muß Purim das Ehrenmal eines jeden richtigen Festes versagt bleiben: das Hai lei. Und ohne Hallel keine Weihe und keine beschwingte geistige Freude. Sogar beim besten Willen will es oft auch der angeregten und heileren Purim-Stimmung nicht gelingen, vorschriftsmäßig gewisse Gnimlunter schiede zu verwischen. Wie anders wird dann später die stolze Freude in Jerusalem sein, nach der neuen Tempelweihe der Makkabäer. Jetzt in Susa glaubt man noch immer die wutverzerrte Fratze der Humanidcn zu sehen. 7m, haltlos, zu hilflos war früher der fahle Schrecken, zu ätzend das Bewußtsein, erst gestern vogelfrei. und, lendenlahm gewesen zu sein, als daß eine befreiende und wahrhaft ungetrübte Freude aufkommen könnte. Wird nun Purim nie in die Reihe unserer großen Feste auf rücken? Doch! Aber erst dann, wenn das unserem Purim zugrundeliegende Erlebnis seinen endgültigen Abschluß gefunden haben wird. Wenn die jüdische Zukunft unser Volk einmal von der Voraussetzung des Purim-Geschehens und seiner Wiederholung befreit. Dann werden wir ein Purim feiern, das weniger die Vorkommnisse im persischen Susa, verewigen, als vielmehr einen Wendepunkt im jüdischen Sein wird versinnbildlichen wollen. Den Anbruch einer neuen Acra ohne Haman und ohne einen zum Antichambrieren verurteilten Mordechaj. Vielleicht wird das neue Purim dann auch des Hallel würdig sein. Keine Knechte mehr des Achaschwerosch ... R. 1. Maid. Die Assentierung Von Scfjolem Aleic£>em Von wannen Job fahr? Ach, weh ist mir: Inen Militärbefreiungsprivileg... Was {ruckt Ich fahre von der Assentierung-. Das dort ihr mir an? Ihr glaubt nicht? Ihr mögt zuist mein Sohn, der junge Mann, der da aus-'hören, mögt Ihr! gezogen auf der Bank liegt. Mit ihm fahr ich von Jelmpetz. Bin beim Advokaten gewesen, mit ihm zu beraten, und auf dein Wege habe ich bei Professoren gehorcht, was sie etwa sagen möchten. Eine Assentierung hat mir Gott zugeschickt! Viermal habe ich dort gestanden und bin noch nicht fertig. Und gerade er ist ein einzigdiger Sohn, der einundeinzigdige, ganz echt, wahrhaftig, koscher, mit einem vollkomme-j Das Begegnis von der Geschichte ist nämlich die Malusse1): Ich selbst bin ein Meseretscher von Meseretseh. Geboren bin ich in Masepewka und zugeschrieben bin ich in Worotiliwka. Einmal bin ich nämlich — nicht gedacht soll es heute werden! — in Worotiliwka ansässig gewesen. Heute aber wohne ich in Meseretseh. Wer ich bin J) Ge sein eilte. und wie icli heiße, macht euch wohl nicht viel aus, meine ich. Doch meines Sohnes Namen muß ich euch sagen, denn das gehört zur Hauptsache, sehr sogar. Er heißt Itzig, das heißt Awrohoin Jitzchok, aber man ruft ihn Alterchen. Den Namen hat sie ihm gegeben, meine Frau, sie soll gesund sein, weil er ein Angstkiiwl ist, ein einzigdiger, ein einim.deinzigdiger. Das heißt, wir hatten außer ihm noch einen Jungen gehabt um ein Jahr oder anderthalb Jahr jünger als jener, ihm zu längeren Jahren. Eisik hat. er geheißen, Eisik. Ist ein Unglück gekommen. Man hat ihn, nämlich Eisik, einmal all eingelassen — ich bin damals, es soll nicht gedacht werden, noch ein Worotiliwkaer gewesen, das heißt, ich hatte mich in Worotiliwka ansässig gemacht — und da hat er, nämlich Eisik, sich niedergesetzt und ist unter den Samowar gekrochen und hat den siedigen Samowar — nicht für euch soll es gedacht werden — auf sich gegossen und sich zu Tode gebrüht — jenem zu längeren Jahren. Von der Zeit an ist er, Itzig nämlich, das heißt Awrohom Jitzschok, unser einzigdiger gewesen, und sie hat ihn verzogen, meine Frau, sie soll gesund sein, und hat ihm den Namen Alterchen gegeben. Werdet ihr fragen: Wie heißt? Ein einzigdiger, ein einundeinzigdiger, was hat der mit der Militärgestellung zu tun? — Hört nur, das ist doch eben mein ganzer Verdruß! Ihr glaubt vielleicht, er ist, Gott soll hüten, ein gesunder Jung, wie es einmal vorkommt bei Kindern, die im Überfluß aufgewachsen. Seid ihr auch im Irrtum! Nicht zwei Groschen möchtet ihr für ihn geben. Ein Versehnis ist er, ein kranker Jung. Das heißt, krank, Gott soll hüten, ist er auch eigentlich nicht; aber gesund ist er gewiß nicht. Schade, er schläft jetzt, ich will ihn nicht wecken. Wenn er aufsteht, werdet ihr sehen; ein Schatten von einem Menschen, Haut und Knochen, lang und schmal, ein Gesicht, wie die ams.ge.spiene Feige, die Rebi Zadok verschluckt hat, und eine Gestalt — Steins geklagt! —, dünn wie ein Lulew, im ganzen nach ihr geraten, nach meiner Frau, sie soll gesund sein, auch hochgeschossen und mager. Nun frage ich euch: brauche ich etwa an eine Militärgestellung zu denken, so lang und dünn wie er ist. Und tauglich ist er auch nicht, und ein Befreiungsprivileg hat er! Es ist zur Militärgestellung gekommen. Wie heißt „Befreiungsprivileg“? Was ist mit dem Befreiungsprivileg? Es fängt sich gar nichts an. Und was war die Ursache? Ganz einfach: mein anderes Jüngelchen, Eisik, der sich als Kind — nicht für euch soll es gedacht sein! — mit dem Samowar zu Tode gebrüht hat, war nicht in der Matrikel gestrichen worden; man hatte es vergessen! Man hatte es vergessen! Bin ich liingelaufen zum Kronsrabbiner, dem Schaute, und habe gesehrien: „Halunke, Spitzbube,.was habt Ihr getan? Warum habt Ihr meinen Eisik nicht gestrichen?“ Fragt mich der Narr: „Wer ist der Eisik gewesen?“ „Wie heißt?“ frag’ ich, „Ihr wißt nicht, wer Eisik ist? Mein Sohn Eisik, der den siedigen Samowar über sich gegossen hat?“ — „Was für Samowar?“ fragt jener. — „Guten Morgen?“ sag’ ich; „ein guter Kopf auf Euch! So ein Kopf ist gut, Nüsse darauf zu knacken! Wer kennt nicht die Geschichte von meinem Eisik, der sich mit Purimabend. Von Marek Scherlag Im festlich erleuchteten Hause ein Wogen Von Menschen in Masken und grellen Gewändern, Mit phrygischen Mützen und farbigen Bändern: Du wirst wie ein Blatt in den Wirbel gezogen. An speisebeladenen Tischen die Gäste Mit roten Gesichtern, vergnüglichen Mienen. Sind lange mir nicht so befriedigt erschienen, Wie jetzt bei dem lustvoü aufrauschenden Feste. Es dreht sich der Wirt wie ein Kreisel im Zimmer, Uml mahnt die Erschienenen gastlich zur Freude, Sie lärmen und lachen, es dröhnt das Gebäude, Und unstet und wirr wird der Lichter Geflimmer. Sie lachen und lärmen und doch ist im Grunde All dieser Gemüter ein Bangen, das lauert Auf ferne Gefahren und grundlos erschauert... Sie kranken an einer tief-heimlichen Wunde, Da öffnet sich fliegend die Türe gen Osten, Herein tritt ein Mann mit flatternden Haaren. Sie sind wie beim Donner zusammenyefahren Und starren verstummt auf den Mann an dem Pfosten. Wie bang seiner Augen versonnene Grüße! Die. Lippen, zwei Seiten, die schmerzhaft erzittern! Man drängt sich wie Schafe vor Sommer gewittern, Da 'wanken, enteilend, die blutenden Füße... Ein Jüngling, von Gottes Geist plötzlich erleuchtet, Erhob sich und riß seinen Flitter in Fetzen, Behend wie ein Wild, das sich losreißt aus Netzen, Die Augen von seltsamem Glanze gefeuchtet, Und rief: „Oh, mein Bruder, ich hob’ dich verstanden Und will deine Botschaft dem Volke verkünden, Auf daß es sich löse aus Sümpfen und Sünden, Aus Larven und Hüllen, aus Kelten und Banden. Vernehmet den Gruß aus dem Lande der Ahnen! Es trauert nach seinen verlorenen Söhnen. Es ist nicht die Zeit, sich mit Freuden zu krönen, Zu taumeln auf blumenumwundenen Bahnen, Es ist nicht die Zeit, sich vergnügt zu verstellen, Beginnet in Wahrheit zu leben, zu streben! Es kann Eure Heimat von goldenem Leben, Von Honig und Milch wie vor Zeiten noch schwellen.“ Und während er redete, sprangen und glitten Die Masken, es barst all der Tand und der Flitter, Es war, als fielen, rings Mauern und Gitter, 'Dahinter Gefangene lange gelitten.